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Aufgehängt und eingesargt: N.Y.D. – New York Detectives

2021 108 Seiten

Zusammenfassung

Der Privatdetektiv Bount Reiniger ist schon eine Weile hinter dem brutalen Zuhälter Bryan Ansara her. Doch bis jetzt bekam er ihn nie zu fassen. In der Nacht erhält der Privatdetektiv einen anonymen Anruf, dass er diesmal den Zuhälter mit Sicherheit bekommt.
Dem ist auch so, denn Ansara liegt in einem Sarg mit einem Strick um den Hals. Er ist bereits der dritte Tote, der auf das Konto der „Gerechten“ geht.
Doch wer sind diese „Gerechten“?
Bount Reiniger und Captain Toby Rogers wollen das schnellstens herausfinden und …

Leseprobe

Table of Contents

Aufgehängt und eingesargt: N.Y.D. – New York Detectives

Copyright

Die Hauptpersonen des Romans:

Prolog

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Aufgehängt und eingesargt: N.Y.D. – New York Detectives

Krimi von A. F. Morland

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 108 Taschenbuchseiten.

 

Der Privatdetektiv Bount Reiniger ist schon eine Weile hinter dem brutalen Zuhälter Bryan Ansara her. Doch bis jetzt bekam er ihn nie zu fassen. In der Nacht erhält der Privatdetektiv einen anonymen Anruf, dass er diesmal den Zuhälter mit Sicherheit bekommt.

Dem ist auch so, denn Ansara liegt in einem Sarg mit einem Strick um den Hals. Er ist bereits der dritte Tote, der auf das Konto der „Gerechten“ geht.

Doch wer sind diese „Gerechten“?

Bount Reiniger und Captain Toby Rogers wollen das schnellstens herausfinden und …

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER STEVE MAYER

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Die Hauptpersonen des Romans:

Bryan Ansara - Der Zuhälter wird mit einem Strick um den Hals in einem Sarg gefunden.

Al Lunghi - ein kleiner Dieb, der aber nach seinen Coups immer groß auftritt - bis auf den

letzten, der ihm einen Strick um den Hals einbringt.

Coleen Lunghi - Seine Schwester tritt am Broadway auf und hat ein Interesse daran, dass der

Mord gesühnt wird.

June March - ist Bounts Assistentin, ermittelt in Sachen der „Gerechten“ und landet selbst in

einem Sarg.

Mike Curtis - der Dealer steht ebenfalls auf der Totenliste, wird aber vor den „Gerechten“

abgeschirmt.

Bount Reiniger - ist Privatdetektiv.

 

 

Prolog

Der Asphalt glänzte wie schwarzer Lack. Es herrschte Stille im Hafenviertel von Süd-Manhattan. Zwischen den Müllbergen tummelten sich hungrige Ratten auf der Suche nach Nahrung.

Die öde Gegend wirkte ausgestorben, tot. Die Ratten schienen die einzigen Überlebenden zu sein.

Ein Wagen tauchte auf, und das Fiepen der Nagetiere verstummte. Sie huschten zurück in ihre Löcher, während die Lichter der Scheinwerfer weiße Kegel aus der schwarzen Dunkelheit schnitten. Das Fahrzeug fuhr schnell, als würde es verfolgt. Es war ein großer schwarzer Kombi - ein Leichenwagen. Im gläsernen Transportraum befand sich ein Sarg.

Der Fahrer drehte den Leichenwagen im Powerslide um die eigene Achse, die billige Totenkiste durchbrach die Hecktür und flog hinaus. Krachend landete sie auf dem Asphalt. Der Leichenwagen raste in die Richtung zurück, aus der er erschienen war. Der Sarg blieb liegen.

Man hatte ihn „abgeliefert“ ...

 

1

Bount Reiniger war sauer. Man hatte ihm beim Poolbillard buchstäblich die Hosen ausgezogen. Ihm war ein Fehler unterlaufen, der ihm normalerweise nicht passierte: Er hatte seinen Gegner unterschätzt.

Der Bursche hatte so mickrig ausgesehen, dass ihn niemand für voll nahm. Er hatte so schwach gewirkt, als würde er jeden Augenblick zusammenklappen. Der Hunger hatte ihm aus den Augen gesehen, und Bount hatte ihm vor dem Spiel zwei Hotdogs spendiert. Das hätte er nicht tun sollen, denn kaum war der Knabe satt, fingerte er einen Zwanziger aus der Tasche und forderte Bount Reiniger auf, seinen Einsatz danebenzulegen.

»Junge, was soll der Quatsch?«, hatte Bount gesagt. »Ich nehm’ dir doch nicht deinen Notgroschen ab, da käme ich mir schäbig vor.«

Aber der Mickrige bestand darauf, und so entschloss sich Bount, ihm eine Lehre zu erteilen. Der Schuss ging aber nach hinten los. Der Mickrige entpuppte sich als Billard-Champion.

Bount wollte es nicht wahrhaben. Ein blindes Huhn findet auch mal ein Korn, sagte er sich und spielte weiter. Als er endlich begriff, dass er es mit einem wahren Ass zu tun hatte, war er fünfhundert Piepen los.

Irgendjemand sagte ihm danach: »So dreht der Stinker das immer. Zuerst mimt er die Masche mit dem Mitleid, und dann sahnt er kräftig ab.«

»Warum erfahre ich das jetzt erst?«, hatte Bount verstimmt gefragt.

»Er hat es nicht gern, wenn man ihm die Tour vermasselt.«

Nun, Bount hatte sein Lehrgeld bezahlt. Ein zweites Mal würde ihm so etwas nicht passieren. Verdrossen betrat er sein Büro-Apartment und kickte die Tür hinter sich zu.

Der Tag war wieder einmal anstrengend gewesen - viel Laufarbeit und hatte nichts eingebracht. Außer Spesen nichts gewesen, hätte man sagen können.

Jetzt hatte Bount nur noch den Wunsch, eine Zigarette zu rauchen, einen Entspannungswhisky zu trinken und zu Bett zu gehen. Gewissenhaft, wie er war, hörte er zuvor noch das Band des automatischen Anrufbeantworters ab. Es war nichts von Bedeutung drauf. Als er eine Zigarette aus der Packung fischte, schlug das Telefon an. Er hob ab.

»Ich hab’ ’ne Neuigkeit für Sie, Reiniger«, sagte der Anrufer.

»Ich höre.«

»Sie sollten ins Hafenviertel von Süd-Manhattan kommen.«

»Fällt mir nicht im Traum ein. Für heute ist der Laden dicht.«

»Sind Sie nicht schon eine ganze Weile erfolglos hinter dem Zuhälter Bryan Ansara her?«

Bount spitzte die Ohren.

»Wissen Sie, wo er ist?«

»Er ist hier«, erwiderte der anonyme Anrufer. »Diesmal kriegen Sie ihn. Er wird bestimmt nicht noch mal weglaufen.«

 

 

2

Ansara war ein Grund, Überstunden einzulegen. Das Bett musste warten. Der Zuhälter hatte Vorrang, denn Bount war wirklich schon seit einiger Zeit hinter diesem Burschen her.

Bisher war Bryan Ansara immer wie ein Stück nasse Seife gewesen: Wenn man zupackte, flutschte er davon. Er war ein höchst unangenehmer Zeitgenosse - jähzornig, gewalttätig und brutal.

Seine Mädchen hatten Angst vor ihm. Eine von ihnen hatte für Bount nebenbei als Informantin gearbeitet. Als Ansara das erfuhr, misshandelte er sie derart, dass danach kein Mann mehr etwas von ihr wissen wollte.

Das mit Bryan Ansara war eine persönliche Sache. Niemand hatte Bount beauftragt, den Zuhälter ins Kittchen zu bringen. Es war Bount Reiniger vielmehr ein Herzensbedürfnis, dem Mann das miese Handwerk zu legen.

Bount verließ das Büro-Apartment. Der Lift befand sich noch im 14. Stock. Bount betrat die Kabine und fuhr zur Tiefgarage hinunter. Der Anrufer hatte seinen Namen nicht genannt. Bount erhielt häufig solche Anrufe. Manchmal wollte einer dem andern heimlich eins auswischen, und Bount Reiniger war dann der lachende Dritte.

Er stieg in seinen silbergrauen Mercedes 450 SEL und fuhr los. Das Büro-Apartment befand sich in einem Wolkenkratzer im Herzen von Manhattan, 7th Avenue, Nr. 1133, Ecke 54th Street West. Es war also nicht weit bis zum Hafenviertel von Süd-Manhattan. Bount rechnete mit einer Fahrzeit von knapp zehn Minuten.

Wie ein Spürhund, der eine frische Fährte gefunden hat, schwänzelte der Mercedes zwischen den großen, einsamen Lagerhäusern hindurch. Bount hielt nach der Stelle Ausschau, die ihm der Mr. Anonymus beschrieben hatte.

Wie grelle Lichtfinger stachen die Scheinwerfer in die Dunkelheit, und plötzlich stießen sie gegen ein Hindernis - einen Sarg!

Jetzt begriff Bount den Sinn der Bemerkung: »Er wird bestimmt nicht noch mal weglaufen.«

Bount stoppte den Mercedes, stieg aus und blickte sich um. Niemand war zu sehen. Rasch öffnete er den Sargdeckel und sah, dass er Bryan Ansara gefunden hatte.

Aber so hatte er sich das nicht vorgestellt. Ansara war tot, sein Gesicht verzerrt und grau, die Zunge drängte sich zwischen den Lippen hervor - und der Tote hatte eine Schlinge um den Hals.

Bount zog die Luft scharf ein.

Bryan Ansara war ermordet worden!

 

 

3

Bount setzte sich in den Mercedes und zündete sich eine Pall Mall an. Nach ein paar Zügen beruhigte sich sein Magen. Er griff nach dem Hörer des Autotelefons und setzte sich mit seinem Freund Captain Toby P. Rogers, dem Leiter der Mordkommission Manhattan C/II, in Verbindung.

Er wartete im Wagen auf Toby. Der Sarg wurde von den Mercedes Scheinwerfern angestrahlt. Die Szene war gespenstisch.

Der Captain rollte mit seiner kompletten Mannschaft an. Bount stieg aus und begrüßte ihn. Toby warf einen Blick auf den Toten.

»Der war schon mal lebendiger«, brummte er. »Wie hast du ihn gefunden?«

»Ich wurde angerufen.«

»Von wem?«

Bount hob die Schultern. Der Polizeifotograf schoss seine Bilder von der Leiche, dann untersuchte der Polizeiarzt den Toten, und die Männer von der Spurensicherung begannen mit ihrer Arbeit.

»Du warst lange hinter ihm her«, bemerkte Toby Rogers.

»Mehrere Monate. Jedes Mal, wenn ich dachte, jetzt habe ich ihn, entwischte er mir.«

»Das hat sich ja nun erledigt - jedenfalls für dich. Für mich fängt die Arbeit erst an. Ich muss Ansaras Mörder finden.«

»Sie haben ihn aufgehängt und eingesargt«, sagte Bount.

Toby Rogers zog die Augenbrauen grimmig zusammen.

»Er ist bereits der dritte, dem sie das antun.«

»Und immer sind es Verbrecher, denen es gelang, durch die Maschen des Gesetzes zu schlüpfen. Da will jemand päpstlicher sein als der Papst.«

»Ich würde zu gern wissen, wer hinter dieser mysteriösen Säuberungswelle steckt«, murmelte der Captain. »Damit ich wieder ruhig schlafen kann.«

»Sie werden nicht aufgeben.«

»Das ist zu befürchten.«

»Ihrer Ansicht nach ist das Gesetz zu schwach, deshalb nehmen sie es selbst in die Hand«, sagte Bount.

»Das ist gefährlich. Wenn das Schule macht, herrscht in unserer Stadt bald totale Anarchie. Als sie den ersten Toten lieferten, nannten sie sich großspurig die ,Gerechten‘, diese Halbidioten. Sie begreifen nicht, dass sie sich mit dem, was sie tun, mit den Verbrechern auf die gleiche Stufe stellen. Das hat mit Gerechtigkeit, wie ich sie verstehe, nichts mehr zu tun.«

»Bin ganz deiner Meinung«, sagte Bount.

»Hast du keine eigene?«

Bount winkte ab. »Für dieses Spiel bin ich heute nicht zu haben.«

»Dir ist eine Laus über die Leber gelaufen, das habe ich gleich bemerkt, und es hat nichts mit Ansara zu tun.«

Bount erzählte von der Billardpleite. Ein Mann wie Toby - sparsam, ja schon beinahe geizig - konnte nicht begreifen, wie man so viel Geld verspielen konnte.

»Du scheinst dir dein Geld sehr leicht zu verdienen, wenn du dir solche Eskapaden leistest«, sagte der Captain verständnislos.

»So etwas könnte dir nie passieren, ich weiß. Weil du auf deinem Geld hockst, als wolltest du es ausbrüten. Brauchst du mich noch?«

»Gib mir eine Zigarette!«

»Du schnorrst einen Bankrotteur an?« Bount gab dem Freund die halbvolle Packung. »Behalt sie, und danach solltest du dir das Rauchen abgewöhnen.«

»Ich brauche noch deine Aussage«, sagte Toby.

»Ich schaue morgen irgendwann im Laufe des Tages bei dir rein.«

»Hängst du dich an diesen Fall?«

»Weiß ich noch nicht«, antwortete Bount und begab sich zu seinem Wagen.

»Lass dich in keinem Billardsalon mehr leimen!«, rief ihm der Captain nach.

»Keine Sorge, für heute bin ich geheilt«, erwiderte Bount und stieg in den Mercedes. Er startete den Motor, tippte grüßend an die Stirn und fuhr los, aber er gelangte nicht weit.

Ihm fiel ein Mann auf - ein Schemen eigentlich nur, der sofort verschwand, aber Bount hatte gute Augen, auf die er sich verlassen konnte, und denen so schnell nichts entging.

Sein Fuß wechselte vom Gas zur Bremse, und im nächsten Moment flitzte er wie ein Kastenteufel aus dem Wagen. Er wollte wissen, warum dieser Mann die Polizei heimlich bei der Arbeit beobachtete. Der Ertappte gab Fersengeld. Er sprang zwischen zwei Kistentürmen hervor und lief so schnell er konnte. Die ersten hundert Meter legte er in einer Bombenzeit zurück, aber danach baute er rapide ab, und Bount holte merklich auf.

Der Mann wollte in einem Lagerhaus verschwinden, doch die Tür, an der er nervös rüttelte, war abgeschlossen. Bounts Hand fiel ihm schwer auf die Schulter.

»Für ’nen Langstreckenlauf musst du noch trainieren«, sagte Bount Reiniger und riss den mageren Burschen herum. Er hatte einen Mulatten vor sich, das Gesicht war ihm nicht unbekannt. »Sieh einer an! Ist das nicht Stan Seilers? Warum läufst du vor mir weg? Sind wir denn keine Freunde mehr?«

»Das ... das Rennen liegt mir einfach so im Blut«, stammelte Seilers. »Sie werden mich selten gehen sehen.«

»Immer auf der Flucht. Sag mal, gefällt dir dieses Leben?«

»Flucht! Ich laufe eben gern, das ist alles.«

»Hast du noch Drogenprobleme?«

»Nicht mehr, das ist vorbei. Ich bin jetzt clean.«

»Tatsächlich? Das freut mich für dich«, sagte Bount. »Dann hast du auch nicht mehr so viel Dreck am Stecken wie früher.«

»Das ist alles Vergangenheit. Ich hab’ jetzt ’nen Job.«

»Nachtwächter im Hafenviertel, wie?« Bount griff blitzschnell nach dem linken Arm des Mulatten und schob den Ärmel hoch.

»He, was soll das?«, protestierte Stan Seilers.

Seine Armbeuge war zerstochen.

»Mückenstiche, was?«, sagte Bount Reiniger. »Da, wo du wohnst, müssen die Biester besonders groß und aggressiv sein. Von wegen clean. Du tanzt immer noch auf der Nadel.«

»Na und? Das ist ja wohl meine Sache, oder?«

»Du hast recht, es ist dein Leben. Warum steigst du nicht in die nächste Klosettmuschel und spülst dich einfach selbst runter?«

»Vielleicht mache ich das noch mal, aber den Zeitpunkt dafür bestimme ich.«

»Einverstanden, und warum bist du vorhin vor mir ausgerückt?«

»Ich wusste nicht, dass Sie es sind.«

»Du hast mich angerufen«, sagte Bount dem Mulatten auf den Kopf zu.

»Ich? Nein, ich ...«

»Nicht lügen, sonst saust du ab in die Hölle, Stan.«

»Na schön, ich habe Sie angerufen. Dafür sollten Sie mir dankbar sein.«

»Das bin ich, unendlich dankbar sogar«, sagte Bount. »Du wolltest sehen, was nach deinem Anruf so alles passiert und reserviertest dir einen Logenplatz.«

»Ist das verboten?«

»Aber nein. Dein Interesse ehrt dich sogar. Warum hast du am Telefon deinen Namen nicht genannt?«

»Weil ich mir diese Situation ersparen wollte. Sie wollen immer so viel wissen ...«

»Richtig, ich bin sehr neugierig, das ist mein einziger Fehler«, sagte Bount. »Ich nehme doch an, du wirst dich bemühen, meine Neugier zu befriedigen.«

»Ich habe befürchtet, dass Sie das sagen werden«, jammerte Stan Seilers.

»Brich jetzt bloß nicht in Tränen aus, ich kann nämlich niemanden weinen sehen.«

»Sie sind bekannt für Ihr weiches Herz.«

»Du meinst es hoffentlich so, wie du es gesagt hast. Also, Stan, was hast du gesehen?«

»Eigentlich nichts.«

»Und was noch?«, fragte Bount trocken.

»Ich meine nichts, was Ihnen helfen könnte«, verbesserte sich der Mulatte.

»Lass mich das bitte entscheiden!«, sagte Bount. »Es genügt, wenn du dich aufs Erzählen beschränkst.«

Stan Seilers rollte die Augen.

»Naja, ich war hier mit einem Kumpel verabredet ...«

»Mit deinem Dealer?«

»Sie wollen einem aus allem, was man sagt, sofort einen Strick drehen«, beschwerte sich Seilers.

»Ich gelobe, mich zu bessern«, sagte Bount. »Du hast dich also hier mit jemandem getroffen. Ihr habt irgendein faules Geschäft abgewickelt, und dann warst du wieder allein.«

»Ich wollte mich eben verziehen, da brauste dieser Leichenwagen an. So fahren sie normalerweise nicht mit einem Toten. Wenn einer hinüber ist, hat er es nicht mehr eilig.«

»Alle Achtung, du sprichst ja richtig weise«, sagte Bount.

»Sie drehten dort vorn im Powerslide um, und der Sarg flog hinten raus. Dann kehrten sie zurück und verschwanden.«

»Von diesem Moment an nagte die Neugier in dir. Ich kann das sehr gut verstehen. Liegt jemand im Sarg? Ist er leer? Manchmal wird auch Diebesgut in einem Sarg versteckt. Für dich stand fest, dass du da mal unbedingt einen Blick hineinwerfen musst.«

Seilers nickte. »So fand ich Bryan Ansara.«

»Hast du seine Taschen durchsucht?«

»Na hören Sie mal, halten Sie mich für einen Leichenfledderer?«

»Ja.«

»Also gut, ich wollte sehen, was er in den Taschen hat, aber sie waren leer. Ich schwöre Ihnen, er hatte nichts bei sich. Keine Kreditkarte, keine Schecks und erst recht kein Bargeld. Außer der Tatsache, dass er mausetot war, hatte er mir nichts zu bieten.«

»Da hast du dich entschlossen, einmal im Leben eine gute Tat zu tun, und riefst mich an.«

»So ungefähr war es«, gab Seilers zu.

»Warum anonym?«

»Man will keine Scherereien haben«, sagte der Mulatte.

»Ich verspreche dir, jeden Ärger von dir fernzuhalten, wenn du mir noch ein bisschen mehr erzählst, Stan. Wie viele Leute saßen im Leichenwagen?«

»Zwei.«

»Kannst du sie beschreiben?«

»Nein.«

»Versuch’s doch mal!«

»Wie soll ich die Kerle beschreiben, wenn sie maskiert waren? Sind Sie an einer Beschreibung der Masken interessiert?«

»Wir albern ein andermal herum, okay? Was ist mit dem Leichenwagen? Keine Angst, ich frage dich nicht, welche Farbe er hatte.«

»Warum nicht? Wär’ doch mal was Neues.«

»Die Gags liefere ich«, sagte Bount. »Im Übrigen weiß ich, dass du farbenblind bist.«

»Stimmt ja gar nicht.«

»So? Dann verrate mir mal, welche Farbe deine Augen haben.«

»Braun.«

Bount hob die Faust.

»Blau, wenn du mich noch lange verscheißerst, und nun zurück zum Leichenwagen. Er hatte ein polizeiliches Kennzeichen.«

»Anzunehmen, aber ich habe nicht darauf geachtet. Sie müssen sich die Situation vorstellen: Da denkt man an nichts Böses, ist mit sich und der Welt zufrieden ...«

»High nennt man das.«

»... plötzlich rast ein Leichenwagen heran und verliert einen Sarg«, beendete Seilers unbeirrt seinen Satz.

»War irgendetwas an den Türen?«, fragte Bount.

»Ja, etwas aus Silber. Gekreuzte Palmenblätter oder irgend so’n Zeug.«

»Du kannst stolz sein auf deine Beobachtungsgabe«, lobte Bount. »Was stand unter den Blättern?«

»Nichts.«

»Und darüber?«

»Konnte ich in der Eile und in der Dunkelheit nicht entziffern«, sagte der Mulatte.

»Ich möchte, dass du darüber nachdenkst, Stan, und wenn dir etwas einfällt, rufst du mich augenblicklich an, klar?«

»Mir wäre lieber, wenn Sie mich aus dieser Geschichte rausließen. Diese Leute fackeln nicht lange. Das sind gefährliche Fanatiker.«

»Denen man das Handwerk legen muss«, sagte Bount. »Weil es nämlich nicht angeht, dass jeder das Gesetz selbst in die Hand nimmt. Du kannst vielleicht zum ersten Mal in deinem Leben etwas Nützliches tun.«

»Also gut, ich werde nachdenken, aber erhoffen Sie sich nicht zu viel. Ich bin nämlich kein besonders heller Kopf.«

»Da muss ich dir ausnahmsweise mal recht geben«, sagte Bount. »Du würdest nämlich nicht drücken, wenn du helle wärst.«

 

 

4

Bounts Sekretärin June March brachte den Kaffee mit der Morgenpost. Bount fand, dass seine Mitarbeiterin an diesem Morgen mal wieder ganz besonders sexy aussah. Sie trug das blonde Haar hochgesteckt, was ihren schlanken Schwanenhals hervorragend zur Geltung brachte, und der Pulli aus reiner Kaschmirwolle war um eine atemberaubende Nummer zu klein.

Bount sprach mit ihr über die ,Gerechten‘, denen es gefiel, Lynchjustiz zu üben.

»Gestern Nacht haben sie den dritten Mord verübt«, sagte Bount. »Wenn sie es auch anders sehen - es war Mord. Drei Tote gehen nun schon auf ihr Konto. Sie liegen immer in einem Sarg und haben eine Schlinge um den Hals.«

»Wenn sie so weitermachen, wird sich in der Unterwelt Angst und Schrecken ausbreiten«, sagte June.

»Und Misstrauen«, fügte Bount hinzu. »Keiner wird bald mehr dem anderen trauen. Die Verbrecher werden zur Selbsthilfe schreiten und zurückschlagen, und diese Schläge werden mit großer Wahrscheinlichkeit Unschuldige treffen. Drei Morde, und erstmals gibt es einen Zeugen: Stan Seilers. Dem flattert natürlich gehörig die Hose. Er befürchtet, die ,Gerechten‘ könnten sich seiner annehmen. Um ihn zu schützen, werden wir seinen Namen für uns behalten. Der Polizei nutzt er sowieso nichts, und es könnte eine undichte Stelle geben.«

»Kann ich etwas für dich tun?«, fragte June.

»Einer der ,Gerechten‘ scheint ein Bestattungsunternehmer zu sein«, sagte Bount. »Durchleuchte mal sämtliche Beerdigungsinstitute, die im Telefonbuch stehen! Stell sie auf den Kopf, schüttle sie, tu, was du willst! Vielleicht fällt dabei ein Mann 'raus, dem man diesen gefährlichen Fanatismus zutrauen kann. Aber Vorsicht! Die ,Gerechten‘ haben sich zwar auf die Liquidierung von Verbrechern spezialisiert, aber das heißt nicht, dass sie dich nicht aufs Korn nehmen, wenn du für sie zur Bedrohung wirst. Ich übernehme die angenehmere Arbeit: Ich schau mich ein bisschen im Nuttenmilieu um. Vielleicht bringe ich in Erfahrung, wo Bryan Ansara gestern kurz vor seinem Ende war.«

»Na, dann viel Vergnügen mit den Bordsteinschwalben«, sagte June.

Bount grinste. »Bist du gar nicht eifersüchtig?«

»Wieso denn? Ich weiß, dass du mir nicht untreu sein kannst.«

 

 

5

Wie versprochen, kreuzte Bount Reiniger anderntags im Police Headquarters auf. Toby Rogers war nicht da, aber Lieutenant Ron Myers, sein schlaksiger, sommersprossiger Stellvertreter, war anwesend. Bount war auch mit ihm befreundet.

»Hallo, Ron«, sagte er.

Der Lieutenant telefonierte gerade - privat. Er nickte Bount zu und wies mit den Augen auf den Besucherstuhl. Bount nahm Platz und wurde unfreiwillig Zeuge des Gesprächs.

Ron Myers war bekannt dafür, dass er die Mädchen häufiger wechselte als die Hemden, und es war nicht immer leicht für ihn, den Schlussstrich zu ziehen. Ein solcher schwieriger Fall befand sich am anderen Ende der Leitung.

Ron seufzte: »Nun heul doch nicht, Süße. Wir wären uns doch von Anfang an einig, dass ich dich nicht heiraten würde ... Was heißt, du hast deine Meinung geändert? Sieh mal, Baby, ich könnte dich nicht einmal heiraten, wenn ich wollte - weil ich nämlich bereits verheiratet bin, und Bigamie ist hierzulande strafbar.« Jetzt heulte das Mädchen so laut, dass sogar Bount es hören konnte. Ron sagte: »Es tut mir wirklich furchtbar leid«, und legte auf.

Bount grinste.

»Mit den Frauen hat man so seine liebe Not. Ich wusste übrigens nicht, dass du heimlich geheiratet hast. Meinen herzlichen Glückwunsch. Wer ist denn die Unglückliche?«

»Es war eine Notlüge. Ich benutze sie immer, wenn ich mich anders nicht mehr retten kann«, erwiderte Ron. »Was kann ich für dich tun, Bount?«

»Ich bin hier, um meine Aussage zu Protokoll zu geben, wie ich Toby versprochen habe.«

»Ach ja, ich weiß Bescheid«, sagte der Lieutenant. »Na, dann wollen wir gleich mal. Wenn von den ,Gerechten‘ die Rede ist, läuft Tobys Sodbrennerei auf Hochtouren.«

»Das glaube ich gern«, sagte Bount. »Mich stößt es bei dem Gedanken, die Kerle könnten noch eine Weile so weitermorden, auch sauer auf.«

Ron Myers schrieb das Protokoll, und Bount unterzeichnete es.

»Die Sache lässt dir bestimmt keine Ruhe«, sagte der Lieutenant. »Du wirst versuchen, die ,Gerechten‘ zu schnappen, habe ich recht?«

»Ich kann euch einen so schwierigen Fall doch nicht allein überlassen«, erwiderte Bount. »Sonst wird er ja nie gelöst.«

»Großmaul! Wo gedenkst du deinen Hebel anzusetzen?«

»Weiß ich noch nicht.«

Ron lachte.

»Der Meister lässt sich nicht in die Karten sehen, wie?«

»Es gibt nichts zu sehen«, entgegnete Bount. »Es gibt noch nicht einmal Karten. Hast du irgendetwas für mich?«

»Bryan Ansara wurde genauso aufgehängt wie die beiden ersten Opfer. Der Tod trat sofort ein, und zwar nicht durch Ersticken, sondern durch Genickbruch. Das hat der Arzt einwandfrei festgestellt.«

»Wurde Ansara vor seinem Tod misshandelt?«, erkundigte sich Bount.

»Nein.« Ron Myers stand auf, trat ans Fenster und blickte auf die Straße hinunter. »Irgendwo dort draußen laufen ein paar Irre herum, die der Ansicht sind, wir würden nicht genug gegen das Verbrechen in dieser Stadt tun. Sie helfen uns, ohne zu fragen, ob wir das auch wollen. Sie betrachten sich womöglich auch noch als unsere Freunde. Da kann ich nur sagen: Gott schütze mich vor meinen Freunden! Verdammt, Bount, manchmal läuft es mir eiskalt über den Rücken.«

 

 

6

Sie hieß Nancy McCrea. und sie hatte für Bryan Ansara angeschafft, aber dann war sie seinem Jähzorn zum Opfer gefallen. Seitdem war ihr einstmals hübsches Gesicht entstellt, und sie musste die Tage im Rollstuhl verbringen.

»Hallo, Nancy«, sagte Bount, als sie öffnete. Ihr Anblick fuhr ihm wie ein Eissplitter ins Herz.

»Bount!«

»Darf ich reinkommen?«

»Natürlich.« Sie fuhr mit dem Rollstuhl zur Seite. Ihre Wohnung war nicht groß und reichte gerade für eine Person.

»Wie geht’s?«, erkundigte sich Bount.

»Ich kann hin und wieder schon ein Stück laufen«, sagte Nancy.

»Großartig.«

»Soll ich es dir zeigen?«

»Ich möchte nicht, dass du dich überanstrengst«, sagte Bount.

Sie stand auf und ging um den Wohnzimmertisch - steif und unsicher. Aber sie ging. Vor ein paar Wochen war daran noch nicht einmal zu denken gewesen.

»Die Ärzte sind zufrieden«, erklärte Nancy. »Ich werde den Rollstuhl bald nicht mehr brauchen, und ich habe einen Job im Büro eines Architekten in Aussicht. Ich war früher mal technische Zeichnerin.«

»Es läuft nicht schlecht für dich«, sagte Bount. »Du solltest dich jetzt aber wieder hinsetzen.«

Sie kehrte zum Rollstuhl zurück und plumpste hinein.

»Warum bist du hier? Ein Freundschaftsbesuch?«

»Auch«, antwortete Bount. »Außerdem möchte ich dir sagen, dass Bryan Ansara für das, was er dir angetan hat, bezahlt hat.«

Hass blitzte in Nancys Augen. »Du hast ihn gefunden?«

»Ja, im Hafenviertel von Süd-Manhattan. Er lag in einem Sarg, mit einer Schlinge um den Hals.«

So etwas wie Genugtuung spiegelte sich in Nancys Gesicht. Bount hatte Verständnis für ihre Gefühle, immerhin hatte Ansara ihr Gesicht entstellt und sie fast zum Krüppel geschlagen.

»Tot? Bryan ist tot?«, fragte Nancy.

»Er fiel fanatischen Mördern in die Hände, die sich die ,Gerechten‘ nennen. Vielleicht bist du der Ansicht, sie hätten ein gutes Werk getan, aber niemand, der Recht und Gesetz achtet, darf so etwas gutheißen.«

»Du möchtest die ,Gerechten‘ zur Verantwortung ziehen?«

»Ja, Nancy, das habe ich vor.«

Das entstellte Gesicht des Mädchens wurde hart.

»Weißt du, was ich mir gewünscht habe, Bount? Ich stellte mir eine ganz bestimmte Szene immer wieder vor: Du hattest Bryan gestellt, aber er wollte nicht wahrhaben, dass er verloren hatte. Er hielt seinen Revolver in der Hand. Du sagtest ihm, er solle es lieber nicht tun, aber er versuchte es trotzdem, und du musstest ihn in Notwehr erschießen. An die tausendmal sah ich Bryan sterben, und nun ist er wirklich tot. Mein größter Wunsch ging in Erfüllung. Sieh mich an! Ich kann nicht verzeihen, nicht nach dem, was dieser brutale Teufel mir angetan hat. Die Gerechten haben das getan, wozu ich leider nicht fällig war. Ich sag’s dir ehrlich, Bount, ich hoffe, dass du sie nie findest.«

 

 

7

June March war unterwegs. Auf dem Band des Anrufbeantworters befand sich nur ein einziger Anruf - der von Stan Seilers. Der Mulatte erinnerte sich an einen kunstvoll verzierten Silberbuchstaben, an ein großes M.

Als sich June zwischendurch mal versuchsweise meldete, ächzte sie: »Liebe Güte, da hast du mir was aufgehalst, Bount.«

»Ich kann dir die Aufgabe etwas erleichtern«, erwiderte Bount Reiniger. »Konzentriere dich auf die Bestattungsunternehmen, die mit M beginnen.«

»Das sagst du mir erst jetzt, nachdem ich mir bereits die Hacken schiefgelaufen habe?«

»Tut mir leid, ich habe es selbst eben erst erfahren.«

Als es anfing zu dämmern, zog Bount los. Er klapperte die einschlägigen Lokale ab, redete mit Dirnen, Zuhältern und Barmixern, trat mal als Detektiv, mal als zwielichtige Erscheinung auf und bemühte sich, herauszufinden, wo Bryan Ansara die letzten Stunden seines Lebens verbracht hatte.

Mal erteilte man ihm eine glatte Abfuhr, mal erhielt er eine eindeutige Einladung, und ihm wurde der Himmel auf Erden versprochen, aber er war an diesen Dingen nicht interessiert. Die Antwort, mit der man ihn wirklich hätte erfreuen können, blieb aus. Er hatte schon nach einer Stunde die Nase voll von Pornoschuppen und Fleischbeschau, aber er suchte weiter, bis er auf den Namen Sarah Füller stieß.

Details

Seiten
108
Jahr
2021
ISBN (eBook)
9783738951837
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (März)
Schlagworte
aufgehängt york detectives

Autor

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Titel: Aufgehängt und eingesargt: N.Y.D. – New York Detectives