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Einarm-Jerry

2021 130 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Einarm-Jerry

Copyright

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Einarm-Jerry

Western von W. W. Shols

Der Umfang dieses Buchs entspricht 130 Taschenbuchseiten.

 

Nach vier Jahren kehrt Jerry Flanders aus der Fremde zurück, mit nur einem Arm und völlig ahnungslos, was sich auf der Ranch seiner Eltern getan hat. Seine Eltern sind tot, die Ranch gehört jemand anderem, angeblich hat sie Tom Flanders beim Spiel verloren. Aber es gibt einige Details, die dagegen sprechen. Und dann ist da auch noch Cathleen, Jerrys Schwester.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover Firuz Askin

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

Der Braune ist schneller geworden.

Hinter dem Lions Rock wird Jerry Flanders zu Hause sein. Nur noch dieser zehnte Teil von einer Meile!

Dann ist er am Felsen, der bis dicht an den Swallow Creek ragt und den kleinen Bach vor ewigen Zeiten schon gezwungen hat, einen Bogen um ihn zu machen.

Für das Pferd ist gerade noch Platz vorbeizukommen. Es wird nicht langsamer, denn es muss Jerrys Ungeduld gespürt haben.

Es will immer weiter …

Aber dann reißt Jerrys linker Arm am Zügel. Die Trense zerrt den spitzen Kopf nach unten, bringt den dampfenden Gaul zum Stehen.

By Gosh, das ist nicht wahr! Was haben sie mit dem Creek gemacht?

In Jerrys Erinnerung ist alles noch frisch, als ob es noch gestern gewesen wäre. Als ob er gestern gesagt hätte, der Trieb geht bis Omaha, und im Herbst bin ich wieder zurück.

Aus den Monaten sind Jahre geworden. Aber keine Ewigkeit!

No, Jerry!

Du bist keine Ewigkeit weg gewesen. Und ein kleiner Fluss wie der Swallow Creek kommt nicht von selbst auf die Idee, sich von einem Winter zum anderen ein neues Bett zu suchen. Er hat auch gar keinen Grund dazu gehabt.

Da hat ein anderer die Hand im Spiel …

Jerry Flanders stellt sich den Teufel vor. Der Braune schnaubt und wirft den spitzen Kopf nach vorn. Jerrys Hand gibt nur ein paar Zoll nach und reißt den Zügel wieder zurück. Diese linke Hand ist hart in diesem Augenblick. Sie möchte einen Felsbrocken zwischen den Fingern haben und das Wasser herauspressen.

Noch einmal macht das Pferd einen Versuch mit dem Kopf, und Jerrys Hand gibt etwas nach.

„Yeah, Yellow! Du bist der letzte, der die Schuld trägt … Go on, Yellow! Well, hier lang. Genau auf den Knick zu, wo die alte, vertrocknete Weide steht. Das werden wir uns ansehen.“

Yellow geht wieder vorwärts. Nach zweihundert Yards wird er vorsichtig, weil dicke, runde Steine unter den Hufen liegen. Steine, die sofort nach der Seite wegrollen, wenn man schief darauf tritt. Die auch nicht einsinken, weil der ausgedörrte und rissige Boden hart wie Fels geworden ist.

Wieder zieht Jerry am Zügel, und Yellow bleibt stehen. Jerry rutscht aus dem Sattel.

Er bückt sich und will die Finger in das Bachbett drücken. Es geht nicht. Als er wieder hochkommt, sind seine Augen zwei schmale Schlitze. Aber er sieht nicht in die Sonne.

Er verfolgt das Bett des Creek, das noch deutlich zu erkennen ist. Und dann blickt er nach Westen, wo das Wasser einen neuen Weg gefunden hat.

By Gosh!

Gefunden?

Den Teufel will ich sehen, der diesen Weg gezeigt hat … Ich werde ihn töten, Yellow! Hör richtig zu, was ich da sage, alter Junge. Es ist sonst keiner da, der mir zuhört. Aber es wird bald Leute geben, sage ich dir. Und die Kerle werden stillhalten und zuhören, bis ich gesprochen habe!

Jerry Flanders dreht sich um und blickt auf die trockene Weide zurück, die als ein verdorrter Stumpf und ohne Zweige in der kahlen Landschaft stehengeblieben ist.

Als Junge hat er aus ihren Zweigen Pfeifen und Pfeile geschnitzt.

No, daran kann keiner etwas ändern! Das hat er noch im Kopf. Das weiß er so sicher, wie er nur noch einen Arm hat. Das weiß er, als wäre es gestern gewesen.

Er will hingehen zu dem Baum. Aber dann hält ihn etwas zurück. No, Yellow, nicht heute. Wir werden das alles feststellen. Come on!

Der Braune wartet gehorsam, bis Jerry Flanders im Sattel sitzt. Dann geht er los. Weiter nach Süden, auf Grover zu.

Der Reiter lässt sich Zeit. Sein Blick wandert über die weite, verdorrte Landschaft. Er versucht sich klar darüber zu werden, dass hier heute alles anders ist als früher. Dass es keine Wassergräben mehr gibt, die er und sein Vater einmal gezogen haben. Dieses Land braucht das Wasser. Es ist wie ein trockener Schwamm. Wer ihm das Wasser nimmt, macht es zur Wüste.

Und jetzt ist es die Wüste!

Im Westen schimmert es grün. Aber das ist nicht das Land der Flanders. Wenn sich nicht rein alles geändert hat, muss es den Brands gehören. Orson Brand, diesem alten Haudegen. Im Geiste sieht Jerry das graue Gesicht mit dem dunklen Vollbart.

Ich werde hinreiten und ihn fragen. Und Orson Brand wird antworten, yes …

Der Punkt im Süden ist ein Reiter. Jerry erkennt ihn und beobachtet ihn eine Weile.

Der Reiter bewegt sich nach Westen. Jerry nimmt Yellow herum, um dem anderen den Weg abzuschneiden. Er drückt ihm die Stiefel in die Flanken.

„Go on, Yellow! Hussy! Wir wollen sehen, wer das ist.“

Der Fremde hält an, als er Jerry Flanders auf sich zujagen sieht. Sein Gesicht liegt im Schatten. Man sieht nur das Weiße in seinen Augen.

„Hallo, Gentleman! Lässt es sich einrichten, dass wir zehn Worte wechseln? Ich hätte gern ‘ne Auskunft.“

„Fragen Sie!“, sagt der andere.

„Wem gehört dieses Land?“

„Orson Brand, denke ich.“

„Denken Sie das nur, oder stimmt es?“

Jerrys Ton ist nicht sehr freundlich. Er fragt wie ein Sheriff oder Friedensrichter. Der andere hebt die Schulter.

„Die Grenzen sind hier nicht so wichtig, Mister. Nehmen Sie an, dass das Land Orson Brand gehört, dann werden Sie keine Schwierigkeiten haben.“

„By Gosh, ich denke nicht an Schwierigkeiten, Mr. Lorman. Sie sind doch Lorman – oder?“

„Der bin ich. Und woher kennen Sie mich?“

„Aus Grover, möchte ich annehmen. Haben Sie noch das Hotel und den Mietstall? Oder gehören die inzwischen auch den Brands?“

Brad Lorman sagt irgend etwas zu seinem Pferd. Das macht ein paar Schritte auf Jerry Flanders zu und bleibt dicht vor ihm stehen.

„Ich überlege die ganze Zeit, wo ich Sie hinstecken soll, Fremder. Jetzt hab ich‘s fast …“

„Well, dann können Sie sich auch denken, was ich wissen will.“

„Jerry Flanders“, sagt Brad Lorman leise. Er haucht es fast. Und es liegt eine Menge Staunen und Unglaube in diesen zwei Worten.

„Yeah, ich bin Jerry Flanders, und ich weiß genau, dass es mein eigenes Land ist, auf dem wir stehen.“

„Sie waren lange weg, Flanders … By Gosh, Sie haben ‘ne Menge durchgemacht, wie ich sehe. Ihr Arm …“

„Halten Sie sich nicht bei meinem Arm auf, Brad! Ich habe noch einen Kopf und kann Ihnen verraten, dass der weit wichtiger ist als alles andere. Ich hab‘s herausgefunden … Und ich habe gesagt, dass dies mein Land ist. Sie erinnern sich doch, oder?“

Brad Lorman macht eine ungeschickte Bewegung, dass sein Pferd wiehernd den Kopf hochschleudert. Wütend reißt er am Zügel, bis der Gaul wieder ruhig ist.

„Sie waren lange weg, Jerry.“

„Na und? Was wollen Sie damit sagen? Kann man von einem alten Partner keine klare Auskunft mehr in Grover verlangen?“

„Eine Auskunft oder einen guten Rat?“

„Es kann auch ein guter Rat sein.“

„Well, Jerry. Dann will ich‘s Ihnen ehrlich sagen. So ehrlich, dass es wohl die einzige Möglichkeit für Sie ist …“

„Reden Sie nicht drumherum, Brad!“

„By Jove, das ist nicht drumherum. Das ist so, wie Sie‘s brauchen. Sie waren lange weg, und es hat sich eine Menge geändert in Grover und im County. Sie haben noch einen Kopf und einen linken Arm, Jerry Flanders. Und ein gutes Pferd, wie ich sehe. Aber sonst haben Sie nichts mehr. Reiten Sie! Hundert Meilen, würde ich sagen, sind noch nicht genug.“

„Zweihundert wären besser, wie?“

Brad Lorman nickt fast verzweifelt. „Zweihundert wären besser, Jerry. Es ist zu lange her, wissen Sie. Diese vielen Jahre in Grover … Ich bin nie von hier weg gewesen. Ich habe die ganze lange Zeit mitgemacht, und es ist, wie es ist. Sie können die Zeit nicht zurückdrehen.“

„Ich kann mein Recht verlangen!“

„Kein Recht, das vier Jahre alt ist.“

„Fünf, Brad Lorman! Fast fünf“, verbessert Jerry. „Und ihr meint allen Ernstes, das Recht könnte alt werden, wie? Alt und krank, wie?“

„Das Land gehört Orson Brand, Jerry. Das ist das Recht!“

„Ich werd‘s herausfinden, Lorman.“ Jerry Flanders gibt Yellow sein Zeichen mit der Zunge. Der Braune hört das Schnalzen und setzt sich in Trab. Im Nu haben sie den verblüfften Lorman hinter sich gelassen. Der schreit plötzlich aufgeregt.

„Halt, Flanders! Bleiben Sie steh‘n! Ich muss Ihnen noch etwas sagen.“

Jerry nimmt den Zügel kurz und wartet.

„Ist Ihnen endlich was eingefallen, Brad?“

„Wenn Sie nach Grover reiten, wird es ein Unglück geben. Und wenn ich Sie nicht davon abhalten kann, sollten Sie wenigstens meinen Rat befolgen.“

„Wenn Sie einen guten Rat haben, well. Ich warte schon lange darauf.“

„Bleiben Sie hier draußen, bis es dunkel wird. Wenigstens so lange. Wir machen einen Treffpunkt aus, und ich komme heute Nacht zurück.“

„Unsinn! Werden Sie nicht kindisch, Lorman!“

„Ich meine es verdammt ernst, Flanders. Und ich hab‘s mir genau überlegt. Es gibt noch einen Menschen, auf den Sie hören werden. Dafür wette ich meinen Besitz. Mit dem können Sie dann ausmachen, was Sie tun werden.“

„Es gibt noch einen Menschen, auf den ich hören werde?“

„Ich habe noch hinter dem Lions Rock zu tun“, sagt Brad Lorman. „Schlage vor, Sie reiten ein Stück mit, Flanders.“

Jerry überlegte eine Weile. Dann sagt er langsam: „Yeah, Brad. Diesmal verlasse ich mich auf Sie. Aber es ist das letzte Mal, wenn Sie Hintergedanken haben.“

„Warten Sie‘s ab! Kommen Sie!“

Sie reiten das schmale, trockene Bachbett aufwärts. Hinter dem Lions Rock hat Lorman ein paar Pferde laufen, wie er sagt. Er muss zwei für seinen Mietstall einfangen.

Eine halbe Meile weiter steht die verdorrte Kopfweide. Jerry Flanders hält Yellow an. Brad Lorman sieht sich fragend um.

Jerry hat ein Würgen im Hals, wenn er sich diesen verkrüppelten Baum ansieht. Er besteht nur noch aus toter Rinde. Innen ist er hohl, und zwei Männer können sich drin verstecken.

„Was ist?“, fragt Lorman.

„Dies hier ist unser Treffpunkt, Brad. Genau dieser Baum. Ich denke, Sie werden ihn leicht finden, oder?“

„Nicht schwierig, Jerry. Am besten, Sie bleiben gleich hier. Eine Stunde nach Einbruch der Dunkelheit werde ich zurück sein.“

„Es hat noch Zeit mit dem Warten. Ich komme mit auf Ihre Weide. Jeder fängt ein Pferd, dann haben Sie‘s schneller erledigt.“

„Nein, danke, Jerry! Das kann ich nicht verlangen …“

„Was können Sie nicht verlangen?“

„Es ist gut gemeint. Ich hole mir die zwei Pferde selber, und es wird nicht länger dauern.“

Jerry Flanders merkt, wie der andere nach seiner rechten Schulter schielt, und er weiß, was die Worte bedeuten.

Es ist nicht das erste Mal, dass man ihn für einen wehrlosen Krüppel hält, von dem man nicht die Arbeit eines Mannes verlangen kann. Aber dann wendet Brad Lorman den Blick nach vorn, als er plötzlich das gefährliche Funkeln in Jerrys Augen erkennt.

„Wenn Sie meinen …“, sagt er zögernd. „Ich sehe, dass Sie ein Lasso bei sich haben.“

Das hast du gut gesehen, denkt Jerry Flanders. Euch Kerlen von Grover werden noch die Augen aufgehen, wenn ihr nicht genauer hinseht.

 

 

2

Brad Lorman reitet an, Jerry bleibt hinter ihm.

Einen Menschen will er mitbringen, auf den ich höre …

Jerry Flanders hat nicht gefragt, wer es ist. Es kommen nur drei in Frage: Seine Eltern oder seine Schwester Cathleen. Und von diesen eigentlich wieder nur der Vater.

Sie reiten um die Ecke am Lions Rock und biegen nach Osten ab. Die Weide wird mit jeder Pferdelänge fruchtbarer, und kurz darauf zeigt Brad Lorman auf eine Gruppe von fünf Pferden, die dicht beieinander grasen.

„Welcher Gaul soll es sein?“, fragt Jerry.

Lorman mustert ihn von der Seite. Dann: „Einer ist so gut wie der andere. Nehmen Sie den, den Sie gerade erwischen. – Hurry up!“

Damit gibt er seinem eigenen Pferd die Sporen und jagt auf die Gruppe halbwilder Gäule zu. Er scheint nicht mehr neugierig zu sein, was sein Partner jetzt für eine Figur abgibt. Er konzentriert sich. Er hat den Lassoriemen gelöst und das zusammengerollte Tau in die linke Hand geworfen. Die Rechte schleudert die Schlinge.

Sein Pferd donnert auf die Herde zu und scheucht sie auf. Wiehernd jagen die Mustangs in allen Richtungen auseinander.

Lorman stört sich nicht daran. Er hat noch immer die Auswahl, und während die Schlinge fliegt, weiß er, dass er die Rappstute Burny erwischen wird.

Aber er verrechnet sich.

Im entscheidenden Augenblick fällt dem Tier ein, dass es in der falschen Richtung rennt. Der Herdentrieb reißt es herum zu den anderen. Und während die Schlinge sich senkt, fliegt der Kopf herum. Dafür landet die rechte Hinterhand im Lasso. Bevor die Schlinge sich zuzieht, gleitet der Huf wieder heraus. Burny taumelt zur Seite und fängt sich wieder, nimmt Galopp auf und rast wild schnaufend hinter den anderen Gäulen her.

Brad Lorman holt wütend seinen Strick ein.

Da schießt Jerry Flanders an ihm vorbei.

Sein linker Arm kreist in der Luft. Die Schlinge schnellt nach vorn und zieht das Seil vom Sattelhorn.

Brad Lorman erkennt es nicht, weil Jerrys Körper die Sicht versperrt. Er sieht nur, wie Tarrows Hals plötzlich senkrecht in der Luft steht, zur Seite schlägt und den wilden Körper herumreißt. Tarrow stürzt nicht. Er steht plötzlich ganz ruhig da. Brav wie ein Lamm.

Yellow geht ruhig auf ihn zu, und Jerry Flanders holt das Lasso ein.

„Well“, sagt er und sieht sich um.

Brad Lorman ist ein kochendes Stück Lava aus einem soeben ausbrechenden Vulkan. Mit einem Auge hat er zu Jerry hingeschielt und das Wunder mit diesem einarmigen Reiter erlebt. Mit dem anderen sucht er seine Beute. Aber er hat kostbare Zeit verloren, nachdem sein erster Wurf danebengegangen ist.

Die Mustangs haben sich gesammelt und rennen nach Norden davon.

Brad Lorman hängt tief auf dem Hals seines Pferdes und hat beide Hände voll zu tun, das Lasso wieder wurfbereit zu machen. Er bleibt immer mehr hinter der fliehenden Herde zurück. Und er kocht, dass ihm der Schweiß über die Augen läuft.

Jerry Flanders hat den eingefangenen Gaul angehobbelt. Eine halbe Minute später ist er wieder im Sattel, und Yellow jagt wie der Teufel hinter den anderen her.

Brad Lorman traktiert sein Tier, als ob es um sein Leben ginge. Dabei geht es nur um ein bisschen Ehre.

Dieser Krüppel hat es ihm gezeigt. Und wenn er sich nicht beeilt, dann fängt der auch noch den zweiten Mustang. Aber Jerrys Ehrgeiz geht nicht so weit. Er sieht, wie Lorman sein Lasso wieder in Ordnung gebracht hat, wie der Arm hochfliegt.

Well, soll er eine Chance haben.

Wenn Jerry zu ehrgeizig wird, lässt Lorman eine Woche nicht mit sich reden. Und dieser Lorman wird reden müssen. Das ist viel wichtiger als alles andere.

Keuchend wirft sich der Mietstallbesitzer im Sattel zurück, als seine Schlinge ein Ziel gefunden hat. Das Opfer bricht auf der Stelle zusammen, Lorman muss aus dem Sattel. Der Schwung reißt ihn einfach heraus. Aber das Biest kann ihn nicht mehr schleifen. Es liegt selbst am Boden, es ist fertig.

Dann ist auch Jerry heran.

Lorman ist mit dem gefangenen Pferd beschäftigt. Er nimmt ihm die Schlinge ab und klatscht ihm auf den Rücken, damit es wieder hochkommt. Erst als er die Halfterleine fest im Griff hat, dreht er sich zu Jerry Flanders um, der abwartend im Sattel sitzt.

Lormans Blick verrät nicht viel von einem Sieg. Und Jerry Flanders hat eine Menge anderer Sorgen. Sonst hätte er jetzt ein bisschen unverschämter gegrinst. Das ist so seine Art. Aber nicht heute. By Gosh nicht!

Heute ist ihm ganz anders zumute. Er muss schon wieder an die vertrocknete Weide denken, die keine Zweige und Äste mehr hat, die aber immer noch gut genug sein soll, dass man einen Gauner daran aufhängt.

Irgendwie wird es schon gehen. Man muss ihn nur erst haben, den Gauner …

„Yeah, alle Achtung!“, schnarrt Lorman mürrisch. Er muss Jerrys Leistung schon anerkennen, sonst würde er noch eine schlechtere Figur abgeben. „Als wir uns das letzte Mal sahen, Jerry, warst du gesund wie jeder andere von uns. Irgendwo hast du inzwischen deinen rechten Arm gelassen.“

„So ist es“, sagt Jerry knapp und trocken.

Dann gibt es eine Pause von einigen Sekunden, und die beiden sehen aneinander vorbei.

Jerry Flanders zum Beispiel sieht nur die gute Weide, auf der diese fünf Halbwilden grasen. Und er denkt daran, wie wichtig doch das Wasser in diesem County ist.

„Wir können jetzt reiten“, sagt Brad Lorman schließlich.

„Ich hab mich ein bisschen nützlich gemacht“, antwortet Flanders. „Jetzt kann ich warten. Wenn es dunkel wird, sehen wir uns, Brad. Ich warte auf euch.“

Brad Lorman nimmt die gefangenen Pferde an die Leine und reitet in Richtung Grover. Er winkt noch kurz mit der Hand und sagt weiter nichts mehr.

Jerry Flanders blickt ihm nach, bis er hinter Lions Rock verschwunden ist.

Jerry Flanders hat drei Stunden Zeit, um über alles nachzudenken.

Er hätte eine Menge Fragen an Brad Lorman gehabt. Aber er ist nicht einer von denen, die viel fragen. Er wartet, bis die anderen reden. Und er denkt viel …

In drei Stunden ist Brad Lorman zurück.

Mit einem Menschen, auf den Jerry Flanders hören wird.

Bei der verdorrten Kopfweide …

An einem Creek, der kein Wasser mehr führt …

Im Westen heult ein Coyote.

Der Halbmond steht schräg am Himmel, die Sterne glitzern hell. Jerry Flanders hebt die Hand. Sie wirft einen Schatten auf den gelben, trockenen Sand im Bachbett.

Es ist Nacht.

Von Grover her kommen zwei Reiter.

Jerry Flanders hat Yellow direkt an die Weide gestellt. Das Tier hat sich auf Lormans Weide satt gefressen und findet nichts dabei, jetzt in der Wüste zu stehen.

Jerry findet etwas dabei.

Er hat drei Stunden lang nachgedacht. Wie er die Reiter sieht, zieht er den Revolver, einen silberbeschlagenen Peacemaker.

Der Revolver sitzt links. Das ist praktisch für einen, der nur noch den linken Arm besitzt.

Jerry Flanders wird schießen, wenn das eine Falle ist.

Er lässt den Peacemaker-Colt in das Holster gleiten, als er die zarte Figur des zweiten Reiters erkennt. Vorn reitet Brad Lorman. Sein Begleiter ist eine Frau.

Auch Lorman scheint ihm zu vertrauen. Er ruft ihn nicht an. Er reitet bis dicht an ihn heran, rutscht aus dem Sattel und lässt sein Pferd stehen. Dann geht er zu seiner Begleiterin und hilft ihr.

Der Mond steht schräg am Himmel.

Jerry Flanders sieht das Gesicht.

„Cathleen!“, sagt er, und das halbe Wort scheint in seiner Kehle steckenzubleiben.

„Wir sind da“, sagt Lorman rau. „Und dies ist der Mensch, den ich dir zeigen wollte, Jerry Flanders.“

Das Mädchen steht so nah, dass er es anfassen könnte, aber er rührt keinen Finger. Ihr Gesicht ist hell und starr. Im fahlen Sternenlicht wirkt es wie eine Totenmaske.

„Das ist deine Schwester Cathleen“, sagt Brad Lorman.

Jerry Flanders weiß das selbst. Sie war zwölf Jahre alt, als er weggeritten ist. Aber ihr Gesicht ist dasselbe geblieben. Ein richtiges Flanders-Gesicht.

Das Gesicht des alten Tom Flanders. Schon kurz nach ihrer Geburt haben die Leute immer gesagt, dass Cathleen ganz der Vater ist. Solch ein Gesicht vergisst man nicht.

Nur diese eine Entdeckung schneidet ihm das Wort ab. Cathleen war ein Kind, als Jerry weggeritten ist. Jetzt ist sie eine Frau.

By Gosh, das ist sie!

Und sie steht da und sagt nichts. Ihre engen, schwarzen Augen mustern ihn feindlich. Sie sieht ihn an wie einen Fremden.

„Sie sind Jerry Flanders?“, fragt sie schließlich.

„Yeah, Cathleen. Ich bin Jerry Flanders. Und wenn mich nicht alles täuscht, bin ich auch dein Bruder. Ich war damals zehn Jahre alt, als sie dich in die Windeln packten … Cathleen!“

Die drei Menschen stehen dicht zusammen.

„Well, Sie waren zehn Jahre alt, damals, mag ja sein. Aber jetzt sind Sie ein Kerl, den ich nicht kenne, Mr. Flanders. – Flanders heißen viele.“

Für Jerry ist das ein Schlag ins Gesicht. Aber den nimmt er hin, wie er schon viel hingenommen hat.

Warum hat dieser Mietstallbesitzer ausgerechnet Cathleen hergebracht? Warum hat er nicht Daddy Bescheid gesagt?

Und wie er noch gegen diese unerklärliche Feindschaft kämpfen will, geht Cathleen plötzlich weiter auf ihn zu. Sie steht so nahe, dass sie ihn umarmen könnte. Aber sie greift nur nach seinem Colt, reißt und zerrt an dem Holster und sieht ihn aus funkelnden Augen an.

„Mach ihn fertig, Jerry! Los! Mach ihn fertig! – Wenn du mein Bruder sein willst …“

Sein Arm schießt vor. Die Hand, die er noch hat, legt sich schwer auf ihre Schulter.

„Cathleen!“, murmelt er.

Sie ist heute sechzehn Jahre alt. Das hat er sich ausgerechnet. In zwei Monaten wird sie siebzehn. Sie ist eine Frau!

Sie hat den Peacemaker gefunden, und seine Hand liegt auf der ihren.

„Cathleen!“

„Lass los, Bruder!“, schreit sie. „Wenn du‘s nicht schaffst, werde ich es machen!“

„Du wirst gar nichts machen!“, entgegnet er hart. Er hat ihre Hand erwischt und reißt sie hoch, dreht ihren Arm um, bis sie schreit.

„Ich spucke dich an, Jerry!“

Er lässt nicht los, und sie tut es.

„Biest!“, knurrt er.

Sie ist eine Katze, sie kratzt ihn durchs Gesicht, beißt ihn in die Hand.

„Gib sie mir, Jerry!“, ruft Brad Lorman und kommt heran. Die Arme hält er, als ob er sie auffangen will, aber Jerry wirft sie nicht wie einen Ball. Wenn sie nicht seine Schwester wäre – wenn sie keine Frau wäre …

Er kann einfach nicht hart zupacken, und deshalb wird er nicht mit ihr fertig. Wie er sich durchs Gesicht wischen will, hat sie den Colt heraus.

„Ich schieße, wenn ihr nicht tut, was ich will!“, schimpft sie keuchend. „Au!“

Brad Lorman kommt von links und will sie fassen. Aber er erwischt nur den linken Arm. Den rechten mit dem Colt hat sie noch frei, und der Hammer ist gespannt.

„Lass los, Lorman! Ich warne dich!“ Der Mietstallbesitzer gehorcht, springt einen Schritt zurück und flucht höllisch.

„By Gosh, Flanders! Jetzt weißt du, was aus deiner Schwester geworden ist!“

„Schon gut, alter Gauner. Hör nur auf ihn, Jerry! Er will nur sagen: Jetzt siehst du, was er aus mir gemacht hat. Er ist eine feige Ratte und hat mich die ganzen Jahre nur ausgenutzt und wie einen Sklaven behandelt! Er hat geglaubt, dass er dir ein dummes Kind bringt, und dass ich dir ein paar Sachen erzähle, wie‘s ihm passt. Er denkt, du wirst deinen Gaul nehmen und wegreiten, wie du gekommen bist. Einen Mann wie dich können sie nämlich in Grover nicht brauchen. – Was wirst du jetzt tun, Jerry?“

„Ich denke, wir werden vernünftig über alles reden, Cathleen. Deshalb bist du ja mit ihm herausgekommen.“

„Well, dann setzt euch hin und redet! Und fasst mich nicht an. Ich hätte schon eine Menge zu erzählen, Jerry. Aber auf Brad Lorman musst du dabei aufpassen.“

„Cathleen!“, sagt Lorman laut und befehlend. „Ich warne dich! Spiel dich nicht auf, weil dein Bruder dabei ist. Sag ihm klar, was für Chancen er hat, wenn er in Grover bleibt. Wem das Land hier gehört und wer es verspielt hat. Sag ihm auch, welche Rolle euer Vater dabei gespielt hat.“

„Keine Sorge, Lorman. Er wird schon hören, dass ganz Grover ein Mördernest ist. Dass ihr alle ihn auf dem Gewissen habt …“

„Zounds!“, stöhnt Brad Lorman und packt wieder nach ihrer Hand. „Ich will diese Lügen nicht hören, Kiddy. Du hast mir alles zu verdanken, und ich werde dich …“

Er dreht ihren Arm nach außen, dass sie aufschreit. Sie fällt nach links. Mit der rechten Hand, die noch immer den Colt des Bruders hält, stützt sie sich auf. In der Mündung steckt plötzlich Sand.

„Lass sie los!“, sagt Jerry drohend. Er hat keine Waffe, aber Lorman starrt ihn verwundert an. Cathleen hat Zeit, sich loszureißen und aufzuspringen. Die verschmutzte Waffe sieht immer noch bedrohlich aus.

Brad Lorman springt zurück und hat endlich seinen Revolver hoch.

„Jetzt ist Schluss mit dem Theater, verstanden? Wirf das Eisen weg, Cathleen!“

Er weiß nicht, dass es unbrauchbar ist. Keiner weiß es.

Cathleen hebt die Hand und zielt.

„Wag es, Lorman!“

Haben sie alle den Verstand verloren in Grover?, denkt Jerry. Da fällt schon Lormans Schuss.

Er geht daneben, weil Cathleen schon vorher zu einer Drehung angesetzt hat. Sie reißt den Kopf wieder nach vorn und drückt ab. Lormans Körper zuckt zusammen wie unter einem Faustschlag, schwankt, dreht sich …

Jerry stürzt sich auf Cathleen. Wie ein Fels auf eine Maus. Sie fällt.

Da ist alles zu spät.

Jerrys linke Hand reißt sie hoch.

„Cathleen!“, stöhnt er.

Sie hat noch immer die Waffe in der Hand, den Peacemaker, in dessen Lauf Dreck gesteckt hat, und der trotzdem noch funktionierte.

Die Mündung ist heiß von dem einen Schuss. Sie hält ihm die Waffe hin.

„Er hat zuerst geschossen“, sagt sie trotzig.

„Yeah, das stimmt. Ich kann‘s bezeugen. Trotzdem wird es uns nicht helfen.“

Brad Lorman liegt auf dem Gesicht.

 

 

3

„Tot!“, murmelt Jerry und richtet sich auf.

„Habe ich‘s gewollt?“, fragt Cathleen, dreht sich zum Bruder um und sucht sein Gesicht. „Du brauchst dir deshalb keine Sorgen zu machen, Jerry Flanders. Ich hab‘s getan, und das kann jeder wissen.“

„Sie werden dich hängen! Es hilft dir nicht, dass du eine Frau bist.“

„Ich weiß!“

Sie dreht sich um und geht zu den Pferden.

„Cathleen!“, ruft er ihr nach.

Sie hört nicht hin. Mit einem Sprung ist sie im Sattel. Jerry rennt hin und hält den Zügel fest.

„So einfach kommst du nicht weg, Cathleen! Wenn du denkst, dass ich reite und mich um nichts mehr kümmere …“

„Was könntest du sonst tun, Bruder? Keiner weiß, dass du hier warst. Du hast eine gute Chance. Wenn du nicht reitest, werden sie noch denken, du bist es gewesen.“

„Das werden sie sowieso. Ich gehe zum Sheriff.“

„Viel Vergnügen! Ich gehe auch hin, und ich bleibe bei der Wahrheit. Wenn du hinreitest, wirst du nur Dinge hören, die dir den Magen umdrehen. Dir wird speiübel werden, Bruder, bevor sie dich hängen. Die werden dir genau alles erzählen, was sich in den letzten vier Jahren in Grover getan hat. Und dann wirst du froh sein, dass sie dich hängen. Du wirst nämlich keinen Spaß mehr am Leben haben!“

„Wenn‘s zu einem Spaß reicht, dann soll es die Wahrheit sein. Die nackte Wahrheit, Cathleen, verstehst du? Ich habe einen verdammt langen Trail hinter mir. Ich habe nicht geahnt, dass so lange dauern würde.“

„Es waren genau drei Jahre zu viel, Jerry! Jetzt kannst du nichts mehr daran ändern. – Gib den Weg frei!“

Sie drückt ihrem Pferd die Sporen in die Seiten. Jerry Flanders hat die Hand im Zügel. Der Gaul geht hoch. Aber nur so hoch, wie Jerrys ausgestreckter Arm reicht. Wiehernd stellt er sich wieder auf die Vorderbeine, schüttelt den Kopf, während Jerry ihm seine Befehle zufaucht.

„Du alter Klepper wirst tun, was ich sage, yeah! Ich bin Jerry Flanders, alter Gauner, verstanden? Der Mensch im Sattel ist nur meine kleine Schwester, meine ganz kleine Schwester!“

Cathleen zerrt am Steigbügel und will den Fuß frei kriegen, um nach Jerry zu treten. Aber das geht nicht schnell genug. Er fasst nach ihrem Bein und hält es ganz ruhig.

„Ich bin Jerry Flanders“, sagt er noch einmal. Diesmal sieht er Cathleen an. „Ich war vier Jahre auf dem Trail, mein Kind, und jetzt bin ich nach Hause gekommen. Jerry Flanders ist immer dahin geritten, wo es ihm gefiel. Und er ist immer geblieben, wo es ihm gefiel. Wir werden jetzt zusammen reden, Cathleen.“

„Du hast kein Zuhause mehr! Hast du das immer noch nicht begriffen?“

„Das werden wir sehen, Schwester. Und wenn du dich irrst, werde ich dir zeigen, wo unser Zuhause ist.“

„Es wird dir leid tun, Bruder …“

„Steig ab, Cathleen!“, brüllt er sie an. Sie rutscht aus dem Sattel. Plötzlich liegt sie in seinen Armen und weint. Er spürt ihre salzigen Tränen auf seiner Wange. Er riecht ihr duftiges, volles Haar und hört, wie sie unzählige Male hintereinander seinen Namen sagt.

Cathleen Flanders kann nicht mehr.

Sie hat lange eine Maske gezeigt.

Eine Maske, die auch Brad Lorman nicht erwartet hat und die für ihn der Tod war.

Jerry Flanders hat sich vier Jahre Zeit gelassen, nach Hause zu reiten. Er hätte jetzt genauso viel Zeit, Cathleens Kopf zu halten. Er hat keine Eile. Er hat nur Angst vor ihrer unerklärlichen Feindschaft gehabt, die jetzt wie weggewischt ist. Er hält ihren Kopf und spürt ihr frisches Haar, das einen Duft hat wie die Gräser der Prärie.

Über sein Zuhause sollen sie reden, was sie wollen. Jetzt ist er zu Hause. Cathleen ist ein Stück davon.

Sie sind zu dem Toten gegangen.

Jerry hat sich neben ihn gesetzt. Brad Lorman liegt jetzt auf dem Rücken und starrt mit leerem Blick in die Sterne.

Jerry drückt die Augen zu.

„Komm her, Cathleen, setz dich zu mir! Und sieh ihn dir an! Mit dem müssen wir jetzt fertig werden.“

Er spürt das Zittern in ihrem Körper.

„Du hast nichts damit zu tun, Jerry. Was willst du in diesem Leben hier?“

„Setz dich!“, sagt er rau.

Sie gehorcht. Ihr Blick dauert eine Ewigkeit. Auch Jerry sagt nichts. Er überlegt, wie er anfangen soll. Als Cathleen sich vor Kälte schüttelt, legt er seine Lederjacke um ihre Schulter.

„Es ist schon spät. Wir sollten reiten, Kind.“

„Zum Sheriff?“

„Zuerst zum Sheriff, natürlich. Und dann nach Hause. Dann will ich endlich hören, was in Grover geschehen ist.“

„Bleib noch, Jerry!“, sagt sie hastig. Er spürt ihre Hand auf seinem Knie. „Ich friere nicht mehr. Und du musst es wissen, bevor wir nach Grover kommen …“

„Ich glaube, ich weiß es schon, Cathy. Ich habe den Swallow Creek gesehen und die trockene Weide. Lorman hat gesagt, dass das ganze Land Orson Brand gehört. Ich kann mir denken, was geschehen ist. Wenn Daddy noch lebte, wäre es nicht so weit gekommen.“

„Sie haben ihn aufgehängt!“, sagt Cathy leise und wie von ganz weit weg. Jerry jagt es einen Stich durch den Körper. Er will aufspringen und etwas tun. Aber das dauert nur eine Sekunde.

„Wer ist das – sie?“

„Sie! – Sie alle. Sie haben ihn gelyncht. Heute weiß ich das. Sie alle sind seine Mörder.“

„Mörder?“, fragt er entsetzt.

Jerry nimmt Cathleens Hand und sieht auf die langen schlanken Finger. „Erzähl weiter! Ich will jetzt alles wissen. Alles auf einmal!“

Cathleen stockt wieder. Sie ist gerade so weit gewesen, dass sie alles aus sich herausreden wollte. Dass sie es loswerden wollte. Als Jerry sie dazu auffordert, kann sie nicht mehr.

„Sag, wie es ist, Cathy“, drängt er. „Ich werde damit fertig werden.“

„Du weißt es schon?“

„Wir haben keine Eltern mehr … So ist es doch, oder?“

Cathleen nickt langsam.

„Mutter hat es nicht überstanden. Sie konnte nicht zusehen, wie die Leute in der Town über Dad hergefallen sind. Ein paar wollten sie zurückhalten, als sie Dad unter dem Baum hatten und die Schlinge um seinen Hals legten. Aber sie war stärker als diese feigen Bestien. Sie ist bis zu Vater durchgekommen und nach dem Strick gesprungen. Sie wollte ihn herunterreißen, und fünf Männer haben es nicht fertig gebracht, sie wegzuzerren … Dann hat es einer kurz mit ihr gemacht. Aber frag mich nicht, wer es war.“

„Man hat sie erschossen?“

„Ja. Einer ist es gewesen. Aber in den ganzen drei Jahren hat keiner in der Town den Namen genannt. Und ich schwöre, jeder weiß, wer es war. Jeder, nur ich nicht.“

„Du bist damals gerade dreizehn gewesen. Dass du überhaupt so viel darüber weißt …“

„Ich war auf der Ranch und habe tagelang nicht gewusst, wo die Eltern geblieben waren. Dann haben mich die Lormans geholt und mir gesagt, ich könnte bei ihnen arbeiten und leben. Die Eltern kämen nicht mehr wieder, und die Ranch gehöre jetzt einem anderen.“

„Hat er nicht Orson Brand gesagt?“

„Möglich. Ich erinnere mich nicht mehr. Ich weiß nur noch, dass ich immer wieder nach Mam und Daddy fragte. Sie haben mir eine Antwort gegeben, aber nie eine richtige. Ich glaube, ich bin etwas dumm.“

„Kein Flanders ist dumm, Cathy! Merk dir das! Höchstens jung und ein Kind. Oder eine Frau oder ein Mann. Wie wir beide jetzt. Sie haben ihn gelyncht … mein Gott, wofür? Was hat Daddy getan?“

„Ich habe die Leute gefragt. Mistress Lorman habe ich oft gefragt, auch die anderen. Aber meistens Mistress Lorman. Sie haben nie geantwortet. Mistress Lorman hat einmal gesagt, ich wäre zu jung, um das zu verstehen.“

„Yeah, und jetzt gehört alles Orson Brand, wie? – Dann wird er es wissen. Ihn hast du nie gefragt, oder?“

„Orson Brand habe ich die ganzen Jahre immer nur von Weitem gesehen. Er ist auch nie allein. Er hat immer ein paar Männer bei sich, wenn er in der Town auftaucht.“

„Man wird trotzdem an ihn herankommen, denke ich. So nahe, dass er einen versteht. Ich werde ihn fragen, Cathy.“

Sie antwortet nicht gleich.

„Hm, was meinst du?“, fragt Jerry Flanders.

„Ich habe Angst, Jerry. Wenn du hingehst … es hat keinen Sinn. Es wird alles wieder von vorn anfangen.“

„Was kann schon von vorn anfangen? Ich war vier Jahre weg, und irgendwie geht das Leben immer weiter. Nicht rückwärts. Ich kann jeden fragen, was Daddy getan hat. Selbst wenn sie ihn vor einem Gericht verurteilt hätten. Aber so war es ein Lynchmord. Ich bin Jerry Flanders und habe ein Recht. Und dies ist unser Land, Cathy!“

 

 

4

Jerry Flanders ist aufgestanden. Er sieht sich um. Das Land ist kahl und ausgetrocknet.

„Sie haben den Creek umgeleitet, Cathy. Weißt du überhaupt noch, wie es hier früher ausgesehen hat?“

„Ich weiß nicht mehr viel von früher. Ich weiß nur, dass Brad Lorman mich ausgenutzt hat. Die Frauen in Grover haben sich anfangs lustig über mich gemacht. Ich hab‘s damals nicht gemerkt und immer geglaubt, es seien noch nette Menschen. Weil ich es doch so gut hatte bei Mistress Lorman. Die Frau hat ein großes Haus mit dem Hotel und dem Mietstall dahinter. Dass sie sich da noch um mich kümmert und mir ein Dach über den Kopf gibt … Ich müsste ihr doch sehr dankbar sein, haben sie gesagt. Ich glaube, ich war es auch. Aber dann nicht mehr.“

„Wann war das?“

„Ich weiß nicht mehr genau. Aber mir ist, als ob es plötzlich gekommen wäre. Von einem Tag auf den anderen. Ich habe in der Nacht lange wach gelegen und nachgedacht.“

„Ober was hast du nachgedacht?“, fragt Jerry lauernd.

„Ich hatte mich an unser Haus erinnert. An die Ranch, weißt du. Ich glaube, ich habe gefragt, warum wir nicht mal hingehen. Ja, so war es. – Ich wollte hingehen. Aber dann ist Mistress Lorman plötzlich ganz wütend geworden und hat es mir verboten.“

„Wenn etwas verboten ist, tut man es erst recht. Du bist hingegangen, wie?“

Sie schüttelt den Kopf.

„Nein, Jerry, ich bin nicht hingegangen. Ich habe immer nur das getan, was Mistress Lorman wollte … Heute – heute war es das erste Mal, dass ich meinen eigenen Willen hatte. Bei Gott, Jerry, heute war plötzlich alles ganz anders … Ich habe Brad Lorman erschossen. Er hat immer verlangt, dass ich ihn Vater nenne. Aber das habe ich nie getan. – Heute habe ich ihn umgebracht.“

„Das schlag dir mal aus dem Kopf. Lorman geht auf mein Konto, darauf kannst du dich verlassen. Es war mein Colt!“

„Und ich habe abgedrückt!“

„Das wäre alles nicht geschehen, wenn ich einen anderen Weg genommen hätte. Komm jetzt, Cathy, wir reiten!“

Auch Cathleen ist aufgestanden, und sie geht mit zu den Pferden. Sie will ihm in den Sattel helfen, doch Jerry gibt ihr einen Klaps auf die Schulter.

„Für was hältst du mich, wie? Für einen Krüppel?“

Jetzt lacht er zum ersten Mal, und das Licht ist hell genug, dass Cathleen es sehen kann. In ihren Augen leuchtet es kurz auf.

Aber nur kurz.

Dann hat sie wieder den Blick, mit dem sie vorhin seine rechte Schulter gemustert hat, ohne ein Wort zu sagen. Es liegt Verständnislosigkeit darin. Als ob sie nicht wüsste, ob sie ihn bewundern oder bedauern muss.

Und sie hört immer noch seine Stimme, obwohl er die Lippen schon längst wieder fest geschlossen hat. Sein Mund ist nur noch ein dünner Strich … für wen hältst du mich? Für einen Krüppel?

„Ist das so wichtig?“

Weil sie nicht fragt, glaubt Jerry, dass er ihr eine Erklärung schuldig ist.

„Die Sache mit der Schulter ist lange her, Cathy. Ich weiß gar nicht mehr, dass ein Mensch zwei Arme haben sollte. Alle Probleme hören einmal auf. Spätestens dann, wenn neue auftauchen. Jetzt haben wir einen neuen Verdruss. Und ich weiß noch nicht genug. Du wirst mir noch ‘ne Menge erzählen müssen. Und wenn du nicht mehr weiter weißt, kommen die Leute von Grover dran … Hussy! Hussiiiiy, Yellow!“

Wie ein Pfeil von der Sehne stößt sich der Hellbraune vom trockenen Bachufer ab.

„Jerry!“, ruft Cathleen, und der aufkommende Nachtwind reißt ihr das Wort vom Mund. „Warte, Jerry! Nimm mich mit!“

Nach einer halben Meile fällt Yellow in einen lockeren Trab. Cathleen holt wieder auf.

„Oh, Bruder, ich bin nicht der Wind.“

„Eines Tages wirst du so sein wie der Wind. Mutter war genauso. Sie hat so lange im Sattel gesessen, bis sie mit Vater Schritt halten konnte.“

„Damals haben uns noch die Indianer zu schaffen gemacht. Da war es äußerst wichtig. Dann habe ich geglaubt, die Frau gehört nur noch an den Herd und ins Haus. Aber seit heute weiß ich, dass es nicht stimmt. Nicht in diesem County, Cathy.“

Sie reiten ein Stück nebeneinander und schweigen. Sie blicken nicht zur Seite, obwohl sich der eine am andern noch längst nicht sattgesehen hat.

„Was hast du vor, Jerry?“, fragt Cathleen schließlich. „Wenn ich dir noch was erzählen soll, müssten wir hier draußen bleiben.“

„Wieso hier draußen? Jeder Mensch braucht ein Dach über dem Kopf.“

„Welches Dach meinst du wohl? – Ich habe drei Jahre bei Lormans gewohnt. Das ist jetzt vorbei.“

„Ich weiß eine bessere Wohnung für dich“, behauptet Jerry Flanders und wird wieder schneller. Für Cathleen ist es das Zeichen, dass er gar keine Antwort darauf haben will. Dass er ihr sogar aus dem Weg geht.

Was weiß Jerry Flanders schon von diesem County? Nach vier Jahren! Er träumt von irgend was, das früher einmal war. Er kann sich noch nicht einfügen in das, was heute ist.

Und er hat keine rechte Hand mehr.

Ihr schaudert bei diesem Gedanken.

Yellows Trab wird immer schneller. Der Gaul kann schließlich gar nicht anders, als wieder in den Galopp zu gehen.

„Jerry!“, ruft Cathleen hinter .ihm. „Jerry, so geht es nicht!“

 

5

Jerry Flanders dreht sich um und hebt den Arm. Es sieht übermütig aus und entschlossen.

Jerry Flanders ist wie ein Reiter in einer versammelten Schwadron, die die Dragoner auch heute noch im Nordwesten gegen die Indianer schicken.

Wie einer, der das Hornsignal zum Sturm gehört hat und an nichts anderes mehr denkt, als den Feind zu überrennen.

„Jerry!“, ruft sie wieder.

Der Abstand wird immer größer.

Jerry Flanders reitet wie einer, der jeden Quadratfuß Bodens kennt. Und dabei kennt er gar nichts in diesem County.

In Cathleen Flanders‘ Herz drängt sich die Angst. Die Aufregung sitzt ihr in der Kehle, und sie bringt den Namen des Bruders kein zweites Mal heraus.

Sie schlägt die Stiefel in die Seiten des Pferdes, zerrt am Zügel. Viel lieber würde sie auf einem Blitz reiten.

Ein Dach will Jerry Flanders über dem Kopf haben! By Gosh! Er weiß nicht mehr, was er tut. Er kann sich nicht vorstellen, wer heute in Grover regiert.

Er will ein Recht, das es nicht mehr gibt.

Und ein Dach, das es nicht mehr gibt.

Das Pferd unter ihrem Sattel hat es endlich begriffen. Es streckt sich und wird flach.

Hinter ihnen liegt ein Toter.

„Jerry!“, stöhnt Cathleen leise. Es ist so schwach, dass sie selbst es nicht mehr hört.

 

 

6

Der silberne Halbmond steht flach über dem Horizont.

Vor dem grauen Himmel steht eine schwarze Silhouette. Eine gezackte Fassade. Ein grausiges Schattenbild.

 

 

Cathleen Flanders kennt den Plan des Bruders. Aber es ist mehr eine verbohrte Idee als ein Plan.

Sie erinnert sich an Mutter Lormans Worte. Dass sie nicht hingehen sollte. Und wie sie dann energisch geworden ist.

Cathleen Flanders ist nie mehr auf die Idee gekommen, zur Ranch zu reiten. Die war mit wenigen Worten ausgelöscht.

Aber endlich ist sie bei Jerry, als der sein Pferd zum Stehen bringt. Yellow steht wie ein Fels aus den Bergen.

Keuchend kommt Cathleen heran. Ihr Pferd bleibt neben Yellow.

„Kennst du das?“, fragt Jerry.

„Die Flanders Ranch“, sagt Cathy heiser. „Aber sie gehört dir nicht, Jerry. Kehr um! Es ist sinnlos!“

„Die Flanders Ranch gehört den Flanders. Und wer sind die Flanders? – Wir! Oder?“

Cathleen zuckt mit der Schulter.

„Ich weiß es nicht. Seit die Eltern tot sind, bin ich nicht mehr hier gewesen. Und in der Town habe ich keinen getroffen, der mir sagen konnte, wer hier wohnt.“

„Man sagt, Orson Brand gehöre unser Land. Wenn er hier wohnt, wird er der erste sein, den ich frage. Irgendwo muss ich damit anfangen, Cathleen.“

„Geh nicht weiter, Jerry!“, stößt sie hervor. Sie weiß nicht, warum. Es ist nur ein Gefühl.

Und Jerry weiß, dass es nur ein Gefühl ist.

„Komm, Cathy! Es gibt kein besseres Dach für uns.“

Jerry sagt es so dahin. Er hat längst erkannt, was es mit diesem Dach auf sich hat. Er erwartet keine Schießerei. Er ist auf das Schlimmere vorbereitet.

 

 

7

Die Ranch besteht aus drei Häusern. In der Mitte liegt das Haupthaus mit dem Wohnteil und der Scheune. Links der Stall, auf der anderen Seite die Schmiede und die Stellmacherei.

Jerry gleitet aus dem Sattel. Das letzte Stück will er zu Fuß gehen. Er dreht sich nicht nach der Schwester um. Er ist jetzt ganz allein. Dies ist Tom Flanders Ranch. Die Wände stehen noch. Die Wände und ein paar Sparren von den Dächern.

Er geht aufs Haupthaus zu, die steinernen Treppen zur Veranda hinauf. Die Scheibe in der Haustür ist zerbrochen. In dem dunklen Rahmen hat eine Spinne ihr Netz gespannt. Auch das ist schon lange her. Das Netz ist in Unordnung, die Spinne ist längst gestorben.

Er stößt die Tür auf … und springt zurück.

Keine Sekunde zu früh.

Dreck rieselt aus dem Sturzbalken.

Jerry Flanders geht weiter. Er braucht kein Streichholz anzureißen. Das fahle Licht der Sterne fällt durchs offene Dach. Es ist hell in der Küche und in den Schlafräumen.

Da steht noch sein Bett. Es riecht nach Staub. Nicht mehr nach Moder. Die trockene Sonne von Colorado hat die Fäulnis verjagt. Die Holzwürmer haben sich durchgefressen.

Er stößt mit dem Fuß an ein Brett. Es fällt zusammen und wirbelt Dreck auf.

Jerry Flanders‘ Bett existiert nicht mehr. Nur noch die Stelle, an der es gestanden hat.

Er geht hinaus.

Cathleen steht draußen.

„Hier gibt‘s kein Dach, Jerry!“

„Kein Dach und keinen Orson Brand. Ich weiß nicht, was von beidem besser ist … Ich glaube, ich hätte ihn umgebracht, wenn er hier gesessen hätte.“

Cathleen weiß nicht, was sie davon halten soll. Jerry redet viel. Er redet sich vier versäumte Jahre von der Seele. Aber wie er mit Orson Brand umspringen will, das klingt nach einem größenwahnsinnigen Jüngling. Dabei ist er siebenundzwanzig, kerngesund und stark.

Bloß, dass ihm der rechte Arm fehlt …

„Lass uns reiten, Jerry“, sagt sie plötzlich.

„Wir schaffen es. Gleich ist Mitternacht. Bis zum Morgen sind wir weit weg.“

„Über die Grenze, meinst du, wie?“

„Genau – Über irgendeine Grenze.“

„Die Geographie hast du dir gemerkt, well. Eine gescheite Schwester bist du. Wenn wir nach Kimball reiten, sind wir in Nebraska. Oder denkst du an Cheyenne? Dann wären wir in Wyoming.“

„Ich denke, dass wir ein neues Leben anfangen könnten …“

Sie ist plötzlich größer geworden und nicht mehr die kleine Cathleen Flanders, die mit dreizehn ihre Eltern verlor und seitdem nicht mehr weiß, wohin sie gehört.

Jerry sieht, dass sie Mut hat, dass sie an seinen rechten Arm denkt, den es nicht mehr gibt. Den Mut hat sie selbst, und die Angst hat sie für ihn – für den Krüppel Jerry Flanders.

„By Gosh, Cathy, du weißt nicht, was du redest. Ich bin zurückgekommen und mache dir ein Dach auf der Flanders Ranch. Was anderes gibt es nicht.“

„Jerry, spiel nicht den …“

Sie bricht ab.

„Sprich weiter!“, drängt er. „Was sollte ich wohl spielen?“

„Du schaffst es nicht, Jerry. Bitte, lass uns reiten! Ich flehe dich an!“

Jerry Flanders wird hart.

„Ich bin nicht dein Geliebter. Ich bin nur dein Bruder“, sagt er. „Ich bin ein Flanders wie du. Ich war vier Jahre weg. Und du warst ein Kind. Das ist dasselbe. Hier fangen wir von vorne an, verstehst du?“

„Jerry!“, schreit sie.

„Schon gut! Für dich bin ich ein Fremder. Du hast mich entsprechend empfangen. Du kennst nur die Frage nach der Flanders Ranch, und hier ist die Antwort: Du hast einen Haufen Trümmer gefunden, und jetzt willst du weglaufen. Du hast einen Menschen getötet, Cathleen Flanders!“ Sie ist wie zu Eis erstarrt.

Das ist eine Frechheit! Dieser einarmige Krüppel klagt sie an. Vier Jahre ist er weg gewesen. Genau die Jahre, in denen man ihn hier gebraucht hätte.

„Du bist ein stinkender Coyote“, stößt sie hervor. „Erzähle mir bloß, wie eine Frau ihren Mann zu stehen hat! Ich hab‘s gelernt inzwischen, ich habe herumgehorcht. Ich bin drei Jahre allein gewesen. Und ich habe Brad Lorman aus den Stiefeln geschossen. In Notwehr, denn er zog zuerst. Mir kannst du nichts anhängen, Bruder!“

„Ich denke nicht im Traum daran, Cathy. Ich will nur, dass du vernünftig wirst, und dass wir zusammenhalten.“

„Nun, dann ist ja alles klar. Vor dem Sheriff habe ich keine Angst, wenn du das denkst. Mir geht es nur um einen gewissen Jerry Flanders, der es sich in den Kopf gesetzt hat, für mich geradezustehen. Deine Schusshand hast du ehrlich verloren, das will ich zugeben, obwohl ich nicht weiß, was dahintersteckt. Aber ich sehe, wer du bist.“

„Wenn du es siehst, dann müsste ich endlich vernünftig mit dir reden können.“

Danach gibt es nur die Nacht.

„Reden?“, fragt sie mit seltsamer Stimme.

Sie schweigen.

Sie haben beide so viel zu sagen, dass keiner das richtige Wort weiß. Und deshalb schweigen sie.

Sie meint, ich wäre ein Krüppel, denkt Jerry.

Er meint, ich wäre ein unmündiges Kind, denkt Cathleen.

Sie stehen lange zusammen und denken.

Jerry beginnt wieder.

„Hm, Cathy, du kannst nach Wyoming oder Nebraska gehen. Wie du Lust hast. Aber ohne mich. Ich werde mit Orson Brand abrechnen. Oder mit der ganzen Stadt. Je nachdem, wie es sich ergibt. Ich habe eine sichere Hand.“

„Überschätze dich nicht, Jerry! Du sinnst nur auf Rache, und das macht dich blind.“

„Willst du keine Rache?“

„Ich will unser Recht!“

„Das ist dasselbe.“

Er nimmt ein Stück Holz, das er aus der Hauswand gebrochen hat. Es ist so groß wie seine Handfläche. Er zeigt es ihr, nimmt sie an der Hand und zerrt sie über den Hof.

Cathleen hat das nicht gem. Sie reißt sich los und bleibt stehen.

„Ich komme von allein mit, wenn ich es will“, sagt sie trotzig. Er dreht sich um und macht die zwei Schritte zu ihr zurück.

„Pass auf, Cathy! – Du hast mich eben einen Coyoten geschimpft. Nur weil es dir gerade in den Kopf kam. Ich mach mir nichts daraus, weil ich weiß, dass du es nicht so meinst. Aber jeder andere ist nicht so nachsichtig. Wenn du dich nicht besser in der Gewalt hast, solltest du doch lieber nach Nebraska gehen.“

Plötzlich liegt sie wieder an seiner Brust und weint. Er will ihr Haar streicheln, aber dann zuckt die Hand zurück. Behutsam drückt er sie von sich.

„Auch das ist ein Zeichen von Laune. Bei mir kannst du weinen, soviel wie du willst. Aber nur bei mir! – Wirst du das durchhalten?“

Sie wischt sich die Tränen mit dem Ärmel ihres Hemdes ab.

„Du kannst dich auf mich verlassen, Jerry. Ich bleibe in Grover. Und ich werde tun, was du willst.“

„So ist es nun auch wieder nicht gemeint.“

„Lass nur. Es ist besser so.“

Er zuckt mit der Schulter, dreht sich um und geht zum Stall hinüber. Die Tür steht offen und hängt nur noch an einem Scharnier. Sie hängt außerdem schief. Vorsichtig geht er weiter und reißt ein Streichholz an.

Auch hier ist das Dach eingestürzt. Aber nur zur Hälfte.

Er nimmt einen Stein auf und schleudert ihn unter die Dachsparren. Etwas Staub rieselt herab, aber die Balken halten. Trotzdem ist er misstrauisch.

„Wir haben noch ein Dach. Morgen werde ich‘s nachsehen. Diese Nacht werden wir im Freien schlafen. Einverstanden?“

Cathleen nickt.

Jerry pfeift nach Yellow. Der kommt gehorsam herangetrabt. Cathleens Pferd folgt ihm. Sie satteln ab und machen ihr Lager an der Wand des Stalles fertig.

Sie sind müde. Trotzdem können sie nicht sofort einschlafen.

„Was machst du morgen?“, fragt Cathy nach einer langen Pause.

Details

Seiten
130
Jahr
2021
ISBN (eBook)
9783738951806
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v1004173
Schlagworte
einarm-jerry

Autor

Zurück

Titel: Einarm-Jerry