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Ein Jack Braden Thriller #33: Auch nette Leute müssen sterben

2021 116 Seiten

Zusammenfassung

Betty Greaves sitzt in der Todeszelle, sie hat ihren Mann getötet. In einer Wohnung wird die Leiche der schönen Laura Alderbury gefunden, auf einem Spiegel steht: Rache für Betty Greaves! Lauras Vater, General Alderbury beauftragt den Privatdetektiv Jack Braden, den Mörder zu finden. Der muss zunächst herausfinden, welche Verbindung die beiden Fälle haben.

Leseprobe

Table of Contents

Auch nette Leute müssen sterben

Copyright

Die Hauptpersonen des Romans:

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Auch nette Leute müssen sterben

Ein Jack Braden Thriller #33

von Cedric Balmore

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 116 Taschenbuchseiten.

 

Betty Greaves sitzt in der Todeszelle, sie hat ihren Mann getötet. In einer Wohnung wird die Leiche der schönen Laura Alderbury gefunden, auf einem Spiegel steht: Rache für Betty Greaves! Lauras Vater, General Alderbury beauftragt den Privatdetektiv Jack Braden, den Mörder zu finden. Der muss zunächst herausfinden, welche Verbindung die beiden Fälle haben.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© by Author

© COVER STEVE MAYER

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Die Hauptpersonen des Romans:

Mr. Lewis – stirbt an einer Schlagzeile

Betty Greaves – soll nach dieser Mitteilung hingerichtet werden. Aber man war voreilig

General Alderbury – ist der erstaunlichste Greis seit Rockefeller

Laura und Eileen – seine Töchter. Die eine wurde ermordet. Die andere könnte die Mörderin sein

Patricia – das Spielzeug des Generals

Dick Pencock – boxt gut. Nicht gut genug

Lawrence Gideon – nicht der einzige in diesem Fall, der anders heißt

Jack Braden und sein Team – kämpfen gegen die Schönheit, die Justiz, die Spionage und

fixe Ideen

 

 

1

Der Mann im grauen Sommeranzug starb um zwölf Uhr mittags.

Sein Ende kam, als er an einen Zeitungskiosk trat. Er starb plötzlich, schweigend, unerwartet.

Die Leute, die ihn torkelnd umfallen sahen, wichen erschreckt zur Seite. Sie glaubten, einen Betrunkenen vor sich zu haben. Der Mann war schließlich nicht viel älter als dreißig Jahre. Wer denkt da schon an den Tod?

Aus einem Herrenartikelgeschäft auf der gegenüberliegenden Straßenseite kam ein Arzt. Er erblickte die Menschenansammlung und überquerte die Fahrbahn, um zu sehen, ob er gebraucht wurde. „Ich bin Arzt“, sagte er. „Kann ich helfen?

Die Leute machten ihm Platz, Er kniete sich auf den Boden, um den Mann zu untersuchen.

„Da ist nichts mehr zu machen“, stellte er nach wenigen Minuten lakonisch fest. Er richtete sich auf und schob seine randlose Brille zurecht. „Wir müssen sofort die Polizei benachrichtigen.“ Dann schaute er sich in der Runde der Neugierigen um. „Kennt zufällig jemand den Toten?“, fragte er.

„Ja, ich“, meinte ein Mann, der ein rundes, rot-geschwitztes Gesicht und eine Halbglatze hatte. Er musste sich räuspern, bevor er weitersprechen konnte. Die Tatsache, dass ihn plötzlich alle Leute anblickten, machte ihn befangen. „Es ist Mister Lewis.“

Die Kioskbesitzerin hatte ihre Bude verlassen. Sie sah verstört aus. „Er kam jeden Tag dreimal, um die Zeitung zu kaufen“, erinnerte sie sich. „Die Morgen-, die Mittags- und die Abendausgabe.“

„Ist er verheiratet?“, fragte der Arzt.

„Keine Ahnung“, sagte der Mann mit der Halbglatze. „Bei mir ist er nie mit einer Frau gewesen.“

„Er hat Sie oft besucht?“

„Ich bin Kellner“, meinte der Mann kurz.

„Mister Lewis wohnt in der Nähe?“, fragte der Arzt.

„Ja, dort drüben“, meinte die Kioskbesitzerin. Sie wies mit der Hand auf ein schmales, schwindsüchtig aussehendes Haus. „In der dritten Etage. Er hat es mir einmal erzählt.“

„Wie konnte das nur passieren?“, fragte eine Frauenstimme aus der Menge.

Der Arzt zuckte die Schultern. „Schwer zu sagen. Scheint ein Herzanfall gewesen zu sein.“

„So jung und schon sterben zu müssen!“, meinte eine andere Frau mitleidsvoll. „Er war ein hübscher Kerl.“

„Und immer so höflich!“, sagte die Frau, der der Kiosk gehörte. „Er war ein wirklich netter Mann.“

„Auch nette Leute müssen sterben“, meinte der Arzt.

Er schaute sich um und entdeckte zwei Häuser weiter einen Drugstore. „Ich kümmere mich um den Anruf“, murmelte er. „Es muss doch etwas geschehen!“

Er durchbrach den Kreis der Neugierigen und ging auf den Laden zu. Sein Verschwinden löste bei den Zurückgebliebenen ein allgemeines Geschnatter aus. Jeder fühlte plötzlich das Bedürfnis, den tragischen Unglücksfall mit einem eigenen Kommentar zu versehen.

Die Polizei kam zehn Minuten später.

Leutnant Richards, der die Untersuchung leitete, ließ sich kurz berichten, was geschehen war. Er notierte sich die Namen des Arztes und der Augenzeugen. „Es war keine Gewalteinwirkung im Spiel?“, fragte er pflichtgemäß.

„Aber nein!“, sagte die Frau aus dem Kiosk. „Ich sah ihn auf mich zukommen. Ich wusste, dass er die Herald Tribune kaufen wollte, wie immer. Er warf noch einen kurzen Blick auf die Schlagzeile, dann fiel er um.“

Richards legte die Stirn in Falten. Die Stirn war nicht sehr hoch; es blieb nur Raum für zwei dicke Wülste. Es wäre jedoch falsch gewesen, aus der niedrigen Stirn des Leutnants auf einen unterernährten Verstand zu schließen. Richards fragte sich sofort, ob der Inhalt der Schlagzeile mit dem Ereignis in einem kausalen Zusammenhang stehen mochte. Bei einem Herzkranken kann der Tod durch eine plötzliche, aufregende Nachricht ausgelöst werden.

„Wie lautete die Schlagzeile?“, fragte Richards.

Die Kioskbesitzerin schaute ihn zunächst verständnislos an, dann begriff sie und trat an ihren Stand, um eine Zeitung von dem Stapel zu nehmen. „Hier, bitte“, sagte sie.

Leutnant Richards nahm das Blatt entgegen. GOUVERNEUR LEHNT GNADENGESUCH AB, las er. BETTY GREAVES MUSS STERBEN.

Betty Greaves. Du lieber Himmel, saß die noch immer in der Todeszelle? Sie war schon vor zwei Jahren verurteilt worden. Wegen Gattenmordes. Betty Greaves bestritt nicht einmal, die Tat begangen zu haben. Trotzdem plädierte sie auf unschuldig, weil ihr Mann angeblich eine Bestie gewesen sei, und weil sie in Notwehr gehandelt habe.

Leutnant Richards stopfte die Zeitung geistesabwesend in die Tasche. Es war kaum anzunehmen, dass diese Schlagzeile bei dem jungen Mann zu einem Herzkollaps geführt hatte. Aber Richards nahm sich vor, in seinem Protokoll eine kurze Anmerkung darüber zu machen.

Er sprach mit dem Kellner. „Mein Name ist Ernie Hogan“, erklärte dieser. „Ich bediene in der Gondel, das Lokal ist zwei Häuserblocks von hier entfernt. Mister Lewis hat oft bei uns gegessen.

Meistens Fischspeisen. Er hatte eine Vorliebe für Fisch …“

Richards unterbrach den Kellner. „Sie haben gelegentlich mit Mister Lewis gesprochen?“

„Ab und zu.“

„Worüber?“

„Über dies und das. Meistens über den Sport.“

„Hatten Sie den Eindruck, dass Mister Lewis ein kranker Mann war?“

„Er war immer sehr blass“, erinnerte sich der Kellner.

„Welchem Beruf ging er nach?“

„Keinem, soviel ich weiß.“

„Wovon lebte er?“

„Er muss wohl Geld gehabt haben.“

„Ja“, schaltete sich die Kioskbesitzerin ein. „Er war immer sehr großzügig. Kleingeld ließ er sich fast nie herausgeben.“

Leutnant Richards wandte sich an Sergeant Brown, der hinter ihm stand. „Sehen Sie mal nach, ob der Tote Papiere bei sich hat.“

Sergeant Brown, ein stämmiger, stiernackiger Mann mit rostbraunem Haar, bückte sich. Er holte dem Toten die Brieftasche aus dem Jackett und überreichte sie schweigend dem Leutnant. Richards öffnete sie. Die Leute reckten die Hälse.

„Kein Ausweis“, stellte Leutnant Richards fest. „Nur Bargeld. Vier Einhundert-Dollar-Scheine. Sonst nichts. Sehen Sie nach, was er sonst noch in den Taschen hat.“

Inzwischen war ein Ambulanzwagen mit dem Polizeiarzt eingetroffen. Der Arzt, der den Toten zuerst untersucht hatte, tauschte mit dem Kollegen von der Behörde Beobachtungen aus.

Sergeant Brown überreichte dem Leutnant ein Feuerzeug der Marke Ronson, einen Schlüsselbund, ein sauberes, zusammengelegtes Taschentuch und einen Kugelschreiber.

„Behalten Sie das Zeug und fertigen Sie davon eine Liste an“, sagte Richards.

„Okay, Sir.“

„Können wir ihn abtransportieren?“, fragte der Polizeiarzt.

Richards nickte. Es war sehr heiß, und er hatte Durst. Ein Bier wäre jetzt das richtige. Aber so war das nun mal – immer, wenn er Appetit auf ein Bier hatte, befand er sich im Dienst. „Schicken Sie mir den Bericht“, sagte er.

Dann überquerte er mit Sergeant Brown die Fahrbahn, um auf die andere Straßenseite zu gelangen. Zwei, drei Neugierige folgten ihnen. Die anderen sahen zu, wie der Tote auf die Bahre gelegt und in den Ambulanzwagen geschoben wurde. Die Kioskbesitzerin kehrte in ihre Bude zurück, und die Menge zerstreute sich.

Im Erdgeschoss des schmalen, sechsstöckigen Hauses, das Mr. Lewis bewohnt hatte, befand sich ein Waschsalon. Der Besitzer, Mr. Somerset, stand in der Tür. Er hatte den Auflauf auf der gegenüberliegenden Straßenseite bemerkt und fragte sich, was dort passiert sein mochte. Da er seinen Laden nicht allein lassen konnte, war seine Neugierde bisher nicht befriedigt worden.

„Wem gehört dieses Haus?“, fragte Leutnant Richards.

„Mir – warum?“

„Leutnant Richards, Kriminalpolizei“, stellte sich Richards vor. Er verzichtete darauf, seine Marke vorzuweisen. „Bei Ihnen wohnte ein Mister Lewis?“

„Wohnte? Bis jetzt hat er noch nicht gekündigt!“, meinte Mister Somerset.

„Er ist tot“, sagte der Leutnant.

Somerset riss die Augen auf. „Ermordet?“, fragte er.

Leutnant Richards hob die Augenbrauen. „Wie kommen Sie denn darauf?“

„Na, hören Sie mal! Mister Lewis war noch jung – da stirbt man nicht so einfach.“

„Wissen Sie, wie viele Menschen in dieser Stadt täglich den Unfalltod sterben?“, fragte Richards.

Somersets Interesse schien erloschen. „Ach so, ein Unfall!“, sagte er. Es klang beinahe enttäuscht.

„Anscheinend ein Herzanfall!“, bemerkte Richards. „Wussten Sie, dass er krank war?“

„Lewis? Ich habe kaum mit ihm gesprochen. Er zahlte immer pünktlich seine Miete. Das ist alles, was mich interessierte.“

„Seit wann wohnte er bei Ihnen?“

„Warten Sie mal – er muss vor ungefähr anderthalb Jahren eingezogen sein.“

„Er war ledig?“

„Ja.“

„Kommen Sie mit, bitte. Ich möchte einen Blick in Mister Lewis Wohnung werfen.“

„Mitkommen? Wie stellen Sie sich das vor? Ich kann den Laden und die Kasse doch nicht ohne Aufsicht lassen!“

„Haben Sie keine Vertretung?“

„Ich sage meiner Tochter Bescheid“, erklärte Mr. Somerset nach kurzem Nachdenken. Er verschwand, und Richards tupfte sich mit einem Taschentuch die schweißfeuchte Stirn ab. „Ich könnte ein ganzes Bierfass leeren“, meinte er.

„Hm“, brummte Sergeant Brown und blickte an der schmutzigen Badesteinfassade des schmalen Hauses in die Höhe. „Nicht gerade vornehm.“

Richards steckte das Taschentuch ein. „Wie bitte?“

„Er hat nicht gerade piekfein gewohnt, der gute Lewis“, sagte Brown.

„Warum hätte er das tun sollen?“

„Weil er reich war.“

„Ein Mann, der oft Trinkgelder gibt, muss nicht unbedingt reich sein“, meinte Richards.

„Sein Anzug stammt von Bolden“, sagte Brown.

„Woher wissen Sie das?“

„Ich habe das Etikett auf der Jackettinnenseite gesehen, als ich die Brieftasche herausholte.“

Richards spitzte die Lippen. Bolden auf der 5. Avenue war ein sehr exklusiver Schneider. Exklusiv und vor allem teuer. „Er kann den Anzug aus zweiter Hand erworben haben.“

Brown schwieg, weil in diesem Moment Somerset zurückkam. „Es kann losgehen, meine Herren.“

Sie stiegen ins dritte Stockwerk hinauf. Auf jeder Etage lag nur eine Wohnung. An Lewis Tür befand sich kein Namensschild. Sergeant Brown öffnete die Tür mit einem der Schlüssel, die er dem Toten abgenommen hatte. Sie traten ein. I

Die Diele war leer.

Richards öffnete die Tür, die ins Wohnzimmer führte.

Das Wohnzimmer war ebenfalls leer. An den Fenstern hingen Gardinen – sonst war nichts darin.

Somerset machte ein verblüfftes Gesicht.

Richards und Brown sagten kein Wort. Sie blickten in die anderen Räume, in die Küche und das Schlafzimmer. Nirgendwo entdeckten sie ein Möbelstück.

„Das wirft mich um!“, sagte Somerset.

Richards steckte sich eine Zigarette in Brand. „Sind Sie das erste Mal hier oben?“

„Ja“, nickte Somerset.

„Sind Sie sicher, dass er hier gelebt hat?“

„Ich weiß nicht“, stammelte Somerset. „Ich habe ihn oft das Haus betreten und wieder verlassen sehen.“

„Wie oft?“

„Ein- oder zweimal in der Woche. Ich kümmere mich nicht um Mieter, die pünktlich bezahlen. Mit Mister Lewis hat es niemals Ärger gegeben.“

„Empfing er oft Besuch?“

„Ich glaube nicht.“

„Was soll das heißen?“

Somerset zögerte mit der Antwort, dann sagte er: „Ab und zu kam ein auffallend schönes, elegantes Mädchen ins Haus – eine junge Dame, die wirklich Klasse hatte! Ich war überzeugt davon, dass sie zu Mister Lewis wollte.“

„Warum waren Sie davon überzeugt?“, erkundigte sich Leutnant Richards.

„Mister Lewis ist – Pardon: war – der einzige Mieter im Haus, zu dem sie passte. Im Alter. Im Format. Sie wissen schon, was ich meine. Sonst wohnen nur ältere Leute hier.“

„Mister Lewis ist, Ihren Angaben zufolge, etwa vor anderthalb Jahren hier eingezogen. Damals hat er doch gewiss eigene Möbel mitgebracht?“

„Ich nehme es an.“

„Haben Sie es denn nicht beobachtet?

„Nein, Sir. Meistens sitze ich im rückwärtigen Teil meines Ladens an der Kasse und bin vollauf damit beschäftigt, meine Kundinnen zu unterhalten. Glauben Sie mir: Nichts ist so schrecklich wie eine Horde von Frauen, die zum Warten verurteilt sind!“

„Haben Sie nicht bemerkt, dass heute oder in letzter Zeit ein Möbelwagen vor der Tür stand?“

„Nein, Sir.“

„Ich erinnere mich, dass Ihr Waschsalon zwei große, zur Straße weisende Fenster hat. Es würde Ihrer Aufmerksamkeit doch nicht entgehen, wenn vor dem Haus ein Möbelwagen steht?“

„Kaum, Sir – aber ich kann mich nicht erinnern, einen gesehen zu haben.“

„Ich dachte mir gleich, dass er nicht hier wohnt“, meinte Sergeant Brown. „Ein Mann, der bei Bolden arbeiten lässt …“

„Die Sache fängt an, mysteriös zu werden“, stellte Richards fest. „Sollte mich gar nicht wundern, wenn der Bursche in Wahrheit einen anderen Namen hat …“

„Das halte ich für ausgeschlossen!“, meinte Mr. Somerset.

„Warum?“, wollte Richards wissen.

Somersets Blicke irrten ratlos hin und her. Dann sagte er: „Mister Lewis war kein Gauner. Das sagt mir mein Gefühl. Ich kenne genug Gangster, Sir. In diesem Viertel wohnen mehr, als uns anständigen Bürgern lieb sein kann. Gangster sind vulgärer, härter, bestimmter – sie sind ganz einfach anders. Im Wesen. Im Auftreten. Mister Lewis stammte aus einem guten Stall, das spürte man. Er hatte Bildung. Er war höflich und zuvorkommend. Ein richtiger Gentleman – und das ist leider eine Menschensorte, die zum Aussterben verurteilt scheint. Mister Lewis war der angenehmste Mieter, den ich je hatte.“

„Auch anständige Leute haben zuweilen einen Grund, ihren Namen zu wechseln“, meinte Richards.

„An diese Möglichkeit habe ich bislang noch nicht gedacht“, sagte Mister Somerset überrascht. „Halten Sie es für möglich, dass Mister Lewis gezwungen war, sich hier zu verstecken? Glauben Sie, dass er vor irgend jemandem auf der Flucht war?“

„Fest steht, dass dieser Fall mehr Arbeit kosten wird, als es zunächst den Anschein hatte“, sagte der Leutnant. „Herzkollaps? Vielleicht. Aber mit dieser simplen Diagnose können wir uns nicht zufrieden geben.“ Er wies auf eine schmale Tür, die bisher noch nicht geöffnet worden war, weil sie offensichtlich zur Toilette führte.

„Das Bad“, sagte Mr. Somerset, ohne die Frage des Leutnants abzuwarten. Er öffnete die Tür.

Im nächsten Moment prallte er zurück.

„Gerechter Himmel!“ stammelte er. „Eine Tote!“

Leutnant Richards nahm die Zigarette aus dem Mund.

Er blieb ruhig. Seine Bewegungen verrieten keinerlei Erregung oder Erstaunen.

„Praktisch, was?“, fragte er mit tonloser Stimme, zu Somerset gewandt. „Sie finden eine Tote und haben das unwahrscheinliche Glück, dass die Polizei bei Ihnen ist …“

Mr. Somerset gab keine Antwort.

Die Tote lag mit leicht gespreizten Beinen auf dem Rücken. Ein Arm war zur Seite geworfen, der andere ruhte dicht am Körper.

Das Messer steckte in Höhe des Herzens.

Es war ein ganz gewöhnliches Messer mit einem schwarzen Plastikgriff. Kaufhausware.

Sergeant Brown sagte etwas sehr Komisches. Er murmelte: „Jetzt könnte ich ein Bier brauchen.“

Er sagte es, weil sein Mund trocken war. Viel trockener jedenfalls als der mit Blut getränkte Pulli der Toten. Das Mädchen konnte noch nicht sehr lange tot sein.

Sie war bekleidet mit einem engen Rock. Der Rock hatte ein dezentes Glencheck-Karo. Auf dem Pulli trug sie eine einreihige Perlenkette. An den Füßen steckten hochhackige Pumps, sehr schlichte, aber zweifelsohne teure Modelle.

„Wer ist das?“, fragte Richards. Er holte sein Taschentuch aus dem Anzug und knipste damit im Bad den Schalter an. Eine Neonröhre, die über dem Spiegel hing, füllte sich flackernd mit Licht.

Jetzt waren die Züge der Toten deutlich zu erkennen.

Die Tote sah selbst jetzt noch schön aus – obwohl ihr Gesicht etwas von dem Schrecken und dem Terror ausdrückte, den sie im Moment der Tat empfunden haben musste.

„Das wirft mich um!“, murmelte Somerset. Er sagte es schon zum zweiten Mal, aber dessen ungeachtet blieb er auf seinen kurzen, stämmigen Beinen stehen.

Richards wiederholte seine Frage: „Wer ist das?“

„Das Mädchen, von dem ich vorhin sprach“, sagte Somerset. „Die junge Dame, die ihn ab und zu besuchte …“ Er schluckte und musste sich an der Badezimmertür festhalten. Ihm war plötzlich übel.

„Falls Lewis der Mörder gewesen sein sollte, dann hat er seine Strafe weg“, meinte Brown.

„Lewis ist kein Mörder!“, behauptete Somerset, der sich noch immer an die Tür klammerte.

„Leider können wir ihn nicht mehr fragen“, meinte Brown. „Tote sind im Allgemeinen sehr schweigsame Leute.“

„Nicht so schweigsam, wie viele glauben“, erklärte Leutnant Richards. „Wenn man sich näher mit ihnen befasst, erfährt man von ihnen eine ganze Menge …“

Er unterbrach sich und starrte auf den Spiegel unterhalb der Neonröhre.

Auch die beiden anderen Männer blickten hin. Quer über den Spiegel waren in großen, lateinischen Buchstaben vier Worte geschrieben.

Es waren gut leserliche, mit einem Lippenstift geschriebene Worte. Sie lauteten:

RACHE FÜR BETTY GREAVES.

Somerset brach das Schweigen als erster. „Ist das Betty Greaves?“, fragte er stotternd.

„Unsinn“, meinte Richards ärgerlich. „Betty Greaves sitzt in der Todeszelle.“

„Nicht mehr um diese Zeit“, stellte Brown fest und blickte auf seine Armbanduhr. „Um zwölf Uhr sollte sie hingerichtet werden.“

Richards zog die Zeitung aus der Tasche, die er am Kiosk eingesteckt hatte.

Er schlug sie auf. „Tatsächlich!“

„Jetzt ist es zwanzig Minuten nach zwölf“, sagte Brown,

„Wenn Betty Greaves wirklich tot sein sollte, dann hat der Mörder erst nach der Hinrichtung zugeschlagen“, murmelte Richards und blickte die Tote an. „Aber weshalb musste ausgerechnet dieses Mädchen sterben?“

„Das werden wir bald wissen“, sagte Brown grimmig.

„Ich hoffe es!“, meinte Leutnant Richards. „Rufen Sie Inspektor Blight an.“

Sergeant Brown ging ins Wohnzimmer. Dort stand auf dem Fenstersims ein Telefon. Es war noch angeschlossen. Brown nahm den Hörer ab und wählte die Nummer des Morddezernats.

Während des Anrufs blickte er durch das Fenster nach unten auf die Straße.

Neben dem Kiosk stand ein Mann und starrte unentwegt zu den Fenstern von Lewis Wohnung in die Höhe. Der Mann war ungefähr vierzig Jahre alt. Er hatte ein Schnurrbärtchen und war gut gekleidet. Als fühlte er, dass Brown ihn plötzlich beobachtete, wandte er sich ab und ging rasch davon.

Brown eilte in die Diele. „Ich habe was zu melden, Leutnant“, sagte er. „Unten, neben dem Kiosk, stand eben so‘n komischer Kerl, der sich sehr intensiv für Lewis Wohnungsfenster interessierte. Er starrte unentwegt zu ihnen rauf.“

„Konnten Sie sein Gesicht erkennen?“

„Nicht sehr deutlich. Schließlich lagen drei Stockwerke und die Straße dazwischen. Er war gut gekleidet – und er hatte ein Schnurrbärtchen. Ich würde sagen, dass er ungefähr vierzig Jahre alt war, aber auf die Entfernung hin kann ich mich getäuscht haben. Eine Toleranz von fünf Jahren nach unten oder oben hin ist durchaus möglich.“

„Würden Sie ihn wiedererkennen?“

Brown dachte nach. „Nur, wenn ich ihn aus der dritten Etage zu Gesicht bekäme“, meinte er dann.

„Ein Mann mit einem Schnurrbart“, sagte Somerset und rieb sich das Kinn. „Trug er einen dunkelblauen Anzug mit Nadelstreifen?“

„Nadelstreifen? Möglich. Auf die Entfernung hin konnte ich das nicht genau sehen. Aber der Anzug war dunkelblau – das stimmt.“

„Dann weiß ich, von wem Sie sprechen“, sagte Somerset.

„Sie kennen ihn?“, fragte Richards.

Somerset schüttelte den Kopf. „Nein – mir fiel nur auf, dass er heute wiederholt vor dem Haus aufkreuzte und an der Fassade in die Höhe blickte, als wartete er auf jemanden, oder als sei er nicht sicher, das richtige Haus gefunden zu haben.“

„Wieso fiel Ihnen das auf?“, fragte Richards. „Ich denke, Sie sind immer nur mit der Ladenkasse und den Kundinnen beschäftigt?“

„Meistens, aber nicht immer“, stellte Somerset richtig. „Heute war ein ruhiger Tag – und um die Mittagszeit herum ist sowieso nicht viel los. Da sind die meisten Frauen zu Hause, um das Mittagessen zuzubereiten. Sie wollen wissen, warum mir der Mann auffiel? Nun: er war prima in Schale, besser als die meisten Männer dieses Viertels. Er sah – wie sagt man doch gleich? – ja, er sah distinguiert aus – beinahe englisch.“

„Beschreiben Sie seine Züge“, forderte der Leutnant.

„Er war blässlich, hatte aber rote Wangen – ein richtiges Babygesicht. Er wirkte weich und arrogant zugleich. Wenn Sie mich fragen, dann würde ich sagen, dass er einer von den Burschen ist, die ein sanftes Herz durch gespielte Überlegenheit und einen Schuss Forschheit kompensieren.“

Richards hörte interessiert zu. Er blickte den Waschsalonbesitzer an, als habe er an ihm plötzliche neue, unerwartete Seiten entdeckt. Unwillkürlich änderte der Leutnant seinen Ton.

„Wenn man einen Menschen sieht, stuft man ihn sofort in irgendeiner Weise ein“, sagte Richards. „Als gut oder schlecht, als labil oder entschlossen, als fair oder brutal. Wie würden Sie den Fremden beurteilen? Würden Sie ihn für fähig halten, einen Mord zu begehen?“

„Ich weiß es nicht.“

Die Männer starrten wieder auf die Tote. „Wir können mit der Untersuchung schon beginnen“, meinte Richards und blickte den Sergeanten an. „Fragen Sie im Haus herum, ob jemand das Mädchen beim Kommen gesehen hat. Oder einen Mann, der als Täter in Betracht käme. Versuchen Sie zu erfahren, ob in den letzten Tagen Möbel abgeholt worden sind. Tragen Sie vor allem möglichst viel Material über Mister Lewis zusammen. Am besten, Sie beginnen damit bei den Leuten, die über und unter Mister Lewis wohnen.“

„Okay, Sir“, sagte Brown.

Er ging hinaus. Richards steckte sich eine neue Zigarette an. Dann fiel ihm ein, dass er vergessen hatte, Mister Somerset eine anzubieten. Er holte das Päckchen erneut aus der Tasche. „Möchten Sie auch?“

Somerset schüttelte den Kopf. Er hatte die Badezimmertür losgelassen. „Rache für Betty Greaves“, murmelte er halblaut. „Was kann das bedeuten?“

Richards klaubte sich mit spitzen Fingern ein Tabakkrümel von den Lippen. „Lesen Sie keine Zeitungen?“

„Klar“, sagte Somerset. „Ich weiß, wer Betty Greaves ist. Heute wollte man sie grillen.“

„Bitte?“

Eine leichte Röte legte sich auf Mr. Somersets Wangen. „Pardon. Ich verfalle zu oft in den Fehler, den Jargon gewisser Kunden zu benutzen. Betty Greaves soll heute auf dem Elektrischen Stuhl enden, nicht wahr?“

„Für sie dürfte schon alles vorbei sein.“

„Ich frage mich, ob sie dieses Ende verdient hat …“

Richards blickte Somerset erstaunt an. „Warum nicht? Das ist nun mal das Gesetz. Sie hat ihren Mann umgebracht. Dafür muss sie mit dem Leben büßen.“

„Die Leiche des Mannes wurde nie gefunden.“

„Was tut das schon? Sie hat zugegeben, ihn ermordet zu haben. Der District Attorney hat ein ziemlich umfassendes Bild davon entworfen, was aus der Leiche geworden ist.“

„Ich weiß“, sagte Somerset. „Ich habe den Fall in den Zeitungen genau verfolgt. Einmal war ich sogar bei der Verhandlung dabei …“

„Sie waren dabei?“, fragte Richards. Irgendwie wurde diese an sich nebensächliche Unterhaltung immer interessanter.

„Ja, ich wollte unbedingt diese Betty Greaves sehen. Es hieß, dass sie sehr schön sei – viel schöner, als es die Zeitungsfotos wiedergeben könnten.“

„Sie halten sie für unschuldig?“

„Offen gestanden, ja.“

„Das ist typisch“, meinte Richards schulterzuckend. „Schöne junge Frauen haben immer die Sympathie des Publikums. Das ändert nichts daran, dass Betty Greaves ihren Mann getötet hat – aus welchen Gründen auch immer.“

„Sie hat ihr Geständnis widerrufen!“

„Nach der Verurteilung“, meinte Richards und machte eine wegwerfende Handbewegung. „Das hat nichts zu sagen. Natürlich hat sie plötzlich Angst vor dem Tod bekommen und mit allen Mitteln ihr Ende auf dem Elektrischen Stuhl abzuwehren versucht. Das machen alle Delinquenten, auch die sogenannten Geständigen. Zuletzt fallen sie um. Dann kämpfen sie um das Leben, das sie einem anderen ohne große Skrupel genommen haben.“

„Ich glaube noch immer, dass sie ihren Geliebten schützen wollte“, sagte Somerset.

„Das ist die Theorie, die einige sentimentale Zeitungsschreiber vertreten“, meinte Richards verächtlich. „So etwas kommt bei den Lesern an. Betty Greaves, das unglücklich verheiratete Wesen, das in ihrer Ehe so viel Leid erdulden musste! Betty Greaves, die sich schließlich aus Verzweiflung einen Liebhaber nahm! Betty Greaves, die nicht verhindern konnte, dass dieser Liebhaber ihren Mann tötete, und die alles auf sich nahm, um den Liebhaber zu schützen! Das hört sich doch an wie das Thema eines schlechten Romans.“

„Schlechte Romane sind nicht schlechter als das Leben“, meinte Somerset, „und viele der sogenannten guten Romane gehen oft an der harten Wirklichkeit vorbei.“

„Wir wollen nicht philosophieren“, meinte Richards. „Dazu ist jetzt keine Zeit. Hier geht es um einen Mord!“

„Sicher – aber dieser Mord hängt mit dem Tod von Betty Greaves zusammen.“

„Okay, bleiben wir noch ein wenig bei diesem Thema. Bleiben wir bei dem Liebhaber von Betty Greaves. Er hat sich nie gemeldet. Betty Greaves hat seinen Namen bis zuletzt nicht preisgegeben. Aus Liebe? Vielleicht. Aber ich glaube nicht daran. Angesichts des Elektrischen Stuhls stirbt jede Liebe. Da bleibt nur der nackte Überlebenswille zurück.“

„Wissen wir denn, was in Betty Greaves Gnadengesuch stand?“, fragte der Waschsalonbesitzer. „Vielleicht hat sie zuletzt den Namen des Geliebten dem Gouverneur mitgeteilt, um ein Revisionsverfahren durchzusetzen …“

„Was würde der Name des Geliebten schon ändern? Betty Greaves hat ihren Mann getötet und die Leiche beseitigt.“

„So lautete ihr erstes Geständnis“, nickte Somerset. „Später behauptete Betty Greaves, dass alles ganz anders gewesen sei.“

Richards zuckle die Schultern. „Sie sind entschlossen, der Frau zu glauben. Und warum? Weil sie schön war. Und jung. Und scheinbar schutzbedürftig.“

„Ich bestreite nicht, dass Mrs. Greaves Aussehen mich beeindruckt. hat“, gab Somerset zu. „Aber das hat mein Urteilsvermögen nicht getrübt. Jedenfalls bilde ich mir das ein. Okay – nehmen wir an, dass sie schuldig war. Setzen wir den Fall, dass sie ihren Mann ganz allein tötete. Weshalb hat sich dann ein Fremder gefunden, der Betty Greaves Tod zu rächen versuchte?“

„Es wird sich zeigen, ob dieser Mörder seine fünf Sinne beisammen hatte“, meinte Richards.

Somerset legte den Kopf zur Seite. „Die Polizei! Hören Sie die Sirene? Jetzt geht es gleich los!“

Richards betrachtete das glimmende Ende seiner Zigarette. „Für uns geht es nie los“, meinte er gelassen. „Wir stecken jeden Tag mitten drin. Für uns ist das Verbrechen ohne Anfang und Ende.“

„Da sind Sie besser dran als Betty Greaves“, meinte Somerset und krümmte die Unterlippe. „Bei ihr gab es einen Anfang – und auch ein Ende.“

 

 

2

Dawn Barris merkte, wie sich der Rhythmus ihres Herzens plötzlich veränderte.

Sie starrte den Mann an, der ohne vorheriges Anklopfen das Vorzimmer betreten hatte.

Dawn konnte sich nicht erinnern, jemals einen Menschen dieses Aussehens zu Gesicht bekommen zu haben.

Männer dieses Typs existierten in Wachsfigurenkabinetten und Gruselfilmen. Aber es gab sie nicht in Wirklichkeit. Und doch kam ein solcher Mann jetzt auf sie zu. Langsam, schwerfällig, wie eine alte Puppe, deren Mechanik nur noch unvollkommen funktioniert. Er stützte sich auf einen Stock mit Silberknauf. Den Oberkörper hielt er sehr aufrecht.

Der Mann sah aus wie eine Kreuzung zwischen Rockefeller und Frankenstein.

Er war ungefähr neunzig Jahre alt. In dem raubvogelartigen Gesicht standen ein Paar sehr helle Augen; ihr blasses Grau wurde vom Braun der faltigen Haut stark betont.

Der Mann trug einen Anzug, der in den zwanziger Jahren einmal der letzte Schrei gewesen sein mochte. Jetzt wirkte er so grotesk wie der Strohhut mit dem bunten Band, den der Mann bei seinem Eintritt vom Kopf genommen hatte. Immerhin wusste er, was sich gehört.

Das schüttere Haar war glatt gekämmt und silbergrau. Hinter dem rechten Ohr hatte der Mann eine große Narbe.

Der Mann war groß – gut einen Meter fünfundachtzig. Und er war so hager, dass man befürchten musste, der Luftzug des Büroventilators könnte ihn an die Wand drücken.

Ungeachtet dieses Umstandes ging von dem Fremden etwas sehr Bestimmtes aus. In ihm lag eine Zähigkeit, die man mehr spürte als sah – ein eiserner Wille, der bis jetzt erfolgreich sämtliche Altersklippen umschifft hatte.

Der Mann blieb vor ihrem Schreibtisch stehen. Er musterte sie streng. Dann lächelte er kaum wahrnehmbar. „Ich freue mich, dass die Schönheit in dieser Stadt noch nicht ausgestorben ist“, sagte er. Er hatte eine Stimme wie brüchiges Packpapier; sie hörte sich an, als käme sie aus dem Trichterlautsprecher eines vierzig Jahre alten Radios.

Dawn merkte, dass sie errötete. Sie bedankte sich für das Kompliment und erkundigte sich, was sie für den Herrn tun könnte.

„Nichts Besonderes“, sagte der alte Mann, „Alles, was ich wünschte, ist die Gelegenheit, einen Mord zu begehen.“

 

 

3

Dawn starrte den Alten an. Es tat ihr leid, dass sein Verstand die Jahre weniger gut überdauert hatte als die Hülle, die ihn umgab.

„Ja, ich möchte einen Menschen töten“, sagte der Mann und legte den Stock mit dem Silberknauf quer über Dawns Schreibtisch. „Sie gestatten?“, fragte er dabei höflich. Er holte aus seiner mit Brokatfäden durchwirkten Weste eine Uhr, um die sich jeder Museumsdirektor gerissen hätte. „Ich habe zehn Minuten Zeit, um Mister Braden mein kleines Problem zu schildern. Bitte, haben Sie die Güte, ihn von meinem Besuch in Kenntnis zu setzen.“

In diesem Moment öffnete sich die Tür, die zu Jack Bradens Privatbüro führte, und Dawns Chef betrat das Vorzimmer.

Jack Braden blickte den alten Herrn an und demonstrierte dabei jenes Lächeln, von dem eine Zeitung einmal behauptet hatte, dass es seine wichtigste Waffe bei der Gewinnung von Klienten sei. Das war ohne Zweifel nichts anderes als ein journalistisches Wortgeplänkel. Obwohl nicht bestritten werden konnte, dass Jack Bradens Lächeln in der Tat sehr jungenhaft und anziehend wirkte. Die Klienten gewann er aber, weil er einen ausgezeichneten Ruf genoss – und diesen Ruf hatte er sich hart erarbeitet.

Der Alte ging auf Jack zu. „Hm“, brummte er. „Gutes Material!“

„Wie bitte?“, fragte Jack.

„Gutes Material“, wiederholte der Alle und tippte mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf Jacks Brust. „Dafür habe ich einen Blick. Sie werden mir den Burschen ‘ranschaffen.“

Jack fing einen warnenden Blick von Dawn auf, aber seltsamerweise schien der Alte auch dieses Signal mitbekommen zu haben. Er wandte sich Dawn zu. „Machen Sie keinen Fehler, meine Verehrteste – mein Verstand arbeitet so präzise wie ein Schweizer Uhrwerk. Betrüblicherweise laufe ich die hundert Yard nicht mehr in zehn Komma acht, wie ich das früher getan habe – sonst würde ich mich selber um den Fall kümmern.“ Er wandte sich Jack zu. „So, wie die Dinge nun mal liegen, muss ich mich an Sie wenden.“

Jack führte den Besucher in sein modern eingerichtetes Privatbüro. Er rückte dem Alten den Armlehnstuhl am Schreibtisch zurecht und nahm dann ihm gegenüber Platz. „Ich glaube, ich habe vorhin Ihren Namen nicht richtig verstanden, Sir …“

„Ich habe ihn noch gar nicht genannt“, sagte der Alte und hob das Kinn. „Ich bin General Alderbury.“

Jack versagte sich die Frage, wann, wo und in welcher Armee der Alte seinen Rang erworben hatte. Stattdessen erkundigte er sich: „Was kann ich für Sie tun, General?“

„Beschaffen Sie mir den Mörder meiner Tochter“, sagte der Alte.

Jack schluckte. Er erinnerte sich an den warnenden Blick, den Dawn ihm zugeworfen hatte. „Wann ist Ihre Tochter ermordet worden?“, fragte er.

„Gestern Mittag“, sagte der Alte. Er holte eine Krokodilleder-Brieftasche aus dem Jackett und entnahm ihr einen Zeitungsausschnitt. Jack warf nur einen Blick darauf. Er kannte den Artikel. Der Artikel entstammte der Morgenzeitung.

Der Artikel enthielt zwei Fotos. Eines davon zeigte das Gesicht eines noch jungen, schönen Mädchens. Das Mädchen konnte nicht viel älter als drei- oder vierundzwanzig Jahre sein. Es war kaum vorstellbar, dass es sich dabei um die Tochter des Generals handeln konnte – es sei denn, er wäre mit siebzig nochmals Vater geworden.

„Das ist Laura“, sagte der Alte. Sein Gesicht wirkte jetzt noch älter als vorher.

„Laura – und wie noch?“

„Laura Alderbury selbstverständlich!“

Jack Braden befeuchtete sich die Lippen mit der Zungenspitze. Er fragte sich, wie die Mutter des Mädchens aussehen mochte. „Ihre einzige Tochter?“, erkundigte er sich.

„Nein“, sagte der Alte. „Das ist die ältere.“

Jack schaffte es, seine Verblüffung zu meistern. „Waren Sie schon bei der Polizei?“

„Selbstverständlich.“, sagte der General.

„Was hat man Ihnen dort gesagt?“

„Nicht viel. Die Burschen haben dauernd nur Fragen gestellt. Aus allem, was sie sagten und wissen wollten, ging klar hervor, dass sie völlig im Dunkeln tappen.“

Jack legte den Artikel aus der Hand. Er blickte den Alten an. „Sie wünschen, dass ich den Fall übernehme?“

„Genau das. Ich wünsche, dass Sie den Mörder finden. Das ist alles.“

Details

Seiten
116
Jahr
2021
ISBN (eBook)
9783738951998
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (März)
Schlagworte
jack braden thriller auch leute

Autor

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Titel: Ein Jack Braden Thriller #33: Auch nette Leute müssen sterben