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Terry räumt auf

2021 144 Seiten

Zusammenfassung


Terry Wheels will Gerechtigkeit – und vielleicht auch Rache. Sein ehemaliger Freund Lucky Blue hat die Frau erschossen, die er liebte. Von Mill City führt die Spur nach Unionville, wo die Lohngelder der Mine schon dreimal geraubt wurden. Gibt es hier einen Zusammenhang? Bevor Wheels etwas herausfinden kann, wird auf ihn geschossen.

Leseprobe

Table of Contents

Terry räumt auf

Copyright

1

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7

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9

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Terry räumt auf

Western von W. W. Shols

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 144 Taschenbuchseiten.

 

Terry Wheels will Gerechtigkeit – und vielleicht auch Rache. Sein ehemaliger Freund Lucky Blue hat die Frau erschossen, die er liebte. Von Mill City führt die Spur nach Unionville, wo die Lohngelder der Mine schon dreimal geraubt wurden. Gibt es hier einen Zusammenhang? Bevor Wheels etwas herausfinden kann, wird auf ihn geschossen.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover Firuz Askin

© dieser Ausgabe 202 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Jetzt noch dieses kurze Stück, denkt Jerry Hillcox. Glitzernd liegt das helle Band des Humboldt River vor ihm. Der braune Wallach hebt ruckartig den Kopf und scheint die Heimatluft zu wittern.

Am Fluss nach links, immer genau am Ufer entlang, und die verdammte Trinity Range ist vergessen. Vergessen mit ihrem Staub und Durst.

„Go on!“, murmelt Jerry und lässt das Pferd den leichten Druck seiner Schenkel spüren. Es geht wieder vorwärts, langsam und vorsichtig. Der Hang zum Flussufer ist steil und tückisch. Der Boden ist steinig, und ein unvorsichtiger Tritt kann einen mürben Felsbrocken in Bewegung bringen.

Jerry Hillcox lehnt sich leicht rückwärts, um den richtigen Gewichtsausgleich in den Sattel zu bringen. Der Braune setzt tastend die Hufe.

Der enge Canyon ist wie ein Nadelöhr, und Jerry drückt die Knie an den Sattel, um die Hosen zu schonen.

In Gedanken ist er weit weg.

Wehe, wenn er heimkommt!

Er wird ihnen schon erzählen, was er herausgefunden hat. Den Jungens werden die Augen übergehen. Sie werden am Anfang gar nicht glauben wollen, was er ihnen zu berichten hat. Aber dann werden sie mit ihm drauflos gehen. Sein Wort gilt schon etwas. Da wird keiner zögern und ihn einen Lügner nennen.

Er wird ihnen schwören, dass Lucky Blue dabei war und das erste Wort geführt hat. Damit wird er aufräumen im County. By Gosh, das wird er!

Noch so eine Felsennase, und der Canyon wird breiter. Der Boden wird flacher, und drüben liegt das Ufer …

Am Ufer liegt der andere mit der Winchester im Anschlag. Und er verfolgt seinen Weg. Er hat Jerrys Trail von Anfang an gekannt. Er ist ihm Meilen durch die Trinity Range gefolgt und hat tagelang auf den günstigen Augenblick gewartet. Jetzt ist es soweit. Jetzt endlich!

Er ist einer von den alten Füchsen, die Schritt und Pfad im weiten Umkreis kennen. Er ist drei Meilen vorausgeritten und hat sich in den Hinterhalt gelegt. Er ist ein Mann ohne Skrupel.

Der Name Hillcox ist das rote Tuch für ihn. Wenn er den hört, hakt der letzte Anstand bei ihm aus. Dann kennt er nur seine vertraute Winchester.

Well, denkt er, hier ist eine Uhr abgelaufen. Jerry Hillcox‘ Uhr. Und es macht ihm gar nichts. Die Toten in Nevada sind schon nicht mehr zu zählen. Was macht es um diesen einen?

Nichts!

Der ist ein Hillcox. Er ist einer von diesem Haufen, der ihnen ständig in die Quere kommt. Und keiner wird fragen, wie es geschah. Und wenn einer fragt, wird keiner eine Antwort wissen …

Jerry Hillcox ist in Gedanken schon zu Hause auf der Ranch. Er hat eine Menge Neuigkeiten im Kopf, und es wird ein lebhafter Abend werden auf der Ranch. Er wird die Brüder zusammenrufen und ein paar offene Worte mit ihnen reden.

Die Boys von der Zwei-Säbel-Ranch werden nichts anderes zu tun haben, als einzupacken. Sie werden keinen Stiefel mehr an die Erde kriegen.

Sie werden …

In dem Augenblick reitet er dem Wegelagerer genau vor die Flinte. Der Boy macht nur den Finger krumm, und ein peitschender Mündungsknall zerreißt die Einsamkeit am Westufer des Humboldt River.

Die Kugel trifft Jerry genau ins Herz. Er spürt den gewaltigen Schlag durch seinen Körper und weiß im selben Augenblick, dass es ihn erwischt hat.

Für immer und ewig.

Er weiß, dass hier sein Trail zu Ende ist.

Sein Gehirn malt sich noch einmal das letzte Wissen an den Himmel, das er allein nach Hause hätte bringen können.

Dann holt ihn die dunkle Macht aus dem Sattel!

 

 

2

In Mill City hängen die Girlanden an den Häusern. Und besonders an den zwei Schuppen, die die Zimmerleute gerade neu an den Bahngeleisen errichtet haben. Fürs Erste werden diese Hütten der Bahnhof sein. Und für Monate wird Mill City die Endstation sein.

Es klingt ihnen allen noch in den Ohren, soweit sie die Festlichkeiten selbst verfolgt haben. Sie haben die feierlichen Ansprachen des Inspektors der Railway Company und des Bürgermeisters gehört. Und sie verlassen sich darauf, was diese Männer gesagt haben.

Die Eisenbahn wird ein neues Zeitalter bringen. Sie kommt mit der Zivilisation vom Osten her. Und aus dem Osten kommt die Gerechtigkeit. Wo das Feuerross dampft, werden die Desperados weichen müssen. Dieses Ding auf den glitzernden Schienen wird die Banditen verjagen.

Yeah, das ist schon eine ziemlich gesicherte Tatsache. Die Leute in Mill City haben allen Grund, sich darüber zu freuen. Sogar in den Gazetten des fernen Ostens wird man ihre Stadt nennen.

Terry Wheels hat einiges von dem Rummel gehört, aber er hat es nicht ernst genommen. Er hat sich lieber auf seinen Gaul verlassen und ist den Schienenstrang entlanggeritten. Das hat ihn auch ans Ziel gebracht.

Zwar eine Stunde zu spät, aber immer noch früh genug.

Die geschwollenen Ansprachen interessieren ihn nicht. Nicht einmal die Männer, die dafür ihren Mund aufmachen. Ihn interessiert nur der eigene Trail.

Sein Gaul ist am Ende. Er schleppt ihn mühsam ans Stationsgebäude heran, und der Vorsteher ist begeistert, als er plötzlich einen neuen Gesprächspartner hat. Aber bis auf ein paar Höflichkeiten ist aus dem Fremden nichts herauszukriegen, und die Begeisterung des Alten in der nagelneuen Uniform kühlt schnell ab.

„Die Stadt … By Gosh, die Stadt ist natürlich da drüben. Oder meinen Sie, man hätte den Schienenstrang gleich genau durch die Main Street legen können?“

Terry spürt die Unzufriedenheit des kleinen Mannes und lenkt ein.

„Das meine ich nicht, Sir. Ich dachte nur, Sie hätten einen Stall hier.“

„He? Dieses neue Stationsgebäude soll einen Stall haben? Nehmen Sie‘s mir nicht übel, Mister, aber von der neuen Eisenbahn scheinen Sie nichts zu verstehen. Hier wird demnächst ein prächtiger Wartesaal eingerichtet werden. Die Mietställe haben wir in der Town. Und das soll ruhig so bleiben. Ist sowieso nur noch eine Frage der Zeit, dass wir die nicht mehr brauchen. Die Pferde werden aussterben hier im Westen. By Gosh, was brauchen wir noch die Gäule, wenn demnächst der ganze Verkehr auf Rädern und Schienen rollt?“

„Natürlich, Sir, Sie haben vollkommen recht. Aber heute gibt‘s noch Pferde. Sehen Sie sich meinen Braunen an! Der braucht jetzt ‘ne Bleibe, klar?“

„Sie hätten von Rose Creek den Zug nehmen sollen. Sie …“

„Wem sagen Sie das? Jetzt bin ich schlauer. Aber daran werden Sie sich gewöhnen müssen. Die meisten Leute hier denken nicht so schnell um wie Sie. Die reiten auch nächstes Jahr noch auf Pferden. Besonders, wo hier euer eiserner Weg erst einmal zu Ende ist.“

Der Uniformierte nimmt seine Schirmmütze und kratzt sich mit einem freien Finger am Kopf. Dann zieht er sich den Haardecker wieder über den Skalp.

„Ganz so dumm scheinen Sie auch nicht zu sein, Fremder. Sie haben es haargenau erfasst. Ehe diese Bahn nicht bis Frisco geht, wird‘s nicht ganz ohne Pferde gehen.“

Der Gute blickt nachdenklich der großen Staubwolke nach, die die Kutschen der Ehrengäste hinter sich herziehen. Das Fest ist zu Ende, und man hat nicht mal offiziell Notiz von ihm genommen. Man hat ihn nicht einmal würdig in sein Amt eingeführt.

Er zieht wieder die Dienstmütze und spuckt kurz und kräftig in den Sand.

„Warten Sie einen Moment, Mister! Ich sage nur meiner Frau Bescheid, dann können wir gehen. Ich habe ohnehin noch in Mill City zu tun.“

Terry Wheels geht staksig zu seinem Braunen und wischt ihm den Rest von Schweiß ab. Dann schiebt er ihm die letzten zwei Stückchen Zucker zu. Kurz danach kommt der Uniformierte, der sich noch – rückwärts rufend – mit seiner unsichtbaren Frau unterhält, die der Stimme nach irgendwo hinter den Holzwänden der Baracke stecken muss.

„Sie wohnen hier, wie?“, fragt Terry.

,,‘ne Dienstwohnung. Steht mir ja zu, oder?“

Terry lässt keinen Zweifel daran.

„Für einen Stationsvorsteher, natürlich. Hatte ich nicht anders erwartet, Sir.“

„Sagen Sie bloß nicht immer Sir zu mir, Fremder! Ich heiße für meine Freunde Ben.“

„Okay, und ich heiße Terry. Einig?“

Ben reicht ihm die Hand und scheint wieder versöhnt zu sein.

„Nehmen Sie Ihren Gaul an die Leine und lassen Sie ihn verschnaufen, Terry! Wir haben eine halbe Meile bis in die Stadt.“

Der Alte meint es tatsächlich ernst. Sie werden zu Fuß gehen. Terry wundert sich etwas, sagt aber nichts dazu. Es wird den Beinen guttun, denkt er. Und der Braune wird seinen Sattel noch ein Stück schleppen.

Unterwegs reden sie nicht viel. Terry kommt nur dahinter, dass der wirkliche Stationsvorsteher Brown heißt und natürlich den offiziellen Feierlichkeiten in der Stadt beiwohnt. Ben ist lediglich das Faktotum, das für die tägliche Arbeit gut ist. Und dafür haben sie ihm die Dienstwohnung gegeben.

Armes Schwein, denkt Terry. Oder auch: glücklicher Kerl – solange deine Frau auf dich aufpasst.

In der Stadt kennt Ben einen Mietstall, wo sie den Braunen abstellen. Als Terry im Voraus zahlt, ist sofort alles klar. Ben rollt mit den Augen und weiß auch gleich ein Hotel gegenüber. Terry Wheels will sich bedanken und abziehen. Da hat er Ben am Hemdsärmel.

„Ich kenne mich hier aus, Großer. Ich weiß genau, dass heute alle Hotelzimmer belegt sind. Weißt ja, was heute hier in der Town los ist. Aber ich werde es schon machen.“

Tatsächlich erweist sich Bens Bekanntschaft als vorteilhaft.

Terry bekommt eine bescheidene Kammer unter dem Dachboden. Mehr ist heute in Mill City nicht zu machen. Und das nur mit Beziehungen. Terry ist froh, dass er seinen Sattelsack unter die Bettstelle schieben und an die frische Luft gehen kann.

Im Westen sinkt die Sonne, und in den Saloons geht es hoch her.

„Ich will dich nicht länger aufhalten“, sagt er. „Du hattest in der Stadt noch was zu erledigen, Ben.“

„Stimmt genau. Ich wollte einen Whisky trinken. Ganz für mich allein, weil heute doch Einweihungsfeier ist.“

„Du bist ein ganz durchtriebener Gauner, denke ich.“

„Irrtum, Terry! Ich bin der ehrlichste Mensch von der Welt. Ich hatte noch was zu erledigen. Und das gelingt mir immer am besten, wenn meine Alte nicht dabei ist. Drüben im Humboldt Saloon haben sie piekfeine Tanzgirls und ein elektrisches Klavier – und den richtigen Tropfen für die Kehle. Wenn du kein Frosch bist, vertraust du dich mir an.“

Terry Wheels ist kein Frosch. Er geht mit. Der Saal ist voll von Menschen und von dem, was sie begleitet: Tabaksqualm, Alkoholdunst und eine Menge Schweiß.

Weil alle Tische besetzt sind, quetschen die beiden sich an die Theke.

Von den hohen Hockern haben sie einen guten Blick auf die Bühne, wo das Klavier gerade einen scharfen Cancan vom Stapel lässt. Und vier grün-goldene Girls mit langen, schwarzen Netzstrümpfen tanzen, als ob sie bei den Soldaten gelernt hätten.

Ben kippt die ersten drei Whiskys nacheinander. Terry sieht sich aufmerksam im ganzen Saal um, dass es dem Partner recht bald auffällt.

„Hey, Freund! Suchst du jemanden?“

„Ich suche immer jemanden. Aber heute ist keiner da, für den es sich lohnt.“

„Na also, alter Junge. Jetzt hol deine Nase herunter, damit sie dich nicht für einen Angeber halten. Und diesen trinken wir ex.“

Terry ist gerade beim zweiten Glas und stößt mit ihm an. Er trinkt den Whisky pur und auf einen Zug. Für Ben ist es der fünfte, und der wirft ihn um.

Es gibt eine kleine Rempelei, aber Terry schafft den Freund hinaus, indem er ihn unter die Arme nimmt und bis auf die Straße zieht. Dort klatscht er ihm mit der flachen Hand ein paarmal ins Gesicht. Das macht ihn wieder wach.

Ben kommt verstört auf die Beine und fängt sich.

„Wenn du denkst, ich hätte zu viel getrunken, Großer, dann bist du auf dem Holzwege.“

Er steht in dem hellen Licht, das aus der Tür des Saloons fällt, und er taumelt etwas. Aber er fällt nicht mehr um. Er stemmt seine Beine in den Sand der Main Street und stößt seine Hände in die Hüften.

„Komm, Terry!“, sagte er. „Ich bringe dich jetzt ins Hotel, und dann gehe ich nach Hause.“

„Zum Hotel finde ich allein, Kleiner. Pack dich nur richtig weg! Wenn du dich jetzt nicht zusammennimmst, wirst du zu Hause Schwierigkeiten haben.“

Ben will etwas sagen, aber er bekommt es nicht heraus. Der Whisky liegt unzenschwer auf seiner Zunge.

Terry ist ganz mit ihm beschäftigt, denn er kann es nicht verantworten, dass der alte kleine Boy in seiner Begleitung vor die Hunde geht. Der muss einfach zu seiner Frau in die neue Stationsbaracke zurück. Mag sie noch so ein Besen sein.

Aber dann hat er plötzlich die Stimme eines Mannes hinter sich, den er so lange gesucht hat.

„Lass ihn, Terry!“, sagt die Stimme. „Er spielt jetzt keine Rolle, er geht uns nichts an.“

Terry Wheels hat ein Gefühl, als ob man ihn in einen großen Eisblock eingefroren habe. Jetzt in der Dunkelheit ist es doppelt schlimm. Er zieht seine Hände von Ben zurück, er wird starr wie ein Stein.

„Was willst du, Lucky? Das ist jetzt nicht der richtige Augenblick. Das ist nicht ehrlich.“

„Denkst du, Terry.“

„Dieser Mann ist besoffen wie eine Dragonerhaubitze. Ich muss ihn nach Haus bringen.“

Die Stimme im Dunkeln ist unbeeindruckt.

„Du musst gar nichts, Terry Wheels. Du hast mich gesucht, und jetzt bin ich da. Steh auf! Wir machen es hier aus.“

Seit Wochen hat Terry geglaubt, der Jäger gewesen zu sein. Jetzt weiß er, dass der andere auch ihn jagen kann.

Hinter ihm in der Nacht steht Lucky Blue. Und es gibt keinen Zweifel – Lucky hat den Colt in der Faust. Er hat auf diesen Augenblick gewartet.

Ben lallt etwas in seinem Whiskyrausch. Das kann keiner ernst nehmen. Luckys Colt dagegen ist reine Wirklichkeit.

Terry hat es kapiert und kommt aus der Kniebeuge hoch. In der Drehung tastet er nach dem Holster und reißt den Colt heraus. Er macht auch den Finger krumm, aber sein Schuss geht daneben – wie Luckys Schuss.

Kein Rivale trifft den anderen.

Sie haben sich umsonst gejagt. Der Lärm ihrer Knallerei geht sogar unter in dem Lärm der Eisenbahn-Eröffnungsfeierlichkeiten.

Niemand nimmt Notiz davon.

Lucky Blue steckt den rauchenden Colt weg und macht lange Beine. Die Nacht sieht nichts als Schatten. Schatten, die sich nicht verraten.

Der alte Ben röchelt ein paar unverständliche Worte, und dann wölbt er seine Brust.

„Ich werde verrückt, Terry. Dieses Schwein hat mich erwischt. Ich hab‘s genau unterm Hals sitzen. Das brennt wie Feuer. Geh zum Doc! Nein, sag ihr …“

Keiner kann es mehr sagen.

Ben sackt kraftlos in sich zusammen.

Terry hält einen Kopf und weiß, dass er einen Toten in den Armen hat.

Im Norden auf der Main Street klappern unbeschlagene Hufe. Dann ist es still. Die Nacht schluckt den Mörder.

 

 

3

Für Augenblicke fühlt Terry knisterndes Eis und die kochende Hölle. Dann sind seine Sinne wieder klar. Leute kommen, nur ein paar. Die meisten haben nichts gehört oder wollen es nicht hören.

Warum soll sie schon ein Schuss auf der Main Street aufregen? Sie amüsieren sich.

Das ist weniger gefährlich, als seine Nase in so windige Sachen zu stecken.

Die drei Figuren sind ziemlich langsam. Nach jedem dritten Schritt bleiben sie stehen, als müssten sie Luft holen.

„Hallo, Gents!“, ruft Terry. „Sie haben schon richtig gehört, hier hat jemand geschossen. Helfen Sie mir!

Sie sehen, wie Terry Bens Kopf hält. Das macht sie zutraulicher, und sie kommen heran.

„Yeah, das ist doch …“

„Eben war er noch im Saloon, denke ich.“

„Das ist auch der alte Ben, by Gosh! Ist er tot?“

„Ich fürchte ja, Mister. Aber ich kann es so genau nicht sagen. Holen Sie einen Arzt! Sie wissen hier doch Bescheid.“

„Doc Wilson ist zur Witwe Jennings geritten. Der ist nicht da. Das sieht man doch, dass dem alten Ben nicht mehr zu helfen ist. Komisch, Fremder, wie?“

Einer hat sich jetzt heruntergebeugt, und als er schließlich einiges begreift, kommt er sofort wieder hoch und macht ein steifes Kreuz. Er trägt einen Revolver, und seine Hand pendelt nervös davor her.

Auch Terry richtet sich auf.

„Sagen Sie mir, wo der Sheriff wohnt, Gentlemen! Vielleicht sind Sie so freundlich und fassen mit an, damit wir den armen Kerl erst mal ins Office bringen.“

Der Dritte ganz hinten sagt rau: „Sie haben es aber eilig mit dem Sheriff, Mensch. So scharf werden Sie doch gar nicht auf ihn sein, oder?“

„Wenn Sie misstrauisch sind, ist das Ihre Sache, Mann. Wollen Sie mir nun helfen oder nicht?“

Die drei verständigen sich durch stumme Blicke und packen dann zu.

„Aber Sie kommen mit, Mister. Der Sheriff wird bestimmt ein paar Fragen haben.“

Sheriff Tom Fister hat ein sandiges Ledergesicht und dunkelbraune, entschlossene Augen.

Ohne dass man es Terry gesagt hat, weiß er: Dieser Mann ist im Dienst alt geworden.

Und die Tatsache, dass er noch lebt, spricht für seine Qualitäten. Da braucht man erst gar nicht lange zu fragen.

Er veranlasst, dass der Tote auf die Holzbank unterm Fenster gelegt wird. Seine Überraschung hat er in knapp fünf Worten ausgedrückt, und trotzdem hat es nicht so geklungen, als ob es ihn kalt ließe.

„Es ist besser, Jungs, ihr redet von der Leber weg. Ich will euch nicht jedes Wort einzeln aus der Nase ziehen. Also?“

„Ich war dabei “, sagt Terry, aber Fister macht sofort eine Handbewegung, die ihn zum Schweigen bringt.

„Ich rufe Sie auf, wenn Sie an der Reihe sind, Fremder.“

„Ich heiße Wheels.“

„Das macht nichts. Trotzdem kommen Sie später. Sag schon, Stafford, wie‘s gewesen ist! Ihr wart ja alle dabei, wenn ich mich nicht irre.“

Stafford muss zugeben, dass er gar nicht viel sagen kann. Genauso wenig wie Derrick und Borden. Er sagt nur, dass er natürlich schon so ein paar sonderbare Gedanken gehabt hätte, als er Ben Lorner am Boden fand und den Fremden dabei.

„Von deinen Gedanken will ich nichts wissen“, sagt der Sheriff grob. „Wenn du nichts gesehen hast, halt den Mund! Jetzt zu Ihnen, Mr. Wheels …“

Terry erzählt seine Story kurz und sachlich. Er fängt damit an, wie er an der Bahnstation angekommen und wie dann alles geschehen ist. Zum Schluss sagt er: „Lorners Tod ist ein unglücklicher Zufall, Sheriff. Die Kugel war für mich bestimmt.“

„Dann wollten Sie also ursprünglich Selbstmord begehen, hm?“, fragt Tom Fister gereizt.

Terry bleibt immer noch ruhig.

„Ich habe gerade erklärt, dass jemand aus der Dunkelheit auftauchte, als wir den Saloon verließen. Es war ein dritter Mann dabei, bevor Sie kamen. Und der hat geschossen.“

„Es wäre besser, Sie könnten das beweisen, Wheels“, meint der Sheriff.

Terry dreht sich zu ihm um.

„Ist es üblich in Mill City, dass man seine Unschuld beweisen muss, Sheriff? Wäre es nicht mehr nach dem Recht gehandelt, Sie suchten den Mörder?“

„Vorschriften von Leuten wie Ihnen, Wheels, habe ich nicht gern. Sie sind fremd hier.“

„Fremd sein ist nicht gleichbedeutend mit schlecht sein.“

„Durchaus nicht. Aber wenn ein Fremder daherkommt und gleich so klug redet wie Sie, dann sind wir misstrauisch, Wheels. Und bilden Sie sich ja nicht ein, dass ich Ihnen noch lange erkläre, warum ich misstrauisch bin. – Woher wollten Sie denn wissen, dass die Kugel nicht Ben, sondern Ihnen galt?“

„Weil ich den Mörder … Weil er meinen Namen gerufen hat. Weil er gesagt hat, ich wäre jetzt an der Reihe, zu sterben. Er hat mir gedroht, und Ben Lorner ist nervös geworden und hin und her getanzt. Dabei hat es ihn erwischt.“

„Und Sie kennen den Mörder. Dann ist ja alles in Ordnung. Wie heißt er?“

Es gibt keine lange Pause.

Terry Wheels hat längst die Frage erwartet, und er hat sich hin und her überlegt, wie er sich verhalten soll. Natürlich könnte er hingehen und sagen, Lucky Blue habe auf ihn geschossen. Aber was kann dabei herauskommen ohne Zeugen?

Von Lucky hat er nicht viel mehr gewusst, als dass er sich in der Gegend von Unionville aufhielt. Und dass er schon eine ganze Weile hier im County steckt. Lucky ist nicht unbedingt ein Einzelgänger gewesen. Lucky ist bekannt dafür, dass er sich überall schnell Freunde schafft, wenn auch zweifelhafte.

Terry zuckt mit den Achseln.

„Wie soll er heißen, Sheriff? Ich weiß es nicht. Er hat mich angerufen und gesagt, dass er mit mir abrechnen wird. Es war dunkel.“

„Aber er kennt Sie.“

„Er hat meinen Namen genannt, aber ich konnte nicht mal seine Stimme erkennen.“

Der drahtige Fister schnauft durch zwei überdimensionale Nasenlöcher. Er geht um die Tischecke herum und baut sich ganz dicht vor Terry auf. Er schielt von unten nach oben, weil Terry einen halben Kopf größer ist.

„Ich bin ein alter erwachsener Mensch, Mr. Wheels. Ich bin schon mit Leuten im Leben fertig geworden, die haben nur halb so dumm dahergeredet wie Sie. Ich schaff‘s auch mit Ihnen, wetten?“

„Ich weiß nicht, was Sie wollen, Sheriff. Sie fragen, ich antworte. Wenn meine Antworten Ihnen nicht gefallen, kann ich nichts dafür. Es war so, wie ich sagte.“

„Sie haben einen Revolver. Zeigen Sie mal her!“

Terry fingert ihn aus dem Holster und legt ihn auf den Tisch. Fister nimmt ihn auseinander, als ob er ein Rind schlachtet. Genauso kunstgerecht flickt er ihn wieder zusammen und schiebt ihn bis an die Kante der Tischplatte.

„Sie können das Eisen wieder einstecken, Wheels. Soviel sehe ich auch, dass heute noch nicht daraus geschossen wurde.“

„Demnach kann ich jetzt gehen?“

„Sie sind ein freier Mann. Sie haben Ben Lorner nicht erschossen. Es war jemand, den Sie uns nicht verraten wollen.“

In dem letzten Satz steckt wieder die Anklage des alten Fuchses.

Terry lässt es an sich abperlen wie Wasser auf einer Ölhaut. Und trotzdem bleibt er verbindlich.

„Das Misstrauen ist allein Ihre Sache, Sheriff. Ich kann‘s nicht ändern. Und ich gehöre nun einmal zu den Leuten, die nicht gleich Namen in die Weltgeschichte hinausschreien, wenn sie nicht ganz sicher sind. Ich kenne einige Fälle, da hat ein unbedachtes Wort einem Unschuldigen fürs Leben Verdruss eingebracht. Ich wiederhole nur meine Aussage: Der Mann hat mich gekannt, denn er hat meinen Namen gerufen. Nach dem Schuss ist er weggeritten.“

„Und mehr wissen Sie nicht?“

„No!“

 

 

4

Die Nacht ist ziemlich kurz, und Terry Wheels schläft so tief und fest, wie er kann. Am nächsten Morgen lässt er sich kaltes Wasser aufs Zimmer bringen und ein Stück Seife und ein Handtuch. Noch bevor er etwas frühstückt, geht er zum Mietstall hinüber, um nach dem Braunen zu sehen.

Der Stallbursche ist verschlafen, als wäre er gestern einer der letzten im Saloon gewesen. Terry packt ihn kräftig am Hemd und schüttelt ihn. Verschlafen kommt der Boy hoch.

Als Terry sieht, dass gar nichts mit ihm anzufangen ist, stößt er ihn ins Stroh zurück und lässt ihn weiterschlafen. Sofort nimmt der Junge sein Schnarchkonzert wieder auf.

Der Braune steht in seiner Box und lässt den Kopf hängen. Die Raufe ist voll Heu, im Trog schwimmt eine Menge Häcksel in etwas Wasser. Aber der Braune mag nicht.

Terry sieht ihm in die Augen und weiß, dass der vierbeinige Partner sich nicht wohl fühlt. Und sofort meldet sich auch sein eigenes schlechtes Gewissen.

Er tätschelt ihm den Hals und redet ihm gut zu.

„Yeah, alter Fresser, ich habe dich vielleicht zu sehr hergenommen in den letzten Tagen, aber komm mir bloß nicht auf die Idee, dass du mich jetzt im Stich lässt! – Du frisst nicht halb soviel wie ein Fohlen, aber ich kriege dich wieder hin, Brauner. Ich habe noch genug Dollars für eine anständige Pferdepension, und die blättere ich gleich noch auf den Tisch.“

Er tätschelt ihm den Hals und geht.

Im Hotel nimmt Terry sein Frühstück ein und ist eine Stunde später wieder im Mietstall. Inzwischen hat sich der Help den Schlaf aus den Augen gerieben und kann seinen Boss rufen.

Mr. Pinks ist frisch wie ein gestern geschossener Büffelbraten. Er reibt sich die Hände an einer blutig gefärbten Schürze und streckt Terry die rechte davon hin.

„Sie sind nicht zufrieden, Mr. Wheels, höre ich?“

„Mein Brauner ist nicht ganz auf dem Damm, wie Sie sehen, Mr. Pinks. Ich werde ihn ein paar Tage hier stehenlassen, damit er sich erholt Hier sind zwanzig Dollar. Jetzt sagen Sie mir, wie lange das reicht.“

„Genau eine Woche.“

„Das ist ein Wort. Und da drüben die Apfelschecke, gehört die Ihnen?“

„Jenny gehört mir, Mr. Wheels.“

„Könnte ich sie mieten?“

„So lange Sie wollen.“

„Preis?“

„Vierzig Dollar in der Woche.“

„Das ist das Doppelte.“

„Irgendwo muss ein Mann wie ich verdienen, Mr. Wheels. Sehen Sie sich nur diese faulen Stallburschen an! Bei dem Geschäft setze ich noch zu.“

„Das glaube ich Ihnen gem. Ich komme auf Ihr Angebot zurück, Mr. Pinks. Es kann noch heute sein.“

Terry tippt mit dem Finger unter den Rand des Stetsons und geht. Er treibt sich eine Stunde lang auf der Main Street herum und sammelt Nachrichten. Dann geht er zur Western Bank und eröffnet ein Sparkonto mit drei Dollar.

Der Mann hinter dem Tresen sieht ihn geringschätzig an, wagt aber kein Wort der Kritik. Er nimmt die drei Dollar, eröffnet das Konto und gibt die Quittung heraus.

„Danke, Sir“, sagt Terry höflich. „Möglich, dass ich bald noch etwas dazuzahle. Drei Dollar sind ein Anfang, denke ich. Morgen sind es vielleicht dreitausend. Haben Sie das schon mal erlebt?“

Der Kassierer bleibt so steif wie ein Ladestock.

„Ich habe gesehen, wie reiche Männer arm geworden sind – und umgekehrt.“

„Dann haben wir ja noch Hoffnung, alter Junge. Ich bin arm, ich kann nur noch reich werden. Und jetzt verraten Sie mir noch den Fahrplan der Postkutsche! Es gehen da so einige Gerüchte …“

Die Gerüchte kennt so ziemlich jeder in der Town. Die Post hat schon einen Fahrplan, aber der soll angeblich seil zwei Wochen nicht mehr richtig eingehalten werden. Der Mann hinter dem Schalter weiß auch nicht viel mehr. Er macht nur ein gewichtiges Gesicht.

„Well“, fragt Terry Wheels, „wo kann ich hier Fahrkarten kaufen?“

„Drüben beim Fletcher Store.“

„Danke!“

Terry geht hinüber. Die Bedienung ist hier kaum freundlicher als in der Bank. Als ob die Leute hier nur menschlich werden könnten, wenn sie ein dickes Trinkgeld bekommen. Dabei sieht es anfangs sogar vielversprechend aus.

Hinter dem Tresen steht ein Girl mit langen blonden Zöpfen. Es verschwindet aber sofort nach hinten, als Terry nach einer Fahrkarte verlangt. Das Schicksal tauscht ihm den sonnigen Anblick gegen dessen Vater aus.

„Sie hätten sich nicht zu bemühen brauchen, Mr. Fletcher. Die Fahrkarte aus der Hand Ihrer Tochter wäre mir ebenso lieb gewesen“, meint Terry grinsend.

„Erstens ist Hilda nicht meine Tochter, sondern meine Nichte; zweitens mache ich den Fahrkartenverkauf selbst. Fahrkarten sind kein Sack Mehl oder ein Pfund Zucker.“

„Sicherlich nicht“, stimmte Terry dieser Philosophie zu und grinst wieder dazu.

„Wohin also?“

„Unionville.“

„In die Hügel?“

„Ich war noch nicht da. Ich weiß nicht, ob es da Hügel gibt. Hauptsache, ich treffe morgen dort ein.“

„Tut mir leid, Mister, bestenfalls in drei Tagen.“

„Aber der Fahrplan sagt …“

„Der Fahrplan hat leider nicht berücksichtigt, dass wir in den letzten drei Wochen zwei Überfälle auf unsere Wagen hatten“, unterbricht ihn der Alte.

„Aber doch nicht hier auf der Strecke.“

„Ob auf der Reno- oder auf der Shoshone-Linie, was macht das? Einmal Totalausfall. Kein Wagen, keine Pferde, kein Kutscher mehr. Und vorige Woche, bei Stone House, gingen zwei Gäule und ein Räderpaar drauf. Der Kutscher ist verschwunden, und keiner weiß, ob er noch lebt. Da muss eben die eine Linie der anderen aushelfen. Wells Fargo sind auch keine Herrgötter.“

„Trotzdem hätte ich gedacht, sie sind Millionäre und brechen nicht gleich zusammen, wenn zwei Fuhren ausfallen. Ich muss morgen in Unionville sein.“

„Dann sollten Sie ein Pferd nehmen. Da bestimmen Sie selbst den Fahrplan.“

„Well, wer macht es am billigsten?“

„Mr. Pinks. Der wohnt gleich …“

„Danke. Wo der wohnt, weiß ich. Und wenn er wirklich der billigste ist, dann ist Mill City ein Drecknest von Halsabschneidern.“

„Hey, Mister! Wer unsere Stadt beleidigt, bekommt es mit jedem von uns zu tun.“

Fletcher greift nach einem schweren Remington Revolver neben der Kasse und versucht ihn so geschickt wie möglich zu jonglieren.

Terry lässt es bei einem Grinsen und rührt keinen Finger. Fletcher lässt die sechs Pfund Eisen von selbst wieder sinken.

„Ich weiß schon, dass Sie hundertmal schneller sind als ich. Sie haben fast ein Killergesicht – ohne dass es natürlich stimmen muss. Aber Sie würden es fertigbringen, mich hier in meinem eigenen Store niederzuknallen.“

„Dazu liegt gar kein Grund vor.“

„Ich habe aber gesagt, Sie hätten ein Killergesicht.“

„Ich weiß, dass das nicht stimmt. Und Sie sagen es nur, weil Sie jeden Fremden, der hier hereinkommt, verdächtigen, er könnte etwas von Ihrer Nichte wollen. Sie sind eifersüchtig, Mr. Fletcher. Dabei sollten Sie viel mehr ans Geschäft denken. Und wenn wir keins machen können, dann empfehlen Sie mir den richtigen Mietstall. Pinks will vierzig Dollar für seinen Apfelschimmel haben, und das ist Halsabschneiderei. Ich habe keine Goldader entdeckt, und ich bin kein Bettler. Ich gehöre nur zu den gesunden jungen Leuten, die den Wucher nicht mitmachen, auch wenn Fargo heute keine Kutsche in Betrieb bekommt. Haben Sie nun einen vernünftigen Tipp für mich oder nicht?“

Fletcher weiß nicht mehr weiter.

„Fahren Sie übermorgen“, empfiehlt er vage.

Terry dankt, schiebt den Finger unter den Rand seines Stetsons und geht.

In der Town bekommt er nach zwei Stunden heraus, dass irgendwo am River eine Kutsche steht, die eine Ladung direkt nach Unionville übernehmen soll. Terry dehnt seinen Spaziergang aus und zieht aus einem Acker am Wege zwei Kohlrüben, die ihm das teure Hotelessen ersetzen.

An der alten Wassermühle entdeckt er Leben. Das morsche Holzrad dreht sich in der Flut des Abzweigkanals. Neben der schmalen Uferstraße wartet eine Postkutsche mit vier eingespannten Pferden. Ein paar Schritte weiter sitzen drei Figuren auf einer hohen Holzstellage, die zur Einfriedung der Mühle gehört. Die Gäule im Gespann recken ihre Hälse nach dem spärlichen Gras in der erreichbaren Umgebung.

Well, denkt Terry Wheels, das ist genau die Fuhre, die du brauchst. Das ist eine echte Postkutsche, obwohl sie gerade nicht im Liniendienst steht. Aber sie geht nach Unionville. Und mit zwei Dollar Schmiergeld wird alles klar sein.

Er schielt zu den drei Figuren auf den Holzpfählen hinüber, die da hocken wie Hühner auf ihrer Leiter.

Terry stellt fest, dass das Wesen in der Mitte ein Mädchen ist. Man muss schon ziemlich nahe herankommen, um das erkennen zu können. Das Girl ist wie ein Cowboy gekleidet.

Terry überlegt nicht lange. Er geht zuerst zum Wagen, macht den Schlag auf und schiebt sein Reisebündel auf den nächsten Sitz. Dann schlägt er die Tür zu und dreht sich nach den Leuten um.

Er hat dreißig Schritte zu laufen, bis er so nahe heran ist, dass er sich mit Anstand und Höflichkeit mit ihnen unterhalten kann.

„Tag, Gentlemen! Die Kutsche geht nach Unionville, wenn ich mich nicht irre?“

Die drei Figuren hocken da wie aus Holz geschnitzt. Sie scheinen ihn gar nicht zu sehen.

Terry räuspert sich und sagt seinen Namen. „… außerdem bin ich ein Mensch, genau wie Sie. Bloß, ich habe einen Mund zum Reden.“

„Den haben wir auch, Mister.“

„Warum antworten Sie dann nicht?“

„Es hat hier niemand gefragt. Wenn hier einer fragt, bekommt er auch eine Antwort.“

Es hat schon Momente im Leben gegeben, in denen Terry seine Gedanken schneller beieinander haben musste. Aber jetzt muss er sich eingestehen, dass er lange nicht so verblüfft gewesen ist. Entweder nehmen diese Boys das Leben nur von der heiteren Seite, oder sie gehören zu der ganz durchtriebenen Sorte.

Terry zieht die Augenbrauen hoch.

„Yeah“, sagt er, „ich kann‘s Ihnen auch aufschreiben. Das sollte nämlich eine Frage sein.“

Der ältere schielt zu dem jüngeren hinüber.

„Weißt du noch, was er gesagt hat, Gordon?“

„Guten Tag hat er gesagt, und wir haben nicht mal geantwortet. Das ist nicht sehr höflich von uns.“

Terry hat das Gefühl, die Jungs wollen ein Theaterstück in drei Akten aufführen und ihn zum Hanswurst machen. Dazu will er es aber nicht kommen lassen.

„Ich habe gefragt, ob die Kutsche nach Unionville geht, Gents.“

„Well, wenn das so ist. Schätze, sie geht dorthin.“

„Und wann?“

Das faltige Ledergesicht des älteren verzieht sich wieder zu einem Grinsen.

„Genau in dem Moment, wo sich der Kutscher auf den Bock setzt und die Zügel in die Hand nimmt.“

Terry kommt langsam dahinter. Das ist nichts als ein Ulk. Diese Burschen haben verteufelt wenig Abwechslung in ihrem Leben hier. Die brauchen ihren kleinen Spaß wie der Verdurstende das Wasser. Und das muss schon ein schlechter Westmann sein, der keinen Spaß verstellt.

„Ich hatte mehr an die genaue Uhrzeit gedacht, Opa“, meint Terry leichthin. Als ob er gleichzeitig sagen wolle, dass es ihm auf eine Stunde mehr oder weniger dabei auch nicht ankomme.

Die Anrede Opa scheint dem älteren nicht zu passen. Soweit geht der Spaß nun auch wieder nicht.

Er rutscht von der Stange herunter und stellt die Beine breit.

„‘ne genaue Uhrzeit gibt‘s bei uns nicht, Mr. Wheels. Möglich, dass die Gäule erst in einer Stunde Lust haben.“

„Danke, Mister! Viel mehr wollte ich gar nicht wissen.“

Bevor der Alte richtig böse werden kann, tippt Terry an den Rand seines Stetson und dreht sich um, um etwas spazieren zu gehen. Keiner hindert ihn daran.

Er marschiert ein Stück den steinigen Weg entlang und lehnt sich dann an eine Böschung, die mit hohem, wildem Gras bewachsen ist. Er rupft einen Halm aus und kaut darauf, blinzelt gelangweilt in die Sonne und zeigt mit jeder seiner mageren Bewegungen, dass er viel Zeit hat.

Yeah, die Stunde bis zur Abfahrt wird er auch noch überstehen.

Denkt Terry Wheels.

Dann stößt sich der Junge, den der andere Gordon genannt hat, von der Holzstange ab und schlendert zum Wagen. Er öffnet die Tür und zerrt Terrys Reisetasche heraus. Mit einem dumpfen Geräusch klatscht sie in den Sand.

Die andern beiden kichern laut. Gordon grinst übers ganze Gesicht und kommt sich wie ein Held vor. Er blickt noch einmal nach der Tasche auf dem Boden und stelzt zurück zu dem Girl und dem Alten.

Terry Wheels fühlt sich fast in friedlicher Stimmung. Er möchte einfach hingehen, die Tasche aufheben und sie wieder auf den Sitz im Wagen legen. Aber dann malt er sich aus, was sich darauf alles in der nächsten Stunde entwickeln kann. Die Boys werden die Tasche noch zehnmal hinauswerfen. Immer wieder – solange er sie gehorsam wieder aufhebt.

Das sind schlechte Aussichten. So was will Terry nicht einreißen lassen.

„Hey, Gordon!“, ruft er. „Dir ist ein Missgeschick passiert. Du brauchst dich deswegen nicht zu entschuldigen, aber geh bitte hin und leg meine Tasche wieder an ihren Platz!“

„Ich denke, sie liegt an ihrem Platz, oder?“

Das Girl strahlt vor Wonne, und der ältere feixt und zappelt mit den Beinen. Gordon setzt sich wieder neben sie und zieht seinen Tabaksbeutel aus der Tasche, um sich eine Zigarette zu drehen.

Der Vormittag scheint so langweilig zu sein, dass ihm nichts besseres einfällt.

Terry Wheels sieht zu, bis die Zigarette fertig ist. Als Gordon sie mit den Lippen geschnappt hat und nach Streichhölzern sucht, fliegt Terrys Revolver heraus.

Der Schuss kracht, und das Blei reißt die Zigarette weg. Gordon springt auf und schreit, als habe der Schuss ihm die halbe Nase weggerissen. Das Girl und der Alte erstarren und wissen nicht, ob sie lachen oder schimpfen sollen.

Die drei sind ziemlich sprachlos, dass Terry in aller Ruhe seine Belehrung anbringen kann.

„Yeah, Herrschaften, ich bin eine ziemliche Seele von Mensch, aber mit meinem Eigentum bin ich ganz eigen. Wenn das einer anfasst, hört der Spaß auf. In zehn Sekunden liegt die Tasche wieder da, woher du sie genommen hast, Gordon! Klar?“

Der Übeltäter ist schon bereit zu gehorchen, als sich das Girl einschaltet.

„Schluss mit dem Unsinn, Gents!“, sagt sie resolut. „Sie haben sich geirrt, Mr. Wheels, wenn Sie glauben, der Platz der Tasche wäre im Wagen.“

„So, meinen Sie, Madam? Ich erinnere mich, sie selbst dorthin gelegt zu hatten.“

„Schon möglich, aber Sie haben nicht über die Postkutsche zu bestimmen.“

„Genau. Das war auch nie meine Absieht. Bloß, die Postkutsche und die Tasche, das sind zwei ganz verschiedene Dinge. Und jetzt hindern Sie Gordon bitte nicht, seine Arbeit zu erledigen. Der ist nämlich ganz scharf darauf, das zu tun, was ich verlange.“

Terry wartet die Wirkung seiner Worte ab. Die scheint nicht schlecht zu sein, denn die drei fallen sofort in tiefes Nachdenken und sagen kein Wort.

Schließlich rutscht das Girl von der Stange und stößt Gordon mit dem Ellbogen an.

„Well, mach schon was er sagt, Junge! Der serviert uns sonst noch einen ziemlichen Verdruss.“

Gordon gehorcht mit knirschenden Zähnen. Er geht hin und packt die Tasche wieder auf den Sitz. Gleich hinter ihm kommt das Mädchen, angelt die Tasche wieder und bringt sie zu Wheels, dass dem die himmelblauen Augen übergehen.

„Nehmen Sie Ihr Eigentum, Wheels, und verschwinden Sie! Wir sind jetzt quitt.“

Terry schluckt zweimal. Er ist auf solch zarte Gegner nicht eingestellt. Und dann wieder ihre Augen! Die sind gar nicht so lieblich. Die Blicke wollen ihn durchbohren. Und auf jeden Fall meint das Girl es ernst mit seiner Ablehnung.

Terry macht einen letzten zaghaften Versuch.

„Passen Sie auf, Madam! Sie haben ‘ne Postkutsche, die nach Unionville fährt, und Sie haben keinen Fahrgast. Es ist also genügend Platz in dem Kasten. Ich zahle natürlich auch das Fahrgeld. Ich …“

„Nicht für hundert Dollar, Mr. Wheels. Verstehen Sie eigentlich nicht, was es heißt, wenn eine Frau einmal nein sagt? Leben Sie wohl!“

Sie dreht sich um und geht weg.

Das ist das letzte Manöver, das Terry mit Anstand ertragen kann. Wenn er es jetzt noch einmal versucht, macht er sich lächerlich. Oder die beiden Jungen könnten sogar noch ernstlich wild werden.

Er wirft sich die Reisetasche über den Rücken und stelzt davon. Er dreht sich nicht eher um, als bis er die Uferhügel hinter sich hat und von den drei Leuten am Wagen nicht mehr gesehen werden kann. Und er versucht, sich einen Vers auf diese komische Geschichte zu machen.

Das sieht gerade so aus, als ob man hier eine Geisterkutsche auf den Weg nach Unionville bringen will. Eine Coach ohne Passagiere, aber mit einem vollen Vierergespann. Und man lehnt jeden Fahrgast ab. Aufs Fahrgeld scheint es hier nicht anzukommen.

Nachdenklich schlendert Terry weiter. Auf dem Rückweg zur Stadt begegnet ihm ein einziger Mensch. Ein richtiger bäriger Oldtimer, der die besten Jahre hinter sich hat und den Rest des Lebens in Gemütlichkeit verbringen will.

Er geht gebeugt und hat Mühe, den Kopf zu heben. Er schielt etwas verstört zu Terry hinüber und starrt dann plötzlich wieder geradeaus. Er schiebt eine halb zerfallene zweirädrige Holzkarre vor sich her, die mindestens so alt zu sein scheint wie er selbst. Ein leerer Sack verdeckt die Ladung.

Terry schenkt ihm einen knappen, aber freundlichen Gruß. Der Alte reagiert gar nicht. Achselzuckend geht Terry weiter. Nach hundert Yards überlegt er es sich anders und kommt zurück. Er legt sich hinter die Uferböschung.

Der Alte rollt mit seinem Wagen genau auf die Kutsche zu. Die drei am Zaun kommen in Bewegung.

„Na, endlich, Snorry!“, stößt Gordon erleichtert hervor. „Ich möchte nicht wissen, wie oft du unterwegs Rast gemacht hast. Dabei ist es nicht mehr als eine halbe Meile von der Town bis hierher.“

„Halt‘s Maul, dummes Greenhorn!“, knurrt Snorry, ohne ihn anzusehen. „Meine Zeit teile ich mir schon selber ein. Und so genau war ja auch nichts ausgemacht.“

„Streitet euch nicht!“, befiehlt das Girl. „Packt lieber mit an!“

Einer nimmt den Sack von der Karre. Dann heben sie eine Kiste heraus, die in der Kutsche verstaut wird.

Danach ist die Gemütlichkeit wie weggeblasen. Das Mädchen steigt auf den Bock und kommandiert ununterbrochen an den beiden Männern herum, dass sie sich beeilen sollen. Die steigen in den Kasten, und bevor noch die Tür zugeschlagen ist, ziehen die vier Pferde ruckartig an.

Der alte Snorry blickt der Fuhre nach und wendet sich dann wieder langsam der Stadt zu. Und Terry Wheels bemüht sich, Boden zu gewinnen.

Er möchte jetzt nicht unbedingt gesehen werden. Im Gegenteil! Er hat es plötzlich ebenfalls ziemlich eilig.

Diese sonderbare Fuhre lässt ihn in Gedanken nicht mehr los.

Und ausgerechnet nach Unionville fährt diese Geisterkutsche.

Mit vier Pferden und ohne einen Fahrgast!

 

 

5

Terry Wheels hat es satt, meilenweit in den Stiefeln zu laufen. Das ist kein Job für ihn. Das hat er von Jugend auf auch nicht genug geübt.

Er geht wieder zu Mr. Pinks Mietstall und sieht nach dem Braunen.

Pinks scheint ihn hinter den Gardinen beobachtet zu haben, denn im nächsten Augenblick steht er schon hinter ihm, als schleiche er einem Einsteigdieb nach.

„Aber, aber – nur nicht so misstrauisch, Mr. Pinks“, sagt Terry ruhig und gelassen. „Ich will nur mal sehen, wie‘s meinem Braunen geht.“

„Es geht ihm so schlecht, dass Sie ihn nicht reiten können, wenn Sie ein Herz für die Tiere haben.“

„Ein Herz für Ihren Geldbeutel, meinen Sie wohl. Yeah, ich brauche einen Gaul, aber wenn ich den nicht zum vernünftigen Preis erhalte, nehme ich meinen Braunen.“

„Meine Preise sind halbe Geschenke, das wissen Sie doch, Wheels. Ich mach‘s Ihnen für dreißig Dollar und keinen Cent mehr. Da, den steilen Rapphengst drüben.“

Terry schielt uninteressiert zur Seite.

„Ich will kein Pferd kaufen, Pinks, nur mieten, und zwar höchstens für drei Tage. Dafür hat es freie Kost bei mir und wird gestriegelt wieder abgeliefert.“

„Well, sagen wir zwanzig.“

„Zwölf, Alter! Hier sind sie auf die Hand.“

„Sie sind ein gefährlicher Bursche, Wheels, denke ich. Sie legen es glatt drauf an, mich pleite zu machen.“

„Pleite sind Sie erst, wenn ich ihr Dauerkunde werde. Geben Sie mir meinen Braunen raus, Alter! Ich handele nicht mehr.“

„By Gosh! Mit Ihnen möchte ich nicht pokern. Geben Sie her und nehmen Sie Cross! Aber glauben Sie nicht, dass ich Ihnen noch mal ein Pferd für zwölf Dollar überlasse. Nicht den geschundensten Klepper.“

„Schon gut, Alter! Ich werde zum Begräbnis kommen, wenn Sie sich aus Kummer erhängt haben. Aber nicht heute, bitte.“

Mr. Pinks wird sofort wortkarg, als das Geschäft gelaufen ist. Terry hat nichts dagegen, denn er ist in Eile. Da der Stalljunge nirgends zu sehen ist, legt er den Sattel selbst auf, tippt grüßend an den Stetson und reitet aus dem Hof.

Auf der Main Street sieht Terry sich um. Er hat sich immer für die Gesichter interessiert, die ihm begegnen. Er hat manches dabei herauslesen können. Meistens ist er ein Fremder, wohin er auch kommt.

Er hat einen langen Trail hinter sich und keinen berüchtigten Namen, der es wert wäre, dass er überall bekannt wird, der ihm immer schon weit vorauseilt.

Terry Wheels hat nur eine ganz kleine Rechnung begleichen zu lassen. Da lohnt es nicht, diese Sache an die große Glocke zu hängen.

Ein paar Leute sehen ihm nach. Aber für sie ist er weiter nichts als der Mann, der dabei war, als Ben von der Bahnstation erschossen wurde.

Details

Seiten
144
Jahr
2021
ISBN (eBook)
9783738951790
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (März)
Schlagworte
terry

Autor

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Titel: Terry räumt auf