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Der Killer des Jahres: N.Y.D. – New York Detectives

2021 123 Seiten

Zusammenfassung

Zack, der Rächer, so nennt sich der Mann, der in Selbstjustiz gleich mehrere Verbrecher getötet hat und nun plötzlich Gefallen an einem verhinderten Opfer findet. Die Polizei sucht ihn, die Presse bejubelt ihn, und der Privatdetektiv Bount Reiniger setzt sich auf seine Spur. Joyce Clark, das vermeintliche Opfer, traut sich nicht, der Polizei den entscheidenden Hinweis zu geben, denn sie fürchtet um ihr Leben.

Leseprobe

Table of Contents

Der Killer des Jahres: N.Y.D. – New York Detectives

Copyright

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Der Killer des Jahres: N.Y.D. – New York Detectives

Krimi von Cedric Balmore

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 123 Taschenbuchseiten.

 

Zack, der Rächer, so nennt sich der Mann, der in Selbstjustiz gleich mehrere Verbrecher getötet hat und nun plötzlich Gefallen an einem verhinderten Opfer findet. Die Polizei sucht ihn, die Presse bejubelt ihn, und der Privatdetektiv Bount Reiniger setzt sich auf seine Spur. Joyce Clark, das vermeintliche Opfer, traut sich nicht, der Polizei den entscheidenden Hinweis zu geben, denn sie fürchtet um ihr Leben.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover Steve Mayer

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Dodo folgte seinem Opfer, er fühlte sich prächtig dabei. Das war immer so, bevor er zuschlug. Er brauchte dieses Gefühl kribbelnder Hochspannung, das Wissen um den baldigen Triumph. Die Alte war eine leichte Beute für ihn, sie bewegte sich rasch und gebückt vorwärts, sie hatte Angst, das war zu sehen und zu spüren.

Eine alte Frau. Dodo schätzte sie auf 65. Wahrscheinlich kam sie von einem Kaffeeklatsch, auf dem sie sich das Schandmaul über andere Leute zerrissen halte, über das Anwachsen der Kriminalität, über die Verrohung der Sitten, den Terror auf den Straßen. Eine Vogelscheuche, eine schlampige Heuchlerin. Dodo fand es leicht, die Alte zu hassen, es tat ihm geradezu gut, sich in eine kalte Wut hineinzusteigern.

Die Alte hatte vergeblich nach einem Taxi Ausschau gehalten, jetzt befand sie sich auf dem Wege zur nächsten U-Bahn-Station. Sie hatte es eilig, Menschen und Licht zu finden, die schmalen, dunklen Straßen beunruhigten sie.

Dodo grinste in sich hinein, er kam seinem Opfer langsam näher. Wenn die Alte das nächste Mal über die bösen Gangster sprach, würde sie ein Erlebnis aus dem eigenen Erfahrungsschatz zum Besten geben können.

Es nieselte. Ein scharfer Nordostwind trieb beißende Kälte in die tristen Häuserschluchten. Dodo, der eigentlich Dorian Dotson hieß, wusste genau, wo er handeln würde. Gegenüber von Al Deckers kleinem Gemischtwarenladen lag das kleine Alley, es führte bis zur Hochbahnbrücke und bot fabelhafte Möglichkeiten, sich zu verkrümeln.

Er würde die Gasse verlassen und die Handtasche ihres Inhaltes beraubt haben, noch ehe die komische Alte sich von ihrem Schrecken erholt und die Polizei informiert haben würde.

Es war schwer zu sagen, wie viel die Alte bei sich führte. In diesen Zeiten riskierten es die wenigsten, größere Bargeldbeträge bei sich zu führen, aber vielleicht besaß die Alte einen Ring oder eine Kette, irgendein Schmuckstück, um das er sie erleichtern konnte. Es war kaum jemand auf der Straße zu sehen, alles würde so rasch gehen, dass niemand Zeit zum Eingreifen fand.

Dodo verzog das Gesicht. Bis jetzt hatte es noch niemand gewagt, ihm ins Handwerk zu pfuschen. und er gehörte nicht zu den Leuten, die an dieses neue Schreckgespenst, an „Zack“ glaubten. Ein Verrückter! Nannte sich einfach Zack, weil er meinte – zack!– mit dem Verbrechen aufräumen zu können. Möglicherweise war er nur eine Erfindung cleverer Pressefritzen, die sich einbildeten, damit die Szene verunsichern zu können.

Dodo beschleunigte seine Schritte. Es war soweit. Jetzt würde auch er – zack!– sein Opfer krallen. Es wurde Zeit, dass diese alte Schlampe eine Lektion erteilt bekam. Sie hatte hier nichts verloren, sie sollte nach Einbruch der Dunkelheit gefälligst zu Hause bleiben und mit ihrem zahnlosen Mund von den guten, alten Zeiten brummeln, die Gott sei Dank endgültig vorüber waren.

Er hatte die Frau erreicht, seine Hand schnellte vor, er riss an der schäbigen, großen Tasche. Die Frau wurde buchstäblich herumgewirbelt, ihre weit aufgerissenen, schreckensstarren Augen hingen an seinem Gesicht. Sie war unfähig, ein Wort zu äußern, sie konnte nicht einmal schreien, aber sie hielt die Tasche fest, als hinge ihr Leben daran.

Dodo war verdutzt. Er wandte den Kopf und zerrte immer noch an der Tasche. Er sah eine jüngere Frau, die sich von ihm fortbewegte und die nicht bemerkte. was hier geschah.

Auf der anderen Straßenseite stand ein Mann. Er schaute rasch weg. als Dodos Blick sich mit dem seinen kreuzte. Nichts sehen, nichts hören, so lautete die Devise in diesem Viertel. Wer sich nicht daran hielt, bekam Ärger. Oft genug war es sein letzter.

„Loslassen!“, keuchte Dodo. Er war jetzt stocksauer. Er verstand nicht, weshalb die Frau die Tasche festhielt. Er riss die geballte Faust hoch, er schlug zu, zweimal hintereinander. Die Frau sank lautlos zu Boden. Er nahm ihr die Tasche ab. Der Mann auf der anderen Straßenseite hatte sich abgewandt, er studierte die Auslagen in Al Deckers Ladenfenster.

Dodo sah, dass die Frau einen Ring trug. Er riss und zerrte daran, er wollte ihn abstreifen, aber das verdammte Ding ging nicht über das gichtig angeschwollene Gelenk hinweg, er gab es auf und rannte mit der Tasche in das dunkle, nur von zwei, drei mickrigen Lampen notdürftig aufgehellte Alley.

Er stoppte, als er das andere Ende der Gasse erreicht hatte, öffnete die Tasche und blickte hinein. Es störte ihn nicht, dass er dabei direkt unter einer Lampe stand, er brauchte Licht, um zu sehen, was die Tasche enthielt.

Ein Päckchen mit Papiertüchern, eine alte, kleine Sprungdeckeluhr, eine Geldbörse. Dodo grinste zufrieden. Die Uhr sah aus wie Gold, jedenfalls ließ sich so etwas leicht zu Geld machen. Er steckte die Uhr ein, dann öffnete er die Geldbörse.

Seine Augen quollen aus den Höhlungen, als er das dicke Banknotenbündel sah. Er hatte weder Zeit noch Lust, das Geld an Ort und Stelle nachzuzählen, aber es gab keinen Zweifel, dass er ein paar hundert Dollar erbeutet hatte. Sein größter Fischzug seit Langem.

Er wischte die Tasche ab, um sie von seinen Fingerabdrücken zu befreien, steckte die Börse zu der Uhr, warf die Tasche über einen Zaun und bewegte sich pfeifend auf die Hochbahnbrücke zu. Es empfahl sich, der Gegend für zwei, drei Stunden den Rücken zu kehren, die Bullen würden sie verunsichern und nach dem Mann Ausschau halten, auf den die Beschreibung der komischen Alten passte.

Vor allem musste er die Uhr verstecken, sie konnte ihn verraten. Er erreichte seinen alten Dodge und schloss ihn auf. jemand tippte ihn auf die Schulter. Dodo zuckte auf den Absätzen herum. Er war eher überrascht als erschrocken, er hatte niemand gesehen oder gehört, im ersten Moment war er der Meinung gewesen, eine der Tauben, die in dem Stahlträgerwerk der Brücke nisteten, habe ihn beschmutzt, aber jetzt sah er sich einem Fremden gegenüber, einem hochgewachsenen Mann mit markanten Gesichtszügen und tiefen, dunklen Augen.

„Ist was?“, fragte Dodo. Er merkte, dass er die eigene Stimme und seine gewohnte Flapsigkeit einsetzen musste, um die plötzliche Furcht in den Griff zu bekommen.

Hatte der Mann etwas gesehen? Unsinn! Der Tatort lag mehr als dreihundert Yard von hier entfernt, der Überfall hatte sich in der Parallelstraße ereignet, er war praktisch lautlos vor sich gegangen, es hatte weder Schüsse noch Hilfeschreie gegeben, das Ganze war ein perfekter Job gewesen.

„Du bist Dodo, nicht wahr?“, fragte der Mann. Seine Stimme war leise, aber sie war auf seltsame Weise kraftvoll, in ihr schwangen Spott und Selbstsicherheit, daneben aber noch etwas anderes. Unwägbares, das Dodos Furcht vertiefte. Ein Verdacht sprang ihn an, ein absurder, geradezu grotesker Verdacht, aber er wischte ihn beiseite, er wollte nicht wahrhaben, dass er, ausgerechnet er, mit Zack zusammengetroffen sein könnte. Nein. Zack nahm sich nur die großen Fische vor, die Männer der Cosa Nostra, er gab sich nicht mit kleinen Ganoven ab, das war unter seiner Würde.

„Ja, kennen wir uns?“, fragte Dodo. Seine Stimme klang belegt. Plötzlich wurde er wütend. Sein Gegenüber war höchstens 35 Jahre und gut gekleidet. Dodo kannte sich im Umgang mit Fäusten aus, er hatte ein Klappmesser in der Tasche und wusste es zu handhaben, es gab also keinen Grund, vor dem Unbekannten zu kneifen. Nicht vor einem Dandy!

Aus dem mache ich Kleinholz, dachte Dodo. Ich nehm‘ ihm die Brieftasche ab und beende den Abend mit der hübschen, erhebenden Tätigkeit des Geldzählens.

„Ich kenne dich“, sagte der Mann. „Du gehörst zu denen, die die Straßen verpesten, die sie unsicher und gefährlich gemacht haben, und die glauben, vom Terror leben zu können.“

Ein Polyp, dachte Dodo beklommen. Irgendeiner von diesen beschissenen Typen, die aus einem anderen Revier kommen und meinen, als Zivilstreifen Ordnung schaffen zu können. Vielleicht ist er nicht mal allein, vielleicht lauert ganz in der Nähe sein Kollege und wartet darauf, dass du angreifst, dass du einen Fehler machst.

„Das soll wohl ‘n Witz sein“, sagte Dodo und schob seine Daumen in den breiten Ledergürtel seiner abgewetzten, verbeulten Jeans. „Können Sie sich ausweisen?“

„Sicher“, sagte der Mann. „Ich bin Zack.“

Er hielt plötzlich einen Revolver in der Hand, eine ziemlich seltsame Waffe, wie Dodo fand. Sie war vergoldet, und ihr matter Glanz bildete einen seltsamen, faszinierenden Kontrast zu dem dünnen, schwarzen Lederhandschuh, den der Mann anhatte.

Dodo schluckte. Er konnte und wollte nicht begreifen, dass ausgerechnet er soviel Pech gehabt haben sollte, nach einem Superfischzug von Zack gestellt zu werden, aber er wusste plötzlich mit quälender, schmerzhafter Deutlichkeit, dass es stimmte.

Dodo hatte die Zeitungsberichte von dem Mann mit dem goldenen Revolver für Spinnereien gehalten, für eine Garnierung erfundener Reporterstories, aber jetzt zeigte sich, dass das Ganze stimmte, sogar die Sache mit dem goldenen Revolver traf zu. Nur eines stimmte nicht. Es würde einen Mann geben, der Zack überlistet und überwunden hatte, und dieser Mann würde er, Dorian Dotson alias Dodo, sein!

„Lass ihn“, sagte Dodo und blickte über die Schulter des Mannes hinweg. Der Trick hatte schon hundertmal funktioniert, aber Zack fiel nicht darauf herein, er wandte sich nicht um, er schaute nur Dodo an, unentwegt.

Dodo bekam einen trockenen Mund. „Wenn Sie wirklich Zack sein sollten …“, begann er. Er führte den Satz nicht zu Ende. Wenn Zack auftrat, blieb eine Leiche zurück. Die Leiche eines Kriminellen.

„Ich bin‘s, Junge, ich bin‘s“, sagte der Mann und hob kaum merklich das Kinn, als das Donnern eines heranbrausenden Zuges hörbar wurde.

Dodos Herz hämmerte, seine Hände waren schweißfeucht. Das konnte doch nicht das Ende sein! Wegen eines Handtaschenraubes wurde man nicht umgelegt, das war absurd, das war einfach gegen die Spielregeln.

„Ich könnte Ihnen helfen“, stieß Dodo hervor. Die Lippen seines Gegenübers bewegten sich, aber Dodo konnte nicht verstehen, was der Mann sagte. Der Zug donnerte über sie hinweg, er erfüllte die Luft mit metallischem Hämmern, Stampfen und Kreischen.

Wenn Zack jetzt abdrückte, in diesem Moment, würde der Schuss untergehen, einfach verschluckt werden, aber Zack tat nichts dergleichen, er hatte den Finger zwar am Abzug liegen, aber dieser Finger rührte sich nicht. Dodo stieß die Luft aus. Er fühlte sich wie befreit, er war gerettet. Wenn Zack jetzt nicht geschossen hatte, würde er es niemals tun, nicht bei ihm, nicht bei Dorian Dotson.

„Ich könnte Ihnen helfen“, wiederholte Dodo, weil er nicht sicher war, ob Zack ihn verstanden hatte.

„Wie denn?“, fragte der Mann. Seine Stimme klang spöttisch.

„Ich könnte Ihnen Tipps geben …“

„Tipps?“

„Ja. Ich kenne eine Menge Leute, die Sie interessieren würden“, stammelte Dodo und hasste sich dafür, dass seine Stimme vor Eifer fast umzukippen drohte. Er sang. Er war bereit, andere in die Pfanne zu hauen, um die eigene Haut zu retten. Das war schäbig, er wusste es, aber hier ging es um sein Leben, um seinen Kopf, da hatte es keinen Zweck, pingelig zu sein.

„Welche Leute?“, fragte der Mann.

„Richtige Gangster, nicht so kleine, harmlose Burschen meines Kalibers …“

„Du bist nicht harmlos. Du bist eine Ratte“, sagte Zack. „Ratten vernichtet man.“

Dodo schluckte. Er starrte in die auf ihn gerichtete Waffenmündung, seine Angst, die vorübergehend kleiner geworden war, nahm wieder die alten, erschreckenden Dimensionen an. Zack der Rächer!

„Ich weiß zum Beispiel, was nächsten Sonnabend steigen soll“, stieß Dodo hervor. Der Nieselregen war stärker geworden. Der Nordost heulte, und aus der Gegenrichtung kam ein weiterer Zug heran. Die Gegend war trist, ein Alpdruck. Kein Wunder, dass weit und breit keine Menschenseele zu sehen war!

„Nächsten Sonnabend, morgen also?“, fragte Zack.

„Ja, morgen. Blair will die Clarks ausnehmen.“

„Langsam, langsam“, sagte der Mann. „Wer ist Blair?“

„Luke Blair, er arbeitet für die Hartford Mobsters.“

„Ich weiß Bescheid. Und wer sind die Clarks?“

„Sie können von mir nicht erwarten, dass ich das einfach auspacke, ohne Garantien …“

„Rede!“

„Hören Sie, Mister. …“

Der Zug war direkt über ihnen. Er schien noch lauter zu sein als derjenige, der vorher die Gegenrichtung passiert hatte. Dodo zuckte zusammen, als er den grellen, kleinen Feuerblitz aus dem Revolverlauf springen sah, er spürte einen heftigen Schlag an der Schulter und brach in die Knie, eher infolge des plötzlichen Schocks als echter Schwäche.

Dodo griff sich an die Schulter, er spürte das Loch in der Lederjacke und darunter die warme Klebrigkeit des austretenden Blutes. Ihm war auf einmal sterbensübel. Der Zug donnerte vorüber, der Lärm verebbte.

„Sprich!“, sagte der Mann. Seine Stimme war hart und befehlend, sie drückte Ekel aus. abgrundtiefe Verachtung, aber auch noch etwas anderes, etwas, das Dodo tiefer und nachhaltiger entsetzte als bloße Brutalität. Dodo fand, dass diese Stimme von Sadismus getragen wurde, von der Lust am Leid des anderen, von einem abwegigen, irren Killerinstinkt.

Dodo umklammerte die blutende Wunde, er zitterte am ganzen Körper, er konnte sich nicht erinnern, sich jemals miserabler gefühlt zu haben. War das das Ende? Er wehrte sich dagegen, er konnte und wollte nicht glauben, dass er, mit den Taschen voller Geld, an diesem tristen Ort ins Gras beißen sollte.

„Sing, Ratte, sing!“, sagte der Mann.

„Es handelt sich um die Richville Clarks“, stieß Dodo hervor. „Sie beschäftigen einen Leibwächter, aber der liegt nach einem Unfall im Krankenhaus.“

„Danke, das genügt“, sagte Zack.

„Nein!“, schrie Dodo. „Nein …“

Er wollte noch etwas sagen, aber die beiden kurzen, trockenen Schüsse aus dem goldenen Revolver fegten ihm die Worte von der Zunge, sie peitschten ihm ein Gefühl unter die Haut, das neu für ihn war, enervierend und betäubend zugleich. Er kippte vornüber, schlug mit der Stirn auf schmutziges Pflaster und hörte einen weiteren Knall, jedenfalls schien es ihm so, aber er spürte keinen Schmerz, er begriff nur, dass es aus war. Aus und vorbei.

Seine Lippen bewegten sich, und seine Finger wurden starr, dann rollte sein Kopf zur Seite, und er hörte auf, etwas zu denken oder zu fühlen.

Dorian Dotson war tot.

 

 

2

Die Männer bauten die Scheinwerfer auf, sie rollten die Kabeltrommeln ab und fluchten, wenn ihnen irgend etwas in den Weg kam. Captain Rogers hatte den Mantel seines Trenchcoats hochgestellt und verzog das Gesicht, als ein U-Bahn-Zug die Luft mit seinem stählernen Getöse erfüllte.

„Wissen Sie, was ich glaube?“, fragte Sergeant Miller, der sich eine seiner scheußlich riechenden Zigaretten drehte. „Das war gar nicht Zack. Ein Nachahmer. Einer, der sich an Zacks Ruhm hochrangeln will. Zack legt nur Klasse-Ganoven um. Wenn es stimmt, was der Revierdetektiv sagt, war Dotson nur ‘n mieser, kleiner Strichjunge, ein Handtaschenräuber …“

Ein Polizist kam heran und salutierte. „Die Presseleute möchten Sie sprechen, Sir“, sagte er, „es ist beinahe unmöglich, sie jenseits der Absperrung zu halten.“

Captain Rogers sah zu, wie Miller sich die Zigarette ansteckte, dann ging er zur anderen Straßenseite, blinzelnd und jäh geblendet von ein paar aufflammenden Blitzlichtern.

„Es ist zu früh für bindende Schlüsse, Leute“, sagte er mit hochgezogenen Schultern. Er kannte die meisten Reporter und Fotografen, es gab ein paar davon, die er schätzte und als seine Freunde betrachtete. aber es geschah nur selten, dass das Zusammentreffen mit ihnen seine Laune verbesserte.

Die Männer wollten immerzu Erfolgsmeldungen hören, Details, sie lebten von deren Auswertung, aber erstens war er nicht ihr Brötchengeber, und zweitens musste er sich hüten, durch eine zu offene Informationspolitik Porzellan zu zerschlagen oder dem Täter Hinweise auf den Ermittlungsstand zu geben.

Hier und heute war es freilich relativ leicht, etwas zu sagen. Zacks übliche Visitenkarte machte das Geschehen zu einer runden Sache, und die Presseleute würden keine Mühe haben, ihrem gegenwärtigen Lieblingsthema ein paar neue Glanzlichter aufzusetzen.

„Er muss doch mal mehr als seine blöde Karte am Tatort zurücklassen“, sagte Jim Cooper, ein alter Hase vom „Herald“. „Nach so vielen Morden muss auch ihm mal eine Panne passieren, muss er einen Knopf verlieren, einen Fußabdruck hinterlassen. irgend etwas, womit man ihn festnageln kann …“

„Du bist heiter, wirklich“, höhnte Al Wince, sein Kollege von der „News“. „Wenn die Leute des Captains was finden würden, hätten sie gute Gründe, das zu verschweigen. Oder irre ich mich, Captain?“

„Ich wüsste gern, was Sie damit sagen wollen, Al“, meinte Toby Rogers. Aber natürlich hatte er sofort kapiert, worauf Wince hinauswollte. Die Spatzen pfiffen es schließlich schon von den Dächern, dass die Polizei verdächtigt wurde, in Zack einen willkommenen Helfer, einen uneigennützigen Helfer gegen das organisierte Verbrechen zu sehen.

„Sie können doch heilfroh sein, dass Zack Ihnen die Dreckarbeit abnimmt“, sprach Wince aus, was die meisten Leute in der Stadt dachten. „Zack braucht keine Anklage aufzubauen, er muss sich nicht damit abrackern, Beweise zu finden, er kann es sich leisten, auf die sogenannte Rechtsstaatlichkeit zu pfeifen. Er pickt sich einen Ganoven heraus und legt ihn um. Zack! So einfach ist das für ihn. Wie viele Opfer schreiben Sie ihm zu?“

„Neun“, sagte Toby Rogers. „aber unseres Wissens hat er erst nach dem dritten Mord die Masche mit der Visitenkarte entwickelt.“

„Benutzt er wirklich eine vergoldete Waffe?“, fragte einer der Männer.

„Er behauptet es. Am Telefon. Die Toten, die darüber Auskunft geben könnten, sind leider nicht imstande, uns aufzuklären“ sagte der Captain bitter. „Aber nun zu Ihnen, Al. Sie können nicht im Ernst glauben, dass wir Zacks Verbrechen gut heißen. Man kann Mord nicht mit Mord bekämpfen, das ist unsinnig, eine Kette ohne Ende. Und Sie dürfen mir glauben, dass ich in Zack alles andere als einen Freund und Kollegen sehe. Er macht die Stadt verrückt, vor allem aber uns. Wir bekommen kaum noch Schlaf, auf meinem Schreibtisch häufen sich die Akten, die Unterschriftentinte auf einem Protokoll ist noch nicht trocken, und schon erreichen uns die nächsten Alarmrufe, die nächsten Mordmeldungen. Nein, Zack ist nicht unser Freund, und schon gar nicht unser Helfer. Eines Tages werden sich Nachahmer finden, die Selbstjustiz ist wie eine ansteckende Krankheit, sie weckt Killerinstinkte und gibt Leuten mit Aggressionszwängen den Vorwand, dem Recht zu dienen – aber in Wahrheit sind sie nicht besser als diejenigen, die sie töten oder auf andere Weise bekämpfen, sie sind eher noch schlimmer. Nehmen Sie einen Mann wie den ermordeten Dorian Dotson. Ein Ganove, zugegeben. Ein Mann aus den Slums, der niemals Nestwärme genossen und von früher Jugend an gezwungen war, sich …“

„Hören Sie bloß auf, mir bricht gleich das Herz“, warf Ron Callagher dazwischen. Er war der Senior der Kriminalreporter, ein alter Haudegen mit verwitterten, wie gegerbt wirkenden Gesichtszügen, von dem behauptet wurde, dass er am Tage einen Liter Whisky trinken müsste, um einigermaßen fit zu bleiben. Sein Mundgeruch schien diese These zu untermauern, aber es gab niemanden, der Ron Callagher jemals hätte schwanken selten. „Immer diese blöden, alten Märchen von der harten, lieblosen Umgebung, von der Elternschuld, der Lehrerschuld, der Erwachsenenschuld. Mich kotzt das an. Ich kenne ‘ne Menge Waisenkinder, die es zu was gebracht haben und gar nicht wissen, was Liebe ist. Wer kriminell ist, darf sich nicht wundern, bekämpft zu werden, und Zack weiß genau, dass gegen Härte nur mit noch größerer Härte angegangen werden kann.“

„Terror und Gegenterror, ein hübsches Rezept“, spottete Captain Rogers. „Unsere Stadt wird sich an eine reizende Zukunft gewöhnen müssen, an Ströme von Blut, was?“

„Blut“, sagte Callagher, „fließt jetzt schon genug. Es liegt nicht zuletzt an Ihnen, Captain, diesen Trend aufzuhalten.“

„Ich kann nicht zaubern, Ron. Vielleicht werfen Sie hin und wieder mal einen Blick auf die Statistiken, auf die Zahl der geklärten Mordfälle. Sie werden einsehen müssen, dass sich diese Zahlen sehen lassen können.“

„Ich kenne diese alte Litanei“, winkte Callagher ab. „Das Lied vom Personalmangel, von Übermüdung und Überlastung. Diese Stadt hat genügend Männer, die tüchtig sind und durchaus bereit wären, die Polizei tatkräftig zu unterstützen. Leute wie Bount Reiniger zum Beispiel.“

„Bount“, seufzte der Captain, „ist mein Freund. Ein guter Freund. Ich weiß, was er kann, er hat mir mehr als einmal aus der Klemme geholfen. Bount ist Privatdetektiv. Er kann nicht davon leben, Ihren oder meinen Idealvorstellungen zu entsprechen. Er lebt von seinen Honoraren – und die zahlen ihm mehr oder weniger betuchte Klienten. Die Polizei jedenfalls hat keinen Etat für die Beschäftigung von Privatdetektiven – aber das wissen Sie so gut wie ich.“

„Warum“, spottete einer der Reporter, „gehst du nicht zu deiner Redaktion und bittest sie darum, Bount Reiniger auf Zacks Fährte zu hetzen? Es wird euch ein paar Tausender kosten, fürchte ich, aber wenn Reiniger Erfolg haben sollte, wäre das eine gute, eine blendende Investition, euch würden Zehntausende neuer Leser zufließen.“

Callagher starrte dem Sprecher in die Augen. „Bount, alter Junge“, sagte er dann. „Das ist eine Idee. Ich bringe dich um, wenn du versuchen solltest, sie deiner eigenen Redaktion zu verkaufen.“ Dann machte er kehrt und ging davon.

Einer der uniformierten Männer kam herangehetzt. Ihm war anzusehen, dass er soeben über Funk eine wichtige Durchsage erhalten hatte. Die Reporter spitzten die Ohren, aber Captain Rogers zog den Corporal soweit zur Seite, dass kein Unbefugter hören konnte, was gesagt wurde.

„Ein Toter ist gefunden worden, oben in Queens, am Stanford Drive. Zacks Visitenkarte liegt dabei.“

„Weiß man, wer der Mann ist?“

„Nein, noch nicht. Lieutenant Ron Myers ist bereits unterwegs zum Tatort.“

„Armer Ron“, sagte der Captain grimmig. „Er wird sich dort mit den gleichen Problemen und den gleichen Leuten herumschlagen müssen wie ich.“ Er wandte sich mit einem Anflug von Schadenfreude den Reportern zu. Er sagte ihnen, was geschehen war und grinste matt, als er beobachtete, wie die Meute davonstob, um den neuen Tatort zu erreichen. Dann ging er hinüber zu dem Toten, der jetzt im gleißenden Licht der Scheinwerfer lag und fragte sich, was Zack veranlasst haben mochte, einen Mann wie Dorian Dotson abzuservieren.

 

 

3

Sie war nackt, als sie das Badezimmer verließ. Die Art, wie sie sich bewegte, graziös und herausfordernd kokett, machte klar, dass sie sich ihrer Jugend, ihrer Schönheit und ihrer Wirkung durchaus bewusst war, und dass sie gelernt hatte, daraus optimalen Nutzen zu ziehen. Sie blieb auf der Schwelle stehen, lächelnd, sie lehnte sich gegen den Türrahmen und fragte: „Musst du wirklich schon gehen?“

Luke Blair saß auf dem Bett, er zog die Reißverschlüsse seiner schicken, halbhohen Stiefel aus rotbraunem Chevreauxleder zu und grinste matt, als er seine Blicke über Kellys makellosen Körper wandern ließ. Sie war ein kleines Biest, sie konnte von der Liebe einfach nicht genug bekommen.

Er schaute auf die Uhr. „Ich muss mich trollen“, sagte er. „Sonst komme ich noch zu spät.“

„Nur noch ein Stündchen – bitte“, sagte Kelly und formte ihren herzförmig geschnittenen, roten Mund zu einem schmollenden O. Sie kam auf ihn zu, ihre vollen, hübschen Brüste schwangen provozierend und ließen Luke Blair plötzlich bedauern, dass er gehen musste.

Er stand auf. „Es dauert nur ein paar Stunden“, sagte er. „Ich rufe dich an.“

„Kann ich hier auf dich warten?“

„Nein“, sagte er und gab ihr einen Klaps auf den Popo. „Das geht nicht.“

„Du vertraust mir nicht“, beklagte sie sich und legte ihre Arme um seinen Nacken. Sie presste ihren Unterleib gegen seinen Körper und rechnete mit seiner männlichen Reaktion, aber er zog ihre Arme herunter und sagte, diesmal schon weniger freundlich: „Anziehen, los!“

Kellys Lächeln fiel in sich zusammen. Sie kannte diesen Ton und hatte gute Gründe zu spuren. Sie zog sich an, dann verließ sie mit Blair die Wohnung. „Bleib zu Hause, bis ich dich anrufe“, sagte er, stieg in seinen Wagen und fuhr davon.

Kelly Atkins war schließlich froh, dass sie ein paar Stunden allein sein konnte. Eigentlich konnte sie Luke nicht leiden, sie hatte sogar Angst vor ihm, aber er bot ihr zwei Vorteile, die sie nicht aufzugeben wünschte: Er war ein guter Liebhaber, und er war großzügig. Er unterhielt ihr Apartment, er hatte ihr erst kürzlich einen echten Nerz gekauft, und wenn nicht alles trog, würde er fortfahren, sie mit seinen Gunstbeweisen zu verwöhnen.

Dafür war sie gern bereit, seine speichelnde Aussprache, seinen trotz reichlich verwendeten Körpersprays immer wieder durchbrechenden Schweißgeruch und seine gelegentlichen Wutausbrüche hinzunehmen. Er war ein Gangster, sie wusste es. Aber wenn man, wie sie, aus der Bronx stammte und einen Vater hatte, der im Gefängnis saß, und eine Mutter, die sich mit Pennern vergnügte, konnte man mehr als zufrieden sein, sich Luke Blairs Freundin nennen zu dürfen.

Sie fuhr nach Hause, stellte das Fernsehgerät ein, mixte sich einen Martini und fragte sich, was Luke wohl an diesem Abend für ein Ding zu drehen gedachte. Sie war froh, keine Einzelheiten zu kennen, wünschte Luke aber alles Gute, weil es vom Erfolg seines Fischzugs abhing, wie großzügig seine nächsten Geschenkgesten ausfallen würden.

Als es klingelte, ging sie neugierig zur Tür. Sie langweilte sich und freute sich auf eine Abwechslung, egal, wie sie auch beschaffen sein mochte.

Der Besucher, dem sie sich gegenüber sah, war ein Mann Ende der Dreißig, groß und schlank, sehr gut angezogen, vielleicht um eine Note zu konservativ, um Kellys Geschmack zu treffen, aber sie mochte sein Gesicht, es wirkte hart und melancholisch zugleich, es hatte, wie sie meinte, das gewisse Etwas.

„Sie wünschen?“

Sie erhielt keine Antwort und erschrak, als der Mann einfach über die Schwelle schritt, sie wich vor ihm zurück, prallte mit dem Rücken gegen den Garderobenschrank und fragte: „He, was soll das? Wer sind Sie? Was wollen Sie von mir?“

Sie hatte keine Angst. Dazu bestand kein Grund. Erstens wusste sie mit Männern umzugehen, und zweitens glaubte sie nicht daran, dass es jemand darauf abgesehen haben könnte, sie zu berauben. Sie war Luke Blairs Freundin. Das wusste man in der Gegend, das verschaffte ihr Respekt und hielt gewisse Gauner davon ab, sich an ihr zu vergreifen.

Der Mann drückte die Tür hinter sich ins Schloss. Er war frei von Nervosität, sein markantes Gesicht mit den dunklen, tiefliegenden Augen strahlte Ruhe und Besonnenheit aus. „Gehen Sie ins Wohnzimmer“, sagte er.

Kelly gehorchte. Sie setzte sich und wusste nicht, was sie tun sollte. Schreien, toben, wilde Hysterie produzieren? Nein, das würde bei diesem Typ nicht ankommen, er beherrschte auf eine schweigende, unwiderstehliche Art die Szene. Kelly konnte nichts anderes tun, als schweigend darauf warten, was er ihr zu eröffnen gedachte.

„Ein hübsches Liebesnest“, sagte er. Seine Stimme klang verächtlich. Er schaute sich genau um, seine Mundwinkel zuckten dabei, es war Ekel in dieser Reaktion, aber auch ein Anflug von Amüsement, als fände er nur bestätigt, was er sich von diesem Besuch versprochen hatte.

„Wer sind Sie?“, wiederholte Kelly fragend.

Er setzte sich ihr gegenüber in einen Sessel, sehr lässig, schlug ein Bein über das andere und musterte sie prüfend. Sein dunkler Regenmantel stand offen. Kelly bemerkte unter seinem Jackett eine Ausbeulung, die ihr von Luke Blair nur allzu vertraut war. Der Fremde trug eine Schulterhalfter mit Revolver. Das erschreckte und beruhigte sie, es fiel ihr nicht ganz leicht, sich für das eine oder das andere zu entscheiden. Wenn er ein Gangster war, einer von Lukes Zuschnitt, würde sie mit ihm klarkommen, davon war sie überzeugt. Der Bursche konnte ihre Reize nicht ignorieren, sie arbeitete oft genug als Fotomodell und wusste, was die Männer von ihr hielten und wünschten.

Natürlich gab es gewisse Gefahren.

Luke hatte Feinde, mehr als genug.

Hatten sie vor, ihn zu treffen, indem sie sich seiner Freundin bemächtigten?

Nein, ausgeschlossen! Niemand würde so töricht sein, zu glauben, bei Luke damit irgendwelche Ziele erreichen zu können. Luke war scharf auf sie, vielleicht hatte er sich sogar in sie verliebt, aber wenn es ums Geschäft ging, um die Interessen des Syndikats, dem er diente, oder gar um seine persönlichen Belange, würde er nicht die geringsten Skrupel haben, sie zu opfern, das wusste sie. Das wussten sicherlich auch andere.

Ein Polyp? Nein, dafür war er zu gut gekleidet, diese Möglichkeit schloss Kelly aus. Sie hatte einen Riecher für Polizisten, der Fremde roch anders.

Wie ein Raubtier, dachte Kelly plötzlich, aber sie verdrängte den Gedanken, es war nur ein dummer Impuls, denn tatsächlich roch der Fremde gar nicht, allenfalls sehr schwach nach einem teuren Rasierwasser …

„Können Sie nicht sprechen?“, fragte Kelly.

„Ich bin Zack“, sagte der Fremde.

Sie starrte ihn fassungslos an, dann lachte sie. Natürlich wusste sie, wer Zack war. Die ganze Stadt sprach davon, und die Zeitungen machten daraus ein Riesengeschäft. Zack hinten und Zack vorn, er dominierte in den Schlagzeilen, er geisterte durch Leitartikel und Fernsehsendungen, er war zu einem Markenartikel geworden, zum KILLER NUMBER ONE.

Nur sahen ihn die Leute nicht so, für die meisten war er der einsame Held, der Prototyp des entschlossenen Kämpfers, der Mann, der das Verbrechertum bekämpfte, rücksichtslos, ohne fremde Hilfe, der Mörder mit dem Glorienschein.

„Sie machen Witze“, murmelte Kelly.

Sie spürte ein seltsames Kribbeln auf ihrer Haut, aber noch immer keine Angst.

Er war ein Mann. Ein Mann besonderer Art. Dass er getötet hatte, schreckte sie nicht. Es hieß auch von Luke, dass sein Weg mit ein paar Leichen gepflastert sei, damit musste man in solchen Kreisen fertig werden.

Wenn du es richtig anstellst, wird er dich begehren, dachte sie. Vielleicht opfert er sogar Luke, um dich zu bekommen …

Sie war unsicher und leicht nervös. Was ging bloß in dem Burschen vor, was wollte er hier? Er sah gut aus, daran gab es nichts zu rütteln. Wenn seine Potenz mit seinem Äußeren Schritt hielt, bot sich die Perspektive eines aufregenden Abenteuers …

„Ja, ich bin Zack“, sagte der Mann und lächelte zum ersten Male auf eine müde, düstere Weise, die ihn merkwürdigerweise recht anziehend erscheinen ließ. „Zack, der Rächer. Ich nehme an, Sie haben von mir gehört.“

„Die ganze Stadt spricht von Ihnen.“

„Das ist meine Absicht“, nickte er. „Ich will, dass die Gangster sich in die Hosen machen, dass sie endlich aufhören, die Stadt zu terrorisieren.“

„Was – was hat das mit mir zu tun?“, fragte Kelly mit bebender Stimme.

„Eine ganze Menge“, sagte er und schaute sie an. „Sie sind eine Gangstermolly.“

Kelly schoss die Röte ins Gesicht. Sie wusste selbst sehr gut, was sie war, aber die Worte des Besuchers machten ihr mit einem Schlag bewusst, in welcher Gefahr sie sich befand. Sie begriff, dass er vorhatte, seinen Krieg gegen die Unterwelt auszuweiten. Er übernahm den Begriff der Kollektivschuld, er bezog die unmittelbare Umgebung der Gangster in sein Feindbild ein.

„Ich bin nur ein Mädchen, das …“, begann sie lahm, aber der Besucher fiel ihr barsch ins Wort.

„Sie sind ein mieses kleines Flittchen. Mir wäre das egal, wenn Puppen wie Sie nicht diese Bastarde ermutigten, wenn Mädchen wie Sie diesen Mistkerlen nicht noch Mut machen würden, ihr dreckiges Handwerk fortzusetzen. Sie kosten ihn eine Menge Geld, was? Ich brauch mich hier nur umzusehen, um zu wissen, wie Sie leben. Wie die Made im Speck.“ Er stand auf und öffnete die Tür des Einbauschrankes, er riss den Nerz heraus, warf ihn zu Boden und trat darauf. „Wer musste sterben, damit Sie dieses Scheißding tragen können – wer?“, stieß er hervor.

Kelly war entsetzt. Ihre Furcht nahm zu. Sie begriff, dass es um ihr Leben ging. Zack machte nicht den Eindruck, als ob ihn weibliche Reize fesseln könnten. Seine Stimme war nicht sehr laut, aber schneidend, hasserfüllt und kalt. Es war die Stimme eines Mannes ohne Mitleid, ohne Gefühle, die Stimme eines Killers.

„Gehen Sie zum Telefon“, sagte er.

Kelly gehorchte. Sie hatte keine Ahnung, was Zack beabsichtigte, aber ihre Furcht blieb, das Wissen um ein schreckliches Ende.

„Wählen Sie die Nummer der Mordkommission“, forderte er. „verlangen Sie Captain Rogers. Ich sage Ihnen, was Sie ihm mitteilen werden.“

Er nannte ihr die Nummer des Police Headquarters, und Kelly wählte mit zitterndem Finger, was er ihr auftrug. Sekunden später hatte sie den Captain an der Strippe.

„Sagen Sie ihm, dass Sie in meinem Auftrag handeln und sprechen“, zischte er und trat dicht hinter sie, „aber nennen Sie nicht Ihren Namen.“

Er zog seinen Revolver aus der Schulterhalfter. Kelly bekam schwache Knie, sie hätte sich am liebsten hingesetzt, aber sie wagte nichts zu tun, was den Unwillen ihres Besuchers erregen konnte. Er war auch so schon wütend genug, ein Bündel von Hass. Kelly starrte auf die Waffe. Ihr Gold hatte einen rötlichen Glanz. Es war eine schreckliche Vorstellung zu wissen, dass damit schon viele Menschen gelötet worden waren. Sollte sie die nächste sein?

„Zack ist bei Ihnen?“, fragte der Captain, nachdem Kelly sich mit bebender Stimme ihres Auftrages entledigt hatte. Er war nicht versucht, das Ganze für einen Witz zu halten. Er hatte ein Ohr für Zwischentöne und spürte, dass die Angst in der Stimme der Anruferin nicht gespielt war.

„Ja“, sagte Kelly, hörte sich an, was der Mann ihr zuflüsterte und wiederholte: „Ich soll Ihnen mitteilen, dass der Mord im nördlichen Queens nicht auf sein Konto geht. Das war ein Killer, der sich auf diese Weise ein Alibi verschaffen wollte. Zack hat nur Dodo umgelegt – und das zu Recht.“

„Ich verstehe“, sagte der Captain. „Lassen Sie mich mit ihm reden, bitte.“

„Er will mit Ihnen reden“, sagte Kelly und schaute Zack an.

Der drückte plötzlich ab, zweimal, ganz kurz hintereinander. Das Mädchen riss den Mund auf, hatte aber nicht mehr die Kraft zu schreien. Sie brach zusammen, versuchte noch einmal hochzukommen, aber die Reflexbewegung zerbrach am jähen, mitleidlosen Zugriff des Todes. Sie sackte zurück, sie rührte sich nicht mehr.

Der Mann steckte die Waffe zurück ins Schulterhalfter und griff nach dem in der Luft baumelnden Telefonhörer.

„Captain?“, fragte er leise. So sprach er immer, wenn er mit den Behörden telefonierte. Man hatte wiederholt seine Stimme auf Band geschnitten und mehr als hundertmal über alle Rundfunkstationen gesendet, aber keiner der zahlreichen Hinweise und Verdächtigungen hatte auf die Spur des Täters geführt.

Details

Seiten
123
Jahr
2021
ISBN (eBook)
9783738951851
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (März)
Schlagworte
killer jahres york detectives

Autor

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Titel: Der Killer des Jahres: N.Y.D. – New York Detectives