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Schicksale im Haus an der Ecke #29: Mareks Umkehr

©2021 107 Seiten

Zusammenfassung


Franzi hat viel riskiert und verloren. Er hat den King glauben lassen, dass eine seiner Tüllen ein Kind von Marek bekommt. Zu groß war Mareks Wunsch nach einem Erben und so hat er das Mädchen tatsächlich geheiratet. Aber der Säugling ist ein Mischling und Marek kann nicht der Vater sein. Franzis Plan, Marek umzubringen und mit der jungen Mutter den King zu beerben, ist damit geplatzt. Voller Wut will Marek sich rächen, doch Franzi flieht nach München. Hier ist Zoltan der King.

Leseprobe

Table of Contents

Mareks Umkehr

Copyright

Die Hauptpersonen des Romans:

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Mareks Umkehr

Schicksale im Haus an der Ecke #29

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 107 Taschenbuchseiten.

 

Franzi hat viel riskiert und verloren. Er hat den King glauben lassen, dass eine seiner Tüllen ein Kind von Marek bekommt. Zu groß war Mareks Wunsch nach einem Erben und so hat er das Mädchen tatsächlich geheiratet. Aber der Säugling ist ein Mischling und Marek kann nicht der Vater sein. Franzis Plan, Marek umzubringen und mit der jungen Mutter den King zu beerben, ist damit geplatzt. Voller Wut will Marek sich rächen, doch Franzi flieht nach München. Hier ist Zoltan der King.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Die Hauptpersonen des Romans:

Franzi - Zuhälter aus München, muss eine Niederlage verkraften.

Johannes Böttcher - Stadtstreicher, findet eine lukrative Arbeit.

Marek - der „King" von Hamburg, ist verschwunden.

Dazu die Bewohner vom Haus an der Ecke.

 

 

1

Im ganzen Viertel war das Haus an der Ecke dafür berühmt, dass es in schwierigen Situationen nicht versagte. Jeder Bewohner half nach Kräften mit, diesen guten Ruf aufrechtzuerhalten. Deswegen waren ja auch die anderen im Viertel so wütend. Sie glaubten nicht daran, dass sich Menschlichkeit immer bezahlt macht. Die Dirnen auf den Straßen sahen nur den Glanz und den guten Ruf des Hauses und wollten davon auch profitieren. Sie ahnten nicht, dass es damit nicht getan war, Dass man einfach im Haus an der Ecke anschaffen ging. Außerdem begriffen sie nicht, dass die Bewohner des Eckhauses eine gewisse Verpflichtung hatten. Wenn sie nur einmal versagten, verloren sie ihren Ruf für alle Zeit. Darin war das Schicksal unbarmherzig. Gefallene Idole wurden nie mehr auf ihren Sockel gehoben.

Nun war zum ersten Mal der Fall eingetreten, dass selbst die Bordellmutter Deike Borg nicht mehr weiter wusste. Sie hatte schon vieles in ihrem Leben meistern müssen. Damals, als sie die große Startülle war, hatte sie den Luxus genossen, sie hatte aber auch gelernt, dass sie verschwiegen sein musste. Sie hatte nur für vornehmere Persönlichkeiten zur Verfügung gestanden und sich ihnen angepasst. Auch die Polizei lernte Deike damals schätzen, und heute noch arbeiteten sie vorzüglich zusammen. Deike selbst bediente nicht mehr, aber sie sorgte dafür, dass immer das richtige Mädchen zum richtigen Kunden kam.

Für Deike hatte es mal eine Zeit gegeben, da hatte sie gedacht, nur der Strick könne sie retten. Damals, nach ihrer Krebsoperation. Sie hatten sie verstümmelt, und Deike hatte angefangen ihren Körper zu hassen. Marek, ihr früherer Lude, hatte ihr aus Barmherzigkeit die Führung dieses Bordells anvertraut. Das Haus an der Ecke war total verkommen gewesen. Er sagte sich, es sei nur für den Übergang. Sie konnte seinen guten Willen sehen und würde später nichts dagegen haben, wenn wieder ein Mann an die Spitze des Bordells kam. Doch es wurde unter Deikes Regie das bestgeführte Bordell in der ganzen Stadt. Ja es genoss sogar in ganz Deutschland einen guten Ruf. Das Haus an der Ecke war sozusagen ein Pilotprojekt. So mancher große Stadtlude kam und sah sich das Haus an der Ecke an, begriff aber bald, dass der gute Ruf mit Deike und ihrer Köchin Ida zusammenhing. Deike ging ganz in ihrer Arbeit auf und hatte hier so etwas wie eine Insel für die Dirnen geschaffen. Sie arbeiteten gerne hier und betrogen ihre Kunden nicht. Sie hatten ein höheres Einkommen als alle Dirnen in der Stadt. Sie konnten auch jederzeit das Haus an der Ecke für immer verlassen, wenn sie den Wunsch danach verspürten. Ein paar hatten sogar schon einen Ehemann gefunden, und Deike und Ida hatten es sich nicht nehmen lassen, ihnen die Hochzeit auszurichten. Viele Luden sahen es als große Ehre an, wenn sie im Haus an der Ecke ein Mädchen unterbringen durften. Ihr Ansehen stieg dadurch sofort.

Marek war also mehr als zufrieden und war ehrlich genug, Deike alles zu überlassen. Der Königslude fing mit der Zeit an, das Haus an der Ecke wirklich zu lieben. Er war nun fast fünfzig und hatte langsam begriffen, dass Geld nicht alles war in diesem Leben. Die auftretenden Probleme lösten sie gemeinsam. So manchen Spaß erlebten sie aber auch zusammen. Ida betete Deike an und versuchte sie zu verwöhnen. Ida hatte nur eine Macke, man durfte ihr nie sagen, was für ein Schatz sie war. Wenn einer so lebensmüde war und ihr erzählte: »Du bist ein wirklich gutes Mädchen«, staunte er nicht schlecht, wenn er dafür mit einer Bratpfanne gestreichelt wurde.

Da war auch noch Fritzchen, der ewig hungrige Bobtail, und dann noch Walterchen. Der Junge lebte hier, weil seine Eltern sich nicht um ihn kümmerten.

Seit einiger Zeit wohnte Mareks betagte Mutter in einer Villa vor den Toren der Stadt. Zur Zeit lebte ein aidskrankes Mädchen bei ihr und Martha, die den Haushalt führte. Martha war eine ehemalige Hure, die sich wieder gefangen hatte.

Die achtzigjährige Lotte, Mareks Mutter, war jetzt ein wenig verstört. Es hatte sich etwas ereignet, womit niemand rechnen konnte. Das war auch der Grund dafür, dass Deike nicht mehr weiter wusste.

Zum ersten Male war es sehr still im Haus an der Ecke. Die Mädchen schlichen auf die Rampe, holten sich ihre Stammkunden, gingen mit ihnen nach oben und bedienten sie. Zum ersten Male waren sie nicht ganz bei der Sache.

Lotte war vor einigen Stunden erschienen und saß jetzt mit Deike und Ida in der Küche zusammen. Lorenz, Mareks Diener, war auch anwesend und machte ein richtiges Dackelgesicht. Er war fünfzig Jahre alt, hielt sich sehr steif und hoffte, dass man in ihm einen echten Butler sah. Lorenz war mal für Männer sehr anziehend gewesen. Doch seit einiger Zeit hatte sich das gelegt. Er hatte begriffen, dass gekaufte Liebe ihm nichts brachte. Also ließ er es bleiben. Deike hatte ihm dabei geholfen.

Unglücklich kraulte er Fritzchen hinter den Ohren.

»Soll ich noch Kaffee kochen?«, fragte er die Damen.

Lotte stöhnte.

»Warum musste sie das tun? Deike! Ich kann es noch immer nicht begreifen!«

Deike hatte auch zwiespältige Gefühle im Herzen. Da war Marek, den sie liebte, den sie aber nicht heiraten wollte, weil sie ihren Körper, so wie er jetzt war, noch immer nicht annehmen konnte. Dann war vor einigen Monaten Cäcil aus München gekommen mit der Mitteilung, sie sei von Marek schwanger. Marek wünschte sich einen Sohn und Erben, und den Tatsachen nach hätte es jetzt soweit sein können. Cäcil war die Freundin eines Großluden aus München, und dieser hatte sie nach Hamburg geschickt. Er wollte gleich nach der Geburt des Kindes Marek beseitigen lassen, um so an sein Vermögen zu kommen. Er hätte dann Mareks Frau und Kind zu sich nach München geholt. Cäcil war damit einverstanden. Sie wollte nur reich und angesehen sein. Marek liebte sie keineswegs. Gleich nach der Trauung hatte er sie bei seiner Mutter in der Villa untergebracht. Dort sollte sie so lange bleiben, bis das Kind geboren war. Marek wollte sich großzügig erweisen, wenn die junge Cäcil nicht mehr weiter ihre Mutterpflichten erfüllen und sich scheiden lassen wollte. Sie hätte also ganz gut leben können, auch wenn sie nicht mehr die Frau des Königsluden aus Hamburg war.

Marek, der Deike lieben gelernt hatte, sprach immer wieder mit ihr darüber, dass sie gemeinsam sein Kind großziehen würden. Darauf freuten sie sich schon ganz besonders. Auch Lotte, die Großmutter, war ganz aus dem Häuschen und tat alles, um der Kleinen das Leben so nett wie nur irgend möglich zu gestalten. In der alten Villa mit dem großen Park würde das Kind eine glückliche Kindheit genießen können. Sicher würde Marek, bis das Kind zur Schule kam, ein seriöser Geschäftsmann werden. Es würde also nie erfahren, was sein Vater mal war. Mit Geld konnte man alles erreichen.

Für alle Beteiligten sah es also sehr gut aus. Auch wenn Cäcil sich nicht scheiden ließ, würden sie es so machen. Sie war noch so jung und würde sicher froh sein, das Kind der Großmutter zu geben. Marek würde schon alles regeln.

Der Tag der Geburt kam heran.

Cäcil war froh, endlich ihre Bürde loszuwerden.

Sie wurde in die Klinik gebracht.

Franzi, ihr Zuhälter, kam aus München angereist. Er wollte nicht länger warten, er war so gierig, und Marek sollte gleich sterben.

Aber Cäcils Kind war ein Mischling.

Cäcil hatte auch schon ihren Franzi betrogen, aber das hatte sie vergessen. Die junge Dirne wusste, einer von den Zuhältern würde sie nun töten. Sie war so verstört und geschockt, dass sie das Kind nahm und aus dem Fenster des Krankenzimmers sprang. Beide waren auf der Stelle tot.

Marek hatte das Kind, das angeblich sein Kind war, gesehen und war kopflos davongelaufen. Seither hatte man nichts mehr von ihm gehört. Franzi war gerade angekommen, als Cäcil mit dem Kind zerschmettert auf den Steinen lag. Auch er machte sich sofort aus dem Staub.

Deike war zu spät gekommen.

Auch sie hatte erfahren, dass Cäcils Kind ein Mischling war. Sie wusste sofort, was nun passieren würde. Zuerst war sie auch fortgegangen, wie Lotte und Ida. Jeder musste sich erst einmal mit den neuen Tatsachen vertraut machen. In Deike war nie ein Funke Schadenfreude gewesen. Dazu war sie einfach zu bestürzt. Als sie sich wieder gefangen hatte, fuhr sie zur Klinik zurück, weil sie begriff, dass Cäcil jetzt einen Menschen brauchte, der sich ihrer annahm. Schon um des Kindes willen wollte sie ihr die Hand reichen. Das Kind war nicht gefragt worden, es war ungefragt in diese Tragödie reingeraten.

Deike, die selbst sehr reich war, liebte Kinder über alles. Sie hatte sich deshalb vorgenommen, für dieses Kind zu sorgen. Wenn es sein musste, wollte sie es sogar annehmen. Sie braucht so etwas Kleines und Hilfloses. Darüber konnte sie sich selbst, dann letztendlich auch besser wiederfinden.

Deike musste sich heftige Vorwürfe machen, als sie nun beide tot vor sich sah.

Ida und Lotte blickten Deike traurig an.

»Hast du noch immer nichts von Marek gehört? Du bist doch seine Vertraute! Das weiß ich doch«, sagte seine Mutter leise. Ich kann so nicht mehr leben. »Marek braucht bestimmt unsere Hilfe!»

»Das ist jetzt im Augenblick nicht so wichtig! Viel wichtiger ist, was mit Cäcil und dem Kind geschieht. Die Klinik hat mich angerufen.«

»Das ist nicht mein Enkel«, sagte Lotte düster. »Was kümmert mich die Frau? Sie hat uns alle betrogen. Womöglich hat sie auch noch Marek, meinen Jungen, auf dem Gewissen.«

»Ich glaube nicht, dass sie es gewusst hat«, sagte Deike und blickte die alte Dame ernst an. »Cäcil kannte das Leben im Dirnenmilieu und war nicht wahnsinnig. Nein, sie hat es nicht gewusst. Darum hat sie ja auch den Tod gewählt, weil sie so schreckliche Angst vor uns hatte. Das verzeihe ich mir nie, Lotte! Ich hätte bei ihr bleiben müssen. In der Stunde, als sie einen Menschen brauchte, habe ich versagt. Ich hätte ihr sofort meine Hilfe anbieten müssen, dann würde zumindest das Kind noch leben. Ich kann mir nicht denken, dass es für sie sehr einfach war, es mit in den Tod zu nehmen. Cäcil musste ja annehmen, dass wir alle das Kind hassen. Darum hat sie es mit in den Tod genommen, aus Barmherzigkeit. Doch jetzt müssen wir uns darum kümmern, dass die beiden würdig zu Grabe getragen werden.«

»Wir?« Lotte riss die Augen auf.

»Ja, wir! Marek ist ja verschwunden!«

»Um Himmels willen, Deike, hast du ein Herz aus Stein? Kannst du meinen Jungen denn nicht verstehen?«

»Vor dem Gesetz ist sie seine Frau!«

»Das ist nicht wichtig! Jeder Richter wird Marek recht geben!»

Sonst war Lotte nicht so hart, auch Ida nicht. Ida stand jetzt auf Lottes Seite. Alle Dirnen im Haus standen auf der Seite des Luden. Aber Marek war nicht da. Deike dachte, ich kann es nicht zulassen.

»Willst du vielleicht einen Prozess anstreben, Lotte?«

»Ja, wenn es sein muss!«

Für die achtzigjährige Lotte war eine Welt zusammengebrochen. Zum ersten Mal im Leben fühlte sie sich alt und erschöpft.

Deike warf Ida einen Blick zu.

Ida wich ihr aus.

Deike erhob sich. Lorenz kam ihr nach.

»Ich fahre heim. Ich bin müde!«

In der Halle stieß sie auf Hanna. Sie war die Sprecherin der Mädchen.

»Habt ihr etwas von Marek gehört?«, fragte Hanna.

»Nein!«

Hannas Lippen zuckten.

»Deike, wenn er nicht mehr auftaucht, heißt das, dass dann das Eckhaus aufhört zu existieren?«

Alle denken nur an sich im Augenblick, dachte Deike. Warum begreifen Sie mich nicht? Wieso haben sie alles verdrängt? Oder ist es nur der Schock?

»Ich weiß es nicht! Warten wir ab!«

»Kannst du dir denn wirklich nicht denken, wo er sein könnte, Deike? «

Gleich schreie ich laut, dachte die Bordellmutter. Nach außen blieb sie aber ganz gelassen und ruhig.

»Ich gebe dir selbstverständlich sofort Bescheid, wenn ich etwas erfahre!«

»Danke«, sagte Hanna leise.

Lorenz fuhr Deike mit Mareks Wagen heim.

»Darf ich dir meine Hilfe anbieten? Sicher wirst du jetzt eine Menge Laufereien haben!«

Deike drückte ihm die Hand.

»Du bist wirklich lieb, Lorenz. Ich nehme deine Hilfe gerne an. Ich weiß nur nicht, wo ich anfangen soll.«

»Was willst du tun?«

»Ich werde die Kosten der Beerdigung tragen! Das muss ich einfach tun. Ich werde Lotte nicht damit belasten. Sie begreift es nicht. Marek ist verschwunden, also werde ich es tun.«

»Warum gehst du nicht zu Wegener?«, fragte Lorenz.

Deike blickte Mareks Diener an. »Du hast wirklich die richtigen Ideen. Ja, der Kommissar! Wenn mir einer helfen kann, vor allen Dingen bei den Behörden, dann ist es der Kommissar.«

Lorenz war richtig glücklich über dieses Lob.

»Ich bin so froh, dass ich dir auch mal helfen kann. So kann ich einiges von meiner Schuld abtragen.«

»Ach geh! Niemand hat Schulden bei mir! Du schon gar nicht! Komm, dort ist ein Parkplatz. Beten wir, dass der Kommissar im Präsidium ist.«

Die Beamten kannten die Bordellmutter bereits. Einige wandten den Kopf zur Seite, ein paar guckten lüstern, und wieder andere waren sehr nett zu ihr. Lorenz hätte ihnen am liebsten den Kopf zurechtgerückt. Deike begrüßte den Kommissar.

Ergeben blieb Lorenz an ihrer Seite.

Der Kommissar führte sie in sein Zimmer. Er wusste von der Heirat, aber noch nichts von der weiteren Tragödie. Es war weder ein Mord, noch hatte es etwas mit der Sitte zu tun, also hatte er keine Nachricht erhalten.

Deike berichtete ihm von der schrecklichen Tragödie und auch, dass Marek kopflos davongerannt war.

»Du willst also, dass ich ihn suchen lasse?«, fragte Wegener.

Deike blickte auf.

»Nein! Deswegen bin ich nicht hier. Das können wir auf später verschieben. Er ist erwachsen und kann selbst auf sich aufpassen.«

»Was soll ich also tun?«

»Mir helfen, dass Cäcil und das Kind anständig beerdigt werden. Ich habe ja keine Vollmacht. Ich möchte, dass alles geregelt wird. Ich werde für alles aufkommen.«

Kommissar Wegener blickte Deike lange an. Fast liebevoll ruhte sein Blick auf ihr. Er mochte Deike sehr. Er wusste auch von ihrer Krankheit. Sie war für ihn das beste Mädchen in diesem Viertel. Er betete sie auf seine Weise an. Als Beamter war es ihm natürlich verboten, sich mit einer Dirne einzulassen. Außerdem wusste er, er konnte bei ihr nie landen. Sie bediente ja schon lange keine Kunden mehr. Als sie noch nicht erkrankt war, stand sie so hoch über ihm, dass sie den kleinen Kommissar nie wahrgenommen hatte.

Nun stieg Deike noch mehr in seinem Ansehen.

»Dich zur Freundin zu haben, bedeutet eine Lebensversicherung, die gilt!«

»Wirst du es veranlassen können?«, fragte Deike.

»Natürlich! Meine Behörde ist immer bemüht, alles, was mit den Zuhältern zusammenhängt, diskret über die Bühne zu bringen. Wenn die Presse davon erfährt, würde es viel Wirbel geben. Dann müssten wir möglicherweise viele Beamte abstellen, um den Friedhof zu sichern.

Du kannst dich auf mich verlassen. Ich werde dir in ein paar Stunden alle nötigen Papiere bringen.«

»Danke!«

Lorenz lächelte zufrieden.

Dann gingen sie zu einem Bestattungsinstitut und erklärten dem Bediensteten, Geld würde keine Rolle spielen, doch wenn etwas an die Öffentlichkeit käme, müsse er mit Schwierigkeiten rechnen.

Es gab in der Tat sehr viel zu regeln, und Deike war froh, Lorenz bei sich zu haben. Als sie dann nach Stunden in ihrer Wohnung anlangten, hatte Imka ein vorzügliches Essen zubereitet. Lorenz zierte sich zuerst, als Deike ihn bat, mit an dem Tisch Platz zu nehmen. Du siehst doch, dass Imka auch mit mir speist!«

Imka war eine junge Holländerin. Vor Jahren hatte man sie gegen ihren Willen in das Haus an der Ecke verschleppt. Deike hatte sie gerettet, und aus Dankbarkeit, und weil sie Deike liebte, war sie als ihre Haushälterin bei ihr geblieben. Sie war so etwas wie eine echte Freundin für Deike geworden.

Wenig später tauchte dann tatsächlich der Kommissar mit den Papieren auf. Er wurde auch zum Essen eingeladen, und so waren sie eine nette kleine Runde.

Imka und Lorenz versprachen Deike, den Rest zu erledigen. Deike sah sehr erschöpft aus.

»So kann aber morgen alles über die Bühne gehen«, sagte Wegener. »Ich werde mitkommen. Sollte etwas schieflaufen, dann kann ich gleich eingreifen.«

Deike legte sich schlafen.

Ich muss Ida anrufen, dachte sie noch, doch dann waren ihr auch schon die Augen zugefallen.

 

 

2

Der Königslude erwachte und sah sich um. Er hatte Mühe, die wirkliche Umgebung von seinem Alptraum zu trennen. Er hatte furchtbare Träume durchlitten. Seine Hände griffen nach seinem Kopf. Alles schien sich zu drehen, und schmerzen tat es auch. Marek stand auf und betrachtete sich in dem blinden Spiegel über einem schmuddeligen Waschtisch. Nein, er war das nicht! Oder doch? Unrasiert, grau und eingefallen wirkte das markante Gesicht. Vor vielen Jahren hatte er mal so ausgesehen, damals, am Anfang seiner Laufbahn, wo alles für ihn schieflief, wo er ganz unten in der Gosse gelegen hatte als kleiner Lude. Sein eiserner Wille und sein heller Kopf hatten ihn später an die Spitze gebracht.

»Großer Gott«, murmelte er verzweifelt. »Wenn meine Freunde mich so sehen würden, hätte ich für alle Zeit meinen guten Ruf verloren!«

Hier gab es keinen Lorenz, der auf seine Kleidung achtete. Hier gab es kein elegantes Bad. Hier gab es nur Schmuddeligkeit und schlechte Gerüche. Er blickte aus dem Fenster. Die Gegend war ihm unbekannt.

War er überhaupt noch in Hamburg?

Marek zog sich an und ging nach unten. Hier konnte er nicht mehr bleiben. Er ekelte sich vor dem vielen Schmutz. Er musste hier raus! Hierher war er in seinem ersten wilden Schmerz geflüchtet.

»Kann ich was für dich tun?«

Ein Stricher starrte ihn fragend an.

»Wo sind wir?«, fragte Marek.

»Wie meinst du das?«

»In welcher Stadt?«, wollte Marek wissen.

»Mensch, Kumpel, du musst ja ganz schön abgetankt sein, dass du das schon nicht mehr weißt!« Der Fremde grinste ihn an. »Haste vielleicht ein paar Märker für mich?«

Marek holte einen blauen Schein hervor. Die Augen des Mannes glitzerten gierig. Marek, der Königslude, hatte noch nie einem Gauner Geld geschenkt. Das ging gegen seine Ehre. Er musste sich das Geld verdienen. Dann war er großzügig. Jetzt hielt er den blauen Schein in der Hand und zögerte. Der Kerl vor ihm wirkte plötzlich noch zerlumpter und ärmer.

»Hör zu, du kannst etwas für mich tun!«, sagte Marek.

Der Mann nickte eifrig.

»Soll ich dich verstecken? Sind die Bullen hinter dir her?«

»Wo sind wir?«, fragte Marek erneut.

»In Hannover!«, erklärte der abgerissene Kerl.

Marek wollte gar nicht wissen, wie er hierher gekommen war. Wenn er seinen Wagen irgendwo hatte stehen lassen, würde man ihn schon finden und daheim abliefern. Daheim! Sein Herz krampfte sich zusammen. Wieder fühlte er die Schwäche in seinen Beinen. Dass man ihn so genarrt hatte! An der empfindlichsten Stelle seines Herzens war er verletzt worden. Sein Sohn!

Marek ballte die Hände zu Fäusten.

Da war wieder diese Stimme in seinem Herzen. Vor vielen Jahren hatte ihm ein weiser Mann gesagt: »Wenn du nicht weicher wirst, wird man dich mal sehr verletzen. Du wirst vielleicht so tief fallen, dass du nie mehr hochkommst! Nimm dich davor in acht! Du willst vieles und glaubst, alles mit Geld kaufen zu können. Dem ist aber nicht so. Das Wichtigste im Leben kann man nicht mit Geld kaufen! Das ist auch gut so!«

Damals hatte Marek den Alten verhöhnt und ausgelacht Er war so sicher gewesen, sich mit seinem Geld alles kaufen zu können. War es das? Liebe? Ein Kind?

Er durfte einfach nicht zurückdenken! Dann würde er womöglich wieder Amok laufen.

Der Kerl wollte den Schein aus Mareks Fingern ziehen.

Marek starrte ihn an. Auch wenn er jetzt schmutzig und verkommen wirkte, so strahlte noch immer etwas Eisernes von ihm aus. Der Alte zuckte demütig zusammen.

»Sag, was ich tun soll, und ich mach es, ehrlich!«

»Bring mich in die Stadt! Oder zuerst einmal in eine gute Pension. Klar? Wenn ich gut sage, dann meine ich auch gut, in Ordnung?«

»Kumpel, das wird Ärger geben! Die wollen Geld sehen, sonst nehmen sie so einen wie uns gar nicht auf.«

»Lass das meine Sorge sein!«

Sie zogen los und fanden eine anständige Pension. Die Wirtin machte erst ein abweisendes Gesicht und wollte ihnen gerade erzählen, dass sie kein Zimmer frei habe.

»Ich zahle den doppelten Preis«, sagte Marek ruhig.

Sie blickte ihn von oben bis unten an.

»Können Sie das auch?«

Marek holte die Diners Club Karte hervor.

»Genügt das?«, fragte er.

»Darf ich mal sehen?»

»Sicher!«

Da lächelte die Wirtin plötzlich freundlich.

»Du kannst warten«, sagte Marek dem Fremden und gab ihm einen Fünfziger.

»He, ich sollte einen Blauen bekommen!«, widersprach dieser.

»Kriegst du! Du wirst noch bei mir bleiben! Warte! Du wirst nämlich noch Botengänge für mich machen, verstanden?«

»Wie? Ehrlich?«, fragte der Mann blöde.

Marek nahm einen Zettel und schrieb seine Konfektionsgrößen auf. »Unterwäsche, Hemden, Strümpfe. Das alles wirst du mir besorgen. Du bist in einer Stunde wieder hier. Da ist Geld, Es wird wohl reichen.«

Der Mann hielt jetzt mehrere Blaue in der Hand und starrte sie an.

Marek blickte ihn ganz gelassen an. »Wenn du denkst, du kannst damit fortlaufen, muss ich dich leider enttäuschen. Dann wirst du deines Lebens nicht mehr froh. Ich werde dich finden! Überall! Ich habe viele Freunde, verstehst du?«

»Wer bist du?«, fragte der Landstreicher.

»Sagen wir mal, ein hohes Tier aus Hamburg!«

Der Mann bekam es mit der Angst. Sein Leben war ziemlich aus der Bahn gelaufen. Er hatte auch mal bessere Zeiten gekannt. Rechtsanwalt war er einst. Er war leichtsinnig gewesen und hatte mit falschen Freunden gespielt. Dabei hatte er viel verloren. So war es dann gekommen, dass er Gelder veruntreute, die ihm anvertraut worden waren. Er hatte die Hoffnung, bald wieder etwas zu verdienen, dann hätte er alles zurückgezahlt, und niemand hätte etwas bemerkt. Leider war es nicht so gelaufen. Wenn man als Rechtsanwalt mal hinter Gittern saß, dann ist es schier unmöglich, in seinem Beruf wieder arbeiten zu können. Vor gut zehn Jahren war ihm das passiert. Marek blickte ihn ruhig an.

»Haben wir uns verstanden?«

Der Mann erkannte sogleich die Autorität an und beugte sich.

»Ich habe verstanden!«

»In einer Stunde will ich die Sachen haben!«

Der Mann trollte sich. Die Besitzerin der Pension sagte: »Den sehen Sie nicht mehr wieder.«

Wieso war sich Marek so sicher? Wieso fand er immer die richtigen Leute?

»Ich gehe jetzt baden. Wenn er da ist, schicken Sie ihn herauf!«

Marek schickte sie nach unten, nachdem sie ihm das Zimmer angewiesen hatte. Die Wirtin biss sich auf die Lippen. Wie kann sich ein Mann in seiner Lage so aufführen, dachte sie wütend. Er sieht wie ein Verbrecher aus. Er kann sich freuen, wenn ich nicht gleich die Polizei verständige. Ja, wirklich, ich sollte es mir überlegen. Doch sie war geldgierig und wusste, wenn sie das tat, würde sie gar nichts bekommen. Man würde den Mann mitnehmen, und sie hatte dann nur ein schmutziges Zimmer und sonst nichts. Ein Mann mit einer Scheckkarte, die überall Gültigkeit hatte, lief so abgerissen herum. Reiche Leute haben wirklich ihre Macken, dachte sie bei sich.

Der Landstreicher spürt das Geld in seiner Hosentasche. Er ging sogleich ganz anders. Er wurde langsam wieder ein Mensch und war nun kein verkommenes Subjekt mehr. Instinktiv suchte er den besten Herrenausstatter aus. Er ging zielstrebig in das Geschäft. Vor zehn Jahren hatte er nur solche Läden besucht. Es war direkt ein Genuss für ihn, sich hier aufhalten zu dürfen. Natürlich wollte das Personal ihn zuerst rausschmeißen, ihn mit ein paar Markstücken abspeisen. Er schüttelte den Kopf.

»Zeigen Sie mir Ihre besten Sachen!«, befahl er.

Seine Augen zwangen das Geschöpf hinter der Ladentheke, ihm zu gehorchen. Wenig später bezahlte er die Rechnung. Sie belief sich auf vierhundert Mark für ein paar Stücke Unterwäsche und Socken sowie für ein Hemd. Lässig nahm er das Paket an sich.

Er kam in die Pension zurück.

Die Wirtin ärgerte sich, als sie ihn sah. Sie hätte dem arroganten Mann da oben den Reinfall gewünscht.

»Zimmer 12«, sagte sie nur.

Marek saß in einem Badetuch gehüllt da und lächelte.

»Wie heißt du?«, fragte er den Alten.

»Johannes Böttcher«, sagte dieser.

»Was hast du früher gemacht?«

Der Mann zuckte zusammen. »Äh, wie soll ich das verstehen?«

Marek zog sich an. Jetzt fühlte er sich schon besser. Zwar hatte er noch immer nur seinen schäbigen Anzug. Doch den würde er auch bald wechseln. Der Fremde dachte, vielleicht schenkt er ihn mir. Wir haben ja die gleiche Größe.

»Los, rede! Ich höre!«, befahl Marek.

Wieso war er so versessen darauf, sich mit Johannes Böttcher zu unterhalten? Was hatte das für einen Sinn? Oder hatte Marek nur einfach Angst, allein zu sein? Würde er dann wieder zurückfallen, alles im Alkohol ertränken? Seine Nöte, seine Verzweiflung?

 

 

3

Sein blutendes Herz versuchen abzutöten? War es das? War es das wirklich? Wahrscheinlich! Wenn man sich selbst ganz dreckig und gemein fühlt, und dann einen vor sich sieht, dem es noch um ein paar Grade schlechter geht, dann fühlt man sich gleich viel wohler, und man findet wieder seinen Weg.

Marek war auch nur ein Mensch. Die Einsamkeit war schlimm. In seiner jetzigen Verfassung konnte er nicht zurück. Seine Freunde würde es ihm zeigen. Sie alle würden mächtig schadenfroh sein. Weil er so wild darauf bedacht gewesen war, Vater zu werden, war er über Leichen gegangen. Deike, Lorenz, seine Mutter! Was hatte er für einen Scherbenhaufen hinterlassen! Sie mussten doch alle schadenfroh sein.

»Johannes, sag es endlich!«, bohrte Marek weiter.

»Gib mir lieber meinen Lohn, und dann verschwinde ich!«

Die Sprache des Alten war gewählt. Nichts Gemeines lag in seinen Augen. Sie waren nur tot, zerbrochen vom Leben. Strandgut war er. Davon gab es mehr als genug in Hamburg. Man ging an diesen Menschen achtlos vorüber. Wie früher an Ida und Martha, und was waren das doch für wertvolle Menschen geworden! Auf die konnte man sich wirklich verlassen. Der Mann hatte alles getan, was Marek befohlen hatte, die Versuchung musste sehr groß für ihn gewesen sein. Und doch war da noch ein Funken Anständigkeit in seinem Leib. Wie beim Doc, dachte der Königslude unwillkürlich.

»Dein Beruf, Kumpel? Willst du, dass ich mich anderswo erkundige? Du brauchst keine Angst zu haben. Ich bin Lude!«

Johannes blickte Marek ruhig an.

»Das soll ich dir glauben? Du und ein Zuhälter? Die Sorte kenne ich nun wirklich wie meine Westentasche. Die sind gemein, hinterhältig und verschlagen. Sie fechten nie einen offenen Kampf aus. Sie sind feige. Das bist du aber nicht.«

Marek fühlte sich beschämt. Das war wie Balsam auf seine wunde Seele.

»Ich bin wirklich Lude. Oder sagen wir mal, ich bin etwas mehr. Ich habe es nicht mehr nötig, beim Fußvolk zu sein.«

Johannes sah ihn ruhig an.

»Dann musst du sehr hoch stehen! Du bist schon fast wieder normal!«

»Du nicht?«

»Nun, sagen wir mal, ich will nicht mehr normal sein! Ich habe alles verloren, Beruf, Frau, Freunde. Ich bin sozusagen eine lebende Leiche.«

»Du hast also Mist gemacht und Pech gehabt!«

Johannes Böttcher war verdutzt.

»Woher weißt du das?«

Marek sinnierte weiter: »Du warst vielleicht Arzt oder Rechtsanwalt?«

Johannes zuckte zusammen.

»Wieso Rechtsanwalt?«, fragte er betroffen.

»Du warst also einer?«, fragte Marek weiter.

»Wieso bist du so sicher?«

»Nur diese beiden Berufe können so tief fallen und sich nicht mehr erheben!«

»Ja, es stimmt!«

»Ich will deine Geschichte nicht hören, da ich sie mir denken kann. Wie steht es jetzt mit dir? Nur das zählt.«

Johannes blickte Marek erstaunt an. »Ich verstehe dich nicht! Was soll das?«

Marek hatte gerissene Anwälte. Sie besaßen ein Büro und waren nach außen hin angesehen. Er wusste, dass sie schon lange keine weiße Weste mehr hatten. Er dachte an den Doc. Johannes würde ihm treu dienen. So einen Mann konnte man sich heranziehen, wie all die anderen. Er brauchte ihn. Er hatte noch nie so dringend einen Menschen gebraucht, wie in diesem Augenblick. Er wollte ihn kaufen, ihn mitnehmen. Sein Schatten sollte er sein. Er musste einen Menschen haben, jetzt gleich, oder er würde es nicht schaffen. Das kleine Gesicht des Kindes blickte ihn immer wieder an. Er konnte die Augen schließen oder nicht, es sah ihn an, immerzu.

Marek ballte die Hände in der Hosentasche zu Fäusten.

»Hast du einen gültigen Ausweis?«

Johannes nickte. Er verstand noch immer nicht. Er hatte wie immer unter der Leinebrücke geschlafen, war wach geworden und auf der Suche nach Geld gewesen. Marek war taumelnd aus dem Haus gekommen, und er hatte ihn angesprochen. So war es gewesen. Seitdem waren erst zwei Stunden vergangen, und er hatte das Gefühl, dass sie sich schon ewig kannten.

»Warum?«

»Ich möchte dich einstellen!«, sagte Marek.

Johannes lachte rau auf. »Stopp, Kumpel! So schnell schießen die Preußen nicht. Mich kann man nicht kaufen, aber mieten! Mein Preis ist verdammt hoch! So tief bin ich noch nicht gesunken, dass ich meine Seele dem Satan verkaufe. So krumm bin ich auch noch nicht, klar?«

»Das will ich auch hoffen«, sagte Marek scharf. »Ich erwarte keine krummen Geschäfte von dir. Du kannst als mein Rechtsberater und Sekretär fungieren! Was hältst du davon? Einzige Bedingung, du fängst sofort an. Wenn das nicht geht, dann hau ab!«

»He, ich habe gesessen«, stieß Johannes hervor.

»Deswegen bist du noch nicht dümmer geworden, oder? Deswegen kannst du doch noch deinen Beruf, nicht wahr?«

Johannes nickte.

»Schön! Beklauen kannst du mich schon gar nicht. Dazu wirst du nie Gelegenheit haben. Was hältst du von zehn Mille?«

Johannes starrte Marek an.

»Zehntausend was?«

»Zehntausend Mark als Gehalt! Monatlich!«

Johannes schluckte.

»Du machst dir doch keinen billigen Spaß mit mir? Das wäre gemein! Wirklich, sehr gemein.«

»Davon bin ich weit entfernt. Du sollst mich begleiten, und schweigen, und da sein, wenn ich dich brauche. Mehr verlange ich nicht von dir!«

»Soll ich dir bei krummen Sachen helfen? In Rechtsangelegenheiten und so?«

»Du wirst es nicht glauben! Nein! Bei mir läuft alles ganz normal. Ich habe sogar aufgehört, das Finanzamt zu betrügen. Als Großlude muss man sauber sein, sonst fällt man auf.«

Johannes zögerte noch immer. Dann sagte er leise: »Wenn du Marek bist, komme ich mit!«

Der King blickte ihn überrascht an.

»Von dem habe ich so viel gehört, dass ich den Menschen nur noch bewundern kann. Bist du es?«

Marek nickte.

Johannes straffte seine Schultern. Er streckte Marek die Hand entgegen.

»Du kannst über mich verfügen!«

»Schön! Dann gehen wir jetzt erst einmal einkaufen! Ich werde dir den Lohn für diesen Monat vorstrecken. Dann kannst du dich gleich mit einkleiden. Danach fahren wir zum Flughafen!«

Johannes hatte Tränen in den Augen.

»Du holst mich aus der Gosse heraus! Meine Gebete sind also doch erhört worden.«

»Mit dem da oben habe ich nichts am Hut«, sagte Marek scharf. »Ich will dich für mich!«

»Ich habe ihn gebeten, mir zu helfen, mir eine winzige Chance zu geben. Seit einer Woche bitte ich darum. Ich konnte dieses Leben nicht mehr ertragen. Ich bat um eine Chance, oder er solle mich abrufen, das war meine Bitte!«

Marek fühlte sich unangenehm berührt. Als Werkzeug Gottes hatte er sich noch nie betrachtet. Das war ihm unheimlich. War der Alte vielleicht verrückt? Er hatte doch nicht zu voreilig gehandelt?

Marek bezahlte die Pensionsrechnung, und beide verließen das Haus. Wie erstaunt war das Herrenmodengeschäft, den zerlumpten Kerl in Begleitung eines Freundes wiederzusehen. Marek wies Johannes an, sich ganz neu einzukleiden. Marek suchte für sich jetzt alles aus, was er noch brauchte. Der Lehrling des Hotels musste zwei Koffer, die teuersten die es gab, besorgen, und Wasch und Rasierzeug für beide. Nach gut drei Stunden waren sie nicht mehr wiederzuerkennen. Der Friseur vollbrachte bei Johannes ein Wunder. Der Mann sah jetzt wirklich elegant und sehr fesch aus.

»Bist du mal ein Herzensbrecher gewesen?«, fragte Marek.

Johannes wirkte jetzt nicht mehr uralt, sondern sah aus wie fünfzig, wie es auch im Pass vermerkt war.

»Man tut, was man kann«, sagte er lächelnd.

Sie fuhren mit einer Taxe zum Flughafen. Marek besorgte zwei Tickets nach München.

»Geschäfte?«, fragte Johannes.

Marek sah ihn an. Das war also jetzt sein Sekretär. Warum war er nicht früher auf diese Idee gekommen? Was würden Deike und Mutter dazu sagen? Er verscheuchte diese Gedanken ganz schnell. Für Sekunden dachte er daran, bei ihnen anzurufen. Nein, er musste erst etwas erledigen. Er brauchte seine Rache.

Sein Blut war heiß und schwer. Er wollte sich unbedingt persönlich rächen. Ohne Mittelsmänner. Dies war seine Angelegenheit!

»Fragen ist nicht gesund!«, sagte er zu Johannes.

Details

Seiten
107
Jahr
2021
ISBN (eBook)
9783738953190
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (April)
Schlagworte
schicksale haus ecke mareks umkehr
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Titel: Schicksale im Haus an der Ecke #29: Mareks Umkehr