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Der Mann, der nicht sterben sollte: N.Y.D. – New York Detectives

2021 96 Seiten

Zusammenfassung


Barry King überfällt mit seinen beiden Komplizen eine Apotheke und schlägt dort den Besitzer nieder. Der schafft es noch, die Alarmanlage zu betätigen, so dass sich die Drei beeilen müssen, um zu verschwinden. Womit sie nicht rechnen, dass jemand dem Apotheker zu Hilfe eilt. Barry King erschießt diesen Mann.
Das ganze Geschehen beobachtet Dr. Quinlan. Und der ist fest entschlossen, der Polizei alles zu erzählen, damit die Täter so rasch wie möglich dingfest gemacht werden. Was er jedoch nicht weiß, ist, wer Barry ist …

Leseprobe

Table of Contents

Der Mann, der nicht sterben sollte: N.Y.D. – New York Detectives

Copyright

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Der Mann, der nicht sterben sollte: N.Y.D. – New York Detectives

Krimi von A. F. Morland

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 96 Taschenbuchseiten.

 

Barry King überfällt mit seinen beiden Komplizen eine Apotheke und schlägt dort den Besitzer nieder. Der schafft es noch, die Alarmanlage zu betätigen, so dass sich die Drei beeilen müssen, um zu verschwinden. Womit sie nicht rechnen, dass jemand dem Apotheker zu Hilfe eilt. Barry King erschießt diesen Mann.

Das ganze Geschehen beobachtet Dr. Quinlan. Und der ist fest entschlossen, der Polizei alles zu erzählen, damit die Täter so rasch wie möglich dingfest gemacht werden. Was er jedoch nicht weiß, ist, wer Barry ist …

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER STEVE MAYER

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

„Seid ihr soweit?“, fragte Barry King seine beiden Komplizen. „Kann’s losgehen?“

Sie standen in einer schmalen Gasse. Hinter ihnen versperrte ein Maschendrahtzaun den Durchgang. Dahinter war haufenweise Müll über den Boden verstreut, für den sich niemand zuständig fühlte.

Ein Paradies für Ratten.

Und als Ratten konnte man auch die drei Jugendlichen bezeichnen, denn ihre Absicht war es, die gegenüberliegende Apotheke zu überfallen.

„Von mir aus kannst du das Startzeichen geben, Boss“, sagte Josh Calembo. Er ordnete sich gern unter, und Barry King hörte es wahnsinnig gern, wenn einer Boss zu ihm sagte. Er hatte ein enormes Geltungsbedürfnis.

„Also dann“, sagte King. „Packen wir’s!“

Matt MacFadden zog die Kanone aus dem Gürtel. King hatte sie ihm verschafft.

„Noch nicht“, sagte Barry King ärgerlich. Er legte die Hand auf MacFaddens Arm und schüttelte unwillig den Kopf. „Hast du nicht alle Tassen im Schrank, Junge? Du kannst doch nicht einfach mit ’ner Kanone in der Faust die Straße überqueren.“ MacFadden schob die Waffe wieder an ihren Platz. Barry King seufzte. „Ich hätte dich nicht mitnehmen sollen. Du taugst nichts.“

„Aber ja“, beschwichtigte ihn Josh Calembo. „Lass ihn erst mal warmlaufen, Boss, dann wird er schon spuren.“

King stieß die,Luft geräuschvoll aus. Er war groß, überragte seine Komplizen um einen Kopf. Er sah auch gut aus, hatte kastanienbraunes Haar und himmelblaue Augen. Man hätte beinahe meinen können, er könnte kein Wässerchen trüben. Aber nun war er dabei, dieses Image gründlich zu zerstören.

„Wir plündern die Kasse und das Suchtgiftlager, und dann nichts wie weg“, sagte er.

„Das haben wir schon gut ein dutzendmal besprochen“, sagte Calembo.

„Einmal mehr schadet nicht. Überhaupt bei so ’nem Hohlkopf wie diesem.“ King wies geringschätzig auf MacFadden. „Sollten wir auf unerwartete Schwierigkeiten stoßen, dann versucht jeder auf eigene Faust seine Haut zu retten.“

„Ist alles klar“, sagte Calembo.

„Gut“, sagte King. Er musterte Matt MacFadden mit einem letzten Blick. Dann gab er das Zeichen, und sie setzten sich in Bewegung.

Irgendwo hatten sie’s abgeguckt. Vielleicht im Kino. Oder vom Fernsehen.

Beinahe würdevoll gingen sie das Verbrechen an. Ihr erstes dieser Art. Natürlich hatten sie schon vorher kleine Dinger gedreht, aber so etwas noch nie, und Barry King war der Ansicht gewesen, dass es dafür endlich an der Zeit war. Man muss vorwärtsstreben, wenn man im Leben etwas erreichen will. Für Barry King hatte dieser Wahlspruch diesseits und jenseits der Gesetze seine Gültigkeit.

Natürlich war auch er bewaffnet. Er besaß sogar die größte Kanone von allen. Schließlich fühlte er sich als Boss der Mini-Gang.

Er war nervös, als er die Fahrbahn überquerte, aber er ließ es sich nicht anmerken. Josh und Matt sollten denken, dass er weit über der Sache stand, dass er davon überzeugt war, richtig und effektvoll zu handeln.

Die Apotheke war nicht groß. Ein unscheinbarer Laden. Das Portal war so alt wie der Besitzer. Gerade deshalb hatte sich King für dieses „Pillen-Geschäft“ entschieden.

Als Erster erreichte er die gegenüberliegende Straßenseite. Er sah sich unauffällig um. Ein Wagen fuhr die Straße entlang, kam an ihnen vorbei, rollte weiter. Der Fahrer würdigte sie keines Blickes. Barry King atmete tief durch. Dann griff er nach der Messingklinke und drückte die Tür auf. Zu dritt traten sie ein.

Der Laden war nicht übersichtlich angeordnet. Es gab mehrere Regale, hinter denen man sich verstecken konnte. Vom Apotheker war nichts zu sehen, obwohl die aufschwingende Tür eine kleine Glocke in Bewegung gesetzt hatte.

King wurde unsicher. Mit dieser Situation hatte er nicht gerechnet.

„He!“, rief er.

Hinter einem der Regale trat ein grauhaariges Männchen hervor. Sein Gesicht war faltig, der Hals ebenfalls, die Gestalt leicht nach vorn gebeugt und mager. Eine Nickelbrille saß auf der scharfkantigen Nase.

„Sie wünschen?“, fragte der Apotheker.

„Den ganzen Zaster, der sich in deiner Kasse befindet, Opa“, sagte King und zog seine Kanone. „Ich rate dir, zu spuren, sonst mache ich dir ein Loch in die Figur.“

Josh Calembo und Matt MacFadden zauberten ebenfalls ihre Waffen hervor. Der alte Apotheker wurde blass. Barry King nahm ihm die Brille von der Nase, ließ sie auf den Boden fallen und trat darauf. Das Glas knirschte.

„Warum haben Sie das getan?“, fragte der alte Mann.

„Damit du uns nicht so gut sehen kannst“, erwiderte King grinsend.

Sie hatten lange diskutiert, ob sie mit oder ohne Masken auftreten sollten.

MacFadden war für die Maske gewesen. Natürlich Matt, denn er war feige. Josh Calembo und Barry King hatten sich jedoch gegen die Maske entschieden. Sie wollten nicht darunter schwitzen, und da sie in dieser Gegend keiner kannte, sahen sie keine Notwendigkeit, sich zu maskieren.

„Los, los, Alter!“, knurrte King ungeduldig. „Komm aus den Startlöchern, sonst mach' ich dir Beine!“ Er versetzte dem Apotheker einen Stoß. Der Mann taumelte hinter das Verkaufspult zur Kasse. King folgte ihm. „Öffnen!“, verlangte er.

Der Apotheker kam seiner Aufforderung nach. Sobald die Kasse offen war, griff er nach der kleinen Astra Pistole, die er neben dem Geld aufbewahrte.

Aber King hatte gute Augen. Ihm entging nicht, was der Alte tun wollte. Wut wallte in ihm hoch. Er schlug mit der Kanone zu. Der Apotheker ächzte, verzerrte das Gesicht und ging zu Boden. Aber er war nicht sofort bewusstlos.

Während sich Barry King und seine Komplizen auf das Geld stürzten, löste der Alte die Alarmanlage aus. Darauf reagierte Matt MacFadden mit Panik.

„Ach, du Schreck!“, stieß er entsetzt hervor.

„Schmeiß jetzt nur nicht die Nerven weg!“, riet ihm King.

„Die Alarmanlage ... Wir müssen weg, Barry!“, keuchte MacFadden.

„Matt hat recht“, sagte Josh Calembo. „An die Drogen kommen wir jetzt nicht mehr.“

Kings Augen wurden schmal. Er richtete seine Waffe auf den Alten.

„Der verfluchte Hund ...“

„Lass ihn, Boss!“, sagte Calembo.

„Ich hätte Lust, ihn umzulegen.“

„Wir werden uns ein andermal dafür revanchieren, okay?“

Die drei Jugendlichen eilten zur Tür. Zweitausend Dollar hatten sie erbeutet. King war unzufrieden. Aber daran ließ sich nun nichts mehr ändern.

Draußen schrillte die Alarmglocke.

Und es reagierte auch jemand darauf.

Ein junger Mann, Anfang dreißig, in Sweater und verwaschenen Jeans. Blond gelockt und braungebrannt. Ein Dockarbeiter. Mit Fäusten, die so manchen Zahn einschlagen konnten. Mit Händen, die hart zupacken konnten.

Keine Sekunde dachte der Mann daran,, dass er sein Leben aufs Spiel setzte. Jemand hatte den Apotheker überfallen, und er wollte dem Mann helfen. Das war wichtig. Alles andere stellte er hintenan.

Mit langen Sätzen rannte er den Bürgersteig entlang. Die drei jugendlichen Verbrecher traten aus der Apotheke. Als Matt MacFadden den Dockarbeiter sah, prallte er zurück. Auch Calembo war für einen Moment ratlos.

Jetzt konnte sich Barry King hervortun und den andern zeigen, dass sie kleine Lichter gegen ihn waren. Er nutzte die Chance. Sein Revolver zuckte hoch. Er zielte nicht lange, hatte gar nicht die Absicht, den Anstürmenden zu töten. Er wollte ihn bloß stoppen. Aber er drückte zu überhastet ab. Vielleicht verriss er die Waffe auch geringfügig. Sofort löste sich krachend der Schuss.

Und der Mann rannte nicht mehr weiter. Die Kugel stieß ihn zurück. Er presste beide Hände gegen die Brust. Blut war zwischen seinen Fingern zu sehen, und als er lang auf dem Asphalt aufschlug, lebte er nicht mehr.

Barry King hatte seinen ersten Mord begangen ...

 

 

2

Die drei jugendlichen Verbrecher wussten nicht, dass es einen Augenzeugen gegeben hatte: Dr. Paul Quinlan. Er hatte alles mit angehört und mit angesehen. Als Barry King mit seinen Freunden in die Apotheke gekommen war, hatte Dr. Quinlan mit dem Apotheker hinter dem Regal gestanden.

Als der Raub dann über die Bühne ging, hatte Dr. Quinlan keine Veranlassung gesehen, hinter dem Regal hervorzutreten. Im Gegenteil. Mucksmäuschenstill hatte er sich verhalten, damit die Verbrecher nichts von seiner Anwesenheit mitkriegten. Jetzt kam er zum Vorschein.

Sein Gesicht war wächsern, und er zitterte. Der Überfall hatte ihn geschockt. Als draußen der Schuss gefallen und der Dockarbeiter zu Boden gestürzt war, hatte Dr. Quinlan das Gefühl gehabt, ein Messer würde ihm tief unter die Haut dringen.

Er war nicht groß, hatte einen grauen Seehundbart und eine Halbglatze. Seine Augen blickten im Moment ruhelos. Zögernd setzte er seine Schritte. Er brauchte einige Sekunden, um sich wieder zu fassen.

Die jugendlichen Raubmörder waren inzwischen verschwunden. Dr. Quinlan fasste sich ein Herz und eilte zu dem bewusstlosen Apotheker.

Draußen machte die Alarmanlage immer noch Radau. Quinlan hoffte, dass er bald Unterstützung kriegen würde. Er sank neben den Apotheker auf die Knie, fühlte dessen Puls.

„Mister Stringer“, sagte er mit belegter Stimme. „Mister Stringer!“ Er tätschelte die Wangen des Mannes. „Mister Stringer!“

Der Apotheker kam nicht zu sich. Dr. Quinlan stand auf. Er blickte sich um. Seine Augen streiften das Telefon. Er griff nach dem Hörer und wählte den Polizeinotruf.

„Hallo!“, rief er aufgeregt, als die Verbindung zustande gekommen war. „Ich habe ein Verbrechen zu melden.“

„Was ist passiert, Sir?“

„Raubüberfall. Drei jugendliche Verbrecher haben Mister Stringer, den Apotheker, überfallen. Sie haben die Kasse ausgeraubt, Stringer niedergeschlagen und auf einen jungen Mann geschossen, der zu Hilfe eilen wollte. Der Mann liegt draußen auf dem Gehsteig. Ich glaube, er ist tot.“

„Wie ist Ihr Name, Sir?“

„Quinlan. Doktor Paul Quinlan.“

„Und die Adresse der Apotheke?“ Quinlan nannte sie. „Darf ich Sie bitten, am Tatort zu bleiben, Doktor Quinlan?“

„Selbstverständlich, Officer.“

„Und Sie verändern nichts.“

„Natürlich nicht.“

„Ich schicke sofort einen Wagen“, versprach der Mann am anderen Ende der Leitung.

Paul Quinlan legte auf. Er verließ kurz die Apotheke, um nach dem Angeschossenen zu sehen. Mit einem Blick stellte er fest, dass er für diesen Mann nichts mehr tun konnte. Daraufhin kehrte er in die Apotheke zurück und kümmerte sich wieder um Mr. Stringer. Während er versuchte, die Lebensgeister des Apothekers wiederzuerwecken, überschlugen sich in seinem Kopf die Gedanken.

Er würde eine Aussage machen müssen, und er versuchte rechtzeitig, Ordnung in seine wirren Gedanken zu bringen. Nichts durfte vergessen werden. Die kleinste Kleinigkeit konnte für die Cops wichtig sein. Dr. Quinlan war entschlossen, nichts für sich zu behalten, denn nur wenn er den Polizeibeamten alles erzählte, bestand für diese die Möglichkeit, die Täter so rasch wie möglich dingfest zu machen.

Diese verbrecherischen Jugendlichen hatten kein Recht, frei herumzulaufen. Je eher sie eingesperrt wurden, desto besser. Dann blieben andere Menschen vor ihnen verschont.

Als der Streifenwagen eintraf, schlug der Apotheker endlich die Augen auf ...

 

 

3

Wilkie Lenning öffnete die Tür. Der schlanke, beinahe hagere junge Mann lächelte die zarte brünette Frau, die er mitbrachte, aufmunternd an. Sie sah aus, als hätte sie geweint. Da sie nervös war, nestelte sie fortwährend an der Jacke ihres dunkelblauen Kostüms herum. Obwohl sie kaum geschminkt war, sah sie hübsch aus.

June March - Bount Reinigers Sekretärin - hob den Kopf, als die brünette Frau in das Vorzimmer der Detektei trat. Die blonde June schätzte die Brünette auf höchstens zweiundzwanzig.

„Hallo, June“, sagte Wilkie.

„Tag, Wilkie. Dass man dich auch mal wieder sieht.“

„Darf ich dir Missis Pauline Woolf vorstellen? Pauline, das ist June March. Ein Goldstück.“

„Seit wann bist du unter die Schmeichler gegangen?"

Wilkie zuckte mit den Schultern.

„Manchmal habe ich so eine Ader.“

„Die leider bald wieder versiegt“, sagte June.

„Ist der Chef da?“, erkundigte sich Wilkie.

„Ja. Er telefoniert gerade mit dem Staatsanwalt."

„Hoffentlich ist er danach noch ansprechbar.“

„Brauchst du was von ihm?“

„Hilfe“, sagte Wilkie Lenning. „Das heißt, eigentlich möchte Pauline seine Hilfe in Anspruch nehmen. Ihr Mann wurde erschossen. Von Jugendlichen, die eine Apotheke überfallen haben.“

„Brian, mein Mann, wollte dem Apotheker zu Hilfe eilen“, sagte Pauline Woolf heiser. „Da haben diese Gangster ihn eiskalt abgeknallt.“

June senkte den Blick.

„Das tut mir leid. Ich habe davon in der Zeitung gelesen.“

„Pauline hat mit Brian alles verloren, was für sie im Leben einen Wert gehabt hat“, sagte Wilkie Lenning. „Ich bin mit ihnen seit vielen Jahren befreundet. Brian und ich saßen oft in der ,Blauen Eule‘ zusammen. Er war ein patenter Kerl. Ich kann verstehen, dass Pauline nun nur einen einzigen Wunsch hat ...“

„… dass die Mörder ins Zuchthaus kommen!“, sagte Pauline Woolf hart.

Die Tür von Bount Reinigers Allerheiligstem öffnete sich. Der Privatdetektiv trat heraus.

Er wirkte an diesem Tag besonders vital, und er machte einen äußerst zufriedenen Eindruck. Das bedeutete, dass das Telefonat mit dem Staatsanwalt so verlaufen war, wie er sich das vorgestellt hatte. Wilkie ging auf ihn zu.

„Bount, das ist Missis Pauline Woolf. Wenn du schon einen Blick in die Zeitung geworfen hast, dann weißt du, wen du vor dir hast.“

Bount nickte. Er reichte der jungen Frau die Hand. Ihr Händedruck war leicht und zaghaft. Sie war sehr unsicher.

„Was kann ich für Sie tun, Missis Woolf?“, fragte er. Er machte dabei eine einladende Handbewegung. Pauline ging zum Besucherstuhl und setzte sich. Wilkie Lenning ließ sie nicht allein. Er stellte sich hinter sie. Bount bat seine Detektiv-Volontärin, Kaffee zu kochen. Er setzte sich an seinen Schreibtisch.

„Pauline möchte, dass die Mörder ihres Mannes ihre gerechte Strafe kriegen. Bount“, sagte Wilkie Lenning, als wäre er der Anwalt der jungen Witwe.

„Das kann ich verstehen“, sagte Bount.

„Sie würde dich gern engagieren“, sagte Wilkie.

„Einverstanden.“

„Da gibt es nur ein Problem, Bount.“

„Und zwar welches?“

„Pauline hat nicht so viel Geld. Die Beerdigung wird eine Menge verschlingen. Die Ersparnisse, die Brian und Pauline gehabt haben, gingen vor zwei Monaten für eine Bandscheibenoperation drauf, die an Brians Vater durchgeführt werden musste.“

Bount winkte ab.

„Geld ist nicht alles im Leben, Missis Woolf.“

Wilkie Lenning lächelte.

„Habe ich dir nicht gesagt, Bount wird den Fall auch so übernehmen, Pauline? Sie hatte Angst, du würdest sie hinauswerfen.“

„Was haben Sie denn für eine Meinung von mir, Missis Woolf?“, fragte Bount.

„Nun ja“, sagte Pauline verlegen. „Man liest häufig in der Zeitung von Ihnen, Mister Reiniger. Sie sind eine ganz große Nummer in der Branche, und Ihre Honorare ...“

„Die halten sich in Grenzen“, fiel Bount Reiniger der jungen Witwe ins Wort. „Ich bekomme oft auch Prämien, wo genug Geld vorhanden ist. Das ermöglicht es mir dann, hin und wieder Fälle wie diesen zu übernehmen."

June brachte den Kaffee.

Bount bat sie, für ihn herauszufinden, wer die polizeilichen Untersuchungen dieses Mordfalles leitete. Zehn Minuten später wusste er es. Es war sein guter alter Freund Captain Toby P. Rogers.

 

 

4

Bount hatte Toby zum Essen eingeladen, und der gewichtige Leiter der Mordkommission Manhattan C/II hätte krank sein müssen, wenn er abgelehnt hätte. Da alles auf Bounts Rechnung ging, aß Toby alles, was gut und teuer war, und was er sich von seinem Beamtengehalt nicht leisten konnte oder besser gesagt nicht wollte.

„Wenn du so weiter isst, muss ich anschreiben lassen“, sagte Bount grinsend.

„Hör mal, eine Portion Vanilleeis mit sauren Kirschen muss doch noch drin sein, oder?“

„Wo isst du das eigentlich alles hin, Mann?“

Der Captain klopfte sich mit beiden Händen auf den Bauch.

„In meinen Container geht allerhand rein.“

„Bei deinem gesegneten Appetit sollte man dir zwei Gehälter bezahlen.“

„Sag’ ich auch. Aber mit diesem Vorschlag bin ich noch auf keine Gegenliebe gestoßen.“

Nachdem Toby auch das Eis verdrückt hatte, ohne mit der Wimper zu zucken, ließ er sich von Bount eine Pall Mall anbieten. Sie rauchten.

„Weißt du, wer heute Morgen bei mir war?“, fragte Bount.

„Wie soll ich das?“, fragte Toby zurück.

„Pauline Woolf“, sagte Bount Reiniger.

Der Captain nickte. Er wusste Bescheid.

„Hat sie dich engagiert?“

„Ja.“

„Scheint nicht gerade besonders begütert zu sein, die Dame.“

„Ich arbeite gratis.“

„Das kannst du dir leisten?“

„Nicht, wenn ich dich in diesem Monat noch mal zum Essen einladen müsste“, sagte Bount Reiniger schmunzelnd. „Da wir beide wieder einmal am selben Strang ziehen, dachte ich, wir setzen uns zusammen und reden über das Problem.“

Der Captain lächelte verschmitzt.

„Mit anderen Worten, du bist mal wieder scharf auf ein paar Informationen.“

„Ich könnte sie mir auch anderswo beschaffen, aber das würde mich zu viel Zeit kosten, und da du mein Freund bist ...“

„Wer sagt das?“

„Hör zu, Toby, ich habe nicht die Absicht, in diesem Fall mit dir um die Wette zu rennen. Es ist mir im Grunde genommen gleichgültig, wer das Ziel als Erster erreicht. Hauptsache, einer von uns erreicht es überhaupt, okay? Ich habe auch nicht die Absicht, dich in irgendeiner Weise bei der Arbeit zu behindern. Du tust deinen Job, ich tu' meinen. Und am Ende sollte der Mörder von Brian Woolf im Gefängnis sitzen. Sag mir, was du weißt, damit ich aufschließen kann. Dann krempeln wir die Ärmel hoch und packen die Geschichte so an, wie wir es uns vorstellen.“

Der Captain zog an seiner Zigarette. Er lehnte sich zurück.

„Na schön“, sagte er. „Dann will ich dir mal verraten, dass es in diesem Fall nicht mehr allzu viel zu tun gibt. Wir haben einen Augenzeugen.“

„Doktor Quinlan“, sagte Bount Reiniger. „Das weiß ich aus der Zeitung."

„Er wird die Täter identifizieren, sobald wir sie haben.“

„Was hindert euch daran, sie euch sofort zu schnappen?“

„Sie sind untergetaucht. Die Fahndung läuft.“

„Kennt ihr schon die Namen der Raubmörder?“

„Doktor Quinlan gab uns nicht nur erstklassige Beschreibungen. Er konnte uns auch zwei Vornamen nennen, die in der Apotheke gefallen waren.“

„Lass hören", verlangte Bount.

„Barry und Matt. Mit Hilfe der Beschreibungen fiel es uns leicht, herauszufinden, dass es sich um Matt MacFadden und Barry King handelt. Und das wiederum ließ uns zu dem Schluss kommen, dass der dritte Verbrecher nur Josh Calembo sein kann. Dieses Trio sah man in letzter Zeit immer zusammen.“

Bount streifte die Asche von seiner Zigarette. Er wiegte den Kopf.

„Barry King“, sagte er. „Der kleine Bruder des großen Gangsterbosses Eli King.“

Toby nickte. „Du sagst es.“

„Der Kleine ist flügge geworden, was?“

„Ja. Leider.“

„Und schon versucht er in die Fußstapfen seines Bruders zu treten“, sagte Bount Reiniger.

„Seinen ersten Mord hat er bereits begangen.“

„Hat er auf Brian Woolf geschossen?“

„Ja. Doktor Quinlan hat es gesehen. Mir ist bekannt, dass Barry King gern Aufnahme in der Gang seines Bruders gefunden hätte. Aber Eli King hat ihn eiskalt abblitzen lassen. Er machte dem Jungen klar, dass er noch zu grün dafür ist. Nun will ihm Barry das Gegenteil beweisen. Er möchte ihm zeigen, dass er sehr wohl schon auf eigenen Beinen stehen kann.“

„Was wird Eli King jetzt tun?“, fragte Bount.

Toby zuckte mit den Schultern.

„Zunächst wird er toben.“

„Und danach?“

„Wird er alles daransetzen, damit Barry nicht ins Zuchthaus kommt. Ich könnte mir vorstellen, dass uns Eli King demnächst eine Menge Ärger bescheren wird. Barry ist trotz allem sein Bruder. Wenn er auch nicht billigt, was der Junge getan hat, so wird er doch nicht zulassen, dass wir ihn einsperren. Das wäre nicht gut für seinen Ruf.“

„Glaubst du, er weiß, wo Barry steckt?“, fragte Bount.

„Barry wird sich nicht sofort an ihn um Hilfe wenden, das ist klar. Er wird zuerst versuchen, mit seinem Problem allein fertigzuwerden. Erst wenn ihm das Wasser bis zum Hals reicht, wird er zu Eli King gehen.“

„Eli wird wohl kaum warten, bis das Wasser so hoch gestiegen ist“, sagte Bount.

Toby nickte.

„Es bleibt ihm also nichts anderes übrig, als sich an der Suche nach Barry zu beteiligen.“

„Dann wünsche ich dir, dass Eli Kings Männer dir dabei nicht über den Weg laufen“, meinte Bount Reiniger.

„Dasselbe wünsche ich dir.“

Bount drückte die Pall Mall im Aschenbecher aus.

„Möchtest du noch einen Kognak?“

„Wenn es dein Budget nicht zu sehr überlastet.“

„Ich melde mich hinterher in der Küche zum Tellerwaschen. Du kannst gern mitkommen.“

„Haben die hier denn noch keinen Geschirrspüler?“

Bount nickte.

„Damit erleichtern sie mir meine Arbeit ungemein.“ Er winkte den Kellner und orderte zwei französische Kognaks. „Doktor Paul Quinlan ist eigentlich der wichtigste Mann in diesem Spiel. Der Kronzeuge der Staatsanwaltschaft. Der Apotheker konnte die Verbrecher ja nicht beschreiben. Nur wenn Quinlan Barry King und seine Freunde vor Gericht identifiziert, müssen sie in den Knast.“

„Das ist richtig“, bestätigte Captain Rogers.

„Wenn Quinlan umfällt, muss der Richter die Bande freisprechen“, sagte Bount.

„Warum sollte Quinlan denn umfallen?“

„Auch Eli King weiß, wie wichtig die Aussage dieses Mannes ist, Toby. Er könnte ihn unter Druck setzen. Sollte das nichts nützen, könnte er ihn umlegen lassen. Ich hoffe, ihr habt ein Auge auf ihn.“

Toby schüttelte den Kopf.

Der Kognak kam. Als der Kellner sich entfernt hatte, schüttelte der Captain noch einmal den Kopf.

„Wir können auf Quinlan nicht aufpassen.“

„Wieso nicht?“

„Ich habe nicht genug Leute, Bount.“

„Dann werde ich mich um dieses Juwel kümmern. Wir können es uns nicht leisten, dass ihm etwas zustößt.“

 

 

5

Eli King hatte bereits einen Mann in Marsch gesetzt. Der Kerl sah nicht gerade vertrauenerweckend aus. Mit seinem Gesicht konnte er den mutigsten Hund erschrecken. Seine Wangen waren hohl und von Pockennarben entstellt, und er war in einschlägigen Kreisen dafür bekannt, dass es ihm nicht das Geringste ausmachte, einen Menschen zu töten.

Doch Mord war noch nicht sein Auftrag.

Noch nicht!

Zuerst sollte gesprochen werden. Wenn das nichts half, konnten härtere Töne angeschlagen werden. Und wenn auch diese nicht zum gewünschten Erfolg führten, würde Eli Kings Daumen nach unten weisen.

Dr. Quinlan wohnte in der Nähe des Battery Park. Kings Mann kam mit der U-Bahn. In Bowling Green stieg er aus. Nun war es nicht mehr weit bis zu der Straße, in der Quinlan zu Hause war. Er schlenderte die Beaver Street entlang, blieb vor einer Auslage stehen, die gerade umgestaltet wurde, und betrachtete das hübsche Mädchen, das dabei war, die nackten Schaufensterpuppen anzuziehen.

Als sie merkte, dass sie beobachtet wurde, drehte sie den Kopf. Der Pockennarbige grinste.

Das Girl erschrak und blickte rasch wieder weg, denn der Kerl war ihr nicht geheuer.

Kings Mann setzte seinen Weg fort.

Augenblicke später bog er in Quinlans Straße ein. Der Ausdruck seiner Augen veränderte sich. Kalt und mitleidlos wirkte sein Blick nun. Er war davon überzeugt, dass Quinlan ihm keine Schwierigkeiten machen würde. Wenn doch, dann konnte er einiges erleben.

Aber er hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Er kam eine Viertelstunde zu spät.

 

 

6

Bount Reiniger und Wilkie Lenning waren vor ihm schon da. Bount klingelte. Quinlan kam an die Tür. Die Vorlegekette rasselte. Der Mann war vorsichtig. Bount begrüßte das. Er zückte seine Lizenz.

„Sie wünschen?“, fragte Paul Quinlan.

„Mein Name ist Reiniger. Bount Reiniger. Ich bin Privatdetektiv, und dies ist mein Mitarbeiter Wilkie Lenning. Wir hätten einiges mit Ihnen zu besprechen. Es handelt sich um den gestrigen Überfall.“

Dr. Quinlan ließ sie ein. Er führte sie in den Livingroom und bat sie, Platz zu nehmen. Nachdem er sich ebenfalls gesetzt hatte, blickte er Bount Reiniger erwartungsvoll an.

„Ich weiß nicht, ob Sie sich der Tatsache bewusst sind, dass Sie über Nacht zu einem äußerst wichtigen Mann geworden sind, Doktor Quinlan“, begann Bount.

„Sie meinen für die Staatsanwaltschaft?“

„Genau“, sagte Bount. „Mit Ihnen steht und fällt die Anklage. Ich hoffe doch, Sie werden bei Ihrer ersten Aussage bleiben.“

„Ich sehe keinen Grund, sie zu revidieren.“

„Der Junge, der den Dockarbeiter erschossen hat, heißt Barry King. Sagt Ihnen der Name King etwas?“, fragte Bount.

„Ja, er hat einen verdammt schlechten Klang.“

„Sie meinen Eli King.“

„Sehr richtig.“

Details

Seiten
96
Jahr
2021
ISBN (eBook)
9783738951455
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (März)
Schlagworte
mann york detectives

Autor

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Titel: Der Mann, der nicht sterben sollte: N.Y.D. – New York Detectives