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Vor Ratten kneift man nicht: N.Y.D. – New York Detectives

2021 112 Seiten

Zusammenfassung

Burt Madison steckt in der Klemme, denn er wird nicht nur von der Polizei gejagt. Heroin, das Millionen wert ist, hat er nach einem missglückten Überfall versteckt. Als seine Freundin Ellen Ferone von Copellis Killern getötet wird, wendet sich Madison an den Privatdetektiv Bount Reiniger. Er soll den Mörder von Ellen finden. Doch Reiniger stellt eine Bedingung, auf die Madison nur zögerlich eingeht …

Leseprobe

Table of Contents

Vor Ratten kneift man nicht: N.Y.D. – New York Detectives

Copyright

Die Hauptpersonen des Romans:

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

Vor Ratten kneift man nicht: N.Y.D. – New York Detectives

Krimi von Cedric Balmore

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 112 Taschenbuchseiten.

 

Burt Madison steckt in der Klemme, denn er wird nicht nur von der Polizei gejagt. Heroin, das Millionen wert ist, hat er nach einem missglückten Überfall versteckt. Als seine Freundin Ellen Ferone von Copellis Killern getötet wird, wendet sich Madison an den Privatdetektiv Bount Reiniger. Er soll den Mörder von Ellen finden. Doch Reiniger stellt eine Bedingung, auf die Madison nur zögerlich eingeht …

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover Steve Mayer

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Die Hauptpersonen des Romans:

Burt Madison - sitzt zwischen sämtlichen Stühlen und kämpft um sein Leben.

Copelli - Der große alte Capo lässt rotes Blut auf weißen Schnee tropfen.

Lou Lanza - will sich selbständig machen und fällt dabei auf den Bauch.

Mildred Bower - steckt bis zum Hals in der Geschichte drin und erzählt lauter Märchen.

Max Lenney - lädt Bount zu einem Ausflug auf den Long Island Sound ein - nur leider kann er

nicht schwimmen.

June March - ist Bounts Assistentin und hilft ihm bei seinen Fällen.

Bount Reiniger - ist Privatdetektiv.

 

 

 

1

Er zählte bis drei, dann sprang er.

Die Furcht vor dem Aufsetzen war wie weggeblasen. Er war erfüllt von gespannter Konzentration. Trotzdem misslang ihm die Landung. Ein scharfer Schmerz durchzuckte seinen linken Fuß und schoss hinauf in seine Hüfte. Er stolperte und fiel. Er blieb schwer atmend liegen und fragte sich, ob er imstande sein würde, seine Flucht fortzusetzen.

Er wandte den Kopf und blickte über seine Schulter. Er sah den First des Flachdaches in knapp drei Meter Höhe über sich und hörte die Stimme seines Verfolgers. Sie war laut, bullig und fordernd.

„Kommen Sie heraus, Madison! Sie haben keine Chance.“

Burt Madison stemmte sich hoch. Er befand sich auf dem Dach eines doppelstöckigen Anbaus und hoffte, dass der Lieutnant nichts von der Existenz dieser Plattform wusste. Gerber stand vermutlich noch hinter dem Maschinenhaus des Fahrstuhls in Deckung, genau wie Sergeant Nicholson, sein Begleiter.

Burt Madison hatte den Sprung im Schutze eines Schornsteinaufbaues gewagt, noch wussten also Gerber und Nicholson nicht, dass er gesprungen war, es sei denn, sie hatten das harte, dumpfe Geräusch der Landung gehört.

Burt Madison weinte vor Wut, als sich der Schmerz wiederholte, aber er kam auf die Beine, er konnte stehen. Er humpelte über das asphaltierte Dach und hoffte, eine Feuerleiter zu finden, aber es gab keine.

„Madison, geben Sie endlich auf!“, tönte Gerbers Stimme. Ihrem Klang war zu entnehmen, dass der Lieutnant seine Position verändert hatte. Die Zeit wurde knapp. Wenn Gerber den Dachfirst des Hauptgebäudes erreichte, hatte er freie Schussbahn.

Madison schaute sich um. Er entdeckte eine Dachluke und stemmte sie hoch. Die Leiter, die dazu gehörte, war eingezogen und ließ sich nur von unten her bedienen. Madison schwang sich in die Luke, hielt sich an ihrem Rahmen fest, baumelte kurz in der Luft, biss die Zähne zusammen und ließ sich dann fallen.

Er stieß einen Schmerzensschrei aus, als seine Füße den Boden berührten. Er schnellte mit dem Oberkörper nach vorn und ließ sich flach auf den Boden fallen, um die Beine zu entlasten. Er blieb liegen, nur wenige Sekunden lang.

Wenn Gerber die offene Luke sah, war nichts gewonnen - nur ein kleiner Aufschub.

Burt Madison erhob sich. Er stöhnte, als er sich zur Treppe schleppte, und atmete auf, als er sich am Geländer festhalten konnte. Das Treppenhaus gehörte zu einem Lagergebäude. Die einzelnen Stockwerke hatten nur je einen Zugang. Die schwarz lackierten Türen machten den Eindruck, nicht benutzt zu werden. Vermutlich waren die einzelnen Stockwerke über einen Lastenaufzug zu erreichen. Madison nahm sich nicht die Mühe, eine der Türen öffnen zu wollen. Er musste weg von hier, sonst saß er in der Falle.

Er erreichte die Tür zum Erdgeschoss. Die Wäsche klebte ihm am Leib. Ihm war zumute wie in gewissen Träumen, wo man vor dem Gegner davonläuft und kaum von der Stelle kommt, weil man bleischwere Gewichte an den Füßen zu haben scheint.

Die Tür war offen. Er betrat den Hof. Ein Mann kam ihm entgegen.

Der Mann trug einen blauen Overall mit dem Aufdruck einer Speditionsfirma.

„Suchen Sie jemand?“, fragte er.

„Danke“, erwiderte Madison. „Das Dach soll geteert werden. Ich habe es mir angesehen.“

Der Mann im Overall schaute unwillkürlich nach oben.

„Was ist denn das?“, entfuhr es ihm. Er sah, wie Gerber sich auf dem Dach des Nebengebäudes zeigte und wild mit seinem Revolver in der Luft herumfuchtelte. Im nächsten Moment war er verschwunden. Ihm war klar geworden, dass er nicht schießen konnte, ohne den Arbeiter zu gefährden.

Madison humpelte eilig auf die Ausfahrt zu. Der Mann versuchte ihn am Ärmel festzuhalten und verlangte Erklärung. Madison zuckte herum, obwohl sich die Bewegung mit neuerlichen Schmerzen verband. Er riss die Faust hoch. Sein Schwinger traf präzise. Der Mann im Overall ging zu Boden. Madison erreichte die Straße. Auf der gegenüberliegenden Fahrbahn stoppte ein Cadillac. Ein weißhaariger Mann im dunkelblauen Blazeranzug half einer älteren Dame aus dem Wagen.

„Du brauchst kein Taxi zu nehmen, ich hole dich ab“, versicherte der alte Herr und drückte seiner Begleiterin die schmale, behandschuhte Rechte. Madison setzte sich kurzerhand hinters Lenkrad. Der alte Herr riss die porzellanblauen Augen auf und protestierte laut.

„He, was soll das? Polizei, Polizei!“

Ein paar Leute blieben stehen, aber niemand hatte den Mut zum Eingreifen.

Die Maschine lief noch. Madison drückte den Automatikhebel auf ’N' und gab Gas. Die Tür schloss er im Anfahren. Er fuhr nur wenige Häuserblocks weit, bis zur Filmore Avenue. Dort ließ er den Cadillac auf dem Parkplatz des Supermarktes stehen und betrat ein Schnellrestaurant. Er suchte den Waschraum auf und betrachtete sich im Spiegel.

Burt Madison, 33 Jahre alt, Lastwagenfahrer, nicht vorbestraft, aber seit vier Monaten auf der Fahndungsliste - seit vier Monaten gejagt, ein Mann auf der Flucht.

Er drehte den Kaltwasserhahn auf und kühlte sich das Gesicht. Er rieb es mit einem Papiertuch trocken, kämmte sein tiefschwarzes, nackenlanges Haar, richtete sich die Krawatte und klopfte sich den Schmutz aus Hose und Sakko, der bei seiner Bauchlandung in den Stoff geraten war. Dann schaute er nochmals in den Spiegel.

Er war immer noch rot im Gesicht, aber er sah ganz manierlich aus. Er zwang sich zu einem Grinsen. Er hatte den Bullen wieder mal ein Schnippchen geschlagen, aber es war zweifelhaft, ob ihm das noch einmal gelingen würde.

Er humpelte in das Restaurant und bestellte sich einen Kaffee und einen Hamburger. Er ertränkte den Imbiss förmlich in Ketchup, blickte aus dem Fenster und zuckte nicht mal mit der Wimper, als zwei Patrolcars der Polizei mit heulenden Martinshörnern auf der Straße vorbeisausten.

Wenn er saß, spürte er in seinem Fuß nur ein leises Ziehen und Pochen, keinen wirklichen Schmerz. Der Fuß war warm, er schwoll an. Madisons Problem bestand darin, dass er nicht richtig auftreten konnte.

Die Polizei wusste, dass er sich bei dem Sprung vom Dach verletzt hatte. Gerber hatte sein Humpeln zwar nicht bemerkt, aber der Arbeiter im Overall und der alte Herr im Blazeranzug hatten vermutlich längst übereinstimmend darauf hingewiesen.

Solange die Geschichte mit seinem Bein nicht in Ordnung war, konnte er sich nicht ohne Risiko auf der Straße sehen lassen. Jeder Cop würde auf einen humpelnden Mann achten, der schwarzhaarig, breitschultrig und knapp über 30 war. Vielleicht empfahl es sich, New York zu verlassen. Diese Stadt war ihm feindlich gesinnt, sie hatte ihm kein Glück gebracht.

Er musste in einem sicheren Versteck sein, noch ehe der letzte Cop und Zimmervermieter wusste, was mit seinem Bein los war.

Madison zahlte, humpelte in den Korridor, der zum Waschraum führte, und betrat dort eine Telefonzelle. Er warf eine Münze in den Apparat und wählte eine Nummer, die er im Kopf hatte. Das Fernzeichen tutete monoton in sein Ohr. Er wollte schon wieder aufhängen, als sich eine atemlose Mädchenstimme meldete.

„Hallo?“

„Ich bin’s“, sagte er gedämpft, ohne seinen Namen zu nennen. „Bist du allein?“

„Ja. O Burt! Wo steckst du?“

„Wann waren sie das letzte Mal bei dir?“

„Wer, die Polizisten? Vor einer Woche. Sie stellten die üblichen Fragen, das war alles. Wie geht es dir?“

„Lausig. Ich muss für ein paar Tage untertauchen. Kann ich zu dir kommen?“

„Burt ...“

„Ja?“

„Ich habe Angst.“

„Immer noch?“

„Du hättest nicht anrufen sollen.“

„Was ist los? Das Schlimmste ist für dich vorüber. Nur ich sitze in der Patsche. Sie waren hinter mir her. Ich musste von einem Dach springen und habe mir den Fuß verknackst. Er ist geschwollen und muss gepflegt werden. Bandagiert!“

„Wo wohnst du?“

„Ich wechsle immerzu das Quartier. Es ist zu gefährlich, lange an einem Platz zu bleiben. Ich bin in einer halben Stunde bei dir.“

„Lieber Himmel, das ist gefährlich ...“

„Weiß ich. Aber vielleicht sehen wir Gespenster. Die Bullen müssen glauben, dass wir miteinander fertig sind. Ich wette, sie haben dich und deine Wohnung beschattet, monatelang. Ich habe mich bei dir nicht sehen lassen, ich habe mich nicht einmal heimlich mit dir getroffen. Vier Monate lang. Warum sollte ich ausgerechnet jetzt zu dir kommen?“

„Also gut“, seufzte sie. „Ich erwarte dich.“

 

 

2

Ellen Ferone ließ den Hörer sinken. Ihr Herz hämmerte. Es hatte einmal eine Zeit gegeben, wo sie geglaubt hatte, ohne Burt Madison nicht leben zu können. Seine Heiterkeit und seine lärmende Vitalität hatten ihr imponiert, er hatte ihr Herz im Sturm erobert, und sie war nur allzu bereit gewesen, seine Frau zu werden. Aber dazu war es nicht gekommen.

Zwei Männer hatten sterben müssen, Czilla und Porter.

Burt hatte ihren Tod miterlebt.

Er hatte fliehen müssen. Obwohl feststand, dass er keinen der beiden Männer erschossen hatte, belastete ihn der Vorwurf, in das Verbrechen verwickelt gewesen zu sein. In einen Doppelmord.

Jetzt saß Burt zwischen zwei Stühlen. Die Polizei fahndete nach ihm.

Das tat auch die Mafia.

Lieutnant Gerber hatte ihr, Ellen, das Versprechen abgenommen, sofort die Polizei anzurufen, wenn Burt sich meldete. Ellen war entschlossen gewesen, das Versprechen einzulösen, aber jetzt hatte sie nicht die Kraft, die Nummer des Lieutenants zu wählen.

Es klingelte an der Tür. Ellen schrak zusammen. Nein, das konnte nicht Burt sein, er hatte gerade erst angerufen. Ellen ging in die Diele und öffnete die Tür.

Vor ihr stand Gerber in einem dünnen, olivgrünem Wettermantel. In seiner Begleitung befand sich ein etwa dreißigjähriger Mann, vermutlich ein Kollege.

„Ist er hier?“, fragte Gerber.

Er musterte Ellen aus schmalen, wachen Augen, die es jedem Gegenüber schwer machten, ihrem Besitzer eine Lüge aufzutischen.

Ellen schwieg.

„Hat er angerufen?“, fragte Gerber.

„Er ist nicht hier, und er hat nicht angerufen“, sagte Ellen, die sich wunderte, wie ruhig und gelassen sie auf Gerbers Kommen zu reagieren vermochte.

„Wir hätten ihn um ein Haar geschnappt“, meine Gerber. „Er hat sich verletzt. Am Fuß. Es kann sein, dass er sich diesmal bei Ihnen melden wird. Sie vergessen doch nicht, was Sie mir versprochen haben?“

Ellen lächelte.

„Aber nein, Lieutenant. Ich stehe zu meinem Wort.“

„Wir wissen, dass er ein paar Wochen mit einem Strichmädchen zusammengelebt hat“, erklärte Gerber.

„Das haben Sie mir schon einmal erzählt.“

„Es kann nicht schaden, es zu wiederholen. Madison ist gefährlich. Er betrügt Sie mit anderen. Er ist ein Verbrecher. Vergessen Sie das nicht!“

„Ich denke daran.“

Gerber lächelte. Er konnte gelegentlich umwerfenden Charme entwickeln.

„Denken Sie vor allem an die Belohnung“, riet er. „Fünftausend Dollar!“

Er ging. Ellen schloss die Tür und trat ans Wohnzimmerfenster. Sie beobachtete, wie Gerber mit seinem Begleiter davonfuhr, dann ging sie ins Bad und überprüfte die Hausapotheke. Sie hatte ein paar Bandagen und sogar Wundsalbe vorrätig, das reichte fürs Erste, um Burt helfen zu können.

Es klingelte erneut. War Gerber zurückgekommen, weil er etwas vergessen hatte? Hoffentlich blieb er nicht zu lange, sonst lief Burt buchstäblich ins offene Messer.

Ellen öffnete die Tür. Vor ihr standen drei Männer. Sie sagten kein Wort, sondern stießen sie in die Diele und von dort ins Wohnzimmer. Ellen fiel zitternd in einen Sessel. Sie wusste sofort, was sie erwartete. Es war schließlich nicht der erste Besuch dieser Art, mit dem sie fertigwerden musste.

Das Ganze verdankte sie Burt. Plötzlich hasste sie ihn und bedauerte, Gerber beschwindelt zu haben.

Ein Blonder war der Wortführer. Er war mittelgroß, trug einen stahlgrauen Mohairanzug mit gepunkteter, roter Krawatte und erschreckte Ellen vor allem durch den Umstand, dass er mitten im Sommer Handschuhe trug. Das galt auch für seine Begleiter, die sich sofort daran machten, die übrigen Räume des Apartments zu durchstöbern. Keiner der Männer war älter als 35.

„Wo ist er?“, fragte der Blonde.

„Wer, Burt? Ich habe ihn seit Monaten nicht zu Gesicht bekommen“, erwiderte Ellen wahrheitsgemäß.

„Kann schon sein“, sagte der Blonde. „Aber das war nicht meine Frage, Schätzchen. Ich will wissen, wo Madison sich jetzt auf hält.“

„Ich weiß es nicht“, sagte Ellen. Auch das stimmte.

Der Blonde verzog seinen dünnen, blutleeren Mund zu einem Grinsen, dann schlug er zu. Seine flache Hand landete klatschend in Ellens Gesicht. Der jähe Schmerz und die Überraschung ließen sie blinzeln.

„Das ist nur der Auftakt“, sagte der Blonde. „Noch einmal von vorn, Schätzchen. Wo ist er?“

Ellen zitterte stärker. Sie hatte Burt geliebt, aber die wenigen schönen Stunden mit ihm waren längst überschattet worden von dem, was ihnen gefolgt war. Verhöre, Angst, ein Gefühl des Gejagtwerdens.

„Ich weiß es nicht“, wiederholte sie und hob unwillkürlich wie abwehrend den Ellenbogen vor ihr Gesicht. Die Reaktion half ihr nichts. Diesmal schlug der Blonde noch heftiger zu. Die Männer kehrten zurück.

„Nichts“, sagte einer von ihnen und lehnte sich an die Wand. Der andere schwieg, er bewegte kauend die Kinnladen. Keiner der Männer machte den Eindruck, innerlich engagiert zu sein. Ein Menschenleben bedeutete ihnen nichts. Die Schmerzen und die Angst einer jungen Frau ließen sie kalt.

Der Blonde zuckte mit den Schultern.

„Dreht sie durch die Mangel“, sagte er.

„Nein!“, schrie Ellen, von Terror überwältigt.

„Okay. Möchtest du reden?“, fragte der Blonde mit sanfter Stimme.

„Er kommt her, er ist auf dem Wege nach hier“, stieß Ellen hervor. Sie überschlug sich fast vor Eifer, die Furcht vor dem Zugriff der Gangster, vor Qual und Folter, machten sie zu einem Bündel schlotternder Angst.

„Ah“, sagte der Blonde. „Und wann?“

„In einer halben Stunde. Er hat angerufen.“

„Wann?“

„Vor zehn Minuten.“

Der Blonde grinste. „Eine hübsche Geschichte. Kommt wie aus der Pistole geschossen.“ Er schaute über seine Schulter. „Was haltet ihr davon?“

„Ein Haufen Blech“, meinte einer der Männer. „Sie will bloß Zeit gewinnen.“

„Okay“, nickte der Blonde. „Schafft sie raus!“

Ellen wollte schreien, aber dazu kam sie nicht. Einer der Männer presste ihr eine nach Schweiß und Leder riechende Hand auf den Mund. Ellen verspürte im Hals ein Gefühl würgender Übelkeit. Die Männer rissen sie hoch und zerrten sie ins Schlafzimmer. Ellen schrie nur ein einziges Mal, dann war Stille.

Der Blonde durchsuchte den kleinen Briefstapel auf der geöffneten Schreibklappe des Wohnzimmerschrankes. Er blickte über die Schulter, als er ein Geräusch hörte.

Einer der Männer war auf die Schwelle getreten. Er hob die Schulter und ließ sie wieder sinken. „Die ist hin“, erklärte er.

Der Blonde dreht sich um.

„Tot?“

„Max hat ihr einen kleinen Stoß gegeben. Sie ist blöd gefallen“, sagte der Mann.

Der Blonde ging ins Schlafzimmer und starrte auf das am Boden liegende Mädchen. Ihr unnatürlich verdrehter Kopf und die gläserne Starrheit des Blickes machten weitere Fragen überflüssig.

„Raus“, befahl der Blonde. Er hielt seine Begleiter in der Diele auf. „Was ist, wenn sie die Wahrheit gesagt hat?“, überlegte er laut. „Was ist, wenn Madison tatsächlich vorhat, sie aufzusuchen?“

„Er kann uns nicht entkommen, wir behalten den Hauseingang im Auge“, meinte einer der Männer.

Der Blonde nickte grimmig.

„Nicht nur den. Es könnte sein, dass Madison über ein paar Mauern klettert und den Hofeingang benutzt. Den übernimmst du, Glenn.“ Er grinste und öffnete die Tür einen Spalt breit. Im Treppenhaus war es ruhig. „Es ist besser, wir gehen einzeln weg“, fuhr der Blonde fort. „Niemand darf sich an uns erinnern. In der Gruppe würden wir auffallen.“

Sie verließen nacheinander die Wohnung. Der Blonde kletterte in eine blaue Pontiac Limousine und setzte den Wagen etwa einhundert Yards zurück. Dann wartete er auf den Mann, der dreißig Millionen Dollar versteckt hielt.

 

3

Burt Madison verließ das Taxi drei Häuserblocks vor der Bushwick Avenue. Er entlohnte den Fahrer und war überzeugt davon, dass ihm von diesem Mann keine Gefahr drohte. Trotzdem blieb Madison stehen und blickte wie suchend an einer Hausfassade hoch, ehe er sich entschloss, seinen Weg fortzusetzen. Er gab sich Mühe, nicht zu humpeln, aber das war einfach unmöglich, er konnte seinen Zustand lediglich kaschieren, indem er sehr langsam ging.

Er dachte an Ellen, an ihre Küsse, an die Leidenschaft ihrer Umarmungen. Er verspürte ein Kribbeln auf seiner Haut, er lächelte sogar. Er würde mit Ellen das Wiedersehen feiern, er und sie würden allen Gefahren trotzen und einander bestätigen, dass sie noch immer zusammengehörten, wie in alten Tagen.

Madison stoppte abrupt, als er das Heck des blauen Pontiacs sah. Er kannte den Wagen. Und er kannte den Blonden, der am Steuer saß.

Lou Lanza.

Madison trat in einen Hauseingang. Er zerdrückte einen Fluch zwischen seinen Zähnen. Die Burschen waren also immer noch am Ball. Damit musstest du rechnen, warf Madison sich vor. Die Beute ist einfach zu groß. Ehe sie sie nicht in ihren Besitz gebracht haben, gibt es für dich und Ellen kein Pardon.

Zum Glück konnte Lanza ihn nicht sehen, es sei denn, der Gangster drehte sich um oder behielt den Rückspiegel unterm Dachhimmel ausgerechnet in jenem Moment im Auge, wo er, Madison, erneut die Straße betrat.

Madison steckte sich eine Zigarette an. Er rauchte mit kurzen, nervösen Zügen. Ein paar Kinder tobten an ihm vorbei. Ein Junge blieb stehen und erkundigte sich nach der Uhrzeit. Madison nannte sie ihm, dann verließ er den Hauseingang und schleppte sich davon.

Er entfernte sich mit jedem schmerzhaften Schritt von Lanzas Wagen, aber es war ein scheußliches Gefühl, auf diese Weise behindert zu sein. Wenn Lanza ihn erkannte, gab es mit dem verletzten Fuß keine Fluchtchance.

Madison erreichte die nächste Kreuzung. Er wandte sich um. Lanza hatte mit dem blauen Pontiac seinen Platz nicht verlassen, er hatte also nicht bemerkt, was hinter ihm vorgegangen war.

Madison grinste unlustig. Er bog in die Liverstone Road ein und betrat kurz darauf die Telefonhaube einer Snackbar. Er wählte Ellens Nummer. Sie antwortete nicht.

Madison ließ das Telefon in Ellens Wohnung klingeln. Sie nahm den Hörer nicht ab. Er schaute beunruhigt auf seine Uhr. Er hatte sich angemeldet, Ellen erwartete ihn. Sie musste sich in der Wohnung befinden!

Nach einer halben Minute hängte er auf. Er setzte sich an den Tresen und trank zwei Biere. Neben der Kasse stand ein kleines, bonbonfarbiges Radio. Ein Nachrichtensprecher rasselte die letzten Ereignisse herunter. Der Name Madison fiel nicht. Danach eine Werbespot. Musik. Dann wieder Nachrichten. Ein Senator war ermordet worden, offenbar ein bekannter Mann. Madison schnippte mit den Fingern und wies auf sein leeres Glas. Der Barkeeper füllte es schweigend.

Madison sah ihm zu. Er wurde langsam ruhiger. In dieser Stadt passierte einfach zu viel, die Nachrichtensprecher konnten sich nicht damit aufhalten, jeden kriminellen Vorgang zu schildern. Sie beschränkten sich auf das Spektakuläre, auf Spitzenverbrechen. Im Übrigen war zweifelhaft, ob Gerber bereit war, die Nachrichtenmedien zu informieren. Schließlich hatte er einen gesuchten Mann durch die Lappen gehen lassen. Dem Lieutenant konnte nicht daran gelegen sein, seine Schlappe publik zu machen.

Madison trank das Bier und schaute auf die Uhr. Er hatte mehr als eine halbe Stunde am Tresen zugebracht. Er zahlte und begab sich nochmals unter die Telefonhaube. Auch diesmal hatte er kein Glück. Ellen meldete sich nicht.

Er verließ das Lokal, humpelte zur Kreuzung und stellte fest, dass der blaue Pontiac verschwunden war. Madison biss sich auf die Unterlippe. Er besaß immer noch einen Schlüssel zu Ellens Wohnung, hatte aber nicht den Mut, ihn zu benutzen. Er verspürte Hunger und bestellte in einer Pizzeria eine Portion Spaghetti. Ihm wurde bewusst, wie grotesk er sich verhielt. Er war ein Mann, der über Millionen verfügen konnte, und aß in einem Lokal, das nur von kleinen Leuten aufgesucht wurde. Er schaute sich prüfend um, er lächelte. Wenn diese Burschen wüssten, wer unter ihnen saß, ihnen würde der Bissen vermutlich im Halse stecken bleiben ...

Madison zahlte und ging. Er konnte kaum noch auftreten, die Schmerzen in seinem Fuß nahmen zu. Er beschloss, etwas zu riskieren, was ihm, da Lanza verschwunden war, nicht allzu schwer fiel. Vielleicht nahm Ellen nur deshalb den Hörer nicht ab, weil sie nicht gestört werden wollte und brav auf sein Kommen wartete.

Madison brauchte fast eine Viertelstunde, um das Apartment seiner Freundin zu erreichen. Er schloss die Tür auf und huschte in die Diele. Er drückte die Tür hinter sich zu und rief halblaut Ellens Name. Sie antwortete nicht.

Die Türen zum Wohn und Schlafzimmer standen offen. Er schaute zunächst ins Wohnzimmer, dann trat er auf die Schwelle zum Schlafzimmer. Sein Herz machte einen Sprung. Er fiel gegen den Türpfosten und musste sich daran festhalten. Übelkeit wallte in ihm auf.

„Ellen“, keuchte er. „Mein Gott, Ellen ...“

Er war seit vier Monaten auf der Flucht, gejagt von Polizei und Syndikaten, aber er hatte bis zuletzt das Gefühl gehabt, nicht allein zu sein. Der Gedanke an Ellen hatte ihm stets Mut gemacht, er war wie ein Motor gewesen.

Madison ging ins Wohnzimmer. Er setzte sich und starrte ins Leere, eine halbe Stunde lang. Das Stechen und Pochen in seinem heißen Fuß erinnerte ihn an seine Probleme. Er ging ins Bad und holte sich aus der Hausapotheke, was er brauchte. Nachdem er den Fuß gekühlt und gesalbt hatte, bandagierte er ihn. Während dieser Tätigkeit reifte in ihm ein Entschluss.

Madison ging ins Wohnzimmer und durchblätterte das Telefonbuch, dann wählte er die Nummer eines Privatdetektivs namens Bount Reiniger.

„Reiniger.“

Madisons Spannung löste sich. Die Stimme gefiel ihm. Sie gehörte einem Mann mit Persönlichkeit.

„Madison“, sagte er. „Burt Madison.“

„D e r Madison?“, fragte Reiniger.

„Ja. Ich habe einen Fall für Sie.“

„Sie sind selbst ein Fall.“

„Das ist meine Sache. Sind Sie frei?“

„Nicht für Sie, Madison. Ich habe keine Lust, meine Lizenz zu verlieren.“

„Ich helfe mir selbst“, sagte Madison. „Es geht um Ellen. Ellen Ferone. Sie war meine Freundin. Man hat sie getötet.“

„Was sagt die Polizei dazu?“

„Sie weiß es noch nicht“, erwiderte Madison. „Vor der Tat habe ich Lanza gesehen. Er saß in einem Wagen und beobachtete das Haus, in dem Ellen wohnt. Vermutlich hat er ein paar Komplizen bei sich gehabt. Ihm und seinen Leuten ist zuzutrauen, dass sie den Mord verübten.“

„Wo ist das Motiv?“, fragte Reiniger.

„Ich nehme an, Sie kennen meinen Fall. Man wirft mir vor, eine Ladung Heroin veruntreut zu haben. Gangster und Polizei glauben, dass Ellen meine Vertraute war und dass sie wusste, wo sich das Heroin befindet. Das Syndikat hat Ellen beschattet, die Leute haben lange Geduld gezeigt - aber heute ist bei denen offenbar eine Sicherung durchgebrannt. Kennen Sie Lanza?“

„Nein.“

„Er arbeitet für den Copelli-Mob.“

„Warum rufen Sie mich an?“

„Ich komme mit dieser Geschichte nicht ohne die Unterstützung eines Fachmanns klar“, meinte Madison. „Ich weiß genau, dass man versuchen wird, mich für Ellens Tod zur Verantwortung zu ziehen. Man wird behaupten, ich hätte sie getötet. Das Motiv ist leicht zu konstruieren. Ich wollte eine lästige Mitwisserin loswerden, ich wollte vermeiden, dass Ellen eines Tages die Fronten wechselt und zu meinen Feinden überläuft.“

„War es so?“

„Nein, zum Teufel! Ellen war mein Lebensinhalt, ich habe sie geliebt.“

„Wenn man Ihr Handeln zugrunde legt, kommt man eher zu einem gegenteiligen Schluss.“

„Ich bin nicht nur auf der Flucht vor der Polizei, ich laufe seit Monaten um mein Leben, weil sämtliche Syndikate dieses Landes und jeder kleine Süchtige hoffen, die Beute zu finden.“

„Damit mussten Sie rechnen.“

„Ich war ein Idiot. Ich hätte mich auf diese Sache nicht einlassen sollen. Aber ich hatte mich über meinen Chef geärgert und wollte ihm einen Denkzettel verpassen. Finanzieller Schaden konnte ihm dabei nicht entstehen - die Versicherung hätte den Diebstahl abgedeckt.“

„Ich kann nichts für Sie tun, Madison.“

„Finden Sie Ellens Mörder! Das Mädchen war nicht in die Sache verwickelt. Sie hat mein Handeln, aber nicht mich verurteilt. Sie wusste zu keinem Zeitpunkt, wo sich das Heroin befindet. Ich konnte es ihr schon deshalb nicht sagen, weil Ellen dieses Wissen gefährdet hätte.“

„Warum liefern Sie das Heroin nicht bei der Polizei ab?“, fragte Bount.

„Sie machen mir Spaß. Was hätte ich davon, wenn ich mir damit Straffreiheit verschaffe? Vor den Bullen habe ich keine Angst. Aber ich will mich nicht von den Syndikaten durch die Mangel drehen lassen. Die Gangster wollen meinen Skalp, um jeden Preis. Vor allem Copelli will das. Ich habe ihn um ein Millionengeschäft gebracht. So was lässt der nicht durchgehen. Natürlich könnte ich ihm das Pulver zuschieben, aber das würde mir nichts helfen. Copelli würde mich trotzdem abservieren lassen. Ich überlege jetzt, ob ich den Schnee frei verkaufe. Sie wissen schon, was ich unter 'frei' verstehe. Ich weiß, welche Risiken sich damit verbinden. Die Branche ist alarmiert. Man weiß, dass das Heroin früher oder später auftauchen wird - und ein paar Dutzend Bluthunde liegen auf der Lauer, um genau in dem Augenblick zuzuschlagen, wo ich verkaufen möchte. Man hat Köder ausgelegt. Einige habe ich als solche erkannt. Ich brauche Geld, um meine Flucht zu finanzieren. Aber vor allem geht es mir darum, Copelli fertigzumachen. Er hat Ellen auf dem Gewissen. Dafür muss er zahlen.“

„Wir können uns auf einen Kompromiss einigen“, sagte Bount.

„Kompromisse sind immer faul, aber lassen Sie hören, worum es geht.“

„Ich finde Ellens Mörder. Wenn es stimmt, dass Copelli den Killer bezahlte, haben wir eine gute Chance, ihn und sein Syndikat hochgehen zu lassen. Die Polizei wird mir mit tausend Freuden dabei helfen - auch das FBI. Ich stelle dabei aber nur eine Bedingung. Wenn Copelli auffliegt, trennen Sie sich von dem Heroin. Sie liefern es der Polizei aus.“

„Wissen Sie, was Sie da verlangen?“

„Sicher. Es ist für Sie die einzige Chance, einigermaßen heil aus dieser Geschichte herauszukommen.“

„Ich muss mir das überlegen. Ich rufe Sie noch einmal an. Was kostet ihr Engagement?“

„Zweihundert pro Tag. Spesen extra.“

„Sind Sie’n kleiner Copelli?“, maulte Madison.

„Es gibt ein paar Dinge, die sich nur mit Geld kompensieren lassen“, erklärte Bount. „Mein Office in der siebten Avenue. Eine schöne und tüchtige Sekretärin. Last but not least das Risiko, meinen Kopf beständig in die Schlinge stecken zu müssen. Es liegt an Ihnen, ob Sie meine Forderung akzeptieren.“

„Okay. Wie lange werden Sie brauchen, um Lanza zur Strecke zu bringen? Mann, zweihundert pro Tag! Dabei liefere ich Ihnen den Killer frei Haus!“

„Sie brauchen sich nur mit der Polizei in Verbindung zu setzen“, meinte Bount. „Die wird vom Steuerzahler entlohnt.“

„Keine Polizei“, meinte Madison. „Rufen Sie mich an?“

„Nicht nötig“, sagte Madison. „Ich akzeptiere Ihre Bedingungen. Fangen Sie sofort an! Ich setze mich regelmäßig mit Ihnen in Verbindung. Morgen erhalten Sie einen Umschlag mit tausend Dollar als Vorauszahlung. Okay?“

„Was ist das für Geld?“

„Es stammt nicht aus Heroinverkäufen. Genügt Ihnen diese Information?“

„Ja.“

„Was soll ich jetzt tun? Ich befinde mich in Ellens Wohnung. Das Mädchen liegt im Schlafzimmer ...“

„Erschossen?“, unterbrach Bount.

„Nein. Ich kann keine äußere Verletzung erkennen. Ihr Kopf ist so komisch verdreht. Es sieht aus, als habe man ihr ... als habe man ihr das Genick gebrochen“, sagte Madison mit einiger Mühe.

„Wie und wo kann ich Sie erreichen?“

„Hören Sie auf, so dusselige Fragen zu stellen. Ich bin für Sie nicht zu erreichen. Ich rufe Sie regelmäßig an. Wenn es Fragen gibt, können Sie sie mir bei diesen Gelegenheiten stellen.“

„Wo finde ich Lanza?“

„Mann! Für zweihundert am Tage werden Sie das wohl selbst herausfinden können. In der Unterwelt hört er auf den Namen L.L., das steht für Lou Lanza. Er ist ein Killer, Copellis rechte Hand. Was geschieht mit Ellen?“

„Verständigen Sie die Polizei! Kümmern Sie sich nicht darum, wie sie reagiert! Sagen Sie einfach, dass Sie die Tote in der Wohnung gefunden haben und Lou Lanza der Tat verdächtigen.“

„Lanza wird durch gekaufte Zeugen mit einem ‘Alibi' aufwarten. Er ist auf diese Weise nicht zu fassen“, meinte Madison.

„Das darf Sie nicht kümmern. Sie müssen bei der Wahrheit bleiben.“

„Okay, geht in Ordnung.“

Bount legte auf. June betrat das Office. Sie trug einen Jeansrock und ein weißes T-Shirt, das keinerlei Zweifel an den Vorzügen ihrer Figur erlaubte.

„Habe ich richtig gehört? Hast du mit Madison gesprochen?“, fragte sie und legte einen Brief zur Unterschrift auf den Schreibtisch.

„Burt Madison, ganz recht“, nickte Bount und sah erstaunt aus. „Hast du dich mit dem Fall beschäftigt?“

„Ich weiß nur, was in den Zeitungen steht. Es ist mir irgendwie unter die Haut gegangen.“

„Wieso?“, wunderte er sich.'

„Da ist ein Junge, der bis zu seinem zweiunddreißigsten Lebensjahr völlig konform gelebt hat, ein Mensch wie du und ich. Er ist Lastwagenfahrer, seine Zeugnisse sind okay, er ist allgemein beliebt, er hat ein Mädchen und will es heiraten, man hat Grund, ihm zu vertrauen. Plötzlich flippt er aus, buchstäblich über Nacht. Warum? Er hat sich über seinen Chef geärgert, sagt er, aber wahrscheinlicher ist wohl, dass er der Versuchung nicht widerstehen konnte, mit einem Schlag reich zu werden. Zwei Ganoven treten an ihn heran. Er soll sich von ihnen zusammenschlagen lassen, sobald er den Auftrag erhalten hat, eine bestimmte Ladung zu übernehmen. Die Ganoven wollen die Ladung kassieren. Der 'Überfall' soll vorgetäuscht werden, um Madison ein Alibi zu liefern. Dann geht etwas schief. Als die Geschichte in Szene gesetzt wird, tauchen ein paar Killer auf und schießen Madisons Komplizen ab. Madison schafft es, mit Wagen und Ladung zu türmen. Ihm dämmert, dass es mit der Ladung eine besondere Bewandtnis haben muss und dass es nicht nur um die Transistorradios gehen kann, die auf seinem Frachtbrief stehen. Er überprüft die Ladung und entdeckt das Heroin. Er taucht damit unter.“

„Ich kenne die Geschichte. Warum geht sie dir unter die Haut?“, fragte Bount.

„Bount! Da ist ein Junge, der ein normales, bürgerliches Leben geführt hat und durch einen vielleicht einmaligen Ausrutscher in den Strudel eines Verbrechens geriet. Jetzt ist er auf der Flucht, seit Monaten schon. Er wird von der Polizei gejagt und von den Gangstern. Die Geschichte hat die Runde gemacht. Praktisch ist jeder Kokser dieses Landes scharf darauf, Madisons Beute zu finden.“

„Ich weiß. Und Madison weiß es. Es lag an ihm, sich diesem Teufelskreis zu entziehen. Warum hat er sich nicht der Polizei gestellt?“

„Versetze dich in seine Lage! Ein Junge, der in der Woche bestenfalls zweihundert Dollar verdient, stößt auf ein Millionenvermögen. Er weiß, dass es Gangstern gehört, deshalb hat er keine Skrupel, es zu unterschlagen. Madison war dieser Versuchung einfach nicht gewachsen. Vielleicht hatte er auch Angst vor der Rache des Syndikats. Die Polizei wäre wohl kaum in der Lage gewesen, ihn davor zu bewahren.“

„Doch“, widersprach Bount. „Sie hätten Madison notfalls mit neuen Papieren, mit einer neuen Identität ausgerüstet. Immerhin geht es um Heroin im Handelswert von dreißig Millionen Dollar. Um das Gift aus dem Verkehr zu ziehen und um den Mann zu schützen, der eine solche Aktion ermöglicht, ist die Polizei zu allerhand Konzessionen bereit.“

„Aber die konnte und kann sie nicht garantieren“, meinte June. „Was hat er gewollt?“

„Seine Freundin ist ermordet worden. Ich soll den Killer finden. Eigentlich steht er schon fest. Ein Mann namens Lanza oder dessen Komplizen. Aber es wird schwer sein, den Gangstern die Tat nachzuweisen. Lanza und seine Leute gehören zum Copelli-Mob.“

„Oh“, hauchte June. „Hast du den Auftrag angenommen?“

„Ja. Ich habe eine Bedingung daran geknüpft. Wenn es mir gelingt, Täter und Hinterleute zur Strecke zu bringen, ist Madison verpflichtet, das Heroin abzuliefern.“

„Ich freue mich darauf, ihn kennenzulernen“, sagte June.

Bount unterschrieb den Brief.

Details

Seiten
112
Jahr
2021
ISBN (eBook)
9783738952827
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (März)
Schlagworte
ratten york detectives

Autor

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Titel: Vor Ratten kneift man nicht: N.Y.D. – New York Detectives