Lade Inhalt...

Heißes Pflaster Hillcox

2021 127 Seiten

Zusammenfassung

Ein Mann hat sich in Hillcox breitgemacht und eigene Gesetze aufgestellt. Die Western Mining Company nimmt das nicht unwidersprochen hin, zumal ihre Erträge gegen Null gehen. Hank Logan ist mit allen Vollmachten ausgestattet, um aufzuräumen – und außerdem ist er der Marshal.

Leseprobe

Table of Contents

Heißes Pflaster Hillcox

Copyright

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

Heißes Pflaster Hillcox

Western von W. W. Shols

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 127 Taschenbuchseiten.

 

Ein Mann hat sich in Hillcox breitgemacht und eigene Gesetze aufgestellt. Die Western Mining Company nimmt das nicht unwidersprochen hin, zumal ihre Erträge gegen Null gehen. Hank Logan ist mit allen Vollmachten ausgestattet, um aufzuräumen – und außerdem ist er der Marshal.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover Firuz Askin

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Folge auf Twitter

https://twitter.com/BekkerAlfred

 

zum Blog des Verlags geht es hier

https://cassiopeia.press

Alles rund um Belletristik!

Sei informiert über Neuerscheinungen und Hintergründe!

 

 

1

Jimmy Smoly stieß einen Pfiff aus. Der Gaul blieb stehen und wandte mit einem mürrischen Wiehern den Kopf. Smoly hantierte an einem Wasserschlauch

„Komm her, Lad! Hier ist Wasser, das du trinken kannst. Es ist unser letztes. Mach dich frisch. Heute Abend sind wir am Ziel. Es wird alles nicht so schlimm werden.“

Sie tranken das letzte Wasser, und Smoly knabberte an ein paar Cakes. Eine Stunde lang genossen sie den Schatten und die Ruhe. Smoly schien vergessen zu haben, dass er es eilig hatte. Er kaute auf einem verdorrten Grashalm. Als er ihn ausspuckte, war die Unruhe wieder da.

Er pfiff und nahm den Sattel auf.

„Komm her, Lad, in sechs Stunden ist alles vorüber!“

Er ritt in die Sonne hinaus und drehte weiter nach Osten. Die Felsen, der Sand und der Himmel waren ein einziges Gelb, der Reiter war ein wandernder Punkt.

Drei andere Punkte krochen ihm nach, und es dauerte noch eine weitere Stunde, ehe sie für Jim als zwei Reiter und ein lediges Pferd zu erkennen waren.

Rein zufällig hatte er sich umgedreht. Vielleicht um zu sehen, ob das Land hinter ihm seine giftige Farbe behalten hatte, oder ob ein Wunder geschehen sei.

„Yeah, Lad, wir sind nicht die einzigen Dummköpfe, die sich diese Strecke nach Tucson ausgesucht haben. Aber du brauchst deshalb nicht langsamer zu gehen. Wir haben es eilig und können auf Gesellschaft verzichten.“

Die anderen dagegen schienen seine Gesellschaft zu suchen. Sie hielten sich genau auf seiner Fährte und trieben ihre Gäule an, als ob sie Geld dafür bekämen, wenn sie vor Smoly in Tucson ankamen.

Als sie schließlich auf Rufweite heran waren, hielt der einsame Reiter an.

„Yeah, Gentlemen, ihr scheint es ja sehr eilig zu haben. Aber wenn ihr so weitermacht, habt ihr eure Gäule zuschanden geritten, ehe ihr die ersten Häuser von Tucson seht.“

Die Verfolger konnten die Worte nicht hören, und es wäre ihnen auch gleichgültig gewesen, was Jim Smoly in dieser Stunde noch zu sagen hatte. Ihr Plan stand bis in seine letzten Einzelheiten fest, und weder der eine noch der andere würde sich davon abbringen lassen.

Jim wandte zuerst nur den Kopf, um zu warten, bis die beiden Burschen ihn erreicht hatten. Als er ihre Gesichter erkannte, war ihm klar, dass diese Begegnung kein Zufall war. Es zuckte in seiner Hand, die ihren Weg zum Halfter im Schlaf wüsste. Aber das würde den beiden gerade passen, dass er zog und nicht die Nerven behielt.

Wer schießt schon grundlos auf den Sheriff von Hillcox?

Der Stern auf Gordon Wests Brust war nicht zu übersehen. Genauso wenig wie die Winchester, die nicht mehr im Scabbard steckte, sondern quer über dem Sattel lag.

Noch weniger zu übersehen war das Grinsen im Gesicht des anderen, der sich Tiff Ackers nannte und zur Mannschaft aus der 3-Finger-Ranch gehörte. Er hatte ein Mienenspiel unter dem strähnigen Haarschopf, wie drei Hyänen zusammengenommen.

Jim wartete, dass sie zu ihm aufschlossen. Er rechnete sich bereits aus, wie er das Pferd zu stellen hatte, um von den beiden nicht in die Zange genommen zu werden. Aber sie hatten anders kalkuliert.

Sie stoppten ihre Pferde und hielten fünfundzwanzig Yards Abstand.

„‘n guten Riecher gehabt, Smoly, was? Macht sich einfach auf und davon, um in Tucson Märchen zu verbreiten, wie?“

„Ich schlage vor, Sie reiten weiter und belästigen mich nicht, Ackers. Und Ihnen, Sheriff, steht es nicht gut, sich gemeinsam mit einem solchen Burschen zu zeigen.“

„Hast du gehört, Gordon? Er macht sich Sorgen um dich. Ich finde, man sollte ihm bald zu seinem Glück verhelfen. Worauf wartest du noch?“

Sheriff West schielte zur Seite zu seinem Kompagnon, nahm aber sofort wieder Jim Smoly aufs Korn. Man konnte nicht sagen, ob er sich wohl in seiner Haut fühlte.

„Ich warte, weil alles mit rechten Dingen zugehen muss. – Werfen Sie Ihren Colt auf die Erde, Smoly! Ich muss Sie verhaften.“

„Schätze, das ist ein Irrtum, Sheriff. Man verhaftet keine Männer, die sich nichts zuschulden haben kommen lassen. Man belästigt sie nicht einmal. Also, verschwinden Sie! Es ist nicht nötig, dass wir uns über die Wahrheit unterhalten. Wir wissen sie alle drei.“

„Ich bin das Gesetz, Smoly. Und wenn Sie Schwierigkeiten machen, haben Sie sich das selbst …“

Ein Schuss ließ Gordon West verstummen. Seine Augen wurden groß. Dabei hatte er gewusst, dass alles so kommen musste, wenn er zu reden anfing, statt zu handeln.

Jim Smoly hielt sich noch drei Sekunden im Sattel, machte aber nicht mehr den Versuch, nach dem Colt zu greifen. Ackers‘ Kugel hatte seinem Weg ein Ende gesetzt. Hier, sechs Stunden von Tucson entfernt, wo das Recht noch Recht war.

„Das wär‘s“, sagte Tiff Ackers hart, als Smoly tot und wehrlos im Sattel hing. „Und wenn du dich nicht endlich auf deine Pflicht besinnst, Gordon West, weiß ich bei Gott nicht, was ich zu Hause über deine Heldentat erzählen soll.“

Der Sheriff erwachte wie aus einem Traum. Stumm glitt er aus dem Sattel und ging zu dem Toten, löste dessen Stiefel aus den Steigbügeln und legte ihn auf die Erde. Aus Smolys Revolver feuerte er zwei Kugeln ab und steckte ihn wieder zurück ins Halfter. Dasselbe machte er mit seiner Winchester. Ackers half ihm, den Toten quer über das Pferd zu legen.

„He, Sheriff! Nimm dich zusammen! Vergiss nicht die Verhandlung vor dem Friedensrichter! Wir sind ein freies Land, verstehst du? Und wir werden immer dafür sorgen, dass es vor solchen Leuten verschont bleibt, die sich nicht nur mit Pferdediebstahl beschäftigen, sondern auch friedliche Reiter aus dem Hinterhalt überfallen. – Ich denke, es kann losgehen.“

Ackers setzte sich in Trab, nachdem er die Kugel in seiner Waffe nachgeladen hatte.

Die anderen folgten ihm.

 

 

2

Eine Woche später stand der Fall Smoly zur Verhandlung an. Am Morgen war der Friedensrichter gekommen und hatte sich im Gloria-Hotel ein Zimmer gemietet. Dann war er zu Sheriff West gegangen, um ihn über seine pünktliche Ankunft zu informieren.

Die Männer begrüßten sich, und West lud den Gast mit einer Handbewegung zum Sitzen ein.

„Sie sind mehr als pünktlich, Mr. Erskine. Ich hatte Sie erst mit dem Zug erwartet, und der kommt planmäßig erst in einer Stunde.“

„Ich hatte noch einen Fall in Willfort zu regeln, Sheriff. Man schlägt gern mehrere Fliegen mit einer Klappe, wenn man schon durch das County reist.“

„Yeah, Mr. Erskine. Ich wollte sagen, dass Sie es bei uns leicht haben werden. Bei uns liegt der Fall klar. Es wird nur eine Formsache sein. Den Täter können wir nicht mehr belangen.“

„Ich weiß. Ich habe Ihren Bericht gelesen, Sheriff. Sie selbst haben Jim Smoly erschossen.“

„So ist es. Und es gibt einen Zeugen dafür.“

„Natürlich! Es wäre dumm von Ihnen, keinen Zeugen zu haben. Sie wissen, wie schwierig es wäre, Sie zu decken, wenn Tiff Ackers nicht aussagen könnte. – Allerdings möchte ich Ihnen trotzdem einen guten Rat geben, Mister West. Es ist das dritte Mal, dass Sie während Ihrer kurzen Amtszeit einen Mann erschießen mussten. Versuchen Sie, in Zukunft das Problem anders zu lösen. Es macht keinen guten Eindruck bei den Spitzen der Behörden, wenn das Urteil vor der Verkündung vollstreckt wird.“

„Aber, Mister Erskine! Ich verstehe Ihre Anspielung nicht! Im Falle der Notwehr würde es mir schlecht bekommen, nach den Empfehlungen des Gouverneurs zu handeln. Hier draußen sieht alles anders aus, wenn die Revolvermänner ihre Finger am Abzug haben.“

Erskine winkte gutmütig ab.

„Ich verstehe Ihre Erregung vollkommen, Sheriff. Gewiss wird sich auch heute herausstellen, dass Sie einfach nicht anders handeln konnten. Aber Sie können auch nicht daran vorbeigehen, dass man höheren Orts nachdenklich wird, wenn Sie das Recht in Hillcox nur auf diese Art und Weise aufrechterhalten. – Würden Sie mich jetzt bitte entschuldigen! Ich möchte vor der Verhandlung gern noch etwas essen.“

„Das sollten Sie bei mir tun, Mister Erskine. Meine Schweinerippen sind nicht schlechter als die im Gloria-Hotel.“

Erskine nahm die Einladung an.

 

 

3

Der Zug, der auf der eingleisigen Strecke der Interstate heranrumpelte, bestand aus einer Lokomotive und zwei Personenwagen. Ein anhaltender Pfiff verkündete die Station, deren Name auf dem einzigen großen Schild zu lesen war.

HILLCOX.

Vier Leute stiegen aus. Für Hillcox mehr als genug. Manchmal war es nur einer – wenn überhaupt.

Drei der Leute kannte der Wärter. Doc Speller mit seiner Frau und Jess Kennan von der 3-Finger-Ranch. Den vierten hatte er noch nie gesehen. Es war ein gut gewachsener Mann in geschniegelter, städtischer Kleidung. Bestimmt nicht viel über dreißig Jahre alt. Sein Anzug war schlicht blau. Schwarz dagegen die Schuhe, die Schleife am Hemd und der runde Stetson. Nicht zu vergessen die schwarzen Haare.

Der Friedensrichter war es nicht. Den kannte der Wärter. Der hätte sich auch nicht suchend umgesehen wie dieser Fremde.

„Hallo, Mister! Kann ich Ihnen helfen?“, rief der Stationswärter.

„Ist es weit bis zur Stadt, Sir? Oder lohnt es sich zu laufen?“

„Ihre Beine würden es doppelt so weit schaffen. Trotzdem rate ich Ihnen, zu fahren. Wenn Sie einen Augenblick warten wollen, bis ich den Zug abgefertigt habe.“

„Natürlich, gern. Ich habe Zeit.“

Hank Logan schlenderte in den Schatten des Stationsgebäudes und setzte sich auf eine Bank. Die schwere Reisetasche stellte er schwungvoll neben sich, als sei nicht viel mehr als eine Zahnbürste darin.

Das Arztehepaar Speller wurde mit einem leichten Buggy abgeholt. Jess Kennan nahm sich ein Pferd aus dem Stall, das hier seit drei Tagen auf ihn wartete.

Der Zug fuhr ab und ließ den Wärter und den Fremden allein.

„Einen Moment noch, Mister. Ich verlade gerade noch das Gepäck für die Stadt. Sie können schon auf den Bock steigen. – Ich heiße übrigens Alban.“

„Danke, ich heiße Logan. Das ist hinten dasselbe und vorn ein wenig anders.“

„Nett von Ihnen. Sie scheinen ein lustiger Vogel zu sein. Passen Sie auf, dass Sie in Hillcox nicht das Zwitschern verlernen, falls sie länger bleiben wollen.“

„Das klingt ja sehr geheimnisvoll.“

„Wenn Sie es drei Tage bei uns aushalten, wird es kein Geheimnis mehr sein …“ Alban stieg ebenfalls auf und nahm die Zügel. Die Kutsche rollte in die gleißende Mittagssonne und wirbelte weißen, heißen Staub auf. Alban schob seinen Hut ins Gesicht, damit seine Augen im Schatten lagen.

„Keine Angst vor Hillcox, wie?“, kurbelte er das eingeschlafene Gespräch wieder an.

„Wüsste nicht, warum.“

„Yeah, Sie werden natürlich eine Absicht haben, wenn Sie sich extra mit der Eisenbahn aus dem Osten heranschleppen lassen. Beruflich, wie?“

„Für die Sommerfrische hätte ich mir einen anderen Ort ausgesucht. Nichts gegen Hillcox, Mister Alban.“

Der Wärter lachte und versuchte noch eine Zeitlang, etwas mehr aus Hank Logan

herauszuholen. Aber der gab immer nur Antworten, nach denen man noch mehr lachen musste, ohne aus allem klug zu werden.

Die Stadt lag drei Meilen nördlich der Bahnlinie. Die Kutsche hielt vor der Post, und Alban zeigte Logan das Gloria-Hotel gegenüber.

Hank Logan mietete ein Zimmer und nahm sofort ein Bad. Um 12 Uhr trat er auf die Mainstreet.

Er blieb zunächst auf den Planken des überdachten Bürgersteigs. An der dritten Straße wechselte er auf die andere Seite hinüber. In der Mitte der Mainstreet verlor er plötzlich seinen Hut. Nicht, dass ein Wind aufgekommen wäre, oder dass er mit dem Kopf gewackelt hätte. Er war ganz ruhig und in seiner federnden Art gegangen.

Dann war ein Schuss gefallen.

Der schwarze Stetson schimmerte jetzt weiß vor Staub. Er war noch ein paar Schritte weitergerollt, ehe er seinen Elan verlor. Logan ging hinterher, hob ihn auf, schlug ihn mehrmals über das Knie und beseitigte den letzten Schmutz mit seinem frischen Taschentuch, das er sauber gefaltet aus der Tasche zog.

Der Stetson hatte zwei Löcher, die ihm in ihrer ursprünglichen Lage die Schussrichtung hätten verraten können.

Mindestens ein Dutzend Menschen hatten den Vorfall beobachtet.

Ein junges Mädchen kicherte verschämt und drehte sein Gesicht zur Wand, als Hank es ansah. Die übrigen Zeugen waren Männer, deren Gesichtsausdruck aus einer Sammlung von Indio-Masken stammen konnte.

Hank ging auf vier Burschen zu, die die größte Gruppe bildeten. Vielleicht war es völlig falsch, was er jetzt machte. Doch sein Gefühl sagte ihm, dass er keine bessere Figur abgeben würde, wenn er schweigend weiterging.

„Hallo, Gentlemen. Man hat auf mich geschossen. Haben Sie vielleicht etwas beobachtet?“

Die vier rührten sich nicht mehr als die Rocky Mountains.

„Jemand hat auf mich geschossen. Vor einer Minute. Wenn Sie mir den Mann nicht verraten können, dann sagen Sie mir wenigstens, ob derlei Späße in dieser Stadt üblich sind. Ich bin neu hier …“

„He, Fat, guck ihn dir an! Ist der noch neu?“

„Älter als mein Anzug. Aber sein Rock ist neu. Bügelfalten wie ein Messer.“

„Well, Gents, wenn ich mal Zeit für Ihren Stumpfsinn habe, melde ich mich bei Ihnen.“

Logan drehte sich um und ging auf die Straße zurück.

Fat Kilby rammte Slim Talbot den Ellbogen in die Hüfte.

„Soll der Spaß jetzt schon zu Ende sein?“

„Warts ab! Der Friedensrichter ist in der Stadt. Da hat es Dos Passos nicht gern, wenn wir übertreiben. Dieser Knabe kam heute mit dem Mittags-Zug. Und er kam genau nach Hillcox. Interessiert mich, zu welcher Mäusesorte der gehört.“

Tom Culler spuckte aus.

„Genau. – Wenn du ihn heute unters Gras legst, wirst du wahrscheinlich eine gute Story verpassen. Der bleibt mindestens drei Tage, wenn man es ihm vorher nicht verleidet.“

„Es gibt Leute, die bleiben keine Minute mehr, wenn ihr Stetson Löcher ansetzt.“

„Der Mann ist zäher, als du glaubst, mein Junge. Lass dich nicht durch die Kleidung täuschen. Und auch nicht dadurch, dass er keinen Revolver trägt.“

„Aber wir sollen herausfinden, wie er reagiert.“

„Wir sollen noch mehr herausfinden. zum Beispiel, wohin er geht, mit wem er spricht …“

„Mit uns hat er gesprochen“, sagte Fat lakonisch. Es klang so dumm, dass Tom sich an die Stirn tippte.

Sie sahen, dass der Fremde in der Western Mining Bank verschwand.

 

 

4

Der Schalterbeamte schielte gewohnheitsmäßig über den Rand seiner Nickelbrille, als der Fremde eintrat. Die Brille brauchte er für die Zahlen. Aber in letzter Zeit klappte es auch mit der Weitsicht nicht mehr so wie früher. Der Fremde stand wie ein verschwommener Fleck an der Tür. Sein blauer Anzug schimmerte so charakteristisch, dass es sich tatsächlich um keinen Einheimischen handeln konnte.

„Mister Ortega!“, rief er über die Schulter zurück.

„Ja, was ist?“

„Würden Sie bitte kommen? Sie haben Besuch.“

Kein schlechter Menschenkenner, dachte Hank Logan. Ortega tauchte aus dem Hintergrund auf. Hank zeigte seine Karte, bevor er den Stetson auffällig auf der Tischplatte deponierte.

„Mr. Logan! Ich begrüße Sie herzlich. Wir haben Sie bereits erwartet. Darf ich Sie bitten, in mein Büro zu kommen? Gestatten Sie, dass ich vorgehe …“

Im Büro bot Ortega den bequemsten Sessel an und schob Tabak, Zigarettenpapier und ein Glas in Logans Nähe.

„Danke, Mister Ortega. Machen Sie sich nicht zu viel Mühe …“

Endlich entdeckte der Bankier eines der Löcher im Hut. „Oh!“, stöhnte er.

„Es war eine Kugel“, sagte Hank. „Vor zwei Minuten auf der Mainstreet. Ich hoffe, man hat mich mit irgend jemand verwechselt.“

„Was denken Sie, Mister Logan. Es kann nur ein dummer Scherz gewesen sein. Mittags um zwölf. Das wäre ja schrecklich. Ich gebe zu, dass wir gesicherte Verhältnisse brauchen könnten. Aber um diese Zeit …“

„Scherz und Kugeln können schlecht gezielt sein. Zwei Zoll tiefer wäre es mit dem Scherz aus gewesen. Die Gesellschaft hat verlangt, Mister Ortega, dass über den Sinn meines Besuches das größte Stillschweigen bewahrt wird. Für die Stadt bin ich ein Unbekannter, der sich in Hillcox nach Möglichkeiten eines Grunderwerbs umsieht.“

„Damit haben Sie sich schon den schwierigsten Job ausgesucht, den sich ein Fremder bei uns vornehmen kann. Aber wie kommen Sie auf die Vermutung, dass ich eine Indiskretion begangen haben könnte. Bestehen Sie bitte nicht darauf, dass die Löcher in Ihrem Hut ein Beweis für Verrat wären! Es kann sich nur um einen Streich gehandelt haben, Mister Logan. Wenn die jungen Burschen der Hafer sticht, suchen sie sich meistens jemand aus, der neu in der Stadt ist. Und dazu Ihre Kleidung …“

„Wüssten Sie jemand, dem ich missfallen könnte, Mister Ortega?“

„Diesem oder jenem. Was soll ich sagen?“

„Sie sagten, ich habe mir den schwierigsten Job ausgesucht, den es in Hillcox geben kann. Ich habe mir den Westen anders vorgestellt. Mit Büffeln, Jägern, Indianern, Cowboys und vielen Herden. Und natürlich mit Colts und Winchesters. Was ist dabei, wenn jemand Land kaufen will? Ich kann zahlen. Wenn man mir das Land nicht gibt, behalte ich mein Geld. Wo ist da das Kunststück?“

„Haben Sie schon von Dos Passos gehört?“

„Wie sollte ich? Ich komme aus Memphis. Es wäre mir lieb, Sie würden mir etwas über Dos Passos und Ihre Stadt erzählen, bevor ich Ihre Bücher prüfe und mir die Stadt ansehe.“

„Die Bücher? Sie wollen die Bücher prüfen?“

„Ich denke, die Anweisungen der Bankzentrale waren deutlich. Hat man Sie nicht darüber unterrichtet?“

„Keine Details, natürlich, Mister Logan. Sie hätten alle Vollmachten, hieß es. Und ich solle Ihnen mein vollstes Vertrauen schenken.“

„Well, dann sind wir uns doch einig. Wer also ist Dos Passos?“

„Der Rancher in dieser Gegend.“

„Der Rancher? Sie sagen das, als gäbe es nur einen.“

„So ist es. Vor Jahren gab es noch mehrere, die den Versuch nicht aufgeben wollten, das karge Weideland in seiner Weite zu nutzen. Aber der Boden ist nicht gut genug. Man braucht den doppelten und dreifachen Boden, um zum Erfolg zu kommen wie zum Beispiel in Phönix. Außerdem ist die Grenze nicht weit. Es war immer unsicher hier. Nicht nur nach dem Kriege.“

„Aber Hillcox ist eine ansehnliche Stadt geworden.“

„Die Kleinrancher haben es aufgegeben, Mister Logan. Dos Passos hat sie geschluckt. Nur eine große Mannschaft kann hier das Vieh zusammenhalten. Und ohne das Gold wäre es schon gar nicht gegangen. Hillcox ist durch das Gold groß geworden. Durch die Minen …“

„Und durch die Minen ist unsere Bank groß geworden, Mister Ortega. Ich bin doch richtig orientiert, oder?“

„So ist es.“

„Ist Dos Passos der Mann, der die Schwierigkeiten macht? Soweit ich mich erinnere, stammt aus Ihren Briefen die Behauptung, dass der Rancher alles freie Land aufgekauft hat und eine weitere Ausdehnung der Minen verhindert.“

„Genau, Mister Logan! Aber die Situation ist noch wesentlich komplizierter. Ich bin überzeugt, dass Dos Passos längst nicht alles Land rechtlich erworben hat, von dem er behauptet, es gehöre ihm. Er hat es auch gar nicht nötig. Dos Passos sagt, dieses Waldstück und dieser Felsen gehörten ihm. Wenn er es sagt, dann stimmt es. Keiner in Hillcox käme auf die Idee, dem zu widersprechen. Und die Sache mit den Grenzpfählen. Mein Gott, Mister Logan, ich weiß, dass die Pfähle zur Schau dastehen. Niemand zweifelt daran, dass sie nicht stimmen. Aber keiner sagt es laut. Auch ich muss Sie bitten, Mister Logan, bei Ihren Feststellungen mit äußerster Vorsicht zu Werke zu gehen. Schon die Tatsache, dass ich Sie empfange, wird für mich persönlich Nachteile bringen, sobald Ihre Tätigkeit nicht mehr das Geheimnis ist.“

„Haben Sie Angst? Fühlen Sie sich bedroht?“

„Es kommt sehr plötzlich. Man kann sich jahrelang mit Dos Passos verstehen. Wenn er glaubt, dass man ihn hintergeht, erklärt er Sie über Nacht zu seinem Feind.“

„Wer ist hier der Sheriff?“

„Das Office liegt zwei Häuser weiter auf dieser Straßenseite. An der Ecke der sechsten Straße. Sie können Sheriff West heute Nachmittag in der Townhall kennenlernen. Der Friedensrichter ist in der Stadt und hat eine Verhandlung zu leiten.“

„Hm, es dürfte interessant sein, wie man hier Recht spricht. Nach Ihrer Schilderung scheint es in Hillcox auf wackligen Füßen zu stehen.“

„An allem ist Dos Passos schuld, Mister Logan. Wenn er wüsste, dass ich Ihnen jetzt diese Erklärung gebe, wäre mein Tod eine beschlossene Sache.“

Hank Logan nahm eine Prise Tabak aus Ortegas Lederkassette und drehte sich eine Zigarette. Er nippte zum ersten Mal an dem eingeschenkten Whisky und lobte die kultivierte Blume des Getränks.

„Die Angst führt zur Baisse. Klar. Wenn Hillcox Angst hat, müssen die Geschäfte schlecht gehen. Ich werde mich überzeugen, Mr. Ortega. Gibt es sonst noch wichtige Einzelheiten, die Sie mir sagen könnten?“

Das Gesicht des Bankleiters verriet, wie sehr ihm etwas auf der Seele brannte. Er schien zu überlegen, wie er es Logan beibringen sollte.

„Wir sind Verbündete“, machte Hank ihm Mut. „Reden Sie schon.“

„Vor acht Tagen hat Dos Passos eine eigene Bank eröffnet.“

„Ach nein!“

„Doch, es ist so. Und obwohl man es monatelang geheim gehalten hat, weiß ich, dass er auch eine eigene Mine betreibt.“

„Also, Konkurrenz … da kann man nichts machen, Mr. Ortega. Vorausgesetzt, der Herr hält sich ans Gesetz.“

„Er hält sich nicht ans Gesetz, oder er legt es nach eigenem Gutdünken aus.“

„Sie sagten es … ich hatte mit einer Woche gerechnet. Die Spanne scheint mir etwas knapp bemessen zu sein. Aber wir wollen nicht zu weit in die Zukunft denken. Wann, sagten Sie, ist die Verhandlung des Friedensrichters?“

„In einer halben Stunde.“

„Well, ich werde der Sache beiwohnen.“

„Seien Sie vorsichtig, Mr. Logan.“

„Wie? Sind derartige Sitzungen in Hillcox nicht öffentlich?“

„Darauf gibt es keine Antwort. In Hillcox müssen Sie anders fragen. Da gibt es kein klares Ja oder Nein.“

„Sonderbare Stadt“, überlegte Logan laut und nahm den letzten Schluck aus dem großen Glas. „Es geht um den Fall mit Jimmy Smoly, oder?“

„Kennen Sie den Mann?“

„Ja, ich glaube wohl. Hat er eine Chance bei dieser Verhandlung?“

„Er ist tot, Mr. Logan.“

„Ich weiß. Aber auch Tote können ihr Recht verlangen. Smoly war der anständigste Mensch, den man sich denken kann.“

„Sie scheinen sehr genau über ihn Bescheid zu wissen … Obwohl Sie aus Memphis kommen.“

„Nicht nur aus Memphis, Mr. Ortega. Sie können genauso gut ein Dutzend Städte aus dem Westen annehmen. Es stimmt immer. Smoly war mein bester Freund. Sie können sich denken, dass mich die Verhandlung über seinen Leumund brennend interessiert.“

Ortega hatte sich mit seinem Gast langsam erhoben, um ihn zur Tür zu begleiten. Jetzt rutschte er in seinen Sessel zurück und bekam einen glühenden Kopf wie andere nach einer vollen Flasche Whisky.

„Das kann doch kein Zufall sein“, quetschte er dann hervor.

„Es gibt eine Menge Zufälle. Aber meistens handelt es sich um Zusammenhänge, die einem verborgen bleiben. Sie sollten sich über die Verhandlung nicht allzu sehr aufregen, Mr. Ortega. In erster Linie kam ich als Kontrolleur für Ihre Filiale. Kommen Sie auch zum Gericht?“

„Ich weiß nicht, Sir. Ich weiß es wirklich nicht. Ich muss mich um meine Arbeit kümmern.“

„Well, dann ist es gut. Ich halte es auch für besser, wir lassen uns nicht zu oft gemeinsam sehen. Ich melde mich später bei Ihnen. Wir machen dann die weiteren Termine aus. Auf Wiedersehen, Mr. Ortega!“

„Auf Wiedersehen, Mr. Logan! Und seien Sie vorsichtig!“

Hank lachte laut und unbekümmert.

„Danke für die Warnung. Aber wenn es nach Ihnen ginge, dann wäre sogar der Friedensrichter ein Bandit. Ich finde, Sie sollten nicht allzu schwarz sehen.“

 

 

5

In der Townhall drängten sich die Bürger von Hillcox.

Noch nirgends hatte Hank Logan so viele Menschen bei einer Gerichtsverhandlung gesehen. Nicht einmal in einer Regierungsstadt.

Er schob sich so weit nach vorn, wie es möglich war. In der sechsten Reihe nahm er den nächstbesten Platz auf einer langen Holzbank.

Richter Erskine eröffnete die Sitzung. Er begann mit den üblichen Worten, die die Verfassung vorschrieb. Hank hörte nicht genau hin. Er musterte seine Nachbarschaft und fand keinen großen Unterschied zwischen den Bürgern von Hillcox und der übrigen Menschheit.

Irgendwie fiel der Name Jim Smoly. Hank hob den Kopf und blickte nach vorn. Er lernte von weitem den Sheriff kennen. Außerdem den Zeugen Tiff Ackers, der mit seiner Aussage alles ins rechte Lot brachte.

Der Saal war voller Menschen und Stimmen. Man musste schon genau hinhören, um die Einzelheiten vorn mitzubekommen. Hank Logan vernahm eine Verleumdung nach der anderen. Sein Blut kochte, und er führte einen fortwährenden Kampf gegen sich selbst.

Gegen dieses Theater musste man einfach aufstehen …

Die Verhandlung war zu Ende, ehe Hank einen Entschluss fassen konnte. Ein zögernder Beifall wagte sich hervor, dann plötzlich angetrieben und aufgestachelt von ein paar wilden Stimmen. Im Nu herrschte Jubel im Saal, viele Stimmen formten das Wort Gerechtigkeit.

Der Strom spülte Logan mit nach draußen. Keiner kümmerte sich um ihn. Etwas später erkannte er das Schild des Sheriffs an einer Hausecke. Er ging auf die Tür zu und fand sie verschlossen. Er wartete.

Es dauerte eine halbe Stunde, bis Gordon West erschien. Ein paar raue Gesellen begleiteten ihn. Zwei davon waren ihm nicht unbekannt. Sie mussten Tom und Slim heißen, wenn er sich richtig erinnerte.

Logan sah an ihnen vorbei.

„Sheriff West? Ich war vorhin bei der Verhandlung. Mein Name ist Logan. Ich hätte Sie gern eine Minute gesprochen.“

„Eine Minute? Well, Mister, wenn es nicht länger ist. So long, Boys! Ihr seht, ich habe zu tun.“

Die anderen grinsten, machten aber keine Schwierigkeiten.

„Pass auf, wenn er die Karten aus dem Anzug zaubert. Der Knabe sieht mir ganz wie ein Falschspieler aus …“

Logan schnellte einen Schritt vor, bremste aber sofort wieder ab. Slim Talbot drehte sich nach ihm um.

„Wünschen Sie etwas, Mister?“

Logan schwieg.

Talbot hatte bestimmt damit gerechnet, dass seine Herausforderung die einzige bleiben würde. Jetzt schluckte er, und an seinem Körper spielten tausend Muskeln. Für die ganz Gerissenen war er ein schlechtes Beispiel. Er verriet sich zu früh, wenn die Ruhe ihn verließ.

Jeder sah ihm an, dass er gern auf Logan losgehen würde.

Aber vor den Augen des Sheriffs … „Halt dich zurück!“, schaltete sich Tom Culler ein.

„Yeah“, sagte Talbot. Es klang wie eine lange Überlegung, dann drehte er plötzlich ab und ging zwischen seinen Partnern davon. Als sie außer Hörweite waren, machte er seiner Stimmung Luft.

„Wenn dieser Kerl noch drei Tage in der Stadt bleibt, ist es mit meiner Geduld zu Ende.“

„Du wirst dich hüten, etwas gegen ihn zu unternehmen! Wenn du ihn umlegst, kannst du anschließend gleich aus Hillcox verschwinden.“

„Du meinst, weil er so lackiert dahergeht. Mit einer Schleife am Hals und mit gebügelten Hosen, die bis auf die Knöchel hängen. No, Tom, das kann mich nicht abhalten. Für mich kommt es auf das Gesicht an. Und auf die Haltung. Seid ihr denn blind vor diesem Burschen?“

„Yeah! Er ist ein Lackaffe.“

„Er hat keinen Revolver. Und wenn du etwas von ihm willst, dann baut er sich vor dir auf und verschränkt die Arme vor der Brust. Als ob er einen Körper aus Blei hätte, dem es auf ein paar Unzen aus meinem Colt auch nicht mehr ankommt. Der steht da, als warte er nur darauf, dass ich ziehe.“

„Es ist sehr heiß heute, Slim. Vielleicht liegt es daran. Wie kann man sich von einem Greenhorn reizen lassen? Du blamierst dich bis auf die Knochen, wenn du dich mit ihm anlegst.“

„By Gosh, du bist ein blinder Kojote, Tom. Hast du noch nie in seine Augen geblickt? Da brennt ein Feuer drin. Aber ehe ich zugebe, dass mir das etwas ausmacht, gebe ich ihm eine Waffe und hetze ihn auf dich. Dann kannst du ja zusehen.“

„Er ist verrückt geworden“, meinte ein anderer. „Ich würde die Sache dem Boss vortragen. Dann wirst du schon sehen, in welchen Augen ein Feuer brennt.“

Hank Logan betrat das Sheriff-Office, dem gleichzeitig das Jail angeschlossen war. Durch eine offene Tür sah man die Zellen. Sie waren leer.

Sheriff Gordon West war ein langer schmaler Mann Anfang der Vierzig. Aus der Nähe sah Logan ihn genauer an. West war durchaus der Typ eines Sheriffs. Die scharfen Falten, die zu beiden Seiten der markanten Nase bis zu den Mundwinkeln liefen, verrieten einen Hauch von Energie. Aber die Augen passten nicht ganz dazu. Da lag eine Menge Resignation drin, und Hank fühlte sich von einem Manne empfangen, dem er nur lästig fiel.

„Ich heiße Logan, Sheriff, Hank Logan.“

„Sie sagten es bereits. Sie wollen mich für eine Minute sprechen. Womit kann ich Ihnen in der kurzen Zeit helfen?“

„Ich kam heute mit dem Mittagszug in die Stadt und habe bei der Bank ein Konto errichtet.“

„Bei welcher Bank?“

„Well, bei der Western Mining. Ich wusste nicht, dass es noch mehrere davon in Hillcox gibt.“

„Macht nichts. Es ist egal, wo Sie Ihr Geld lassen. Und Sie sind mir auch keine Rechenschaft schuldig.“

„Richtig. Sie sind verantwortlich für Ruhe und Ordnung. Deshalb komme ich auch. Als ich in die Stadt kam und später über die Mainstreet ging, hatte ich höchstens mit drei Personen hier ein Wort gewechselt. Mit Mister Alban von der Zugstation und mit dem Portier des Gloria-Hotels. Aber man nahm gleich die Gelegenheit wahr, mir den Hut vorn Kopf zu schießen.“

West nahm ein Blatt Papier, als wolle er gleich notieren.

„Wie heißt der Mann?“

„Das kann ich nicht sagen. Ich habe den Schützen nicht erkannt. Er kann in einem Fenster gelegen oder auf dem Dach gesessen haben.“

„Das ist wenig. Verlangen Sie, dass ich deswegen die ganze Stadt auf den Kopf stelle? Schließlich ist keiner zu Schaden gekommen. Oder doch?“

„Natürlich nicht. Bis auf die Beschädigung meines Hutes. Bei uns im Osten wäre das bereits ein Anlass, durch einen Anwalt sein Recht und Schadenersatz zu verlangen, aber ich habe gehört, dass man in dieser Gegend nicht so kleinlich sein sollte.“

„Da haben Sie richtig gehört, Mister Logan. Wir haben andere Sorgen. Deshalb hoffe ich, dass Sie die Sache auf sich beruhen lassen. Ich wünsche Ihnen viel Glück in unserer Stadt.“

„Da ist noch eine andere Sache, Sheriff. Die wird Sie mehr interessieren …“

„Haben Sie schon einmal daran gedacht, Mister Logan, dass Sie mir die Zeit stehlen könnten? Ich schlage vor, Sie gewöhnen sich erst einmal an unsere Sitten, falls Sie die Absicht haben, länger zu bleiben.“

„Ihre Belehrung ist überflüssig, Sheriff. Es geht um die heutige Gerichtsverhandlung, an der Sie maßgeblich beteiligt waren. Ich habe das Gefühl, irgend etwas stimmt an der Sache nicht.“

„Sie sind ein merkwürdiger Kauz. Die Verhandlung hat der Friedensrichter geführt. Wenden Sie sich also an Mister Erskine.“

„Erskine hat korrekt gehandelt. Er konnte sich nur an die Aussagen halten …“

„Wollen Sie damit sagen, dass die Aussagen falsch waren?“

„Es kam mir so vor. Natürlich liegt es mir fern, unbegründete Behauptungen aufzustellen. Aber ich könnte mir vorstellen, dass eine Aussprache unter uns von Nutzen sein könnte.“

„Ich weiß wirklich nicht, worauf Sie hinauswollen, Mister Logan.“

„Well, ich habe den Eindruck, dass Sie sich in Schwierigkeiten befinden, Sheriff. Wenn ich Ihnen helfen kann …“

„Hören Sie, verehrtester Mister Logan! Ich bin der Sheriff und dazu da, den anderen zu helfen, nicht umgekehrt. Seien Sie vorsichtig mit Ihren Äußerungen in Hillcox. Man könnte Sie leicht missverstehen. Ein Mann wie Sie ist geeignet, den harmlosesten Bürger zu reizen. Wenn Ihre Geschäfte hier nicht allzu wichtig sind, dann rate ich Ihnen, schnellstens wieder nach dem Osten zu verschwinden.“

„Gerade das ist mir nicht möglich, Sheriff. Stellen Sie sich vor, ich erzähle meine Geschichte hier und da. Ich habe viele Freunde und Bekannte. Plötzlich kommt ein Bundes-Marshal dahinter und wittert Verdacht. Könnte das nicht unangenehm werden?“

„Sie reden, wie der Schakal um das Aas schleicht.“

„Das Aas wären Sie in diesem Falle.“

„Mister Logan! Ich fordere Sie auf, das Office zu verlassen. Wenn ich nichts gegen Sie unternehme, so liegt das an meiner Einschätzung Ihrer Art von Leuten. Aber irgendwo ist die Nachsicht zu Ende.“

Hank machte noch immer keine Anstalten, sich zu entfernen. Als ob er die Absicht habe, den Sheriff bis aufs Blut zu reizen.

„Sie haben Jimmy Smoly erschossen. Wenn ich mich nicht irre, soll es so gewesen sein. Ein Mann Namens Tiff Ackers meldete Ihnen einen Pferdediebstahl. Sie verfolgten mit dem Anzeigenden gemeinsam eine Spur in Richtung Tucson. Sie holten den Pferdedieb ein und stellten ihn zur Rede. Der Mann hieß Smoly. Er kam Ihrer Aufforderung nicht nach und zog stattdessen den Revolver und bedrohte damit Tiff Ackers …“

„Er drohte nicht nur, er schoss.“

„Well, und traf nicht. Um Schlimmeres zu vermeiden, erschossen Sie Smoly. Reine Notwehr sozusagen. Sie brachten den Toten, sein Reittier und das gestohlene Pferd zurück und erstatteten Anzeige.“

„Genauso war es.“

„Merkwürdig! Ich habe eine Menge über Pferdediebe gehört und gelesen. In der Regel stiehlt man einen Gaul, wenn man selbst keinen hat. Smoly wäre der erste Pferdedieb, der sich zusätzlich damit belastet. Und dabei hatte er es sehr eilig, nach Tucson zu kommen. Der Ballast eines gestohlenen Pferdes wäre also reiner Wahnsinn gewesen.“

„Da haben Sie sich aber eine verrückte Theorie zugelegt“, sagt West. Seine Stimme klang etwas schwächer als bisher und längst nicht mehr so überzeugt. „Wie können Sie wissen, welche Pläne und Absichten ein Ihnen völlig fremder Mensch verfolgt?“

„Jim Smoly war mir nicht fremd. Im Gegenteil, ich kannte ihn sehr gut. Er war mein Freund …“

West begnügte sich nicht mehr damit, drohend auszusehen. In seiner Hand blitzte plötzlich das Luxusmodell eines Peacemakers 45.

„Nehmen Sie die Hände hoch, Logan! Und dann sagen Sie, wer Sie wirklich sind!“

„Aber, Mister West, wer wird sich so erregen? Es würde Ihnen schlecht stehen, in Ihrem Büro ohne Zeugen einen harmlosen Mann aus dem Osten umzulegen. Ich war der ehrlichen Überzeugung, dass ich Ihnen helfen könnte. Nur deshalb kam ich her.“

„Wer hat Sie geschickt? Heraus damit!“

„By Gosh, Jim Smoly war es natürlich. Oder halten Sie das alles für einen Zufall? Jim Smoly schrieb mir einen Brief, dass man hier sein Glück machen könne. Gold und Kupfer, verstehen Sie. Sie können sich mein Entsetzen vorstellen, als ich von seinem Tod erfuhr. Und dann noch diese Gerichtsverhandlung!“

Sheriff West dachte nicht im entferntesten daran, zu schießen. Sein Colt glitt langsam in den Halfter zurück.

Details

Seiten
127
Jahr
2021
ISBN (eBook)
9783738951783
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (März)
Schlagworte
heißes pflaster hillcox

Autor

Zurück

Titel: Heißes Pflaster Hillcox