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Redlight Street #160: Das Glück liegt auf der anderen Seite der Straße

©2021 120 Seiten

Zusammenfassung

Weil der Killer es scheinbar nur auf Männer abgesehen hat, sind die Straßen wie leergefegt, wenn es dunkel wird. Auch ins Erosviertel trauen sich die Männer nicht mehr, so dass die Mädchen dort „arbeitslos“ sind. Da sie sich langweilen, beschäftigen sie sich mit Dingen, die ihnen Spaß machen. Während andere schneidern, backen und kochen, gestaltet Rita ihr Zimmer neu – und bricht sich das Bein. Im Park des Krankenhauses beobachtet sie einen Mann, der - wie sie selbst - in einem Rollstuhl sitzt. Als sie durch Zufall erfährt, was ihm widerfahren ist, entschließt sie sich, mit ihm zu reden, um ihn auf andere Gedanken zu bringen …

Leseprobe

Table of Contents

Das Glück liegt auf der anderen Seite

Copyright

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

Das Glück liegt auf der anderen Seite

Redlight Street #160

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 120 Taschenbuchseiten.

 

Weil der Killer es scheinbar nur auf Männer abgesehen hat, sind die Straßen wie leergefegt, wenn es dunkel wird. Auch ins Erosviertel trauen sich die Männer nicht mehr, so dass die Mädchen dort „arbeitslos“ sind. Da sie sich langweilen, beschäftigen sie sich mit Dingen, die ihnen Spaß machen. Während andere schneidern, backen und kochen, gestaltet Rita ihr Zimmer neu – und bricht sich das Bein. Im Park des Krankenhauses beobachtet sie einen Mann, der - wie sie selbst - in einem Rollstuhl sitzt. Als sie durch Zufall erfährt, was ihm widerfahren ist, entschließt sie sich, mit ihm zu reden, um ihn auf andere Gedanken zu bringen …

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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1

Der junge Mann hatte den Arm um sein Mädchen gelegt. Die Straße war dunkel. Die Kleine hatte einen leichten Schwips und stolperte ständig. Er fühlte das heiße Begehren in sich aufsteigen.

„Komm, gehen wir drüben in den Park! Willst du?“

Sie hob den Finger, als wollte sie den Wind prüfen, und lachte: „Und ich habe doch einen Schwips!“

„Nein, nein!“

„Doch, einen ganz großen. Ich hätte nicht so viel trinken sollen. Mama wird wieder mit mir schelten. Sie sagt immer, wenn ich mit Männern ausgehe, soll ich nüchtern bleiben. Warum eigentlich?“

„Das weiß ich auch nicht“, sagte der junge Mann.

„Du bist dumm“, erklärte sie lachend und gab ihm einen Nasenstüber. „Natürlich weißt du es - ich nämlich auch.“

„Kommst du jetzt mit in den Park?“

„Ist das eine Abkürzung?“

„Aber klar“, log er. Er dachte: Wenn ich sie erst einmal dort habe, dann ist es ein Kinderspiel. Umsonst habe ich nicht so viel Geld investiert. Jetzt soll es sich bezahlt machen. Eine süße Puppe, wirklich. Ist sie noch so unschuldig, oder tut sie nur so?

Das Mädchen ließ sich willig mitziehen. Es stolperte über die Straße, wäre hingefallen, wenn er es nicht gehalten hätte.

„Du bist ein Kavalier, wirklich! Ich werde es Mama sagen, dann darf ich morgen auch wieder ausgehen. Wetten?“

Er wusste noch gar nicht, ob er ein zweites Mal mit der Kleinen etwas zu tun haben wollte. Er hatte sie gestern zufällig in der Stadt getroffen. Ihre großen Kulleraugen hatten es ihm angetan.

Sein Arm legte sich fester um ihre Schultern. Etwas weiter war ein tiefes Gebüsch. Um diese Zeit kam niemand mehr durch den Park. Es war das ideale Plätzchen für ein Schäferstündchen.

Die Laternen verbreiteten einen schwachen Schein. Man konnte den gelben Kiesweg erkennen, die Bänke, mehr aber auch nicht. Am Tage spielten und tollten Kinder hier herum.

Sie bogen in den nächsten Seitenweg ein. Das Mädchen streifte mit dem Sommermantel eine Bank und blieb hängen.

„He, mich hält einer fest“, rief es empört.

„Quatsch“, sagte er. „Warte, ich helfe dir!“

Das Mädchen drehte sich herum. Er löste den Mantel und wollte es mitziehen.

„Du, da liegt einer“, sagte die Kleine und wich scheu zurück. Der junge Mann sah nun auch den dunklen Haufen auf der Bank.

„Komm, lass den bloß gehen! Das ist so ein Stadtpenner, und wenn nicht das, dann ein Betrunkener. Ich will nichts damit zu tun haben. Komm jetzt weiter!“

Der junge Mann wollte endlich zum wesentlichen Teil des Abends übergehen. Lange genug hatte er darauf gewartet.

Obgleich es dem Mädchen unheimlich vorkam, konnte es sich doch nicht von dem Anblick lösen. Und auf einmal sah es die Hand. Sie hing hinten herunter, mit den Fingerspitzen nach unten. So was, dachte es verblüfft. Kann ein Mensch wirklich so fest schlafen, dass er nichts hört? Und wenn er betrunken war, dann musste er doch zumindest hörbar atmen.

„Paul, ich habe Angst“, flüsterte die Kleine.

„Ich sage dir doch, komm endlich mit! Wozu stehst du noch herum und gaffst?“

„Du, sieh doch mal nach! Mir kommt das so komisch vor, Paul, tu mir den Gefallen.“

„Ich soll den Kerl anfassen? Dafür sind mir meine sauberen Hände zu schade“, sagte er laut und stieß mit dem Fuß gegen das Bündel Mensch.

Er rührte sich nicht. Nun wurde es auch dem Mann komisch zumute. Hirngespinste tauchten auf, krallten sich in seinen Gedanken fest. Eine Gänsehaut kroch über seinen Rücken. Sonst war er wirklich ein ganzer Kerl, doch nun hatte er plötzlich Angst. Verstohlen blickte er um sich. Aber nichts regte sich.

„Paul“, flüsterte das Mädchen zitternd. „O Paul, der sagt ja gar nichts!“

Nur Ruhe, dachte er. Jetzt keine Panik zeigen. Mensch, der Kerl kann einem wirklich einen Schreck einjagen. Er beugte sich vor und schrie: „He, aufwachen! Hier kannste nicht pennen, los, verdufte endlich!“

Nichts! Voller Zorn riss er an dem Mantel herum. Und dann schrie das Mädchen gellend auf. Es schrie und schrie, und der Schrei hallte durch die Straße. Fenster wurden geöffnet. Pauls Blut schien in den Adern zu gefrieren.

Der Anblick war auch zu schrecklich. Grauenhaft! Es war ein toter Mann. Und sein Gesicht! Das Laternenlicht zeigte es klar und deutlich. Es war aufgedunsen wie ein Ballon. Scheußlich! Und sie sahen auch die dünne Nylonschnur. Der Mann war erdrosselt worden.

„Hilfe, Hilfe, Mord, Mord!“ Das Mädchen rannte schreiend aus dem Park. Es schlenkerte mit den Armen, warf den Kopf zurück und stieß immer wieder die gleichen Worte aus. Ein Mann kam auf die Kleine zu und hielt sie am Arm fest. Da begann sie noch wilder zu kreischen.

„Was ist denn los?“ Er schüttelte sie heftig.

Gurgelnd sackte sie zu Boden. Sie lag vor seinen Füßen und wimmerte: „Hilfe, Mord!“ Ganz leise stieß sie es noch einmal hervor. Dann wurde sie ohnmächtig.

Paul rannte auf die Straße, sah den Mann über sein Mädchen gebeugt. Er handelte, ohne lange zu überlegen. Sein Schlag traf den Fremden mit voller Wucht. Er taumelte hin und her.

„Was ist denn los? Ich will der Kleinen doch nur helfen. Was ist denn passiert?“

Da erkannte Paul erst, dass der Fremde ein Polizist war. Er wischte sich über die Stirn. „Entschuldigung“, stammelte er. „Das habe ich nicht gewollt.“

„Schon gut“, sagte der Beamte und rückte seinen Gürtel zurecht. „Können Sie mir vielleicht jetzt sagen, was die Kleine hat?“

„Da — im Park ist ein Toter. Wir haben ihn gefunden. Er ist erdrosselt worden.“

„Um Gottes willen“, sagte der Polizist. „Kommen Sie mit, zeigen Sie mir die Stelle!“

„Aber“, zögerte er noch und zeigte auf sein Mädchen, „wir können sie hier doch nicht liegenlassen. Wenn der Mörder wiederkommt.“

„Da kommt schon mein Kollege. Er hat sich nur Zigaretten geholt. Wir machen immer zu zweit Streife. He, Werner, bleib mal hier bei der Kleinen! Oder noch besser, trag sie in die Kneipe. Sie ist noch auf. Und dann verständige die Mordkommission! Der junge Mann hat wieder eins der Opfer gefunden.“

„Ja, ich mache das sofort!“

Paul fühlte das würgende Gefühl in der Kehle. Ihm war speiübel. Musste er das noch einmal sehen? Mein Gott, dachte er immer wieder. Du mein Gott, und wir wollten so ahnungslos ...

„Das ist jetzt das dritte Opfer“, sagte der Beamte. „In drei Wochen. Die werden verrückt spielen. Besonders die Presse wird uns wieder angreifen.“

„Aber Sie müssen doch etwas tun“, krächzte Paul. „Sie können doch nicht einfach tatenlos zusehen, wie man umgebracht wird.“

„Junger Mann“, sagte der Beamte ernst. „Schlagen Sie mir vor, was wir tun sollen! Wir können doch nicht jeden bewachen. Und auf jeder Straße können wir auch keinen Beamten aufstellen.“

Paul wusste ja, dass er Unsinn redete, aber seine Nerven machten nicht mehr mit. Er merkte, dass seine Knie weich wurden. Der Schreck saß zu tief. Die erste Zeit würde er nicht mehr abends ausgehen.

Im Park sagte der Polizist: „Sie brauchen mir nur die Stelle zu zeigen. Ich gehe dann schon hin.“

Paul blieb stehen. „Da hinten, sehen Sie, das dunkle Bündel.“

Er war allein. War da im Gebüsch nicht ein Geräusch? Hastig drehte er sich um.

Nichts! Ich sehe schon Gespenster, dachte er. War es eine Ewigkeit oder nur Minuten? Endlich hörte er das Martinshorn. Plötzlich war der Park voller Menschen.

Ich möchte heim, dachte er. Mich verkriechen, nicht mehr denken müssen. Scheußlicher Beruf, den die Männer da haben, nee, nichts für mich.

 

 

2

Jenny saß hoch auf dem Tisch, eine kleine Flasche neben sich, und versuchte ihre Zehennägel golden anzustreichen. Susan und Rita saßen auf dem zerschlissenen Sofa und spülten das Frühstück mit lauwarmem Kaffee hinunter.

„He, geh runter! Dein Allerwertester ist keine Rose, klar. Wenn du nicht bald verduftest, mach ich dir Beine“, schimpfte Susan.

„Was denn?“, lachte Jenny und pinselte ruhig weiter. „Sollst mal die Kerle sehen, die sind wild drauf. Bist ja nur neidisch, alte Planschkuh.“

Jenny wollte aufspringen und sich auf Susan stürzen, denn diese hatte sich erhoben und eine drohende Haltung eingenommen. Solche Beleidigungen ließ sie sich nun mal nicht gefallen.

„Hört auf!“, schrie Rita. „Das am frühen Morgen! Kann man denn nicht mal einen Tag friedlich auskommen? Da muss man ja verrückt werden. Susan, du verdammtes Biest, hörst jetzt auf, Jenny zu ärgern!“

Susan zog einen Flunsch.

„Sie kann Ihren Hintern woandershin platzieren. Ausgerechnet auf dem Frühstückstisch. Da muss einem ja der Appetit vergehen.“

„Du kannst im Dreck wühlen und frisst weiter“, lachte Jenny. „Gib doch nicht an! Ich weiß ganz genau, wo du herkommst.“ Rita stand auf und fegte die keifende Dirne vom Tisch herunter. »Hau ab! Wenn du hier Stunk machen willst, dann sage ich Bescheid. Wir haben hier die gleichen Rechte, und von dir lassen wir sie uns nicht vermiesen. Entweder du benimmst dich anständig, oder du fliegst, klar!“

Jenny höhnte: „Hast du hier vielleicht zu sagen? Bis jetzt ist Ralf hier immer noch der Puffwirt. Oder gedenkst du ihn zu heiraten? Dann ist es natürlich etwas anderes.“

Rita lief rot an. Schon der Gedanke an Ralf verursachte ihr ein übles Gefühl im Magen. Verdammte Hure, dachte sie wütend. Aber ich zeige ihr die Zähne, da kann sie sich drauf verlassen. Bloß weil sie jetzt im Augenblick ein wenig mehr verdient, glaubt sie, uns hier alle schikanieren zu können. Na warte!

Es wäre vielleicht zu einem handfesten Streit gekommen, wenn nicht in diesem Augenblick Fränzi ins Zimmer geschlurft wäre. Sie gähnte, riss ihre verquollenen Augen auf und musterte kritisch den Frühstückstisch. Viel war nicht mehr vorhanden.

„Morjen“, knurrte sie und schob sich auf das Sofa.

„Das ist mein Platz“, sagte Rita wütend.

„Dann bleib nächstens drauf sitzen.“

Susan stopfte sich das Brötchen in den Mund und drehte sich um.

„Kaffee ist alle! Musste dir frischen holen. Ralf wird entzückt sein, wenn er dich sieht.“

Fränzi schimpfte: „Welches Schwein hat denn wieder die Marmelade in die Butter gestrichen. Da kann es einem ja schlecht werden, wirklich!“

„Steh früher auf, und du wirst wie eine Prinzessin bedient“, kicherte Jenny.

Rita sah Fränzi an. Diese war heute mal wieder ganz übel zugerichtet. Ein blaues Auge, über der rechten Wange eine dicke Schramme. Das Gesicht aufgedunsen, und auch das linke Ohr zeigte Spuren von Misshandlungen. Rita wusste ganz genau, woher sie diese Liebesbezeigungen hatte.

„Au Backe, bei dir ist es ja mal wieder wüst zugegangen. Willst du dich etwa so den Freiern zeigen, Fränzi?“

Das Mädchen zuckte zusammen und stand hastig auf.

„Ich will mir nur schnell Kaffee holen.“ Da war sie auch schon verschwunden.

Wo eben noch Zank herrschte, war jetzt Einigkeit. Die drei hockten zusammen und flüsterten miteinander.

„Fränzi muss gestern Abend mal wieder an einen ganz brutalen Kerl geraten sein. Die scheint für solche Typen eine besondere Anziehungskraft zu haben, das arme Ding. Und von ihrem Luden kriegt sie höchstens noch einen Tritt, wenn sie sich beklagt.“ Susan war richtig aufgebracht.

Jenny nickte zustimmend: „Das hast du recht. Früher ist sie doch ganz gut mit Hugo ausgekommen. Damals konnte sie sich auch noch ihre Freier aussuchen, aber jetzt, wo sie so heruntergekommen ist, muss sie eben nehmen, was sie bekommt, um sich über Wasser zu halten.“

„Wieso ist es denn so schnell mit ihr bergab gegangen?“, wollte Rita wissen.

„Das fing schon an, ehe du zu uns kamst. Hugo verlor immer mehr sein Interesse an ihr. Nun ja, sie ist eben kein Teenager mehr, und man sieht ihr an, dass sie ein bewegtes Leben hinter sich hat. Er kümmert sich ja jetzt überhaupt nicht mehr um sie, nur ihr Geld, das nimmt er immer noch. Sie hat das nicht verkraftet, ich glaube, sie ist ihm hörig. Seitdem pumpt sie sich mit Tabletten voll oder mit Schnaps. Das hält sie bestimmt nicht mehr lange durch, sie ist doch nur noch Haut und Knochen“, meinte Jenny.

Susan sagte nachdenklich: „Sie ist seit dieser Zeit wirklich ganz anders. Manchmal ist sie völlig weggetreten. Man hat dann das Gefühl, sie sieht durch einen hindurch.“

Sie verstummten, denn die Tür wurde geöffnet und Fränzi kam herein. Vorsichtig trug sie die Kanne mit dem heißen Kaffee zum Tisch. Die drei Dirnen blickten sie schweigend an. Mitgefühl stieg in ihnen auf. Jenny rückte zur Seite und machte ihr bereitwillig Platz.

„Willst du heute wirklich stehen, Fränzi?“, fragte Rita.

„Was bleibt mir denn anderes übrig? Ich muss doch Geld verdienen, geschenkt kriege ich nichts. Und wenn ich nichts abliefere, kriege ich doch bloß wieder Krach mit Hugo“, erwiderte Fränzi achselzuckend.

„Wäre es nicht besser, wenn du dich von Hugo trennst und von hier fortgehst?“, warf Susan ein.

Fränzi machte ein abweisendes Gesicht.

„Was wollt ihr denn? Ist doch ganz allein meine Sache. Haltet euch da bloß raus! Ich weiß schon selber, was ich mache.“ Sie begann zu frühstücken und beachtete die anderen Mädchen überhaupt nicht mehr.

Jenny, Susan und Rita schwiegen leicht beleidigt. Sie hatten Fränzi doch nur einen guten Rat geben wollen, um ihr zu helfen, weil sie ihnen wirklich leidtat. Aber was nützten alle guten Ratschläge, wenn sie einfach in den Wind geschlagen wurden? Da musste man wohl abwarten, bis Fränzi von selbst zur Vernunft kommen würde.

Susan wollte noch etwas sagen, aber wieder ging die Tür zum Koberzimmer auf, und Olga kam herein. Frisch und adrett angezogen. Wie die das immer schaffte! Und das schon am Mittag, wo sie noch alle im Morgenmantel saßen und sich den Schlaf aus den Augen rieben. Na ja, Olga war im Augenblick der Star der Straße. Fesch, fesch, man konnte richtig neidisch werden. Doch sie war ein liebenswürdiges, nettes Mädchen. Man konnte sie um jeden Gefallen bitten. Obgleich sie jetzt auf der höchsten Stufe stand, kam sie doch immer wieder zu ihnen zurück. Olgas Mutter war schon eine Dirne gewesen, sie kannte nur dieses Leben. Eines Tages würde sie auch in der Gosse landen, das wusste sie, aber es machte ihr nichts aus.

Rita hatte ihr schon einmal vorgeschlagen, doch von dem vielen Geld etwas auf die hohe Kante zu legen. Später würde sie froh sein. Aber Olga lachte nur immer.

„Hallo, Mädchen“, sagte sie fröhlich und schwenkte eine Zeitung durch die Luft.

„Du warst schon in der Stadt?“, raunte Jenny. „Sag mal, brauchst du keinen Schlaf?“

„Doch, habe ich schon alles hinter mir. Aber gestern waren wir eingeladen. Ganz nobel, kann ich euch sagen. Langes Abendkleid und so. Ich hätte mich kringeln können vor Lachen.“

„Was hat es denn für dich eingebracht?“, wollte Susan wissen.

„Einen Tausender.“

„Hui!“, da waren die Mädchen sprachlos.

Olga setzte sich auf die Tischkante. Diesmal erhob niemand Einwände. Sie breitete die Zeitung aus. „Seht mal, was ich mitgebracht habe.“

Sie beugten sich alle darüber, bis auf Fränzi, die apathisch ihr Brötchen weiter aß. Bestimmt taten ihr die Knochen noch weh. Kein Wunder!

Rita las laut vor: „Der Männer-Vampir hat wieder zugeschlagen.“ Vier Zentimeter groß war die rote Überschrift. Die Mädchen blickten sich an. Ihre Augen wurden immer größer.

„Das dritte Opfer“, sagte Olga genüsslich.

Jenny lief es kalt den Rücken herunter. Susan erschauerte.

„Ich gehe nachts nicht mehr durch die Straßen. Und wenn ich noch so viel verdienen kann. Meine Güte, ich würde vor Angst sterben.“

„Du hast einen Knall“, sagte Olga fröhlich. „Ich denke, ich mache euch eine Freude, und ihr sitzt da wie sieben Tage Regenwetter.“

„Du hast gut lachen“, fauchte nun auch Rita. „Du hast einen Wagen und brauchst nicht zu Fuß zu gehen. Mann, wenn ich daran denke, dass gerade dieser Park mein Vorzugsgebiet ist, wenn ich mal draußen anschaffen gehe. Mir wird richtig kalt.“

„Aber ihr braucht doch keine Angst zu haben“, rief Olga laut.

„Nicht?“, sagte Jenny bitter. „Willst du mir vielleicht sagen, er verschont Huren? Kennst du ihn vielleicht?“

Olga lachte laut auf.

„Ihr blöden Hühner. Nun lest doch mal erst alles, dann kapiert ihr auch, was ich sagen will.“

„Gib her!“, sagte Rita und nahm die Zeitung an sich. Halblaut begann sie zu lesen.

„Der Mörder hat wieder einmal zugeschlagen. Für die Polizei unbegreiflich! Das dritte Opfer, ein junger Mann, groß, und man kann sagen, mit Kräften ausgestattet, ist ermordet worden. Nichts zeigt auf einen Kampf hin. Er muss seinen Mörder gekannt haben, wie die anderen Opfer auch. Die Polizei steht vor einem Rätsel. Es gibt nur eine Möglichkeit; der Mörder muss in den Kreisen der Homosexuellen gesucht werden. Waren seine Opfer Freunde? Niemand weiß es. Verständlich, dass die Angehörigen sich darüber ausschweigen. Die ersten beiden Opfer waren ledig. Aber das dritte Opfer verheiratet, glücklich verheiratet. Vor drei Monaten ist er Vater eines Sohnes geworden. Es ist einfach unbegreiflich.

Der Mörder hat auch diesmal keine Spuren hinterlassen. Die Polizei tappt im Dunkeln. Der Männer-Vampir kann jede Nacht wieder zuschlagen. Er lauert im Gebüsch, in einer Toreinfahrt. Er kann überall sein. Die Straßen sind nicht mehr sicher. Man kann sich bei Dunkelheit nicht mehr allein nach draußen wagen. Wer ist das nächste Opfer?“

Rita ließ die Zeitung sinken. Plötzlich wurde sie von einem Lachkrampf befallen.

„Was hat die denn?“ Susan rüttelte sie hin und her.

„Himmel, ist das komisch“, keuchte sie immer wieder. „Ich lache mich wirklich tot. Olga hat recht, du meine Güte, ist das komisch.“

„Was denn? Nun quatsch doch endlich!“, schimpfte Susan.

„Wir sind wirklich nicht gefährdet. Wir können ganz fröhlich durch die Straßen schlendern. Der Vampir saugt nur Männerblut. Nein, das ist wirklich köstlich.“

Die Dirnen sahen sie an und begannen nun alle herzlich zu lachen.

„So ist es“, sagte Olga. „Gerechtigkeit muss sein. Ich finde das einfach Klasse.“

„Bist du verrückt?“, fragte Jenny.

„Na ja, die Morde, wirklich scheußlich. Das meine ich ja auch nicht. Aber was ich sagen will: Immer, immer waren die Frauen die verfolgten Geschöpfe, im Leben, im Film, in den Büchern. Immer ist ein Mörder hinter den Frauen her. Immer müssen wir uns vorsehen, aufpassen. Jetzt hat sich zum ersten Mal das Blatt gewendet. Der Mörder bringt nur Männer um. Wir waren immer schwach und kamen nie gegen so einen Unhold an.“

„Aber die Männer auch nicht“, sagte Susan düster. „Ich verstehe das einfach nicht. So einfach umbringen lassen - dass die sich kein bisschen wehren. Bestimmt hat er sie vorher betäubt, anders kann ich mir das nicht vorstellen.“

„Steht nichts davon in der Zeitung. Das hätten sie ja geschrieben. Und das Schöne ist, es gibt keinen Zusammenhang. Begreift ihr, alle drei Männer sind nie irgendwie zusammengekommen. Haben keine gemeinsamen Interessen. Man nimmt ja an, dass der Mörder sie alle drei kennt.“

„Komisch ist das wirklich. Also müssen sich jetzt die Männer mit einer Frau ausstatten, wenn sie abends noch mal raus wollen. Wirklich komisch.“

„Und jedes Mal erwürgt. Das ist ein und derselbe Mörder“, murmelte Susan vor sich hin.

„Der Kerl muss aber Kraft besitzen“, sagte Rita.

„Nee, gar nicht“, erwiderte Olga. „Das kann sogar ein Kind. So eine dünne Nylonschnur, die zieht sich sofort so fest, da ist das ein Kinderspiel. Gemeinheit so etwas. Peter hat mir erzählt, wenn man die Schlinge spürt, dann ist es schon zu spät. Ein Ruck, und du bist hinüber. Ganz raffiniert. Kein Wunder, dass die Bullen jetzt verrückt spielen. Alle Zeitungen sind voll davon. Das dritte Opfer, und noch immer keine Spur.“

„Ich weiß nicht“, sagte Rita. „Das mag ja alles stimmen, was dein Lude dir erzählt. Klingt auch logisch. Aber wenn jetzt so einer ankommt, ich meine mit der Schlinge, Mensch, das merkst doch. Und sie ist immer vorn, kapierst du das? Nicht von hinten über den Kopf gestreift. Ich begreife das einfach nicht.“

„Das haben die Strichjungen davon. Sollen sie ihre Pfoten davonlassen. Ist doch wahr“, brauste Susan auf.

„Bei dir piept es wohl, was? Das ist doch schon lange nicht mehr strafbar. Nichts mehr mit Erpressung und so. Ich glaube das einfach nicht.“

„Liebeskummer, die sind abgesprungen. Da ist bei dem Kerl eine Sicherung rausgeflogen. Ganz einfach. Wäre es anders, würden wir Mädchen wieder dran glauben müssen.“

„Drei Freunde soll er haben? Und vielleicht noch mehr? Nee“, lachte Jenny.

„Warum regen wir uns eigentlich auf? Das ist doch Sache der Bullen. Und ich habe meinen Spaß daran, dass sie diesmal in der Klemme sitzen. Jetzt können sie uns nicht mehr so oft kontrollieren kommen. Wetten, dass die jetzt keine Zeit mehr haben“, lachte Olga fröhlich.

Susan grinste.

„Mann, wir haben ja direkt den Himmel auf Erden. Soll er hübsch weitermachen.“

„Wer?“

„Der Vampir natürlich“, sagte Susan.

„Hör auf, ich kriege schon eine Gänsehaut!“, sagte Rita und schüttelte sich.

„He, Fränzi, du sagst ja gar nichts. Sitzt da und stierst vor dich hin. Davon wird der Kaffee auch nicht besser. Was ist denn los mit dir?“, wollte Olga wissen.

„Lass mich in Ruhe!“, keifte sie los.

Olga sah die anderen Dirnen an. Jenny sagte: „Ärgere sie nicht! Hat schon genug zu büßen. So ein Mistkerl hat sie mal wieder in die Mangel genommen. Sieh dir mal sein Werk an!“

Olga hatte Mitleid. Sie legte den Arm um Fränzi.

„Warum gehst du nicht weg? Hier hält dich doch nichts mehr, oder? In einer anderen Stadt könntest du vielleicht noch mal von vorn anfangen, aber wenn du dich hier weiter wegen Hugo kaputtmachst, dann bist du bald am Ende. Ich würde damit nicht mehr lange warten, sonst könnte es für dich zu spät sein.“

„Lasst mich doch endlich in Ruhe!“, kreischte Fränzi auf. „Ich will nur in Ruhe gelassen werden, und mehr nicht. Das ist meine Sache. Ich habe weder geflennt, noch euch um Hilfe gebeten, also hört endlich damit auf.“

„Mann, ich habe es ja nur gut gemeint“, sagte Olga ärgerlich. „Aber wie du meinst. Von mir aus.“

Fränzi stürzte aus dem Zimmer.

„Die ist richtig komisch geworden. Wieso schickt sie ihn nicht zum Teufel?“, sagte Susan. „Da stimmt doch etwas nicht.“

„Sie nimmt ihn ja regelrecht in Schutz. Ich begreife das einfach nicht mehr. So wie der sie behandelt. Ich wäre da schon längst abgehauen. Ja, ja, wo die Liebe hinfällt.“

„Vielleicht hofft sie eben immer noch, dass es mit ihnen mal wieder so wird wie früher“, meinte Rita nachdenklich.

„Ach nein“, sagte Jenny. „Das glaube ich nun wieder nicht. Aber wahrscheinlich hängt sie trotz allem noch viel zu sehr an Hugo, um von hier wegzugehen, auch wenn sie alles bis obenhin satt hat“, stellte Jenny fest. „Als sie nämlich mal wieder total blau war, da habe ich gehört, wie sie Selbstgespräche geführt hat. Das hättet ihr mal erleben sollen, wie sie die ganze Männerwelt verflucht hat. Ihr glaubt nicht, was die für einen Ekel vor unserem Geschäft hat, einen richtigen Hass auf alle Männer. Damals habe ich auch gedacht, es wäre das Beste, wenn sie ganz damit aufhören würde. Aber wo sollte sie denn hin?“

Die Mädchen waren still geworden. Olga steckte sich eine Zigarette an und rauchte nervös.

Nach einer Weile sagte Rita: „Wer geht mit in die Stadt? Ich muss mal wieder zum Friseur und einkaufen. Allein habe ich nicht viel Lust. Na, wer geht mit?“

Olga stand auf. „Komm, ich habe meinen Wagen da. Ich gehe mit. Brauche auch mal wieder eine neue Fassade. Zu wem gehst du immer?“

„Rudi ist prima, und man braucht dort nie lange zu warten.“

„Abgemacht!“

„Bringt mir einen Lippenstift mit“, sagte Susan. „Das Geld kriegste heute Abend.“

„Schon wieder blank?“, erkundigte sich Olga.

„Nee“, sagte sie böse. „Ich war nur noch nicht bei der Bank.“

Das war ein alter Witz unter den Dirnen. Aber diesmal lachte keiner. Die Stimmung war vergiftet. Rita stand auf.

„Warte, ich ziehe mich bloß schnell an! Gehen wir nachher zusammen essen?“

„Was ist mit deinem Bubi?“

Rita grinste.

„Ich fahre mal wieder einspännig. Kalle ist im Knast. Mit dem habe ich Schluss gemacht. Ich zahle meinen Beitrag, und damit hat es sich. Ich will mit den Kerlen nichts mehr zu tun haben. Die klauen einem das ganze Geld, und man kann schuften, bis man schwarz wird.“

„Wie ich dich kenne, hält der Vorsatz bloß nicht lange an“, lachte Olga. „Aber recht hast du. Ich habe ja mit Peter Glück. Er ist sparsam und vernünftig. Wenn er nicht pariert, haue ich ab. Das weiß er ganz genau. Darum ist er hübsch kusch.“

„Ja, du“, sagte Susan neidisch. „Du kannst es dir ja auch leisten. Jeder weiß, dass du hier der Star bist. Der Peter weiß, was er hat, und er nimmt dich genauso aus wie die anderen ihre Mädchen. Mach dir doch nichts vor!“

Olga lächelte hochmütig.

„Sehe ich wirklich so aus, als würde ich mir das gefallen lassen?“

„Nnnnein“, stotterte Jenny. „Eigentlich nicht. Aber die Luden sind doch alle gemein. Erst machen sie auf nett und lieb, aber wenn sie erst mal fest im Sattel sitzen, dann geht es doch los.“

„Ich habe vorgesorgt“, sagte Olga. „Gerade am Anfang, wenn sie noch lieb und nett sind. Peter war ja eine Null. Aber ich stand auf ihn, mag ihn wirklich. Im Puff muss man für alles bezahlen, auch für die Liebe, die eine Nutte haben will. Und so habe ich mir den schönen Peter gekauft. Ich bezahle alles für ihn, er kriegt auch Taschengeld, aber ansonsten ist nichts. Ich will später mal nicht so enden wie meine Mutter.“

Rita war sprachlos.

„Ich werde verrückt, da hast du wirklich die ganze Zeit gespart. Und ich Schussel will dir noch Ratschläge geben. Nein, so was.“

„Es soll auch nicht jeder wissen. Aber ich habe tatsächlich ein Konto. Die Hälfte meiner Einnahmen werden darauf eingezahlt. Pünktlich auf die Minute. Und an das Konto komme nur ich dran, klar? Der Peter kann machen, was er will.“

Rita grinste. „Mensch, von dir kann man ja noch lernen. Aber ist das denn nicht gefährlich? Je mehr drauf ist, umso verführerischer für Peter. Eines Tages bringt er dich um. Man hat Leute schon für viel weniger Geld um die Ecke gehen lassen.“

Olga steckte sich eine neue Zigarette an.

„Klar denkt der feine Bubi so. Aber das nützt ihm nichts. Wenn ich persönlich nicht erscheine, kann keiner ran an das Geld. Bin ich tot, und kein Testament liegt vor, ich meine ein neues, dann kriegt alles der Tierschutzverband.“

„Hä?“, sagte Susan verblüfft. „Tierschutzverband, habe ich richtig verstanden?“

„Seit wann bist du für Viecher, das ist mir ja ganz neu“, kicherte Rita los.

„Bin ich ja gar nicht“, lachte Olga fröhlich. „Das habe ich ja nur getan, um ihn zu ärgern.”

Sie lachten schallend.

„Und dein Bubi weiß das?“

„Aber sicher. Ich habe ihn mein Testament lesen lassen. Dann bin ich damit zur Bank. Dort liegt es im Safe, und der Direktor weiß es. Was meint ihr, warum Peter so höflich zu mir ist. Jetzt hat er doch ständig Angst, ich würde mit meiner Benzinkutsche verunglücken und hops gehen. Dann ist die Goldquelle versickert. Darum trägt er mich auf Händen. So müsst ihr das machen.“

Rita sagte: „Ich platze vor Lachen. Du bist wirklich köstlich, Olga. Aber ich gönne es ihm von Herzen. Schade, dass ich nicht auf die Idee kam, Kalle so zu ärgern. Na ja, im Augenblick brummt er. Aber jetzt verdufte ich wirklich. Bis gleich!“

Olga stand auf und ging hin und her. Jenny und Susan hatten neidische Augen. Sie würden nie so reich sein und nie den Schneid aufbringen, ihre Zuhälter zu schikanieren.

Eine Viertelstunde später kam Rita die Treppe herunter. Ralf stand im Flur.

„Du kannst auch mal wieder die Betten beziehen“, fuhr sie ihn an. „Sie stinken zum Himmel.“

Er grinste sie frech an.

„Hör mal, Biene, die Kerle kommen hierher, um mit euch zu schlafen. Die sind doch so weg, die merken doch gar nichts. Wat willste bloß? Stänkern?“

„Wenn die Freier auch nichts merken, aber wir“, gab sie zurück. „Wir bezahlen pünktlich den Zaster. Dafür kannst du auch etwas tun. Sauberkeit ist immer wichtig. Das weißt du ganz genau. Also, mach! Heute Abend will ich saubere Wäsche haben, oder es stinkt bei dir!“

Ralf starrte sie wütend an.

„Verpfeifen willste mich also?“

„Nee, nur wenn du nicht spurst. Eine ganze Menge sind scharf auf deinen Posten. Lass dir das gesagt sein!“

Er schlurfte davon.

„Mistkerl“, schrie sie ihm nach. „Du kannst dich auch mal wieder brausen. Wirst nicht krank davon.“

Er kam knurrend zurück.

„Will die Lady vielleicht auch noch Rosen auf ihrem Zimmer?“

„Wäre gar nicht so schlecht, wenn du welche umsonst auftreiben kannst“, antwortete sie lachend, machte aber dann, dass sie um die Ecke kam. Der Besen traf nicht mehr sein Ziel, sondern polterte scheppernd zu Boden.

Olga musterte Rita von oben bis unten.

„Wie machst du das bloß?“, meinte sie nachdenklich. „Du siehst nie wie eine Nutte aus. Bestimmt nicht. Wirfst dir einen netten Fetzen über, und schon biste verwandelt. Dagegen muss ich mir sehr viel Mühe machen.“

„Willst du denn nicht so aussehen?“, wunderte sich Rita.

„Nicht, wenn ich in die Stadt gehe. Meinst du, es macht mir Spaß, angestarrt zu werden? Ich komme mir dann immer wie ein prämiertes Rindvieh vor.“

Die beiden verließen das Koberzimmer. Olga fuhr einen schnittigen Porsche. Und sie verstand sich aufs Fahren. Das machte ihr keiner so schnell nach.

„Der ist doch bestimmt teuer in der Unterhaltung“, sagte Rita.

„Schon“, antwortete die Freundin. „Aber es gehört dazu. Ich habe so viele vornehme Kunden, weißt du. Wenn ich zu ihnen hinfahre, dann bin ich offiziell ein nettes Mädchen, eine Bekanntschaft, aber keine Dirne.“

„Wie sind diese Hauspartys? Du wolltest mir doch schon immer mal davon erzählen.“

„Langweilig sind sie, das kann ich dir flüstern. Aber was tut man nicht alles fürs Geld.“

„Wie geht das denn vor sich, erzähl doch mal.“

„Ach, ganz einfach. Das sind so Partys für Geschäftspartner. Natürlich sind die Frauen nicht dabei. Sie kommen immer aus anderen Städten und wollen eben hier etwas erleben. Der Gastgeber bietet ihnen also ein kleines Abenteuer. Natürlich wissen sie nicht, dass ich eine Dirne bin. Du müsstest sie mal reden hören, wie sie sich aufplustern und angeben. Wie sie mich erobert hätten und so weiter. Manchmal möchte ich denen direkt die Wahrheit ins Gesicht schreien. Aber ich kann mich beherrschen. Männer sind doch blöd. Ich würde so etwas sofort merken. Die brauchen doch bloß eine zweideutige Antwort geben, und schon tue ich so, als wäre ich wild auf sie. Ist ja mein Job. Bei den Freunden stellen sie das aber dann immer so hin, als wäre es ein hartes Stück Arbeit gewesen, und ich wäre schließlich ihrem Charme erlegen.“ Olga sann ein wenig vor sich hin. „Weißt du, mir macht es ja nichts aus. Im Gegenteil, manchmal habe ich sogar meinen Spaß an der Sache. Aber diese Kerle, wenn sie dann mit mir geschlafen haben, plustern sie sich vor ihren Freunden auf. Vorher war ich noch ihre Liebste, ihr Schätzchen und ein Engel, aber hinterher, dann nennen sie mich ein billiges Mädchen. Du kennst sie ja.“

„Und?“, sagte Rita verwundert.

„Ach, ich denke an die wirklich unschuldigen Mädchen, Rita. An diese ganz jungen Dinger, deren Himmel noch voller Geigen hängt, und die noch glauben, was man ihnen sagt. Wenn so ein Ding sich nun verliebt, echt annimmt, er würde es ehrlich meinen, und aus Liebe nun mit ihm geht, nachher reden sie doch auch darüber, so wie über mich. Das finde ich ja so gemein. Sie haben ihren Spaß gehabt und sollten sich damit begnügen, aber nein. Was hätten sie denn davon, wenn nicht alle erfahren, was für Casanovas sie sind. Pfui, ich könnte ihnen die Augen auskratzen.

Da sind wir doch ganz anders. Bevor wir erzählen, mit wem wir schlafen, muss eine ganze Menge passieren. Ich meine jetzt nicht uns als Dirne. Wir sind ja schließlich auch mal normal gewesen.“

Rita hatte nachdenklich zugehört. Heute lernte sie eine so ganz andere Olga kennen.

„Wer bezahlt dich denn? Verlangst du es nachher von ihnen?“

„Bist du verrückt? Das ist strikt verboten. Sicher kommt es auch mal vor, dass einer ganz high ist, und in seiner Seligkeit mir was in den Büstenhalter steckt. Dann lautet meine Anweisung, mich so zu verhalten, als hätte ich nichts gemerkt. Bis jetzt hat das auch immer geklappt. Nein, ich werde immer vom Hausherrn entlohnt. Ob ich nun mit jemanden geschlafen habe oder nicht. Die Stunden zählen. Das ist so abgemacht. Was kann ich dafür, wenn manchmal nur müde Männer vorhanden sind. Ich tue mein Möglichstes.“

Rita lachte.

„Da bist du also das Geheimrezept für müde Partys?“

„So kann man es auch nennen“, erwiderte Olga und steuerte den Wagen in die Tiefgarage.

„Komm, machen wir uns einen gemütlichen Tag!“

Zusammen gingen sie zum Friseur. Danach saßen sie auf der Dachterrasse eines Geschäftshauses. Die Sonne schien sehr heiß. Olga pustete.

„Ich möchte schwimmen gehen — ans Meer. Wäre das keine feine Idee? Den ganzen Tag im Sand liegen und nichts tun.“

Details

Seiten
120
Jahr
2021
ISBN (eBook)
9783738952001
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (März)
Schlagworte
redlight street glück seite
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Titel: Redlight Street #160: Das Glück liegt auf der anderen Seite der Straße