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Die Jagd nach dem Unbekannten: N.Y.D. – New York Detectives

2021 99 Seiten

Zusammenfassung


Auf einen Gangsterboss und eine junge Ärztin wird geschossen. Der Privatdetektiv Bount Reiniger und sein Freund bei der Polizei Toby Rogers vermuten eine Abrechnung unter Ganoven. Doch als ein zweiter Arzt beschossen wird, müssen sie ihre Meinung ändern. Die Jagd nach dem Unbekannten geht von Neuem los.

Leseprobe

Table of Contents

Die Jagd nach dem Unbekannten: N.Y.D. – New York Detectives

Copyright

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Die Jagd nach dem Unbekannten: N.Y.D. – New York Detectives

Krimi von A. F. Morland

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 99 Taschenbuchseiten.

 

Auf einen Gangsterboss und eine junge Ärztin wird geschossen. Der Privatdetektiv Bount Reiniger und sein Freund bei der Polizei Toby Rogers vermuten eine Abrechnung unter Ganoven. Doch als ein zweiter Arzt beschossen wird, müssen sie ihre Meinung ändern. Die Jagd nach dem Unbekannten geht von Neuem los.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER STEVE MAYER

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

„Schneller!“, sagte Hugh Finney ungeduldig. „Verdammt noch mal, fahr schneller, sonst ziehe ich dir das Fell über die Ohren! Du weißt, dass wir spät dran sind! Ich hasse es, zu spät zu kommen!“

„Na schön“, sagte Paul Stanton, der Chauffeur. „Du bist der Boss.“

Er drehte mehr auf, obwohl sie sich auf keinem High- oder Expressway befanden, wo es keine Kreuzungen und keinen Gegenverkehr gab.

Sie fuhren die Nicholas Avenue in nördlicher Richtung. Es war eine von Manhattans Straßenschluchten, und an diesem Spätnachmittag schienen die Autofahrer von ganz New York hier unterwegs zu sein.

Stanton war ein guter Fahrer, aber er konnte nicht zaubern. Um den Boss nun rechtzeitig am vereinbarten Treffpunkt abzuliefern, hätte er zumindest mit dem Wagen fliegen können müssen.

Aber er versuchte seinen Brötchengeber zufriedenzustellen, scherte aus der Kolonne aus, fuhr an fünf, sechs Fahrzeugen vorbei und presste sich dann wieder in die Autoschlange bei Gegenverkehr.

Das wütende Hupkonzert, die Flüche und eindeutigen Autofahrerzeichen ignorierte der Chauffeur.

Viermal ging dieses Manöver gut.

Beim fünften Mal hatten sie Pech.

Ein Lieferwagen kam auf sie zu, und rechts war keine Lücke zum Ausweichen.

„Vorsicht, Idiot!“, brüllte Hugh Finney. „Willst du uns umbringen?“

Stanton trat die Bremse voll durch. Der Fahrer des Lieferwagens ebenfalls. Da aber beide Fahrzeuge zu schnell unterwegs waren, ließ sich ein Frontalzusammenstoß nicht vermeiden.

Paul Stanton riss die Augen auf und presste die Kiefer zusammen. Er klammerte sich an das Lenkrad und stemmte die Füße gegen Kupplungs- und Bremspedal.

Die Pneus quietschten so schrill, dass die Passanten stehenblieben. Limousine und Lieferwagen rutschten aufeinander zu.

Panik und Entsetzen verzerrten das Gesicht des Fahrers im Lieferwagen. Was die beiden Männer hinter dem Volant tun konnten, hatten sie getan. Für den Rest war der Himmel zuständig.

Sie konnten nur noch warten.

Warten auf den großen Knall, der Sekunden später erfolgte.

Hugh Finney brüllte noch einmal und verfluchte seinen Chauffeur. Dann krachte es, und alle Lampen gingen für ihn aus.

 

 

2

Als Finney zu sich kam, fummelte jemand an seinem Kopf herum. Er stellte fest, dass er nicht mehr in seinem Wagen saß, sondern sich im Behandlungszimmer eines Krankenhauses befand.

Sein Anzug war zerrissen, das Hemd von Blut versaut, und Paul Stanton stand in einer Ecke und hatte scheinbar nicht den kleinsten Kratzer. Vielleicht sah er deshalb so schuldbewusst drein.

„So“, sagte der junge sympathische Arzt zu der Krankenschwester, die ihm assistierte. „Jetzt können Sie ihn verbinden.“

„Was ist passiert, Doktor?“, wollte Hugh Finney wissen.

„Sie hatten einen Autounfall.“

„Verdammt, das weiß ich.“

„Warum fragen Sie dann?“

„Ich möchte wissen, was mit mir passiert ist.“

„Sie haben eine leichte Gehirnerschütterung erlitten. Die Platzwunde an Ihrer Stirn habe ich soeben genäht.“

„Ich werde mein Leben lang entstellt sein, und alles nur deshalb, weil dieser Volltrottel nicht Auto fahren kann!“

Stanton senkte den Blick.

„Regen Sie sich nicht auf“, riet der junge Arzt seinem Patienten. „Schwester Ireen wird Ihnen jetzt einen hübschen Turban machen und …“

„Bin ich sonst okay, Doktor? Sie können mir ruhig die Wahrheit sagen. Ich bin hart im Nehmen.“ –

„Fühlen Sie sich nicht okay?“

„Doch.“

„Dann sind Sie‘s auch.“

„Keine gebrochenen Rippen?“

„Sie hätten stechende Schmerzen beim Atmen. Haben Sie die?“

„Nein. Keine inneren Verletzungen?“

„Wir konnten keine feststellen.“

„Das heißt aber noch lange nicht, dass ich keine habe. Vielleicht habt ihr nicht gründlich genug nachgesehen.“

„Sie können mir glauben, abgesehen von der Platzwunde sind Sie völlig in Ordnung.“

„Wie heißt dieses Hospital?“

„Sie befinden sich in der Unfallstation des Inwood Hill Krankenhauses.“

„Hat die Bude einen guten Ruf? Wieso habe ich noch nie davon gehört?“

„Vermutlich befanden Sie sich bisher in der glücklichen Lage, keine ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen zu müssen.“

„Da haben Sie weiß Gott recht, Mann.“

Schwester Ireen war mit dem Anlegen des Verbandes sehr geschickt. Hugh Finney bekam es kaum mit.

„Wieso hast du nichts abgekriegt?“, fragte der Gangsterboss seinen Chauffeur vorwurfsvoll.

„Ich war angegurtet. Du legst ja nie einen Sicherheitsgurt an, sagst immer, das wäre ‘ne Einschränkung der persönlichen Freiheit“, antwortete Paul Stanton.

„Das Treffen kann ich jetzt in den Schornstein schreiben!“, wetterte Finney. „Ich bin Geschäftsmann“, erklärte er dem Arzt, der sich sehr gut vorstellen konnte, welcher Art Finneys Geschäfte waren. „Dieser unfähige Hornochse ließ durch seine Unfähigkeit ein großartiges Geschäft platzen. Junge, du solltest hier liegen, nicht ich!“

„Tut mir leid, Boss!“

„Ach, halt‘s Maul! Geh und ruf meinen Bruder an! Er soll kommen und mich abholen!“

„Ich habe Tony bereits angerufen, Boss“, sagte Paul Stanton. „Er ist schon unterwegs, aber …“

„Was aber?“, fragte Hugh Finney gereizt.

Der Chauffeur sah den Arzt an. Sein Blick bat den Doktor, weiterzusprechen.

„Was ist los? Raus mit der Sprache!“, verlangte Finney ungeduldig.

„Sie werden erst morgen oder übermorgen nach Hause können“, sagte der Arzt.

Finney starrte ihn an, als würde er an seinem Verstand zweifeln. „Wozu soll das denn gut sein?“

„Wir behalten Sie zur Beobachtung hier.“

„Kommt nicht in Frage. Wieso zur Beobachtung? Halten Sie mich für einen Patienten mit Dachschaden?“

„Das nicht, aber Sie haben immerhin eine Gehirnerschütterung erlitten …“

„Habt ihr zu viele Betten? Wollt ihr euch an mir eine goldene Nase verdienen? Das ist nicht drin! Sie sagten vorhin, ich wäre in Ordnung. Entsprach diese Auskunft nicht der Wahrheit?“

„Doch, nur …“

„Dann gehe ich nach Hause, und keiner von euch Kurpfuschern sollte es sich einfallen lassen, mich daran zu hindern“, fiel Finney dem Arzt ins Wort.

„In diesem Fall müssen Sie ein Formular unterschreiben, dass Sie das Krankenhaus auf eigene Verantwortung verlassen.“

„Aber ja. Bringen Sie den Wisch her. Ich unterschreibe alles. Ich will nur so bald wie möglich nach Hause. Verdammt, wo bleibt Tony denn so lange?“

In der Tür befand sich ein kreisrundes Fenster, das im nächsten Augenblick von einem Gesicht mit markanten Zügen ausgefüllt wurde.

„Tony!“, rief Hugh Finney. „Na endlich. Ich dachte schon, du hättest die Route über den Nordpol gewählt. Komm rein! Mein Bruder darf doch rein, Doktor, wie? Er ist zwar nicht keimfrei, aber er wird Ihnen hier schon nichts dreckig machen. Komm rein!“ Der Gangsterboss winkte energisch.

Tony Finney betrat den Behandlungsraum. „Du siehst aus wie ein indischer Maharadscha.“

„Mach dich nicht lustig über mich, sonst sorge ich dafür, dass sie dich hierbehalten müssen. Hast du Geld bei dir?“

Tony Finney nickte.

„Wie viel?“, fragte Hugh Finney. „Tausend Dollar? Gib sie Paul, und dann sag ihm, dass er fristlos entlassen ist.“

„Aber Boss“, sagte Paul Stanton erschrocken. „Ich kann nichts für den Unfall. Du hast verlangt, ich solle schneller fahren.“

„Habe ich verlangt, du sollst mich ins Grab bringen? Wenn ich sterben will, erschieße ich mich. Los, Tony, gib ihm das Geld und sag ihm, er soll verschwinden und mir nie mehr unter die Augen kommen, sonst drehe ich ihm eigenhändig den Hals um.“ Unglücklich stopfte der Chauffeur die Scheine in seine Hosentasche und verließ mit hängendem Kopf den Behandlungsraum.

„So“, sagte Hugh Finney. „Und jetzt sorge dafür, dass die mich hier weglassen.“

Der Arzt machte Tony Finney klar, dass es besser für den Patienten wäre, zwei, drei Tage im Krankenhaus zu bleiben, doch Hugh Finney redete ihm ständig drein und bestand darauf, die Unfallstation in spätestens fünf Minuten zu verlassen.

„Mit oder ohne Unterschrift“, sagte der Gangsterboss. „In fünf Minuten bin ich ‘ne Wolke!“

„Hugh, vielleicht wär‘s doch vernünftiger, du würdest …“, begann Tony Finney, doch sein Bruder ließ ihn nicht ausreden.

„Damit du während meiner Abwesenheit schnell dein eigenes Süppchen kochen kannst, wie? Sorry, Kleiner, aber daraus wird nichts. Noch habe ich das Sagen, und du tanzt nach meiner Pfeife. Ob dir das gefällt oder nicht.“

Sobald der Gangsterboss unterschrieben hatte, durfte er das Hospital verlassen. Sein Bruder wollte ihn stützen, doch er lehnte jede Hilfe ab.

„Ich bin okay, bin vollkommen okay“, behauptete er.

Als sie in den Bereich der Sensoren kamen, öffneten sich die Türen automatisch.

Das Knattern eines Rettungshubschraubers war zu hören. Der Helikopter landete hinter dem Gebäude der Unfallstation auf einer großen Rasenfläche.

„Da bringen sie schon wieder einen. Das Geschäft blüht“, sagte Hugh Finney laut.

Er stieß mit einer jungen blonden Ärztin zusammen, auf die er nicht geachtet hatte, aber so fest hatte er sie nicht angerempelt, dass sie deswegen gleich umfallen musste.

„Hoppla“, sagte Hugh Finney und lachte.

Und lachend starb er, denn plötzlich hatte sein weißer Verband ein Loch – und sein Kopf natürlich auch.

Er war erschossen worden!

 

 

3

Tony Finney reagierte sofort. Er begriff innerhalb eines Sekundenbruchteils, was passiert war. Eine Kugel hatte die junge Ärztin niedergerissen, und das zweite Geschoss hatte Hugh erwischt.

Beide Schüssen waren nicht zu hören gewesen, weil der Hubschrauber so laut knatterte.

Finney hechtete hinter einen parkenden Wagen. Hastig zog er die Beine an, um dem Todesschützen kein Ziel zu bieten. Seiner Ansicht nach war die Ärztin nicht geplant gewesen.

Hugh ja, der hatte Feinde.

Aber Ärzte? Sie sind die Helfer der Menschheit. Auf sie schießt man nicht.

Finney hob vorsichtig den Kopf. Er suchte nach dem Killer, konnte ihn aber nirgendwo entdecken.

Dass vor dem Eingang der Unfallstation zwei Menschen lagen, die von Kugeln niedergestreckt worden waren, hatte noch niemand bemerkt.

Finney sah, dass sich die junge Ärztin bewegte. Sie war also nicht tot. Mühsam stemmte sie sich mit den Händen hoch, sackte aber gleich wieder zusammen. Finney eilte ihr nicht zu Hilfe. Er traute dem Frieden nicht. Vielleicht wartete der Killer nur darauf, dass er hinter dem Wagen hervorkam.

Sie brachten den Schwerverletzten. Er lag auf einer Bahre, die von zwei Männern getragen wurde. Ein Wrack, aus dem die Ärzte wieder einen Menschen machen sollten. Manchmal gelang ihnen dieses Wunder, aber nicht immer.

Im Laufschritt näherten sich die Bahrenträger dem Eingang der Unfallstation. Tony Finney lag so hinter dem Wagen, dass er von diesen Leuten nicht gesehen werden konnte.

Beiderseits der Bahre liefen noch zwei Männer. Der eine hielt einen Kunststoffbeutel, in dem sich Blut befand, der andere ein Gefäß, in dem eine wasserklare Infusionsflüssigkeit schaukelte.

Als sie den Toten und die verletzte Ärztin entdeckten, schrien sie Hilfe herbei, und das hektische Treiben, das gleich danach einsetzte, nützte Tony Finney aus, um zu seinem Wagen zu gelangen und abzufahren.

Hugh konnten sie jetzt dabehalten. Hugh war tot.

 

 

4

Bount Reiniger ging den nüchternen Flur der Unfallstation entlang, blieb vor einer lindgrünen Tür stehen und klopfte.

„Ja, bitte?“

Bount öffnete die Tür und betrat das Zimmer des Chefarztes. Dr. Mortimer Griffith war ein ernster, grauhaariger Mann. Sehr seriös. Sehr distinguiert. Er hatte Bount Reiniger nach einer Schießerei unters Messer gekriegt, und als Bount das Krankenhaus wieder verlassen durfte, sagte er: „Jetzt schulde ich Ihnen etwas, Doktor Griffith. Wann immer sich die Gelegenheit ergibt, zögern Sie nicht, diese Schuld einzufordern.“

Heute war es soweit.

Mortimer Griffith hatte ihn im Büro angerufen und ihn gebeten, zu ihm in die Klinik zu kommen. Bount hatte sich sofort auf die Socken gemacht.

Der Raum war zweckmäßig, aber nicht allzu teuer eingerichtet.

Manche Ärzte wollen zeigen, wie außergewöhnlich sie sind, indem sie ihre Büros mit imposanten Möbeln vollstellen. Zu dieser Sorte gehörte Dr. Griffith nicht. Er wusste, dass er etwas konnte, und seine Mitarbeiter wussten es auch.

„Mister Reiniger“, sagte er und erhob sich. Er trug einen weißen Mantel, dessen Knöpfe nicht geschlossen waren. Mit düsterem Blick kam er um seinen Schreibtisch herum und reichte Bount Reiniger die Hand. „Ich danke Ihnen, dass Sie sofort gekommen sind.“

Bount grinste. „Einen guten Chirurgen muss man sich bei meinem Job warmhalten. Man weiß nie, wann man ihn wieder braucht.“

Mortimer Griffith bot dem Detektiv Platz an. „Möchten Sie irgend etwas trinken?“ Er wies auf die reich bestückte Bar.

Bount entschied sich für Orangensaft. Dr. Griffith goss zwei Gläser voll und setzte sich zu Bount Reiniger.

„Ehrlich gesagt, ich konnte mir bis heute nicht vorstellen, jemals die Hilfe eines Privatdetektivs in Anspruch nehmen zu müssen“, sagte der Chefarzt.

„Was hat Ihre Meinung geändert?“

„Vor dem Eingang unserer Unfallstation wurde ein Mann namens Hugh Finney erschossen. Angeblich ein Gangsterboss.“

Bount hob die Brauen. Er wusste, wer Hugh Finney war, hatte schon unwesentlichen Ärger mit dessen Leuten gehabt. Ihm war auch bekannt, dass Hugh Finney einen Bruder namens Tony hatte, der in der Gang gern mehr zu sagen gehabt hätte, doch Hugh hatte ihn nie aufkommen lassen.

Sollte Tony Finney den eigenen Bruder aus dem Weg geräumt haben?

„Wieso war Hugh Finney hier?“, wollte Bount Reiniger wissen.

Er erfuhr von dessen Autounfall und wie dieser ausgegangen war.

„Es mag für einen Chefarzt seltsam klingen“, sagte Mortimer Griffith, „aber wenn Gangster sich gegenseitig abknallen, ist das für mich kein Grund, einen Privatdetektiv zu bitten, sich in die Ermittlungen einzuschalten. Es gehört zum Leben der Verbrecher, dass sie hin und wieder aufeinander schießen. Doch diesmal wurde dabei eine Ärztin in Mitleidenschaft gezogen. Und zwar nicht irgendeine Ärztin, sondern … meine Tochter.“

 

 

5

Bleich lag Susannah Griffith im Bett.

Sie befand sich auf der Intensivstation. Ihre Lebensfunktionen wurden von medizinisch-technischen Geräten gewissenhaft gestützt und überwacht. Mortimer Griffith hatte Bount erzählt, dass das Leben seiner Tochter an einem seidenen Faden gehangen hatte. Sie wäre gestorben, wenn die Kugel sie nicht direkt vor der Unfallstation getroffen hätte.

Dadurch hatte das Notarztteam den Wettlauf mit dem Tod vorerst gewinnen können, doch über dem Berg war Dr. Susannah Griffith noch lang nicht. Ein Rückschlag war nicht auszuschließen.

Die Sorge des Chefarztes um seine Tochter war nach wie vor begründet.

Bount Reiniger hatte sich den gesamten Bericht des Klinikleiters angehört und ihn hinterher gefragt, ob er Susannah kurz sehen dürfe.

Bount wusste nun, dass Tony Finney bei seinem Bruder gewesen war, als die Schüsse fielen. Hätte eine Kugel auch den Bruder des Gangsterbosses treffen sollen?

Oder hatte Finney einen Killer engagiert, der den Anschlag so drehte, dass niemand auf die Idee kam, Tony Finney könne etwas damit zu tun haben?

Bount trat an das Krankenbett. Die junge Ärztin sah ihn fragend an.

„Das ist Mister Bount Reiniger, Susannah“, erklärte der Chefarzt. „Er wird dafür sorgen, dass das Verbrechen, das an dir begangen wurde, gesühnt wird.“

Susannah nickte matt.

„Darf ich ihr ein paar Fragen stellten, Doktor Griffith?“, erkundigte sich Bount. „Kann sie sprechen? Strengt es sie nicht zu sehr an?“

„Ein paar Fragen“, sagte Mortimer Griffith. Er nickte. „Ich passe schon auf.“

„Doktor Griffith“, wandte sich Bount an die blonde Ärztin. „Ist Ihnen irgend etwas aufgefallen, das mir bei meinen Ermittlungen von Nutzen sein könnte?“

Susannah schüttelte sehr langsam den Kopf. „Ich habe nichts gesehen, Mister Reiniger“, sagte sie mit dünner Stimme. „Dieser Mann stieß gegen mich. Gleichzeitig spürte ich einen harten Schlag, und mir war, als würde man mir den Boden unter den Füßen wegziehen.“

„Haben Sie das Krachen der Schüsse gehört? Wie viele wurden abgegeben?“

„Es war nichts zu hören, denn zum selben Zeitpunkt landete ein Rettungshubschrauber. Das Knattern war so laut …“

„Ich verstehe“, sagte Bount Reiniger. „Wissen Sie, ob auf Tony Finney auch geschossen wurde? Der Mann mit dem Kopfverband war Hugh Finney. Der andere war sein Bruder.“

„Ich weiß nicht, ob auf ihn ebenfalls geschossen wurde.“

„Wäre es möglich, dass die Kugel, die Sie traf, ihm gegolten hat?“

„Ich glaube schon. Wer sollte es schon auf mich abgesehen haben?“

„Ich denke, das reicht für heute“, sagte Bount und lächelte freundlich. „Vielleicht unterhalten wir uns ein andermal weiter.“ Er wünschte der hübschen Ärztin eine baldige Besserung und verließ mit dem Chefarzt den Raum.

Auf dem Flur sagte Mortimer Griffith: „Wenn sie stirbt, weiß ich nicht, was ich tue. Ich könnte zum Amokläufer werden.“

„Sie wird durchkommen. Sie ist jung.“

„Auch junge Menschen können sterben, Mister Reiniger.“

„Wann hat sie die Krise Ihrer Ansicht nach überwunden?“

„In zwei, drei Tagen.“

„Ich drücke ihr die Daumen“, sagte Bount Reiniger.

Sie gingen den Flur entlang. Vor dem Fahrstuhl blieben sie stehen. „Da fällt mir noch etwas ein“, sagte Dr. Griffith. „Hugh Finney war auf seinen Chauffeur so wütend, dass er ihn hinauswarf. Sein Bruder musste dem Mann tausend Dollar geben, und Hugh Finney sagte, er solle ihm nie wieder unter die Augen treten. Vielleicht hat der Chauffeur seinen Boss deswegen erschossen.“

„Das kann ich mir zwar nicht vorstellen, aber ich werde den Mann fragen“, sagte Bount Reiniger. „Wie ist der Name?“

„Paul Stanton.“

„Haben Sie auch seine Adresse?“

„Ich lasse sie Ihnen raussuchen.“

„Okay. Und … Doktor Griffith, keine Unbesonnenheiten, ja?“

 

 

6

Stanton war sauer, weil der Boss ihn gefeuert hatte. Er war mit den tausend Dollar abgedampft und hatte sich vorgenommen, erst mal ein paar Tage verstreichen zu lassen. Wenn Hugh Finneys Zorn verraucht war, wollte er bei ihm vorsichtig anklopfen und nachfragen, ob er nicht doch wieder einen Job für ihn hatte. Er musste ja nicht unbedingt wieder als Chauffeur für ihn arbeiten.

Aber dann hörte er es in den Nachrichten: Jemand hatte auf Hugh Finney geschossen – und auch getroffen. Und zwar so präzise, dass sich der Boss nun die Radieschen von unten ansah.

Tony Finney würde die Gang nun übernehmen, das war klar, doch zu ihm brauchte Stanton nicht zu gehen. Ihr Verhältnis war immer schon getrübt gewesen. Tony Finney hatte noch nie viel von ihm gehalten, also würde er ihm auch keinen Job anbieten.

Mit dieser Erkenntnis hatte sich Paul Stanton in seine Stammkneipe begeben. Von da aus hatte er zwei Freunde angerufen, doch beide hatten ihm klargemacht, dass sie ihm im Augenblick zu keiner anderen Arbeit verhelfen konnten.

Deshalb ging Stanton daran, die tausend Dollar langsam auszugeben. Er kaufte sich Whisky, aber er ließ Hugh Finney nicht hoch leben, wünschte ihm auch keinen schönen Platz im Himmel, sondern hoffte, dass der Bastard in der tiefsten Hölle schmorte.

Als Bount Reiniger die Kneipe betrat, war Stanton schon ziemlich blau, und wenn er viel getrunken hatte, war er immer aggressiv und gefährlich.

„Mister Stanton?“, fragte Bount Reiniger und musterte den grobknochigen Mann auf dem Hocker.

„Ja, und wer sind Sie?“

„Reiniger. Bount Reiniger.“

„Doch nicht etwa dieser verdammte Schnüffler?“

„Tja, der bin ich.“

Stantons Gesicht wurde zur Eismaske. „Was wollen Sie von mir?“, fragte er, warf dem Wirt, der die Ohren spitzte, einen ärgerlichen Blick zu und sagte: „Wir reden draußen weiter.“

Er rutschte vom Hocker und torkelte durch die Hintertür hinaus.

Draußen, in einer finsteren engen Gasse, schwang er unvermittelt herum und hielt ein Messer in der Hand. Damit hatte Bount nicht gerechnet. Es war dem Kerl großartig gelungen, ihn zu überraschen.

Das ärgerte Bount.

Paul Stanton packte Bount Reiniger, stieß ihn gegen die Wand und setzte ihm die Messerspitze an die Kehle. Er lachte gemein, und sein scharfer Atem wehte Bount ins Gesicht.

„Jetzt siehst du dämlich aus der Wäsche, Reiniger! Du solltest dein Gesicht sehen. Wie‘n richtig blöder Hund siehst du aus!“

„Steck das Messer weg, Stanton!“

„Ich will dir mal was sagen, Reiniger! Ich rede mit keinen Privatdetektiven. Die haben nämlich alle die Maul- und Klauenseuche, und ich möchte sie nicht auch kriegen. Deshalb wirst du jetzt die Keulen schwingen und dich verdrücken, sonst mache ich dir ein Loch in die Figur, damit das Sägemehl aus deinem Holzkopf rieseln kann.“

Stanton ließ das Messer sinken.

Er glaubte, Bount Reiniger genug eingeschüchtert zu haben, doch kaum saß das Messer nicht mehr an Bounts Kehle, da packte dieser den Arm des Gangsters und drehte ihn kraftvoll herum.

„Au!“, schrie Paul Stanton. „Mein Arm! Verdammt, mein Arm!“

„Nicht so laut“, zischte Bount Reiniger. „Sonst kassiert man dich wegen nächtlicher Ruhestörung.“ Er verstärkte den Druck.

Stanton stöhnte. Jetzt erst öffneten sich seine Finger, und das Messer fiel zu Boden. Bount schob es mit dem Fuß hinter sich, und dann rutschte ihm ganz schnell die Faust aus.

Der Verbrecher drohte zusammenzusacken. Bount hielt ihn fest.

„Ich vertrage es nicht, wenn mich jemand mit dem Messer kitzelt. Das finde ich überhaupt nicht lustig“, sagte Bount Reiniger.

„Zuerst brichst du mir fast den Arm, und dann knallst du mir eine, dass mein Schneidezahn wackelt.“

„Ich weiß, ich habe mich an einem Unschuldslamm vergriffen.“

„Ich werde den Zahn verlieren.“

„Du hast tausend Dollar gekriegt. Dafür kannst du dir einen neuen kaufen.“

Stanton blickte Bount verblüfft an. „Woher weißt du …“

„Ich war im Krankenhaus. Ich kenne deine tragische Geschichte. Hugh Finney hat dich in das Heer der Arbeitslosen eingegliedert.“

„Der Teufel soll ihn holen.“

„Das hat er bereits getan. Sag bloß, das weißt du noch nicht. Die Spatzen pfeifen es von den Dächern.“

„Ich hab‘s aus‘m Radio“, sagte Stanton.

„Da ist jetzt die Idee aufgetaucht, du könntest deinen Boss ins Jenseits befördert haben, weil er dich wie einen räudigen Köter verjagte.“

„Eine Schnapsidee ist das. Ich schieße doch nicht auf Hugh Finney. Denken Sie, ich bin lebensmüde? Das lässt Tony Finney doch nicht auf sich beruhen.“

„Du meinst, er wird Kriegsbemalung anlegen?“

„Davon bin ich überzeugt.“

„Na schön, du hast nicht geschossen, und wenn du es nicht warst, muss es jemand anders gewesen sein, logo?“

„Logo.“

„Wer?“, fragte Bount Reiniger.

„Mann, bin ich allwissend?“

„Hugh Finney hatte die Gabe, sich allerorts unbeliebt zu machen. Wer konnte ihn nicht riechen? Lass mal ein paar Namen hören.“

Es waren keine unbekannten Namen, die Paul Stanton nannte.

„Und wem würdest du die Tat am ehesten zutrauen?“, wollte Bount Reiniger wissen, doch darauf zuckte Stanton nur mit den Schultern.

 

 

7

Die Antwort auf diese letzte Frage sollte Bount Reiniger tags darauf bekommen.

Der Mordanschlag war Captain Rogers Fall, deshalb suchte ihn Bount Reiniger auf.

Der gewichtige Leiter der Mordkommission Manhattan C/II saß hinter seinem Schreibtisch und stand auch nicht auf, als Bount eintrat. „Bount, die Nervensäge“, kommentierte Toby Rogers das Erscheinen des Freundes.

„Sei froh, dass ich nur an deinen Nerven und nicht an deinem Stuhl säge“, erwiderte Bount Reiniger.

„Das tun bereits andere“, meinte Toby grinsend. „Aber sie haben keinen Erfolg.“

„Machst du neuerdings auf Nero Woolfe? Löst du deine Fälle vom Schreibtisch aus? Dann wirst du dein Körpergewicht bald auf einer Brückenwaage kontrollieren müssen.“

„Weißt du, was mich wundert? Dass dir noch keiner was auf dein loses Maul gegeben hat“, brummte der Captain.

„Es wird zwar hin und wieder versucht, aber keiner schafft es“, entgegnete Bount schmunzelnd.

„Hast du eine Zigarette für mich?“

„Wenn ich keine für dich hätte, müsstest du dir glatt das Rauchen abgewöhnen.“ Bount warf dem Freund die Pall-Mall-Packung zu.

Sie rauchten.

„Was führt dich zu mir?“, wollte der Captain wissen.

„Der Mord an Hugh Finney.“

„Wer hat dich engagiert? Doch nicht etwa Tony Finney.“

„Nein, Doktor Griffith.“

„Ach so. Hast du schon was herausgefunden?“

„Ich weiß bereits, dass es Paul Stanton nicht war“, sagte Bount Reiniger und nahm einen Zug von der Pall Mall.

„Oh, wer es nicht war, weiß ich auch. Wenn ich all die Namen aufzählte, müsste ich Überstunden machen. Mir kam zu Ohren, dass Tony Finney sich die Krone aufs Haupt drückte und zum Krieg rüstet. Wir können mit viel Ärger rechnen. Eine verrückte Geschichte ist das. Hugh Finney hat einen Autounfall, man flickt ihn im Krankenhaus zusammen, entlässt ihn, aber er kommt nur bis vor die Tür, dort trifft ihn die Kugel seines Mörders. Die junge Ärztin kam dabei nur in die Quere. Der Killer scheint nicht zu den ganz eiskalten Typen zu gehören, sonst hätte er nicht zwei Kugeln benötigt, um den ahnungslosen Gangsterboss abzuschießen.“

„Du meinst, der erste Schuss war ein Fehlschuss?“

„Glaubst du, die erste Kugel galt Tony Finney?“, fragte Toby und streifte die Asche von der Zigarette.

„Für Susannah Griffith war sie jedenfalls mit Sicherheit nicht bestimmt“, bemerkte Bount Reiniger. Toby holte eine Tatortskizze aus der obersten Lade seines Schreibtischs. Er entfaltete das Papier und breitete es zwischen sich und Bount Reiniger aus. Die Stelle, wo Hugh Finney und die junge Ärztin gelegen hatten, war rot markiert. Der Captain wies auf ein zweites rotes Kreuz.

„Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wurden die Schüsse vom Dach dieses Hauses abgegeben“, stellte Toby Rogers fest.

„Spuren?“, fragte Bount.

Der Captain schüttelte den Kopf.

„Augenzeugen?“, fragte Bount.

Wieder schüttelte Toby Rogers den Kopf. „Niemand hat etwas gesehen oder gehört. Der Rettungshubschrauber machte soviel Krach, dass die Schüsse in dem Lärm total untergingen.“

Details

Seiten
99
Jahr
2021
ISBN (eBook)
9783738951820
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (März)
Schlagworte
jagd unbekannten york detectives

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Titel: Die Jagd nach dem Unbekannten: N.Y.D. – New York Detectives