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Ein Roberto Tardelli Thriller #70: Drei Morde für Tardelli

2021 102 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Drei Morde für Tardelli

Copyright

Die Hauptpersonen des Romans:

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Drei Morde für Tardelli

Ein Roberto Tardelli Thriller #70

von Cedric Balmore

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 102 Taschenbuchseiten.

 

Drei Morde, doch wer steckt dahinter? Roberto Tardelli, der Agent von COUNTER CRIME, hat den Auftrag, das herauszufinden. Er ahnt, dass die Ehrenwerte Gesellschaft dahintersteckt. Doch welchen Grund hat sie, diese Männer zu ermorden?

Als Tardelli bei seinen Ermittlungen auf zwei Killer der Cosa Nostra trifft, erschießt er einen von ihnen in Notwehr. Todakatsu Mifune, der Bruder des Getöteten, schwört daraufhin, dass Roberto nicht mehr lange zu leben hat …

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover Steve Mayer

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Die Hauptpersonen des Romans:

Todakatsu Mifune - Der Superkiller versucht mit allen Mitteln, seinen toten Bruder zu rächen

und Roberto Tardelli zur Strecke zu bringen.

Cyril F. Rashley - Der Filmproduzent fasst ein heißes Eisen an und verbrennt sich die Finger,

doch das hindert ihn nicht daran, sein Ziel unbeirrt weiterzuverfolgen.

Judd Duffell - Er schreibt das brisanteste Drehbuch der Filmgeschichte.

Lorna Jones - eine Schauspielerin, die sehr viel für Roberto Tardelli übrig hat und beinahe unter

die Räder kommt

Roberto Tardelli - der Mann, der seinen Kampf gegen die Mafia unbeirrt fortsetzt und niemals

aufgibt.

 

 

1

Marcello Danon saß auf der Bürgersteigterrasse eines kleinen Restaurants mit dem verlockenden Namen „Cordon bleu“ und trank sizilianischen Rotwein. Den letzten in seinem Leben. Doch das ahnte er nicht.

Der Italo-Amerikaner war ein kleiner Graukopf, der aussah wie jedermanns Großvater. Er war ziemlich unscheinbar, und kaum einer hätte in ihm einen Mann vermutet, der mit seiner Kraft viele Jahre das Rad der Mafia mitgedreht hatte.

Heute war Danon siebenundsechzig. Die Cosa Nostra hatte keine Verwendung mehr für ihn. Er war in den wohlverdienten Ruhestand geschickt worden, hatte der jungen, kaltschnäuzigeren Generation Platz machen müssen, obwohl ihm das ganz und gar nicht behagte. Er fühlte sich immer noch agil und rüstig, und er hätte noch so manchen Jungen etwas lehren können.

Da Danon immer noch gern finanziell auf großem Fuß lebte, die Unterstützung, die er von der Ehrenwerten Gesellschaft bekam, zwar angemessen, aber trotzdem nicht hoch genug war, hatte sich der ausgebootete Mafioso den Kopf darüber zerbrochen, wie er eine Pleite verhindern konnte, und es war ihm auch eine brauchbare Idee gekommen.

Danon las Zeitung.

Er griff wieder einmal mechanisch nach seinem Rotweinglas, führte es an die Lippen, ohne den Blick von den Schlagzeilen zu nehmen, für die er nun nicht mehr verantwortlich war. Während er trank, dachte er an früher, und sein Herz wurde noch einmal jung. Damals war er oft im Gerede gewesen. Er hatte die Zeitungsberichte gelesen wie ein Schauspieler die Kritiken. Heute jedoch konnten sich immer weniger Leute an den Namen Marcello Danon erinnern. Der Mafioso seufzte wehmütig. Das war alles vorbei. Er war zu Lebzeiten schon zur Vergangenheit geworden.

Ein schwarzer Pontiac schob sich langsam die Straße entlang. Zwei Männer saßen in dem Fahrzeug. Sie waren beide mit Nylonstrümpfen maskiert. Ihre Züge waren bis zur Unkenntlichkeit verzerrt, die Nasen waren plattgedrückt.

Blubbernd rollte das Auto auf die schwach besetzte Terrasse des Restaurants zu. Marcello Danon saß an einem der vordersten Tische. Ab und zu blähte ein Windstoß die Zeitung. Dann schüttelte Danon sie wieder zurecht und las interessiert weiter.

Der Beifahrer im Pontiac kletterte zwischen den Vordersitzen nach hinten und drehte das Seitenfenster hinunter. Seine schmalen, gepflegten Hände griffen nach einer Thompson Maschinenpistole.

Vierzig Yards noch bis zur Terrasse.

Der Tod würde Marcello Donan so urplötzlich anspringen, dass der Mann überhaupt nicht mitbekommen würde, was passierte.

„Fahr weiter in diesem Tempo!“, raunte der Mann im Fond dem Maskierten hinter dem Steuer zu.

Der Fahrer lachte und nickte.

Dreißig Yards noch bis zur Restaurantterrasse. In diesem Augenblick überquerte ein blonder, hochgewachsener Mann die Straße. Er hatte den geschmeidigen Gang einer Raubkatze, war höchstens achtundzwanzig Jahre alt, sein Nasenbein war mehrfach gebrochen, aber seine Schultern konnten sich sehen lassen. Er trug einen sandfarbenen Cordanzug, und unter der linken Achsel gab es eine vage wahrnehmbare Beule, die einem Profi verriet, dass der Mann bewaffnet war.

Er erreichte die Straßenmitte, erblickte den schwarzen Pontiac, dachte sich jedoch nichts dabei.

Die Augen auf Marcello Danon geheftet, setzte er seinen Weg fort.

Der Blonde arbeitete seit einem halben Jahr für eine geheime Abteilung des Justizministeriums, deren Name Counter Organized Crime Department Service - kurz COUNTER CRIME genannt - war. Man hatte ihn für den Kampf gegen das organisierte Verbrechen so gründlich wie möglich geschult und hatte ihn in einem texanischen Ausbildungslager geschliffen, um ihn so hart zu machen, wie ein COUNTER CRIME-Agent sein musste, um in einer Welt voller Hinterhalte und tödlicher Feindschaften überleben zu können. Dies war sein erster Auftrag.

COUNTER CRIME war an Marcello Danon interessiert. Der alte Mafioso besaß ein umfangreiches Wissen, was die Ehrenwerte Gesellschaft anbelangte. Da Colonel Myer, der Chef jener Geheimorganisation, die Rentensätze kannte, die Danon von der Cosa Nostra bezog, war anzunehmen, dass der ausrangierte Mafioso bei seinem immer noch flotten Lebenswandel mit seinem Einkommen nicht auskam. Hier wollte COUNTER CRIME einhaken.

Danon brauchte Geld. Für gute Informationen war CM bereit, gutes Geld zu bezahlen.

Die Aufgabe des Blonden, dessen Name Yul Gordon war, bestand darin, Marcello Danon zu bewegen, mit ihm eine hier in Philadelphia ansässige CM-Tarnfirma aufzusuchen. Alles weitere würde dann ohne Gordons Zutun seinen vorausprogrammierten Gang gehen.

Yul Gordon erreichte den Bürgersteig. Es waren nur noch ein paar Schritte bis zu Danons Tisch.

Unbewusst warf der CM-Agent jenem schwarzen Pontiac einen zweiten Blick zu, und nun schrillte in seinem Kopf mit einem Mal eine Alarmklingel. Die Frontscheibe des Fahrzeugs spiegelte so stark, dass er erst im letzten Augenblick sehen konnte, dass der Fahrer maskiert war. Zu spät also.

Yul Gordon versuchte trotzdem zu retten, was nicht mehr zu retten war.

Wie ein langer, schwarzer Finger schob sich der Lauf der Tommy Gun aus dem hinteren Seitenfenster. Der Finger wies auf Marcello Danon.

Gordons Mund trocknete aus. Er tat drei Dinge gleichzeitig: Seine Hand zuckte ins Jackett zur Waffe. Er sprintete los. Und er schrie mit vollen Lungen Danons Namen.

Der alte Mafioso ließ verwirrt die Zeitung sinken.

„Runter, Danon!“, brüllte Yul Gordon. „In Deckung!“

Nur ein Wunder hätte Marcello Danon noch retten können. Der Mafioso erblickte die auf ihn gerichtete Maschinenpistole und den Maskierten dahinter. Er versuchte aufzuspringen, doch da zog der Killer schon den Stecher durch.

Das ohrenbetäubend hämmernde Stakkato ließ die auf der Terrasse sitzenden Restaurantgäste entsetzt aufschreien. Manche Gäste warfen sich mit totenblassen Gesichtern zu Boden. Andere suchten ihr Heil in einer überstürzten Flucht. Sie warfen Tische und Stühle um, liefen, ohne zu wissen, wohin.

Getroffene Gläser zerplatzten. Rotwein spritzte nach allen Seiten davon, als eines der Projektile die Flasche auf Marcello Danons Tisch zertrümmerte. Und dann erreichte die tödliche Garbe den Ex-Mafioso. Eine mächtige unsichtbare Faust schien Danon zu schütteln.

Der alte Mann riss verstört die Augen auf. Er spürte keinen Schmerz. Nur harte Schläge trafen immer und immer wieder seinen Körper. So lange, bis er dieser enormen Wucht nicht mehr standhalten konnte. Marcello Danons Halt suchende Hände zuckten durch die Luft, erwischten das weiße Tischtuch, rissen es herab, und es flatterte über sein Gesicht.

Über das Gesicht eines toten Mannes!

Yul Gordon hatte das alles - es hatte sich innerhalb Sekunden abgespielt - aus nächster Nähe mit ansehen müssen. Mit zusammengepressten Zähnen schwang der CM-Agent seinen Colt Python 357 Magnum in Richtung Pontiac.

Der MPi-Killer reagierte darauf eiskalt. Die nächste Garbe galt Yul Gordon.

Der Blonde flog augenblicklich flach auf den Bauch. Gleichzeitig feuerte er auf den Maskierten, dessen Kugelhagel dicht über ihn hinwegstrich.

Der Pontiac-Fahrer nagelte das Gaspedal ans Bodenblech. Der Wagenmotor heulte auf. Das Fahrzeug schnellte vorn hoch, während die angetriebenen Hinterräder sich schrill durchdrehten. Pfeilschnell raste der Pontiac davon.

Yul Gordon richtete sich halb auf und zielte im Beidhandanschlag auf die Hinterreifen des Gangsterwagens. Die dritte Kugel saß. Die vom Projektil zerfetzte Karkasse schälte sich von der Felge. Dadurch veränderte sich das Fahrverhalten des Autos grundlegend. Der Pontiac spielte verrückt. Er wippte, tanzte, schlingerte. Das Heck schleuderte nach links und dann nach rechts weg. Der Fahrer hätte Gas wegnehmen müssen, um das Fahrzeug wieder unter Kontrolle zu bringen, doch der Mann stand mit seinem Bleifuß auf dem Pedal und kämpfte verbissen um die Herrschaft über den Wagen.

Bereits in der nächsten Sekunde machte der Pontiac nur noch das, was er und nicht das, was der Mann am Steuer wollte. Der Wagen schleuderte mit einem Satz auf den Gehsteig, schrammte über die Gebäudefront und raste auf den dicken Mast einer Peitschenlampe zu.

Dort war dann Endstation.

Es gab einen dumpfen, satten Knall. Blech kreischte und Glas klirrte. Alle vier Wagentüren flogen auf. Die Gangster sprangen benommen aus dem Fahrzeug, das nicht mehr zu gebrauchen war.

Yul Gordon war bereits auf den Beinen. Eine der Grundeinstellungen, die ihm von COUNTER CRIME eingebleut worden waren, lautete: Niemals aufgeben!

Danach handelte er.

Die Kerle, die Marcello Danon abserviert hatten, durften nicht entkommen. Yul Gordon wollte auf keinen Fall mit leeren Händen von seinem Einsatz zurückkehren. Wenn er schon nicht Danon bei COUNTER CRIME abliefern konnte, dann wollte er wenigstens diese beiden Gangster unschädlich machen.

Die Maskierten verschwanden um die nächste Ecke. Yul Gordon folgte ihnen mit langen Sätzen. An der Ecke blieb er kurz stehen, um nicht in einen Kugelhagel zu geraten. Er hörte die hämmernden Schritte der Verbrecher. Sie hatten keinen allzu großen Vorsprung.

Gordon versuchte einen der beiden mit einem gezielten Schuss zu stoppen, aber um einen präzisen Treffer anbringen zu können, hätte die Distanz geringer sein müssen.

Die Gangster überkletterten eine Plakatwand. Yul Gordon erreichte diese Wand wenige Augenblicke später. Dahinter lag der Hinterhof einer stillgelegten Fabrik.

Die Killer hatten die Tommy Gun im Pontiac zurückgelassen, aber sie waren deswegen nicht unbewaffnet. Sie hatten Pistolen in ihren Fäusten, mit denen sie dem CM-Agenten ein erbittertes Rückzugsgefecht lieferten.

Doch davon ließ Yul Gordon sich nicht aufhalten. Schießend griff er an, und als der sechsschüssige Python leer war, lud er ihn mit dem Speedloader blitzschnell nach.

Die Maskierten zogen sich in den Schatten zwischen zwei eng beisammenstehende Gebäude zurück. Kein Schuss fiel mehr. Yul Gordon pirschte sich dann mit schweißbedecktem Gesicht an den Durchgang heran. Er spähte vorsichtig um sich.

Die Gangster schienen sich in Luft aufgelöst zu haben. Sie waren nicht mehr zu sehen. Die Erde schien sie geschluckt zu haben - und irgendwie stimmte das auch. Yul Gordon entdeckte einen offenen Gullyschacht. Der schwere Eisendeckel lag daneben. Er wusste sofort Bescheid.

Die Killer versuchten, durch das weit verzweigte Kanalisationssystem zu entkommen, aber diese Rechnung hatten sie ohne den Wirt gemacht.

„Nein, Freunde!“, knurrte der CM-Agent. „So haben wir nicht gewettet!“

Er eilte auf den schwarzen Gullyschacht zu. Über feuchte, rostige Eisensprossen ging es abwärts. Unten angekommen, verharrte Yul Gordon einen Moment lauschend. Ein widerlicher Geruch legte sich schwer auf seine Lungen. Glucksend und blubbernd floss die übelriechende Brühe an ihm vorüber. Er rümpfte die Nase und wartete, bis sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Gewichtig lag der Python in seiner feuchten Hand. Keine Schritte. Kein verräterisches Geräusch.

In welche Richtung hatten sich die Verbrecher gewandt?

Gefühlsmäßig entschied sich Yul Gordon für Westen.

Schon nach wenigen Schritten kam eine Gabelung. Die verdammten Ratten hatten genau gewusst, warum sie sich in dieses Labyrinth verkrochen. Hier gab es Hunderte von Möglichkeiten, sich zu verstecken.

Da ihr Vorsprung nicht groß gewesen war, und da Yul Gordon keine Schritte hören konnte, nahm er an, dass sie sich ganz in seiner Nähe aufhielten. Er hatte zwei Möglichkeiten. Er konnte sich in eine von diesen finsteren Nischen stellen und darauf warten, bis sie die Kerle wieder regten, oder er konnte versuchen, sie in ihrem Versteck aufzustöbern.

Letzteres entsprach mehr seiner Mentalität.

Stillstehen und warten war nicht gerade die größte Stärke des CM-Agenten. Er war ein Angreifertyp, ein Mann mit Initiative. Er wollte nicht darauf warten, bis ihm die Entscheidung in den Schoß fiel.

Nach ein paar Schritten kehrte er um und versuchte sein Glück im anderen Stollen der Gabelung. Und plötzlich vernahm er etwas, das hier nicht her gehörte: das schwere Atmen eines Mannes.

Es war hinter ihm.

Yul Gordon wirbelte jäh herum. Er sah die schemenhaften Umrisse einer Gestalt. Etwas funkelte in Hüfthöhe: Die Klinge eines Stiletts. Gordon riss den Python hoch, aber der andere war schneller. Das Stilett traf die Brust des CM-Agenten.

Yul Gordon bekam noch mit, wie er unwahrscheinlich schnell schwach wurde. Alle Kraft verließ seinen Körper. Er konnte nicht mehr schießen. Er konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten. Er konnte nichts mehr.

Er merkte noch, wie er nach hinten kippte.

Dann war es vorbei. Sein Körper klatschte in die braune Brühe, tauchte darin unter, wurde von ihr mitgerissen, doch das alles war für Yul Gordon bereits ohne jegliche Bedeutung.

 

 

2

Washington D. C.

Roberto Tardelli betrat die COUNTER CRIME-Zentrale. Er schob seinen Plastikausweis in den Schlitz der mehrfach gesicherten Tür. Videokameras starrten ihn mit ihren kalten Glasaugen an. Hyperempfindliche Sensoren tasteten ihn gleichzeitig ab. Dann durfte er passieren.

Er trabte einen mit Neonleuchten erhellten Gang entlang, betrat einen Fahrstuhl, und stand wenig später vor der Tür von Colonel Myers spartanisch eingerichtetem Büro.

Er klopfte.

„Ja, bitte?“

Roberto trat ein. Colonel Myer saß an seinem Metallschreibtisch, auf dem es wie auf einem Schlachtfeld aussah. Dieser große Mann mit den kantigen Gesichtszügen und den kurz geschnittenen silbergrauen Haaren war - das sah man ihm auch an - ziemlich hart im Nehmen, und er verlangte von seinen Leuten in der Regel niemals mehr, als er selbst zu tun imstande war. Das allerdings war eine ganze Menge.

Colonel Myer wies auf einen Stuhl, der vor dem Schreibtisch stand.

„Bitte setzen Sie sich, Roberto. Sie sind schneller von Los Angeles herübergekommen, als es eigentlich möglich war. Wie haben Sie dieses Kunststück fertiggebracht?“

Roberto nahm Platz und grinste.

„Ich habe einen reichen Industriellen, der die Absicht hatte, mit seinem Privatjet nach Washington zu fliegen, gebeten, mich mitzunehmen. Er sagte nicht nein - und so sparte ich nicht nur drei Stunden ein, sondern auch das Geld für das Flugticket, denn der Mann wäre bitterböse geworden, wenn ich ihm die Bucks aufzudrängen versucht hätte. So hilft man COUNTER CRIME aus den roten Zahlen. Weshalb musste ich so schnell nach Washington kommen, Chef?“

„Deshalb“, sagte der Colonel mit seiner metallischen Stimme einsilbig. Er zog eine der Schreibtischladen auf, langte hinein und warf eine Menge Fotos auf den Tisch. Sie zeigten alle einen Toten, der kurz vor der Aufnahme erst aus dem Wasser gezogen worden war.

„Yul Gordon“, sagte Roberto ernst. Er hatte sein Auffrischungstraining im selben Lager absolviert wie Gordon. Ihm wurde die Luft etwas knapp, während er sich die Bilder ansah. Er atmete schwer.

Dieses Los konnte jeden, der für COUNTER CRIME tätig war, treffen. Das organisierte Verbrechen, gegen das die CM-Agenten zu kämpfen hatten, kannte kein Pardon, wenn sich ihm jemand in den Weg stellte. Yul Gordons Tod war dafür einmal mehr der erschütternde Beweis.

„Man hat ihn aus dem Delaware River gefischt“, sagte Colonel Myer.

Roberto nickte abwesend. Er dachte einen Augenblick an die Zeit, als Yul Gordon noch gelebt hatte. Sie hatten sehr viel Spaß zusammen gehabt. Diese Fotos waren für Roberto wie eine Serie von Faustschlägen in die Magengrube.

„Erstochen“, stellte Myer fest.

„Wer hat es getan?“ wollte Roberto wissen.

„Wir wissen es nicht.“

„Hatte Gordon einen Job?“

„Ja. Er sollte Marcello Danon überreden, mitzukommen.“

„Und?“

„Danon ist ebenfalls tot.“ Wieder griff Myer in die schier unerschöpfliche Schreibtischschublade. Abermals holte er einen Packen Aufnahmen hervor. „Wie Sie wissen, ist kürzlich in Philadelphia Don Paolo Cavara eines natürlichen Todes gestorben. Marcello Danon hat für Cavara viele Dinge getan. Dinge mit zum Teil weittragender Wirkung. Nachdem Danon aus der Ehrenwerten Gesellschaft ausgeschieden wurde, ließen wir einige Zeit verstreichen. Wir wussten, dass er sich finanziell kein bisschen einschränkte, obwohl die Rente, die ihm die Cosa Nostra zahlte, für große Sprünge eigentlich nicht ausreichte. Eine Weile konnte Danon von seinen Ersparnissen zuschießen, doch diese Quelle versiegte Anfang des Jahres. Nun benötigte Danon Geld, wenn er auf so großem Fuß wie bisher weiterleben wollte. Wir wären bereit gewesen, es ihm zu geben, natürlich nur für erstklassige Informationen. Dieses Geschäft hätte sich gestern anbahnen sollen. Und das“, Colonel Myer wies auf die Fotos, „ist daraus geworden.“

Natürlich wusste Roberto Tardelli vom Tod des Capos. Er war dabei gewesen, als man Don Paolo zu Grabe getragen hatte.

Der Caporegime und Cousin des Verstorbenen hatte an Don Paolos Grab eine wohlakzentuierte Rede gehalten, die dem lautersten Politiker zur Ehre gereicht hätte. Kein Wort von all dem Übel, dem großen Leid und den vielen Morden, für die Don Paolo in letzter Instanz verantwortlich gezeichnet hatte, war über die wulstigen Lippen des Caporegime Maurizio Gallo gekommen.

Ein ehrenwerter Mann war zur ewigen Ruhe gebettet worden.

Und Maurizio Gallo nahm den frei gewordenen Platz des Capo ein.

Der Colonel riss Roberto aus seinen Überlegungen, als er sagte: „Marcello Danon ist bereits der zweite tote Mafioso innerhalb einer Woche. Vor ihm wurde Angelo Zanni auf offener Straße erschossen. Zanni unterstand das Glücksspiel in Philadelphia.“ Myer blickte Roberto durchdringend an. „Ich möchte, dass Sie einiges für uns herausfinden, Roberto.“

„Und zwar?“

„Wer hat Yul Gordon und Marcello Danon umgelegt? Und warum wurden Zanni und Danon ermordet? Sollten Sie herausfinden, wer diese eiskalten Morde begangen hat, sorgen Sie dafür, dass die Mörder ihrer gerechten Strafe nicht entgehen!“

Roberto nickte mit zusammengezogenen Brauen.

„Das werde ich, Colonel. Sie können sich darauf verlassen.“

Myer erhob sich und streckte Roberto die Hand entgegen.

„Okay, Roberto. Dann wünsche ich Ihnen viel Glück.“

„Danke“, erwiderte Roberto Tardelli und drückte die Hand seines Chefs.

„Arbeiten Sie so schnell wie möglich. Seit den beiden toten Mafiosi hat der Polizeichef von Philadelphia nämlich Sodbrennen. Er glaubt, mit Recht befürchten zu müssen, dass das Morden weitergeht. Verhindern Sie's, wenn Sie’s können.“

Die Maschine, in der Roberto Tardelli saß, landete um 17.10 Uhr auf dem Philadelphia International Airport. Der Mafiajäger holte sich von HERTZ einen cremefarbenen Dodge Charger Special, unter dessen Motorhaube 238 PS schnurrten. Das Fahrzeug verfügte über Autotelefon.

Die zehn Kilometer bis zur Stadt waren schnell zurückgelegt. Roberto mietete ein Zimmer in einem Hotel namens Warwick, Ecke 17th und Locust Street.

Nachdem er seine Habseligkeiten in den Schrank gehängt hatte, setzte er sich telefonisch mit der Tarnfirma von COUNTER CRIME in Verbindung. Es handelte sich hierbei um ein effektvoll aufgezogenes Frachtunternehmen, und der Mann, mit dem er sprach, riet ihm, mal unverbindlich einem Typ namens Conrad Coquillon auf den Zahn zu fühlen.

„Der Bursche schließt mit Genehmigung der Mafia illegale Wetten ab. Er verfügt über einen ziemlich heißen Draht zur Cosa Nostra. Wenn es Ihnen gelänge, den anzuzapfen, könnte für Sie dabei möglicherweise eine ganze Menge herausschauen, Mr. Tardelli“, sagte der Mann am anderen Ende der Leitung.

Roberto erkundigte sich nach der Adresse des Ganoven.

„Zu Hause ist der fast nie anzutreffen“, erwiderte der Gesprächspartner des Mafiajägers.

„Wo würde ich ihn eher finden?“, wollte Roberto wissen.

„Er treibt sich die meiste Zeit in der Nähe des Hafens herum.“

Roberto erhielt genauere Ortsangaben.

„Und wie sieht der Knabe aus?“, erkundigte sich Roberto anschließend.

„Conrad Coquillon würden Sie spielend aus einem vollbesetzten Football-Stadion herauspicken. Er hat feuerrotes Haar. Afrolook. In seinem Gesicht wuchert ein verfilzter roter Bart. Dazu trägt der elegante Herr zumeist eine knallgelbe Nylonjacke, grüne Hosen, blaue Socken und fliederfarbene Schuhe. Er ist immer so bunt wie ein Paradiesvogel angezogen. Wenn Sie ihn sehen, wissen Sie sofort, dass er es ist.“

So war es tatsächlich.

Als Roberto in die Penn Street einbog, sah er den Burschen schon von weitem. Er ließ den Dodge bis auf Rufweite an Coquillon heranrollen, stoppte das Fahrzeug dann, öffnete den Wagenschlag, und setzte ein Bein auf den schmutzigen Bürgersteig.

Coquillon schlug soeben einem mageren Typ freundschaftlich auf die Schulter, und der Klapperige schlenderte davon.

„Conrad!“, rief Roberto.

Coquillons Kopf ruckte herum. Er war groß und hager, und trug eine irre Farbpalette auf dem Leib. Seine cleveren Augen streiften den Dodge, und huschten blitzschnell an Roberto Tardelli auf und ab. Als er begriff, dass dieser Fremde ganz bestimmt nicht gekommen war, um bei ihm eine illegale Wette abzuschließen, tat er das, was er in solchen Situationen immer machte. Er gab Fersengeld.

Als er losrannte, sprang Roberto aus dem Wagen. Er schmetterte die Tür hinter sich zu und jagte dem Burschen nach.

Coquillon war ein verdammt guter Sprinter. An der nächsten Ecke wäre er beinahe ausgerutscht und gefallen. Er fing sich an der Mauer. Das kostete ihn wertvolle Sekunden. Roberto holte auf. Coquillon keuchte auf das billige Portal eines Kinos zu. In den Schaukästen war viel Fleisch zu sehen. Hier und da klebte ein armseliger dünner Papierstreifen, der so gut wie nichts verdeckte und den Bullen, die ab und zu hier vorbeikamen, die Handhabe nehmen sollte, gegen diese Filme einzuschreiten. Große, in Schockfarben gedruckte Lettern verkündeten, dass man drinnen viel, viel mehr sehen könne.

Soeben kam ein Kerl mit roten Ohren aus dem Kino. Coquillon rannte ihn beinahe um.

„Verdammt, haben Sie denn keine Augen im Kopf?“, wetterte der Mann.

Coquillon scherte sich nicht um ihn. Er kümmerte sich auch nicht um die Kassiererin, die in einem terrariumähnlichen Glaskasten hockte und ihm eine Eintrittskarte verkaufen wollte. Der rothaarige Ganove stürmte an ihr vorbei und hinein in die schützende Dunkelheit, in der er Roberto Tardelli abzuhängen hoffte.

Die Frau schimpfte in ihrem Glaskasten und war aus dem Ding immer noch nicht heraus, als Roberto Tardelli bereits an ihr vorbeiflitzte. Ebenfalls, ohne sich eine Karte zu lösen.

„Was sind denn das für neue Bräuche?“, schrie sie hinter ihm her.

Roberto tauchte in die Schwärze des Saals ein. Zwanzig Sitzreihen. Fünf Logen. Das Kino war halb voll. Roberto suchte den Lockenkopf des Ganoven. Er huschte von Loge zu Loge.

Einmal sah er sogar mehr, als im Moment auf der Leinwand gezeigt wurde. Aber das Pärchen ließ sich nicht stören.

Roberto nahm sich jede einzelne Reihe vor. Als er nur noch sechs Reihen vor sich hatte, flitzte Coquillon in der zweiten Reihe hoch und auf den Notausgang zu. Der Junge hatte keine guten Nerven. Roberto erwischte ihn hinter dem Kino.

Er packte ihn am Kragen, und riss ihn herum. Coquillon starrte ihn mit flatternden Augen an. „Was ist? Was wollen Sie von mir? Wer sind Sie?“

„Ich stelle die Fragen, Conrad!“

„Sie sind ein Bulle, nicht wahr? Klar sind Sie einer! Mann, sie haben kein Recht, mich wie einen Hasen zu hetzen! Ich bin sauber. Ich trage keine Waffe, Sie werden keine Drogen bei mir finden. Was wollen Sie also von mir?“

„Ich wäre dir nicht nachgelaufen, wenn du nicht davongerannt wärst“, sagte Roberto kalt. „Da, wo ich großgeworden bin, hat man mir immer gesagt, dass man nur dann abhauen muss, wenn man etwas ausgefressen hat. Ich denke, das gilt auch hier, was meinst du, Conrad?“

„Ich habe nicht den geringsten Dreck am Stecken.“

„Und trotzdem zischst du ab wie eine Rakete, wenn du ein Gesicht siehst, das du nicht kennst. Eine komische Reaktion, findest du nicht?“

„Mann, ich kann doch reagieren, wie ich will.“

„Wolltest du mal testen, ob einer schneller rennen kann als du?“

„Vielleicht. Sagen Sie mir endlich, was Sie von mir wollen?“

„Du machst Geschäfte, die nicht ganz sauber sind, Conrad.“

Coquillon fuhr sich nervös durchs struppige Haar.

„Also doch'n Bulle.“

„Sehe ich so aus?“

„Sah Charly Chessman, den sie in der Gaskammer hingerichtet haben, wie ein Killer aus?“

„Du hast einen heißen Draht zur Mafia“, sagte Roberto. Er fragte das nicht, sondern stellte es einfach fest.

Coquillon stöhnte erschrocken auf. Dann fragte er entrüstet: „Sagen Sie mal, wer hat Ihnen denn diesen haarsträubenden Blödsinn erzählt?“

Roberto grinste: „Das pfeifen doch die Spatzen von den Dächern.“

„Dann sind Sie auf die dämlichen Viecher aber ganz schön hereingefallen.“

Finger krallten sich in die knallgelbe Nylonjacke des Jungen. Er drehte die Fäuste nach außen. Dadurch wurde die Jacke um den Hals Coquillons ziemlich eng.

„Besser du sagst jetzt nichts mehr, Conrad. Wenn noch eine Lüge über deine Lippen kommt, passiert was, ist das klar?“

Coquillon hatte Angst vor Prügel. Er nickte hastig.

„Ja“, stieß er heiser hervor. „Mann, wollen Sie mich erwürgen?“

Roberto ließ etwas locker.

„In dieser Woche wurden Angelo Zanni und Marcello Danon gekillt. Mich würde brennend interessieren, weshalb sie abtreten mussten.“

„Großer Gott, das weiß ich doch nicht“, stöhnte Coquillon.

„Hat ihnen der neue Capo die Killer auf den Hals gehetzt?“

„Keine Ahnung. Wirklich nicht. Und es ist auch gesünder, wenn man es nicht weiß. Das können Sie mir glauben. Diese Leute ... also die kennen keinen Spaß, Mister. Wenn denen was nicht in den Kram passt, ist man schneller tot, als man Frank Sinatra sagen kann.“

„Hatten Zanni und Danon vielleicht etwas dagegen, dass Maurizio Gallo zur Spitze aufrückte?“, fragte Roberto weiter.

„Danon war doch schon eine ganze Weile weg vom Fenster.“

„Zanni aber nicht. Und vielleicht wollte Danon wieder aktiv werden.“

„Der alte Knacker?“ Coquillon lachte krächzend. „Niemand hätte den mehr etwas tun lassen. Man war froh, dass man ihn los war. Danon hatte von allen Dingen veraltete, verzopfte Ansichten. Er hat nicht mehr in diese Zeit gepasst. Er war ein vorsintflutlicher Dinosaurier.“

„Okay, und wie ist es mit Zanni?“, wollte Roberto Tardelli wissen.

Coquillon zuckte die Achseln.

„Tut mir leid. Da bin ich überfragt.“

„Aber du könntest es für mich herausfinden, wenn du dich ein bisschen anstrengen würdest, wie?“

Coquillon zuckte zusammen, als hätte ihm Roberto eine schallende Ohrfeige gegeben.

„Mann, halten Sie mich denn für total plemplem? Denken Sie, ich bin lebensmüde? Warum verlangen Sie nicht gleich von mir, dass ich mir eine Kugel in den Schädel schießen soll?“

„Pass auf, Junge“, sagte Roberto freundlich. „Ich mache dir einen Vorschlag. Für eine brauchbare Information zahle ich eintausend Dollar. Du hast richtig gehört. Wenn du für mich herauskriegst, warum Zanni und Danon über den Jordan gehen mussten, ist mir das eintausend US Dollar wert. Natürlich weiß ich, dass dich das Geld allein noch nicht genügend antreibt, mir diesen Gefallen zu erweisen, deshalb lege ich noch ein Bonbon dazu. Wenn du nicht für mich arbeitest, lasse ich ein paar von meinen Beziehungen spielen. Von diesem Moment an hast du in dieser Stadt keine ruhige Minute mehr, dann klebt ständig ein Bulle an deinen Fersen. Und manchmal wird er dir so nahe sein, dass du nicht mal ungehindert Luft holen kannst.“

„Ein Alptraum“, ächzte Coquillon.

„Siehst du, und diesen Zustand erspare ich dir. Das kommt zu den tausend Dollar noch hinzu. Na, ist das ein Angebot?“

Coquillon verzog unter seinem Bartgestrüpp das Gesicht.

„Eins von der Sorte, die man nicht ablehnen kann.“

Zusammenfassung

Drei Morde, doch wer steckt dahinter? Roberto Tardelli, der Agent von COUNTER CRIME, hat den Auftrag, das herauszufinden. Er ahnt, dass die Ehrenwerte Gesellschaft dahintersteckt. Doch welchen Grund hat sie, diese Männer zu ermorden?
Als Tardelli bei seinen Ermittlungen auf zwei Killer der Cosa Nostra trifft, erschießt er einen von ihnen in Notwehr. Todakatsu Mifune, der Bruder des Getöteten, schwört daraufhin, dass Roberto nicht mehr lange zu leben hat …

Details

Seiten
102
Jahr
2021
ISBN (eBook)
9783738952834
ISBN (Buch)
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (März)
Schlagworte
roberto tardelli thriller drei morde

Autor

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Titel: Ein Roberto Tardelli Thriller #70: Drei Morde für Tardelli