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Das Tagebuch der Zwillingsschwester

©2021 118 Seiten

Zusammenfassung

Es ist ein harter Schicksalsschlag für Clarisse, als der Arzt ihr mitteilt, dass ihre geliebte Zwillingsschwester Felicia unheilbar erkrankt ist und bald sterben wird. Die immer kühl wirkende Clarissa will nun alles tun, damit ihrer Schwester jeder Wunsch erfüllt wird, selbst dann noch, als sie selbst vor dem Nichts steht ...
Albert Wolf erwartet Clarisse bereits, weiß jedoch nicht, dass es ihre Zwillingsschwester Felicia ist, die vor ihm steht, als er den Abzug der Pistole kaltblütig durchzieht ...

Leseprobe

Table of Contents

Das Tagebuch der Zwillingsschwester

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Die Hauptpersonen des Romans:

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Das Tagebuch der Zwillingsschwester

Roman von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 118 Taschenbuchseiten.

 

Es ist ein harter Schicksalsschlag für Clarisse, als der Arzt ihr mitteilt, dass ihre geliebte Zwillingsschwester Felicia unheilbar erkrankt ist und bald sterben wird. Die immer kühl wirkende Clarissa will nun alles tun, damit ihrer Schwester jeder Wunsch erfüllt wird, selbst dann noch, als sie selbst vor dem Nichts steht ...

Albert Wolf erwartet Clarisse bereits, weiß jedoch nicht, dass es ihre Zwillingsschwester Felicia ist, die vor ihm steht, als er den Abzug der Pistole kaltblütig durchzieht ...

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Die Hauptpersonen des Romans:

Clarisse Cramer - verwöhnte Fabrikantentochter, steht von einem Tag zum anderen vor dem

Nichts.

Albert Wolf - wehrt sich gegen eine Erpressung auf seine Weise.

Ulf Mall - junger Arzt, ist zu derZeit, als er helfend eingreifen könnte, nicht zu Hause.

 

 

1

Clarisse Cramer fuhr elegant durch das schmiedeeiserne Tor. Es schloss sich wieder automatisch. Die Auffahrt zum Haus war lang und breit. Der gelbe Kies leuchtete in der Sonne wie mattes, unpoliertes Gold. An den Seiten standen hohe Pappeln. Die Spitzen wiegten sich leicht im Wind.

Clarisse hatte das Verdeck zurückgeschlagen. Ihr Haar flatterte im Wind. Sie liebte diesen Weg. Der Großvater hatte diese Allee anpflanzen lassen, und seit damals hatte sich nichts geändert.

Der Park war sehr groß, mit ausgedehnten Rasenflächen und ein paar Rosenbeeten. Sie liebten einfach die Weite. Richtige Gärtner hatten sie im Augenblick nicht. Aber es fanden sich immer Männer aus der Fabrik, die sich gern etwas nebenbei verdienten. Und man musste es ihnen lassen, sie verstanden es vorzüglich, alles in Ordnung zu halten.

Seit die Mutter nicht mehr lebte, achtete Clarisse auf alles, was im Park und in der Villa geschah.

Der Weg machte einen kleinen Knick. Nun lag das Haus. in voller Schönheit vor ihr. Immer bekam sie so etwas wie Herzklopfen, wenn sie es sah. Es war nicht Stolz oder Hochmut, nein, einfach nur Freude an seiner einmaligen Schönheit. Die Harmonie war vollkommen. Nicht zu wuchtig und protzig, wie man damals so gerne baute. Ganz schlicht, mit nur zwei kleinen Erkern und darauf die Türmchen. Die Mauern waren schneeweiß, und die Fenster reichten bis zum Boden. Meistens waren es weite Flügeltüren mit Butzenscheiben darin.

Durch den Rasen davor, im Hintergrund die hohen Blautannen und Blutbuchen, kam es voll zur Geltung. Dies war ihr Heim, hier war sie vor dreiundzwanzig Jahren zur Welt gekommen. Hier auf dem Rasen hatte sie mit Felicia und der Kinderfrau gespielt, herumgetollt. Hier hatten sie schon Feste gefeiert, von denen man in der Stadt noch heute sprach.

Clarisse stellte den Motor ab und streifte die Autohandschuhe herunter, schlug die Tür zu und ging auf das Haus zu. Damals, als die Großeltern noch lebten, da hatte es hier nur so von Personal gewimmelt. Aber die heutige Zeit war ganz anders. Sie war froh gewesen, daß sie eine Haushälterin bekommen hatte und dass die alte Köchin ihr weiterhin treue Dienste leistete. Sie würde bis zum Lebensende hierbleiben, auch wenn sie nicht mehr arbeiten konnte. Dann kamen morgens noch die Putzfrauen.

Um diese Zeit, es war kurz nach fünfzehn Uhr, lag das Haus wie ausgestorben da. Clarisse betrat die Halle und sah kurz nach oben. Aber auch auf der Marmortreppe war niemand zu sehen. Schnell fuhr sie sich einmal mit dem Kamm durch die zerzausten Haare, dann stieg sie die Treppe hinauf.

Dritte Tür links. Sie klopfte kurz an, trat dann sofort ein. Wie sie es geahnt hatte, fand sie hier ihre Zwillingsschwester Felicia vor. Diese lag auf dem breiten französischen Bett. Zart, durchsichtig, schmal, fast unwirklich. Auch jetzt, als sie sich halb umdrehte und Clarisse mit einem schwachen Lächeln begrüßte, wirkte sie matt und ohne Energie. Die Ähnlichkeit war frappierend, das stimmte. Und früher hatten sie damit so manchen Schabernack angestellt. Aber seit gut einem halben Jahr hatte sich Felicia verändert. Willenlos war sie eigentlich immer gewesen, und sie sagte nie nein. Sie protestierte auch nicht, als sie, Clarisse, die Hauptrolle in diesem Haus übernahm. Und dabei war Felicia die ältere. Allerdings betrug der Unterschied nur eine halbe Stunde.

Clarisse war Dolmetscherin, das heißt, sie hatte diesen Beruf erlernt, hatte aber nie Gebrauch davon gemacht. Eine Fabrikantentochter arbeitete eben nicht. Sie konnte Schwedisch und Norwegisch, Englisch und Französisch perfekt. Hin und wieder half sie dem Vater, wenn er ausländische Besucher hatte. Aber das war auch alles.

Felicia studierte Kunst, und ihr sehnlichster Wunsch war, einmal ein Museum führen zu dürfen. Doch, wie gesagt, seit einem halben Jahr hatte sie sich grundlegend verändert. Wenn sie, Clarisse, nicht aufgepasst hätte, hätte sie sich sogar vernachlässigt. Vom Studium ganz abgesehen.

Zuerst hatte die Schwester geglaubt, es sei der Tod der Mutter, den Felicia nicht überwinden konnte. Aber die Mutter war schon seit einem Jahr tot. Also hätte die Wandlung Felicias damals eintreten müssen und nicht erst ein halbes Jahr später.

Dann hatte sie Felicia rundheraus gefragt, ob sie vielleicht verliebt sei. Aber diese hatte nur den Kopf geschüttelt. Nein, das war sie auch nicht. Eigentlich war sie deswegen ein wenig enttäuscht gewesen. Der Vater hätte es nämlich gern gesehen, wenn wenigstens eine seiner Töchter geheiratet hätte, und zwar bald. Er wollte Enkelkinder haben. Dieser Wunsch war verständlich. Clarisse war die Herbe, Kühle, sie durchschaute die Männer sofort. Und bis jetzt hatte sie keinen gefunden, der nicht ihr Geld sah. Gewiss, sie war genauso schön wie ihre Schwester, aber sie konnte einfach nicht aufhören, daran zu denken, dass sie um des Geldes willen geheiratet würde. Und dann, hatte sie nicht noch viel Zeit?

Aber Felicia, sie war zum Lieben geboren, sie war weich und zärtlich, anschmiegsam. Sie brauchte einfach Liebe, das Verwöhntwerden. Eine Schulter, an die sie sich lehnen konnte, einen Menschen, der ihr alles abnahm, sich um sie kümmerte. Sie verschenkte Liebe in verschwenderischer Weise, aber zu mehr war sie auch nicht fähig.

Clarisse war es im Augenblick, die diese beschützende Rolle bei ihr übernommen hatte.

Dass Felicia trotzdem noch keinen Liebsten hatte, daran war die Kunst schuld. Sie ging so in ihren Studien auf, dass sie die Umwelt um sich herum einfach vergaß.

Und jetzt sollte alles aus sein? Mitten im Semester war sie nach Hause gekommen, hatte gesagt: »Ich fühle mich so müde, ich glaube, ich muss mich ein paar Tage ausruhen.“ Clarisse hatte sich gefreut.

Aber aus den drei bis vier Tagen, wie sie zu Anfang gedacht hatte, waren jetzt Monate geworden. Den halben Tag lag sie hier oben in ihrem Zimmer, oder sie lag im Garten in einem Liegestuhl.

»Du bist schon wieder zurück?«, sagte Felicia mit ihrer glockenhellen Stimme.

»Ja, ich hatte ein paar Besorgungen zu machen. Wie geht es dir?«

»Gut!«

»Hast du getan, was ich dir gesagt habe, Felicia?«

»Ja«, sagte sie gehorsam.

»Du warst also bei Ulf Mall?«

»Ja, du hast doch gesagt, ich solle hingehen. Und da bin ich auch gegangen.«

»Was hat er dir gesagt? Ich meine, hat er dir etwas aufgeschrieben?«

»Ich weiß nicht«, sagte sie schwach. »Ich glaube, er hat gesagt, er würde dich heute noch anrufen. Du weißt doch, ich bin in letzter Zeit so vergesslich.«

»Ich werde dir gleich deinen Tee bringen, Felicia. Bleib nur liegen!«, sagte die Schwester.

»Du bist so gut zu mir«, meinte Felicia, aber es klang so schwach, so farblos, dass Clarisse es kaum vernahm. Die Gardinen bauschten sich im Wind zu einem Segel.

Nachdenklich stieg sie die Treppe hinunter. Sie war also bei Ulf gewesen. Sein Vater war ebenfalls Fabrikant. Sie kannten sich seit ihrer frühesten Kindheit. Nicht sehr weit von ihrem Grundstück entfernt stand die Villa seiner Eltern. Ulf war der zweite Sohn und würde somit nicht die Fabrik leiten. Er hatte Medizin studiert. Jetzt hatte er schon seit ein paar Jahren eine Praxis. Er war schon über dreißig, und man sagte, er sei ein sehr guter Arzt

Sie hatte vor ein paar Tagen mit ihm telefonisch über Felicia gesprochen. Sie wollte jetzt endlich wissen, was mit der Schwester los war. Und er hatte sie gebeten, Felicia zu ihm zu schicken. Nun war sie also bei ihm gewesen.

»Nun gut«, murmelte sie halblaut vor sich hin. »Jetzt werden wir endlich wissen, wie wir diese Müdigkeit aus ihr heraustreiben können. Das ist doch nicht mehr normal!«

In der Küche brühte sie eigenhändig den Tee auf. Nach dem Mittagessen hatte das Personal immer frei. Jeden Tag. Clarisse wusste, dass man ihre Arbeit anerkennen musste. Jeder brauchte so etwas wie ein Eigenleben. Den Tee und das Abendbrot bereitete sie immer selbst zu. Es machte ihr sogar Spaß. Sie arbeitete gerne. Wäre sie nicht die Tochter eines reichen Mannes, wäre sie jetzt längst schon verheiratet gewesen und hätte ein paar Kinder gehabt. Und seltsamerweise hätte ihr die Arbeit bestimmt Spaß gemacht. Sie war kein verwöhntes Zierpüppchen, nein, das konnte man vielleicht von Felicia sagen. Sie war Vaters Lieblingstochter. Die Schwester war ein wenig schwächer und zarter gewesen. Nie so robust wie sie, Clarisse. Und oft hatten die Eltern zu ihr gesagt: »Du bist unser Sohn, Clarisse. Ein Junge hätte nicht wilder sein können als du.«

Alice und Karl Cramer hatten keinen männlichen Erben. Nur die beiden Töchter. Sie hatte nie herausgefunden, ob der Vater darunter litt. Seiner Frau gegenüber hatte er nie eine Andeutung gemacht. Alice Cramer war wie Felicia gewesen, schwach, nachgiebig und zärtlich. Clarisse hatte alles vom Vater mitbekommen. Seine Kämpfernatur, sein Durchsetzungsvermögen und seine Ausdauer.

Inzwischen kochte das Teewasser. Sic brühte den Tee, bestrich ein paar Toastbrote mit Butter, stellte alles auf ein kleines Tablett und brachte es der Schwester.

Felicia lag im Halbschlummer.

»Du musst etwas essen, Felicia«, sagte sie weich und fasste sie an der Schulter.

Felicia öffnete ihre Augen.

»Ach, du bist es!«

»Ja, bitte trink den Tee, solange er noch heiß ist, ja?«

»Ja«, sagte sie leise.

Clarisse konnte sie nicht mehr ertragen, diese Schwäche. Felicia war nur noch ein Schatten ihrer selbst. Hastig verließ sie das Zimmer der Schwester.

Auf dem Gang blieb sie unwillkürlich vor einem Spiegel stehen. Sie beide hatten die gleichen grauen Augen und das dunkelbraune Haar. Es war leicht gewellt und wirkte manchmal fast schwarz. Einige Leute glaubten, sie würden es sich färben lassen. Aber das stimmte nicht. Das hatten sie gar nicht nötig.

Aber jetzt betrachtete sie nicht ihr Haar, sondern ihr Gesicht. War sie vielleicht auch schon so blass und farblos wie die Schwester? Nein, sie hatte noch ihre roten Wangen, und die Lippen waren auch nicht blutleer.

Warum gab Felicia sich nicht einen Ruck? Clarisse glaubte jetzt allen Ernstes, dass ihre Schwester nicht mehr wollte. Sich einfach gehenließ. Und wer das tat, der wurde dann wirklich krank. Zum Donnerwetter, dachte sie wütend. Was will sie damit bezwecken? Hat sie vielleicht Angst vor den Prüfungen? Glaubt sie, dass sie dem Studium nicht gewachsen ist? Aber zum Teufel, dann braucht sie sich doch nicht in eine Krankheit zu flüchten. Sie wären doch reich genug. Sie würde zu Hause bleiben und sich ganz privat der Kunst hingeben. Niemand würde etwas davon erfahren, dass sie es nicht geschafft hatte. Man würde einfach sagen, sie hätte keine Lust mehr gehabt. Das Kunststudium hätte ja auch nur als Hobby angesehen werden können.

Sie war schon drauf und dran, ins Zimmer zurückzugehen, sie bei den Schultern zu rütteln. Aber war das richtig? Konnte man jemandem seinen Willen aufpfropfen?

»Ich werde mit Vater darüber reden«, murmelte sie leise vor sich hin.

Sie nahm sich selbst eine Tasse Tee und setzte sich in den Salon. Danach steckte sie sich eine Zigarette an und blickte sinnend auf den weiten grünen Rasen. Schade, dachte sie, es wäre hübsch, wenn Feli schon verheiratet wäre und Kinder hätte. Sie hätten dort herumtollen können. Leben wäre in dieses Haus gekommen. Und wenn das junge Paar nicht mit uns zusammenleben wollte, so hätten zumindest die Kinder uns oft besuchen kommen müssen. Komisch, wie sehr ich Kinder liebe, das fällt mir erst jetzt auf. Aber dass sie selbst heiraten könnte, daran dachte sie keinen Augenblick.

Nervös stand sie auf und ging unruhig hin und her.

»Ich werde so lange warten, bis ich Ulf gesprochen habe, dann weiß ich, was ich zu tun habe.«

Jetzt fühlte sie sich ein wenig ruhiger. Schon war sie drauf und dran, ihn anzurufen. Aber dann sagte sie sich: Er ist Arzt und hat eine Praxis. Ich kann ihn nicht einfach stören. Auch wenn wir Nachbarn und gute Freunde sind.

In der Stadt selbst, da war es anders. Sie brauchte nur anzurufen, und man tat alles, was sie verlangte. Gab doch die Fabrik Arbeit für viele Menschen. Und dann hatte man auch nicht vergessen, dass die Eltern und auch die Großeltern in den beiden Kriegen sehr viel für die Leute getan hatten. Damals war die Stadt noch ein großes Dorf gewesen, und die Eltern hatten alles eingesetzt, damit die Bevölkerung Kohlen für die Herde bekam. Sie hatten Stoff, der für Inlett gedacht war, umgefärbt und hatten Anzüge für die Kinder daraus genäht. Und vieles mehr. Auch mit Geld hatten sie geholfen. Das Gleiche hatten natürlich die Malls auch getan. Nein, man vergaß nicht so schnell.

Der Abend senkte sich über den Park. Über den Pappeln hing die untergehende Sonne wie ein riesiger Luftballon. Aber sie hatte jetzt nicht mehr die ganze Kraft.

»Er soll endlich anrufen«, sagte sie laut in die Stille hinein. Und als hätte das Telefon den Befehl verstanden, begann es zu läuten. Für einen Augenblick war sie verdutzt und starrte den weißen Apparat verblüfft an. Dann hob sie den Hörer ab.

»Ja, hier Clarisse Cramer!«

»Ich bin es, Ulf. Mein Wartezimmer ist gerade leer, und da wollte ich dich anrufen.«

»Grüß dich, Ulf«, sagte Clarisse. »Felicia hat mir schon gesagt, dass du mich anrufen würdest.«

»Ja, hat sie?«

Dann war einen Augenblick lang Stille.

»Bist du noch da, Ulf?«

»Selbstverständlich.«

»Was ist denn jetzt los mit Felicia? Langsam geht sie mir auf die Nerven, weißt du. Wie Mutter. Einfach keinen Mumm in den Knochen. Du kannst ihr doch helfen? Ich meine, wenn wir beide uns zusammentun, müssen wir sie doch wieder hochkriegen. Ich werde ihr schon den Willen einpusten.«

»Halt, Clarisse, nicht so schnell! Du redest immer noch wie ein Wasserfall. Sag mal, würde es dir etwas ausmachen, zu mir zu kommen?«

Clarisse war verblüfft.

»Zu dir in die Praxis?«

»Ja, in einer halben Stunde schließe ich. Ich werde auf dich warten.«

»Aber warum denn?«

»Wegen Felicia. Am Telefon spricht es sich nicht so gut, weißt du. Außerdem ...« Er brach ab.

Clarisse dachte nach.

»Gut«, sagte sie zögernd. »Ich komme vorbei. Ich muss noch mal in die Stadt, ich habe etwas vergessen.«

»Wo ist Felicia jetzt?«

»Sie liegt wie üblich oben in ihrem Bett.«

»Lass sie liegen«, sagte er sanft.

Die Leitung war tot.

Clarisse hatte sich noch nie so seltsam gefühlt. Ulf Mall war so kurz angebunden gewesen. Zuerst wollte sie zurückrufen und ihm die Meinung sagen. Aber dann überlegte sie und lachte leise auf. Er war halt Arzt, viel beschäftigt und hatte sich wahrscheinlich deshalb diese kurze Tonart zugelegt.

Wie lange hatten sie sich schon nicht mehr gesehen? Seit Mutters Tod, dachte sie weiter. Richtig, da waren sie alle hier gewesen. Und dann hatten wir Trauer und konnten keine Feste geben und keine besuchen.

Ulf war ein Filou und auch ein Schürzenjäger. Sie wusste es und zog ihn oft deswegen auf. Aber er lachte nur erheitert auf und meinte fröhlich: »Ich stoße mir halt die Hörner nur ab, Clarisse, und wenn ich ganz brav und sanft bin, dann heirate ich dich.«

»Du, du glaubst auch wirklich, ich nehme dich dann noch?«

Er hatte dann mit den Augen gezwinkert.

»Noch? Also möchtest du mich jetzt wohl schon ganz gerne, wie?«

Da war sie richtig wütend geworden.

»Hör auf, solchen Unsinn zu reden, Ulf! Sonst glaubt man es womöglich noch.«

Er hatte sie nur heiter angeblickt und gesagt: »Weißt du, Clarisse. ich will dir ein Geheimnis anvertrauen.«

Und sie war wieder einmal darauf hereingefallen.

»Ja?«, hatte sie gefragt.

»Ich habe Angst vor dir, Clarisse. Das ist der Grund, hörst du. Ich muss mir erst Mut machen.«

Hätten Blicke töten können, wäre er in diesem Augenblick mausetot vor ihr auf den Teppich gefallen. Das war eben das Schlimme an Ulf, man wusste einfach nicht, meinte er es ernst oder war alles nur ein Spaß, wohlverstanden für ihn. Aber er hatte sie nur lachend abgewehrt.

»So«, hatte sie ihm wütend geantwortet. »Wenn das so ist, so nimm doch Felicia! Sie sieht aus wie ich und ist sehr sanft.«

»Eben«, meinte er lachend. »Die ist mir zu sanft. Du bist mir zu kratzbürstig. Ihr hättet Drillinge werden müssen, dann wäre die dazwischen bestimmt die Richtige für mich.«

Wie hatte er sich über ihr Gesicht amüsiert.

»Lass dir eine Frau backen!«, hatte sie ihm grob geantwortet.

Ja, und dann war die Mutter gestorben, und seitdem hatten sie keine Gelegenheit mehr gehabt, sich zu necken. Und jetzt sollte sie zu ihm kommen.

»Wenn das nur der Grund ist«, murmelte sie vor sich hin, »dann soll er mich kennenlernen. Ich bin kein kleines Gänschen mehr. Jetzt kann ich zurückschlagen.«

Sie ging noch einmal nach oben. Felicia lag schon wieder im Halbschlummer. Diesmal weckte sie die Schwester nicht, sondern schrieb nur ein kleines Zettelchen und lehnte dieses gegen die Teekanne. So würde sie wissen, dass sie nicht im Haus war, und sich nicht sorgen.

Danach ging sie nach unten, musterte sich noch einmal kurz im Spiegel. Sie konnte ruhig so ausfahren. Sie nahm die Wagenschlüssel, verschloss die Eingangstür und bestieg ihren Sportwagen.

Diesmal brauste sie die Allee hinunter. Als sie über eine Platte fuhr, öffnete sich das Tor, und wenig später fuhr sie der Stadt entgegen.

Bald hatte die Stadt die beiden Villen erreicht. Immer weiter schoben sich die Häuser vor. Aber der Park war groß genug, so dass sie von dem Lärm verschont bleiben würden.

Zum ersten Mal betrat sie Ulf Malls Praxis. Bewusst hatte sie Felicia zu ihm geschickt. Ihr Hausarzt war schon alt, obwohl der Vater ihn sehr lobte und auch wünschte, dass seine Töchter zu ihm gingen. Von diesem kleinen Besuch würde er nichts erfahren. Und wenn, dann konnte sie noch immer sagen, dass er rein freundschaftlicher Natur gewesen sei. Weil sie sich schließlich kannten und zudem noch Nachbarn waren.

Mall war allein. Seine Sprechstundenhilfe war schon nach Hause gegangen. Eine leere Praxis sieht immer irgendwie lähmend aus.

So war er es selbst, der ihr die Tür öffnete. Clarisse fragte sich, warum er sie ausgerechnet in die Praxis bestellt hatte. Konnten sie sich denn nicht an einem gemütlicheren Ort treffen?

Wie fröstelnd zog sie die Schultern hoch. Sie selbst war noch nie krank gewesen, von den kleinen Erkältungen abgesehen. Einen Augenblick hatte sie gedacht, er würde über sie sprechen. Alte Erinnerungen aufwärmen. Aber wider Erwarten sah er sehr ernst aus. Oder machte das nur der weiße Kittel? Unwillkürlich spürte sie, in diesen Sekunden und Minuten war er nur Arzt.

»Hier bin ich, wie befohlen«, sagte sie leicht spöttelnd. »Und was hat der hohe Gebieter mir jetzt zu sagen?»

»Setz dich bitte!«

Sie nahm den harten Lehnstuhl.

»Möchtest du rauchen?«

»Hör mal, Ulf, bitte, komm endlich zur Sache! Ich bin nicht zu einem Pläuschchen gekommen.«

»Immer noch die alte«, murmelte er geistesabwesend.

Sie hatte es gewusst. Schon stand sie auf dem Sprung. Diesmal würde sie ihn treffen. Aber ehe sie ihm eine beißende Antwort geben konnte, sagte er mit dunkler Stimme: »Du musst deine Schwester dahin bringen, dass sie ins Krankenhaus geht.«

Sie starrte ihn mit ihren schönen grauen Augen an.

»Wie bitte?«

»Du wirst es tun, nicht wahr?«

»Ins Krankenhaus? Warum denn?«

»Ich möchte sie dort gründlich untersuchen lassen, darum. Ich möchte noch ein weiteres Urteil einholen.«

»Ach so. Nun denn, dann werde ich sie in der Privatklinik von Doktor Raven anmelden.«

Er schüttelte den Kopf.

»Nein, Clarisse, entschuldige, wenn ich dir widerspreche. Sie muss ins Krankenhaus, besser noch in die Klinik unserer Kreisstadt. Raven hat nicht die Einrichtungen, die Felicia jetzt benötigt.«

War die Sonne jetzt endgültig untergegangen? Lag das Zimmer im Osten? Oder warum wurde ihr so plötzlich kalt?

»Ulf!« Ihre Stimme klang gepresst. »Du sollst mir endlich sagen, was los ist. Ich will die Wahrheit wissen.«

Mall stand auf, stellte sich ans Fenster und verschränkte die Arme auf dem Rücken. Er sah sie durchdringend an. Sie gab diesen Blick zurück.

»Clarisse, du bist ein rätselhaftes Wesen. Einer anderen Frau würde ich es nicht sagen, aber ich glaube, du bist kalt, sehr kalt, und wirst also alles verkraften, was dir das Leben noch zu bieten hat. Du kennst keine Schwäche, du wirst nicht unter dem Wissen zusammenbrechen. Felicia leidet unter akuter Leukozytose.«

Clarisse fühlte sich, als hätte sie einen Schlag erhalten. Aber in ihrem Gesicht regte sich nichts. Der Mann dachte schon, sie habe nichts begriffen.

Clarisse hob den Kopf, sah ihn an. Ihre Blicke krallten sich ineinander fest. Es war der Mann, der seine Augen niederschlug. Das Mädchen saß da, starr und reglos.

»Nein!«

Sie konnte also noch sprechen. Dieses Nein war so kalt, so entsetzlich nüchtern ausgesprochen worden. Dem Arzt klang es in den Ohren nach. Wie ein Todesurteil, dachte er unwillkürlich. Besitzt sie denn überhaupt kein Herz?

»Ich irre mich nicht«, sagte er kühl. Sie blickte auf ihre Hände. »Die Krankheit muss nicht immer schlagartig ausbrechen, sie ist oft schleichend. Mit Blässe und Mattigkeit beginnt sie.«

»Kann sie in der Klinik geheilt werden?« Ihre Stimme klang tönern.

Ulf steckte sich eine Zigarette an.

»Sie müsste mit Glukokortikoiden und Zytostatika behandelt werden. Das eben kann nur die Klinik machen. Aber das größte Risiko bei jeder akuten Leukämie besteht in einer schweren Infektion oder einer akuten thrombozytopentischen Blutung. Dem setzt man eine Menge Medikamente entgegen und auch Transfusionen.«

»Wie hoch sind ihre Überlebenschancen?

»Bei dieser Behandlung können die Patienten ein bis zwei Jahre am Leben bleiben. Aber es gibt zuverlässige Berichte über Einzelfälle mit einer Überlebenszeit von acht bis zehn Jahren.«

»Bitte, gib mir jetzt eine Zigarette!«

Für den Arzt schien dies die einzige menschliche Regung an dem Mädchen zu sein.

»Bitte«, sagte er und reichte ihr die Schachtel.

Ihre Hände zitterten nicht, als sie die Zigarette herauszog. Das Feuerzeug flammte auf. Sie sog den Rauch tief in die Lungen.

»Ich sage dir das alles nur deswegen so ausführlich, weil ich deine Hilfe brauche, Clarisse. Felicia kann ich es nicht sagen. Aber sie wird mir Fragen stellen, wenn ich sie ins Krankenhaus einweise. Jetzt musst du dir irgendetwas ausdenken. Schließlich kennst du deine Schwester am besten. Irgendetwas wird dir schon einfallen. Du weißt jetzt, dass es höchste Zeit wird. Warum ist sie nur nicht früher gekommen?«

Clarisse drückte ihre Zigarette aus.

»Hätte man sie dann noch retten können?«, fragte sie mit herber Stimme.

Ulf Mall schwieg lange.

»Ich weiß es nicht. Die Wissenschaft macht ja jeden Tag Fortschritte. Eines Tages wird auch diese Krankheit ihren Schrecken verloren haben.«

Clarisse erhob sich. Merkwürdigerweise versagten ihr die Beine den Dienst nicht, obwohl sie selbst nun keine Kraft mehr in sich fühlte, nachdem sie die Diagnose des Arztes kannte.

»Ich danke dir für deine Offenheit.«

Mall gab ihr einen Umschlag.

»Hier sind die Unterlagen für die Klinik. Ich habe auch einen Brief für den Professor beigelegt. Man wird Felicia sofort aufnehmen.«

Sie blickte den weißen Umschlag an. So sieht also ein Todesurteil aus, dachte sie, und Kälte kroch in ihr hoch. Mit steifen Knien ging sie zur Tür.

Ulf Mall sagte: »Auch eine Klinik hat eine Privatstation.«

Als wenn das jetzt noch wichtig wäre, dachte sie und würgte. Aber dann fiel ihr ein Satz von Ulf ein. Irgendwann vor langer Zeit hatte er ihn einmal zu Freunden gesagt: »Clarisse ist ein Luxusgeschöpf. Sie glaubt, wenn sie von ihrem Piedestal runterstiege, bräche sie sich ein paar Knochen.«

Tränen schossen ihr in die Augen. Sogar jetzt konnte er nicht aufhören, sie zu quälen. Hastig öffnete sie die Tür und eilte hinaus.

Der Arzt stand oben am Fenster und sah sie in ihren Wagen steigen.

»Wie kann man nur so kalt sein«, murmelte er. »Und das ist doch die eigene Schwester. Hat sie denn überhaupt kein Gefühl? Oder ist sie vielleicht sogar froh, dass es so gekommen ist? Bald wird sie Alleinerbin sein, und dann kann sie wirklich herrschen.«

Clarisse wusste später nicht mehr zu sagen, wie sie nach Hause gekommen war.

 

 

2

Als sie heute zum zweiten Mal die Allee durchfuhr, da war ihr, als sei zwischen dem ersten Mal und jetzt eine Ewigkeit vergangen. Sie hielt das Lenkrad umkrampft und starrte nach vorn durch die Scheibe. Das Haus kam in Sicht. Der Vater war noch nicht da. Wie ausgestorben lag das Gebäude in der Abendsonne.

Mechanisch setzte sie Fuß vor Fuß. Dann war sie im Haus, sie ging in den Salon. Nichts hatte sich verändert. Warum sollte es auch?

Dort war das breite, kostbare Sofa, davor der zierliche Tisch. Hier hatte die Mutter so gern gesessen. Als Kinder wussten sie das und waren mit ihren kleinen Kümmernissen immer zu ihr in den Salon gelaufen. Dann halten sie den Kopf in Mutters Schoß gewühlt und geweint. Danach war dann für sie die Welt wieder in Ordnung gewesen. Aber Mutter war tot. Lag in der Gruft auf dem Friedhof.

Clarisse brach in die Knie. Fassungslos weinend fiel sie auf das Sofa. Sie hatte noch nie so bitterlich geweint, so herzzerreißend. Es brach aus ihr heraus, und ihr ganzer Körper wurde geschüttelt. Sie fühlte Schmerzen, aber sie hörten nicht auf. Der dicke Kloß, der ihre Kehle zupresste, sollte fortschwimmen mit den Tränen. Aber er wollte nicht verschwinden.

Lange, lange weinte sie. Es war inzwischen ganz dunkel geworden. Gebrochen an Leib und Seele, raffte sie sich endlich auf und schleppte sich ins Badezimmer. Ihr Gesicht wirkte verquollen.

»Felicia muss sterben!« Die Worte standen im Raum und erdrückten sie.

»Aber sie darf nicht sterben!« Heiß und inbrünstig wurden diese Worte hervorgestoßen.

Ein Leben ohne die Schwester konnte sie sich gar nicht vorstellen. Sie waren immer zusammen gewesen. Immer! Felicia brauchte sie doch, und sie brauchte in gewisser Weise auch Felicia.

»Sie darf mich nicht verlassen. Gott kann nicht so grausam sein. Felicia darf nicht sterben.«

Keuchend lehnte sie die heiße Stirn gegen das kalte Glas. Und hier in dem kalten Bad, da schwor sie sich, um Felicias Leben zu kämpfen. Sie wollte sie nicht aufgeben. Wie eine Löwin um ihr Junges kämpft, so würde sie um die Schwester kämpfen. Nie würde sie aufhören, daran zu glauben, dass alles ein Irrtum war.

Ein Geräusch erschreckte sie. Draußen war ein Auto vorgefahren. Der Vater war heimgekommen. Obwohl sie einen Direktor für die Fabrik hatten, war er doch auch immer im Betrieb. In letzter Zeit noch häufiger als sonst. Wenn sie ihn danach fragte, warum er sich keine Ruhe gönne, dann winkte er nur ab und murmelte: »Das verstehst du nicht, Kind!«

Sie hatte dann gelacht und gesagt: »Aber Vater, ich bin jetzt dreiundzwanzig, also kein Kind mehr.«

»Deine Mutter hat sich nie um Geschäfte gekümmert. Sie verstand nichts davon. Frauen verstehen eben nichts von der Männerwelt.«

Der Vater war eben noch vom alten Schlag. So etwas wie ein Patriarch. Oder vielleicht auch nicht? Wusste sie überhaupt, wie ihr Vater wirklich war? Was tat er auf den vielen Reisen? Nie sprach er darüber. Auch als die Mutter noch lebte, war er oft allein fortgefahren. Sie hatte dann geseufzt: ,Seine Geschäfte.’

Clarisse dachte aber jetzt nicht mehr über ihren Vater nach, sondern stand im Bad und sagte sich: Ich muss es ihm sagen. Er hat ein Recht darauf. Er muss es wissen.

Mit viel kaltem Wasser hatte sie ihr Gesicht wieder in Ordnung gebracht. Nun sah man die Tränenspuren nicht mehr. Als sie aus dem Badezimmer trat, kam der Vater gerade herein.

»Du hast deinen Wagen noch draußen stehenlassen«, sagte er vorwurfsvoll. »Ich bin kaum in die Garage gekommen.«

»Entschuldige, ich fahre ihn gleich hinein.«

Mit den Akten, die er unter dem Arm trug, ging er sofort in sein Arbeitszimmer.

»Gibt es bald Abendbrot?«

Daran hatte sie die ganze Zeit nicht gedacht. Und sie hätte auch keinen Bissen hinuntergebracht.

»Vater«, sagte sie leise. »Ich muss mit dir sprechen.«

»Muss das wirklich heute sein? Ich bin müde und ausgelaugt. Am liebsten möchte ich heute früh zu Bett gehen, aber ich muss noch arbeiten.«

»Es muss sein, Vater. Es ist sehr wichtig.«

»Noch vor dem Essen?«

»Ja, Vater.«

Er kannte seine Tochter Clarisse zu gut. Sie war so starrköpfig wie er selbst. Wenn sie sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, duldete sie keinen Aufschub mehr.

»Nun schön, dann komm mit!«

Sie ließ ihn an seinem pompösen Schreibtisch Platz nehmen. Clarisse selbst lehnte erschöpft an der Tür. Sie wusste, wenn sie es ihm auch sagte, Hilfe konnte sie von ihm nicht erwarten. Sie musste diesen Schicksalsschlag allein überwinden.

»Vater, Felicia hat Leukämie!«

Fassungslos blickte der Mann auf.

»Nein«, sagte er ganz verwirrt.

»Ja, Vater. Ich habe es heute vom Arzt erfahren. Sie muss sofort in die Klinik.«

»Clarisse«, stammelte der Vater, »weißt du auch, was das bedeutet?«

Sie sah ihn totenblass an.

»Das ist ihr Todesurteil«, flüsterte er. »Aber doch nicht meine Felicia! Sie doch nicht! Niemals, nicht mein Kind. Wir haben doch alles für sie getan. Nichts ausgelassen. Felicia kann doch nicht solch eine schreckliche Krankheit haben. Das ist nicht wahr!«

»Doch, Vater.«

Plötzlich weinte er wie ein kleines Kind.

»Ich ertrage es nicht. Das ertrage ich einfach nicht. Das auch noch. Das gibt mir wirklich den Rest. Ich kann das nicht mehr. Mein Herz!«

Er sprach so verworren. Clarisse verstand ihn nicht. Viel später erst sollte ihr ein Licht aufgehen. In diesem Augenblick hatte sich der Vater ihr offenbart, aber sie hatte es nicht gewusst.

»Wird sie bald sterben?«

»Ulf Mall sagt, sie könne bis zu zwei Jahren leben, und es gibt auch Fälle, bei denen die Patienten bis zu acht Jahren noch am Leben bleiben.«

Er hatte die Hände vor das Gesicht gelegt und weinte. Clarisse ging zu ihm, legte ihre schmale Hand auf seine Schulter.

»Vater, du musst dich fassen. Wir dürfen Felicia nichts merken lassen. Hörst du? Felicia darf nicht einen Augenblick lang spüren, dass wir etwas wissen, was sie nicht weiß. Sie soll bis zum letzten Augenblick glücklich bleiben, hörst du? Wenn wir auch nicht mehr viel für sie tun können, aber ich schwöre dir hier und jetzt: Ich werde über sie wachen. In diesen letzten Jahren soll sie nur glücklich sein und sonst nichts.«

Er sah sie an. Tränen liefen über seine welken Wangen. Er nahm ihre Hand und tätschelte sie.

»Du hast recht«, stammelte er. »Felicia darf nichts wissen. Sie ist ein Engel. So schön, so ...« Er brach ab, sprang auf und lief aus dem Zimmer.

Wieder war sie allein.

Die Welt konnte untergehen, aber man würde immer erwarten, dass sie ihre Pflicht tat. Und so ging sie in die Küche und bereitete ein Tablett für den Vater und Felicia vor. Sie selbst konnte heute nichts essen.

Als sie sich wieder völlig in der Gewalt hatte, nahm sie Felicias Tablett und ging damit nach oben. Die Schwester lag noch so, wie sie sie vor Stunden verlassen hatte. Aber sie schlief nicht. Sie lag wach in dem dunklen Zimmer.

»Warum machst du kein Licht?«

»Ach, es ist so hübsch, einfach hier nur zu liegen und in den Himmel zu schauen, während dieser langsam immer dunkler wird.« Sie drehte sich um. »Warst du bei Ulf?«

Clarisse stellte das Tablett ab.

»Iss erst mal! Später reden wir darüber.«

Felicia lachte leise auf.

»Ihr habt euch wieder gezankt, nicht wahr?«

»Wieso?«

»Oh, ich weiß eine ganze Menge. Warum zankt ihr euch immer wie Hund und Katze, Clarisse? Ich verstehe dich nicht. Als du und ich ein Backfisch waren, da hab ich ganz genau gemerkt, wie du in Ulf verschossen warst. Ich hab immer davon geträumt, dass ihr ein Paar würdet.«

Details

Seiten
118
Jahr
2021
ISBN (eBook)
9783738952810
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (März)
Schlagworte
tagebuch zwillingsschwester
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Titel: Das Tagebuch der Zwillingsschwester