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Seh ich mein Kind nie wieder?

2021 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Seh ich mein Kind nie wieder?

Copyright

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Seh ich mein Kind nie wieder?

Arztroman von Sandy Palmer

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 120 Taschenbuchseiten.

 

Zuerst verlor die junge Ärztin ihren Mann und nun ihren Vater, der Chef der Schwarzenbeck-Klinik ist. Auf Dr. Monika Fischer lastet jetzt die ganze Verantwortung, denn sie ist nun die Leiterin der Klinik. Zu wenig Zeit hat sie für ihre kleine Tochter Steffi, die sich sehnlichst einen neuen Vater wünscht. Aber ist Oberarzt Dr. Kortner wirklich der Richtige oder doch eher eine anderer?

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER STEVE MAYER

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Mit elegantem Schwung beförderte Professor Georg Schwarzenbeck seinen Aktenkoffer auf den Rücksitz der schwarzen Limousine. Seine Bereitschaftstasche, die er immer mit sich führte, setzte der Arzt sorgfältiger ab. Dann ließ sich Professor Schwarzenbeck bequem hinter dem Steuer nieder.

Eine lange Fahrt lag vor dem berühmten Mediziner. Er sollte auf einem Chirurgenkongress in München einen Vortrag über Gefäßerkrankungen halten. Jetzt befand er sich auf der Reise nach Bayern.

Einen letzten Blick warf Georg Schwarzenbeck zurück auf seine Klinik, die inmitten eines gepflegten Parks lag. Der Arzt brauchte sich keine Gedanken darüber zu machen, dass während seiner Abwesenheit der Betrieb nicht reibungslos weiterlief. Seine Tochter war trotz ihrer Jugend schon eine ausgezeichnete Ärztin, die umsichtig zu handeln wusste. Außerdem stand ihr in Oberarzt Dr. Kortner ein bewährter Mediziner zur Seite.

Professor Schwarzenbeck betätigte den Winker und zog den großen Wagen in einer eleganten Kurve auf die Straße, die direkt zur Autobahn führte.

Doch nicht lange fuhr er so ruhig dahin. Plötzlich fühlte er ein leichtes Ziehen hinter dem Brustbein. Vorsichtshalber schaltete er in einen niedrigeren Gang, doch als die Beklemmung nicht sofort nachließ, öffnete er auch noch seinen Hemdkragen.

Noch fünfhundert Meter fuhr Professor Schwarzenbeck. Schon konnte er in der Ferne ein großes blaues Schild erkennen, das den Weg zur Autobahn wies. Der Arzt trat etwas stärker auf das Gaspedal, und die schwere dunkle Limousine wurde sofort schneller.

Jetzt war das Schild ganz nahe ...

In dieser Sekunde durchzuckte ein schrecklicher Schmerz die Brust des Professors. Seine linke Hand glitt vom Steuer, ihm wurde schwarz vor Augen.

Die schwarze Limousine schlingerte nach rechts. Das Schild mit der Aufschrift „Autobahn“ kam immer näher — und der Wagen des Professors raste genau darauf zu ...

Professor Schwarzenbeck spürte nicht mehr, dass ihm das Lenkrad den Brustkorb eindrückte, er hörte nicht mehr das Kreischen des Metalls, das Klirren der Scheiben. Er war bereits tot, als sein Wagen gegen das große Straßenschild prallte ...

 

 

2

In der Klinik Professor Schwarzenbecks schlug die Nachricht, dass der Klinikchef bei einem Angina-pectoris-Anfall den Tod gefunden hatte, wie eine Bombe ein. Zunächst drohte ein Chaos auszubrechen. Die junge Schwester, die an der Telefonzentrale saß und die Nachricht durchgegeben bekam, rannte kopflos durch die Halle, um Frau Dr. Fischer, die Tochter des Professors, zu suchen.

Der junge Dr. Joachim Barring, der gerade aus dem Ambulanzraum kam, fing sie ab.

„Was ist denn mit Ihnen los, Schwester Ute?“, fragte er. „Sie sehen aus, als sei Ihnen Frankenstein persönlich begegnet.“

„Der Professor ... er ist ...“, stammelte die junge Schwester.

„Was ist mit ihm?“, hakte der junge Assistenzarzt nach. „Soviel ich weiß, ist er vor einer halben Stunde zu einer Reise nach München aufgebrochen.“

„Stimmt.“ Die junge Schwester hatte sich inzwischen schon wieder etwas gefangen. Der Schock über diese Nachricht klang ab. Sie war in der Lage, das zu berichten, was man ihr am Telefon gesagt hatte. „Gerade ist ein Notruf durchgegeben worden. Kurz vor der Autobahn ist eine schwarze Limousine gegen einen Mast gerast. Unser Professor ...“ Sie brach ab. Erneut stieg das Schluchzen in ihre Kehle.

„Bringt man ihn her?“, erkundigte sich Dr. Barring sachlich, der trotz seines Erschreckens nicht die Nerven verlor.

„Der Unfallwagen ist schon unterwegs.“ Schwester Ute wischte sich energisch die Augen trocken. „Die Sanitäter haben natürlich sofort erkannt, wer der Fahrer war.“

„Lassen Sie in der Ambulanz alles klar machen“, ordnete der junge Arzt an, „und dann sorgen Sie dafür, dass Frau Dr. Fischer auf einer Station ist, wenn ihr Vater eingeliefert wird.“

„Ja, aber ... soll sie ihn denn nicht sehen?“ Schwester Ute verstand nicht sofort, was Dr. Barring mit seiner Anordnung bezweckte.

„Welchen Sinn hätte es, wenn sie sieht, wie ihr Vater eingeliefert wird? Der Schock wird noch groß genug sein. Und helfen kann sie ihm ja doch nicht. Dazu wäre sie gewiss viel zu aufgeregt.“

„Helfen kann unserem Herrn Professor sowieso niemand mehr“, murmelte da die junge Schwester Ute.

„Was sagen Sie da?“ Nun wurde Dr. Barring doch blass. „Er ist tot?“

Schwester Ute nickte nur. Doch plötzlich drehte sie sich um und hastete davon.

Zunächst wusste sich Dr. Joachim Barring dieses seltsame Verhalten nicht zu erklären, aber schon Sekunden später verstand er.

„Was ist denn mit Schwester Ute los?“, erkundigte sich eine schöne Frau im weißen Mantel und sah den jungen Arzt aus graugrünen Augen fragend an. „Sie rannte ja gerade völlig verstört an mir vorbei.“

Dr. Barring zwang sich mit aller Gewalt zur Ruhe.

„Sie ist im Moment etwas aufgeregt“, winkte er ab, „aber das gibt sich bald wieder.“

„Und welchen Grund hat diese Aufregung?“ Dr. Monika Fischer, seit anderthalb Jahren verwitwet, ließ nicht locker.

Als der junge Assistenzarzt merkte, dass er sie nicht mehr länger mit Ausreden abspeisen konnte, nahm er sie behutsam beim Arm und führte sie in ein kleines Wartezimmer, das um diese Zeit nicht besetzt war.

„Setzen Sie sich bitte, Frau Fischer“, bat er. Und als Monika widersprechen wollte, noch einmal: „Bitte, nehmen Sie Platz. Es ist besser.“

Und dann brachte er ihr so schonungsvoll wie möglich das Entsetzliche, was passiert war, bei.

Für einen Augenblick wirkte die junge Ärztin wie erstarrt. Zu viel war es, was in den letzten Jahren auf sie eingestürmt war. Zuerst der Verlust des geliebten Mannes, dann das Alleinsein mit ihrer kleinen Tochter, die den Vati so schnell nicht vergessen konnte — und jetzt der schreckliche Tod des Vaters, der in der letzten Zeit ihre einzige Stütze gewesen war und an den sich auch ihre Tochter geklammert hatte.

„Wann kann ich meinen Vater sehen?“, fragte sie endlich mit gepresster Stimme.

„Die Sanitäter, die eben angerufen haben, müssen gleich hier sein“, gab Dr. Barring Auskunft. „Man hat ihn natürlich sofort erkannt und uns Mitteilung gemacht.“

„Und weshalb hat man mich nicht persönlich verständigt?“

„Ich nehme an, um Sie zu schonen“, meinte Dr. Barring.

„Nennen Sie das, was mir das Schicksal auferlegt, Schonung?“, begehrte die junge Frau auf, und all ihre Qual und ihre Trauer machte sich in Tränen Luft.

Joachim Barring ließ sie weinen. Er wusste, es würde sie erleichtern und helfen, den Schmerz zu ertragen. Auch ihm war es lieber, wenn sie weinte. Die starre Haltung, die sie nach der Mitteilung des Unfalls eingenommen hatte, war ihm unheimlich gewesen.

Eine Weile ließ er sie noch weinen, dann legte er ihr die Hand auf die Schulter und sagte tröstend: „Ihr Vater hat wenigstens nicht leiden müssen. Er hat von dem Aufprall nichts mehr gemerkt. Vielleicht beruhigt es Sie auch zu erfahren, dass ihm ein langes Krankenlager erspart geblieben ist.“

„Wieso denn?“ Monika Fischer sah den jungen Arzt nicht begreifend an.

„Wussten Sie denn nicht, dass der Professor herzkrank war? Ich nehme an, dass er einen Angina-pectoris-Anfall hatte, als er eben fortfuhr.“

„Nein ... nein, das habe ich nicht gewusst“, stammelte die junge Ärztin. „Vater hat mir nie etwas von seinen Beschwerden gesagt. Er wollte mich wohl nicht beunruhigen.“

„Vor einem halben Jahr etwa kam er zu mir und bat mich, ihn zu untersuchen“, berichtete Dr. Barring. „Er wusste selbst, was ihm fehlte, von mir verlangte er nur ganz sachlich die Bestätigung seiner Diagnose. Was hätte ich machen sollen? Belügen konnte ich ihn nicht.“

„Wieso kam er zu Ihnen?“, fragte Monika Fischer verständnislos. „Wieso nicht zu mir oder zu Dr. Kortner? Der Oberarzt ist doch schon viel länger in unserer Klinik als Sie?“

„Ich weiß es nicht, was den Herrn Professor bewogen hat, mich in sein Vertrauen zu ziehen.“

Die junge Ärztin stand auf und trat ans Fenster. Lange starrte sie hinaus, ohne wirklich wahrzunehmen, was draußen geschah. In ihrem Kopf purzelten die Gedanken durcheinander, ließen sich kaum ordnen.

O ja, sie konnte sich im Grunde denken, weshalb ihr Vater zu dem jungen Dr. Barring gegangen war und nicht zu dem älteren Oberarzt. Der Professor schätzte zwar die fachlichen Qualitäten Dr. Kortners, aber als Mensch war er ihm nicht sehr sympathisch gewesen. Eine Sache, die Monika Fischer nur zu gut verstehen konnte. Auch sie hatte zu dem Oberarzt nicht den besten Kontakt, obwohl dieser immer wieder ihre Nähe suchte.

Dieser Gedankenfaden riss jäh ab, als Monika sah, dass ein Unfallwagen auf die Klinik zugefahren kam. Doch er kam nicht mit eingeschaltetem Blaulicht, wie es sonst üblich war, wenn ein Unfall eingeliefert wurde, sondern der Wagen rollte langsam am hintersten Portal aus.

Der alte Professor wurde in seine Klinik zurückgebracht ...

Monika wandte sich ab. Sie konnte den Anblick nicht ertragen, konnte nicht zusehen, wie die Sanitäter die Bahre ins Haus trugen.

„Dr. Barring“, wandte sie sich an den jungen Arzt. „Dürfte ich Sie bitten, die Obduktion vorzunehmen? Ich möchte doch genau wissen, woran mein Vater gestorben ist. Und die Behörden werden es ja auch verlangen. Es war ja kein gewöhnlicher Unfall, vermute ich.“

„Ich nehme auch an, dass Ihr Vater einen Anfall erlitt und somit die Herrschaft über den Wagen verlor“, sagte Joachim Barring leise. „Wenn es Ihnen recht ist, werde ich den Kollegen Kortner bitten, der Untersuchung beizuwohnen.“

„Es ist mir recht“, nickte Monika. „Und ich danke Ihnen — für alles.“

Joachim erwiderte nichts darauf, er drückte der bedauernswerten jungen Frau nur noch einmal mitfühlend die Hand, bevor er das kleine Zimmer verließ, um hinüberzugehen in den Raum, wohin man den toten Klinikchef gebracht hatte.

Dr. Kortner, der Oberarzt der Klinik, war inzwischen auch informiert worden und traf gleichzeitig ein. Stillschweigend gingen sie an ihre Arbeit, und erst als sie festgestellt hatten, dass der Professor wirklich an einem Angina-pectoris-Anfall gestorben war, gaben sie den Auftrag, den Toten fertigzumachen.

Als die junge Ärztin Monika Fischer ein paar Stunden später von ihrem Vater Abschied nahm, sah er aus, als liege er in einem tiefen, friedlichen Schlaf.

 

 

3

Ein Vierteljahr war seit diesem Tag vergangen. Der erste Schmerz um den geliebten Toten hatte sich gelegt. Monika Fischer hatte sich in ihre Arbeit geflüchtet und versuchte, das Lebenswerk des Vaters so gut wie möglich fortzuführen.

Obwohl sie noch sehr jung war, nahm sie ihre neue Aufgabe als Leiterin der Klinik sehr ernst. Tag und Nacht war sie im Einsatz — einmal, um den Schmerz um den Vater zu vergessen, zum anderen, weil die Klinik all ihre Kraft und ihren Einsatz verlangte. Die Pflichten, die sie mit diesem Erbe übernommen hatte, waren eigentlich zu groß für die junge, zarte Frau. Manchmal fühlte sich Monika Fischer wirklich überfordert, und sie war froh, in Dr. Kortner und Dr. Barring tüchtige und einsatzfreudige Kollegen zu haben, auf die sie sich voll und ganz verlassen konnte.

Nur ein Mensch litt unter den neuen Gegebenheiten, und das war die kleine Stefanie, Monikas Tochter.

Den ersten Schock hatte das Kind erlitten, als es vor nunmehr zwei Jahren seinen Vater verloren hatte. Daraufhin hatte Stefanie ihre ganze Liebe, die sie zu verschenken hatte, ihrem Großpapa entgegengebracht. Zu ihm kam sie mit all ihren großen und kleinen Sorgen, er hatte ihr Vertrauen, ihm erzählte sie all ihre kleinen Geheimnisse.

Natürlich war es nicht so, dass die Fünfjährige ihre Mutter nicht liebte — im Gegenteil. Aber Steffi sehnte sich nach der Liebe eines Mannes, nach einem Vaterersatz. Den hatte sie in ihrem Opi gefunden — und nun auf grausame Weise verloren.

Monika bedauerte es immer wieder, dass ihr nicht genügend Zeit blieb, sich um Steffi zu kümmern, aber sie konnte die Klinik schließlich nicht im Stich lassen, und ihr Kind wusste sie bei der alten Wirtschafterin Grete in besten Händen.

Doch immer häufiger geschah es, dass Steffi ausriss und allein in dem großen Park, der die Klinik umgab, herumstromerte.

Auch heute war es wieder so, dass sie sich heimlich aus dem Spielzimmer geschlichen hatte.

Ganz allein, nur ihre Lieblingspuppe im Arm, spazierte Steffi durch den Klinikpark, betrachtete hin und wieder interessiert eine Biene, eine Blume oder einen Strauch, riss sich schon einmal ein Blatt ab, um es jedoch gleich wieder fortzuwerfen. Dazwischen warf sie sehnsuchtsvolle Blicke hinüber zum Klinikgebäude. Dort arbeitete ihre Mami, das wusste Steffi, genauso gut wie sie wusste, dass sie die Mami jetzt nicht stören durfte.

„Kinder haben in der Klinik nichts zu suchen“, hatte ihr der Opa einmal erklärt. „Dort gibt es so viele kranke Menschen, die die Mami und der Opa wieder gesund machen müssen, dass so kleine Mädchen, wie du es bist, da nur stören würden. Abends, wenn wir dann zu dir kommen, haben wir Zeit für dich.“ So hatte der Opa gesagt, und Steffi hatte altklug dazu genickt. Ja, sie verstand das alles, wenn sie es auch nicht schön fand, so lange Zeit am Tag allein sein zu müssen. Und mit Grete konnte man lange nicht so gut spielen wie mit Opa zum Beispiel. Der konnte wundervolle Flugzeuge bauen, Puppenstuben zimmern und die kranken Puppenkinder verbinden. Wie nötig hätte sie jetzt den Opa gebraucht, denn ihr Puppenkind Barbara war sehr krank.

Plötzlich wurde Steffi aus ihren traurigen Gedanken um den Opa aufgeschreckt. Ein junger Mann, der ein recht nettes Gesicht hatte, tauchte vor ihr auf dem Weg auf. In der Hand hatte er eine große schwarze Tasche. So eine, wie sie die Mami und der Opa auch hatten.

„Steffi, was machst du denn hier?“, fragte der Mann da auch schon und schaute sie überrascht an.

„Ich gehe mit Barbara spazieren“, erklärte Steffi ernsthaft und wies mit der kleinen Hand auf ihr Puppenkind. „Sie ist krank und braucht viel frische Luft.“

„Da hast du recht“, nickte Dr. Barring, denn er war es, der von seiner Wohnung hinüber in die Klinik ging. „Kranke brauchen wirklich viel frische, gesunde Luft. — Was fehlt Barbara denn?“

„Ich weiß nicht“, meinte Steffi und sah den jungen Arzt aus ihren großen dunklen Augen zutraulich an. „Kannst du sie nicht mal untersuchen? Du bist doch auch ein Doktor, wie es meine Mami und mein Opi sind, oder?“

„Da hast du recht“, nickte Joachim Barring. „Ich arbeite auch in der Klinik.“

„Ich weiß“, lächelte Steffi. „Ich hab’ dich schon ein paarmal gesehen, wenn du mit dem Opa gesprochen hast.“

„Du hast deinen Opa wohl sehr lieb gehabt, wie?“, fragte Joachim teilnahmsvoll.

„Hm.“ Steffi konnte nur nicken. Sie ärgerte sich immer über sich selbst, weil sie immer weinen musste, wenn sie an ihn dachte. Dabei war sie doch schon groß, und große Leute weinten nicht, das hatte Opa immer gesagt. Und Mami hatte auch nicht geweint, als Opa gestorben war. Steffi hatte da genau aufgepasst.

Joachim Barring bereute es schon, diese Frage gestellt zu haben, und schnell machte er einen Versuch, das kleine Mädchen abzulenken.

„Soll ich dein Puppenkind untersuchen?“, bot Erich an.

„Au ja, das wäre fein!“ Steffi strahlte ihn an und hielt ihm die Puppe Barbara auffordernd entgegen.

„Aber ich kann Barbara doch nicht hier auf dem Rasen untersuchen“, wehrte Joachim ab, der über sich selbst erstaunt war, weil es ihm so leicht fiel, sich mit dem Kind zu beschäftigen. Dazu hatte er bisher nie Gelegenheit gehabt, und er hatte gar nicht gewusst, dass er Talent dazu hatte.

„Kommst du mit zu uns?“, bot ihm Steffi da an. „Ich bringe Barbara dann gleich ins Bett.“

„Das ist ein guter Vorschlag“, stimmte ihr Joachim zu, dem plötzlich einfiel, dass die Kleine sicherlich von der Haushälterin vermisst wurde. So war eine gute Gelegenheit gegeben, die kleine Steffi wieder nach Hause zu bringen.

Als er sich in Bewegung setzte, folgte ihm das Kind willig. Plötzlich spürte Joachim Barring, dass sich eine kleine Hand in die seine stahl. Überrascht blickte der junge Arzt auf das kleine Mädchen hinab, das so selbstverständlich neben ihm herging, als würde es ihn schon lange kennen. Und Joachim erkannte, wie sehr Steffi sich nach einem Vater sehnen musste, dass sie sogar einem Fremden so viel Vertrauen schenkte.

Allerdings irrte der junge Arzt in diesem Punkt. Steffi war sehr kritisch, wenn es galt, ihre Sympathien zu verschenken. Das hatte erst kürzlich Dr. Kortner feststellen müssen, der sich mit dem Kind seiner Chefin anfreunden wollte. Aber Steffi hatte es abgelehnt, mit ihm zu sprechen. Instinktiv mochte sie diesen Mann nicht, der so tat, als gehöre er zu ihrer Mami und zu ihr. Mochte er noch so nett sein, mochte er ihr noch so viele Puppen mitbringen — so konnte sie ihn deshalb nicht besser leiden. Und die drei Puppen, die sie schon von ihm geschenkt bekommen hatte, wollte sie nicht. Sie spielte nie mit ihnen.

Aber den jungen blonden Mann mit den lustigen Augen, der auch in der Klinik arbeitete und jetzt neben ihr herging, den konnte sie schon leiden. Der hatte ein liebes Gesicht. Und lieb war er auch zu ihr. Nicht nur, wenn Mami in der Nähe war, so wie Dr. Kortner. Steffi nahm sich vor, zu diesem Mann, der immer häufiger zu Mami kam, nie freundlich zu sein. Dafür würde sie Mami bitten, Dr. Barring mal einzuladen, damit er all ihre Puppen untersuchen konnte. Mami wollte Steffi nicht darum bitten, die war abends immer so müde und schlief manchmal schon im Sessel ein.

„Woran denkst du denn so angestrengt?“, erkundigte sich Dr. Barring lächelnd und blickte auf das kleine Mädchen hinunter, das so große Ähnlichkeit mit seiner Mutter hatte. Steffi hatte das gleiche kastanienbraune Haar wie ihre Mutter, und ihre Nase war genauso gerade geformt wie die Monika Fischers.

„Ich habe gerade daran denken müssen, dass auch meine anderen Puppen untersucht werden müssen“, sagte Steffi. „Sie könnten sich ja anstecken ...“

Joachim musste laut auflachen.

„Du bist ja sehr fürsorglich“, lobte er. „Aber heute habe ich nicht so viel Zeit.“

„Kann ich mir denken“, sagte Steffi. „Du musst in die Klinik, Mami ablösen, nicht?“

„Richtig. Woher weißt du das denn?“

„Ich habe heute Morgen beim Frühstück gehört, wie Mami zu Tante Grete gesagt hat, sie käme heute früher heim, weil sie noch mit mir in die Stadt fahren will. Und eben hat mich Tante Grete schon für die Fahrt umgezogen.“

Dr. Barring wunderte sich über die altklugen Reden des Kindes. Steffi schien ungeheuer reif für ihr Alter. Sicher kam das daher, dass sie nur Umgang mit Erwachsenen hatte.

Jetzt hatten sie den Bungalow erreicht, in dem Monika Fischer mit ihrer kleinen Tochter und der Haushälterin Grete wohnte. Auf der Terrasse standen vier Korbstühle und ein Tisch mit einer lustigen Decke.

„Kannst du meine Barbara hier untersuchen?“, fragte Steffi, „oder muss sie dazu ins Bett?“

„Es geht schon hier“, meinte der junge Arzt, dem es etwas peinlich gewesen wäre, hätte er ins Haus gehen müssen.

Er nahm aus seiner Tasche ein Stethoskop und horchte damit das Puppenkind ab. Dann bewegte er Arme und Beine, wobei ihm Steffi aufmerksam zusah.

„Deine Puppe Barbara ist nicht sehr krank“, erklärte Joachim Barring nach einer Weile. „Ich werde ihr einen Verband machen, dann ist es in drei Tagen wieder ganz gut.“

„Au fein“, freute sich Steffi, und sie tanzte vor Freude so übermütig im Kreis, dass ihre Locken wippten. Ihre dunklen Augen blitzten, und sie sah aus wie ein kleiner Kobold. „Opa hat meinen kranken Puppenkindern auch immer ein Pflaster auf den Bauch geklebt.“

Joachim Barring musste lächeln. Er hätte es Professor Schwarzenbeck niemals zugetraut, dass er so gut mit Kindern spielen konnte. Er hatte immer in der Klinik wie ein Patriarch geschaltet und gewaltet. Alle hatten ihn gern gemocht, doch immer einen Heidenrespekt vor ihm gehabt. Es war schwer, sich vorzustellen, dass dieser Mann mit einem Kind Onkel Doktor gespielt hatte.

Während ihm diese Gedanken durch den Kopf gingen, hatte Joachim dem Puppenkind Barbara einen wunderschönen, großen weißen Verband um den Leib gemacht und die Enden der Mullbinde mit Pflaster verklebt.

„Na, bist du jetzt zufrieden?“, erkundigte er sich dann bei der Puppenmutti Steffi.

„Ja, sehr. Danke schön. Kommst du morgen, um nach der Patientin zu sehen?“ Steffi sah ihn aus ihren großen dunklen Augen geradezu flehend an, so dass Joachim ihr diese Bitte nicht abschlagen konnte.

„In Ordnung“, nickte er. „Morgen Nachmittag, bevor ich zur Visite in die Klinik gehe, komme ich vorbei.“

„Wann ist das?“, erkundigte eich Steffi. „Nicht, dass ich dann nicht da bin. Tante Grete geht nämlich hin und wieder mit mir spazieren“, fügte sie dann erklärend hinzu.

„Um vier Uhr muss ich in der Klinik sein“, gab ihr Joachim Barring geduldig Antwort. „Also werde ich um halb vier hier sein. Ist es so recht?“

„Danke. Du bist lieb.“ Steffi trat auf ihn zu und schmiegte sich kurz an ihn. Joachim ergriff ein neues, nie gekanntes Gefühl. Plötzlich wünschte er sich, immer für Steffi da sein zu können, ihr den Vater ersetzen zu können, nach dem sie sich so offensichtlich verzweifelt sehnte.

Joachim Barring gestand es sich nicht ein, dass er auch Stefanies Mutter, Monika Fischer, gern den Mann ersetzt hätte. Er verehrte die junge Ärztin schon seit geraumer Zeit, doch er hatte nicht den Mut, sich ihr zu nähern. Musste sie nicht glauben, er spekuliere auf die Klinik? Musste sie in ihm nicht den Mann sehen, der sich auf leichte Art zum Klinikchef machen wollte?

Dies war der Grund, warum Joachim Barring seine Gefühle für die Tochter Professor Schwarzenbecks tief in seinem Herzen verschloss. Doch der kleinen Steffi gegenüber konnte er nicht abweisend sein. Die Kleine sehnte sich nach Zärtlichkeit, nach einem Menschen, der sich mit ihr beschäftigte.

„Also, kleine Mutti“, lächelte Joachim dem Kind zu, das immer noch neben ihm stand. „Dann bis morgen Nachmittag.“

„Bis morgen“, sagte Steffi leise und winkte dem jungen Arzt nach, bis er hinter einer Wegbiegung verschwunden war.

 

 

4

Im Hause Neuberger herrschte Gewitterstimmung. Zum wiederholten Male stritten sich Vater und Sohn — und immer ging es um dasselbe Thema, nämlich um Vera Rohlinger.

Das Mädchen stammte aus erstklassigem Hause, würde einmal ein immenses Vermögen erben — und war damit die einzige akzeptable Schwiegertochter in Edward Neubergers Augen. Nun war er zum hundertsten Male dabei, seinem Sohn Herbert die Verbindung mit der schönen Vera schmackhaft zu machen. Doch der junge Mann wehrte sich entschieden.

„Es ist mir egal, ob die Zusammenlegung unserer Werke uns eine Monopolstellung in der Branche verschaffen würde oder nicht“, erklärte er erregt. „Mich interessiert nur eins: Vera und ich passen nicht zueinander. Sie ist mir zu kalt, zu herzlos. Ich wünsche mir nur eine Frau, die anschmiegsam und zärtlich ist. Eine Frau, der man auch einmal übers Haar streicheln kann, ohne dass sie einen Schrei ausstößt, weil man ihr eventuell die gerade vom teuersten Friseur der Stadt kreierte Frisur verderben könnte.“

„Du bist ein sentimentaler Narr“, schalt Ewald Neuberger. „Das, was du Liebe nennst, ist meist nach drei Jahren verrauscht. Aber Millionenwerte bleiben.“

„Ich weiß. Mama und du seid mir das beste Beispiel für diese Theorie“, presste Herbert bitter hervor. „Ihr seid ein erschreckendes Beispiel“, fügte er dann hinzu. „Ich will nicht einmal so leben müssen, wie ihr es tut — nämlich aneinander vorbei. Ich möchte eine echte Kameradin zur Seite, eine Frau, die mit mir durch dick und dünn geht.“

„In Vera hättest du eine Frau zur Seite, die zu repräsentieren versteht, die dein Ansehen bei unseren Geschäftspartnern und Freunden noch mehr steigen ließe. So eine Frau brauchst du, Junge, nichts anderes.“

„Ich bekomme sie ja auch“, seufzte Herbert resignierend. „Ich habe mich gewehrt, so gut es ging, alles hat nichts genützt. Ihr alle wollt diese Ehe — sogar Vera, obwohl sie genau weiß, dass ich sie nicht liebe.“

„Das spricht nur für sie“, meinte der reiche Fabrikant Ewald Neuberger, „und für ihre Klugheit. Sie hat schon länger erkannt, dass die Liebe nicht ausschließlich glücklich macht, Geld hingegen ein sehr angenehmes Gefühl vermittelt.“

„Ich pfeife auf dieses Gefühl!“

Herbert stand auf, ging ein paarmal erregt in der geräumigen Bibliothek der Neubergerschen Villa auf und ab und blieb dann vor dem Barschrank stehen. Er brauchte einen Whisky, um seine Nerven zu beruhigen. Wenn er daran dachte, dass er Vera heiraten sollte, brauchte er eigentlich immer einen Whisky. Und da er in der letzten Zeit immer auf die erzwungene Hochzeit hingewiesen wurde, trank er mehr, als ihm guttat.

Da sagte sein Vater auch schon: „Trink nicht so viel, das bekommt dir nicht. Aber Vera wird dir schon diese neue Unsitte wieder austreiben. Auf Mutter und mich hörst du ja nicht.“

„Vera, Vera, Vera!“ Herbert schrie den Namen hinaus. „Ich kann es bald nicht mehr hören! Alles in diesem Hause dreht sich nur noch um Vera Rohlinger! Als hätten wir es nötig, uns mit den Millionen ihres Vaters zu sanieren. Dabei haben wir selbst Geld in Hülle und Fülle, so dass ich genauso gut ein armes Mädchen heiraten könnte, das ich dafür aber liebe.“

Alarmiert blickte Ewald Neuberger auf. Über den großen, wuchtigen Schreibtisch aus Teakholz hinweg sah er seinen Sohn bezwingend an.

„Sei ehrlich, Herbert“, forderte er, „gibt es ein solches Mädchen in deinem Leben? Hast du dich verliebt?“

„Leider nein“, antwortete der junge Mann und leerte mit einem langen Zug sein Whiskyglas. „Sonst könntest du dir alle Reden über Vera und ihre Vorzüge sparen. Dann würde ich sie garantiert nicht heiraten.“

„Ich würde dich enterben, wenn du kämst und mir gestehen würdest, dass du ein armes Fräulein Habenichts heiraten wolltest“, sagte da sein Vater.

Ewald Neuberger durfte sich diesem Gedanken gar nicht allzu lange widmen. Der Schweiß kam ihm dabei aus allen Poren, und sein Herz, das schon seit langem nicht mehr das Beste war, fing schmerzhaft an zu pochen — wie immer in den letzten Jahren, wenn er sich aufregte.

Aber aufregen musste er sich, sowohl in seiner Fabrik als auch zu Hause. Wenn Herbert doch nur nicht so halsstarrig wäre! Dabei war Vera Rohlinger der reinste Glücksfall. Mit ihrer Mitgift würde es möglich sein, den schärfsten Konkurrenten der Firma Neuberger unschädlich zu machen. Der Fabrikant hatte schon einen Plan, wie er den Konkurrenten unschädlich machen konnte, doch dazu bedurfte es einer riesigen Summe, die er nicht so ohne weiteres aus seiner Firma ziehen konnte. Mit Veras riesiger Mitgift — über die Summe hatten der alte Rohlinger und Ewald Neuberger lange Diskussionen geführt — war die Ausschaltung der Konkurrenz jedoch ein Kinderspiel.

Herbert konnte sich wirklich nicht beklagen, denn eines Tages würde es ihm ja alles zugute kommen, wofür sein Vater kämpfte. Und außerdem: Vera war eine blendende Erscheinung, mit ihr konnte man sich überall sehen lassen. Er würde von allen um sie beneidet werden.

Was störte es da, dass sie wenig Herzlichkeit besaß und Herzensbildung? Geld war in den Augen Ewald Neubergers wesentlich wichtiger. Auch er hatte eine Frau geheiratet, die ein riesiges Kapital mit in die Firma brachte. Nach Liebe hatte er damals auch nicht gefragt, und er war mit seiner Frau sehr zufrieden gewesen all die Jahre über.

Streit gab es keinen zwischen ihnen, jeder ging seinen eigenen Weg — was wollte man mehr?

Warum wollte der Junge nur den Wert einer solchen Verbindung nicht einsehen?

Aber dann beruhigte sich Ewald Neuberger doch wieder. Was regte er sich auf? Im Endeffekt würde Herbert genau das tun, was er — sein Vater — ihm befahl. Er würde gehorchen, wie er all die Jahre über gehorcht hatte, und irgendwann einmal würde er auch erkennen, dass er nur das Beste für ihn gewollt hatte.

Aus seinem Gedanken heraus sagte er: „Dann werden wir also am Samstag in einer Woche die Verlobung feiern!“

„Meinetwegen.“ Herbert hatte inzwischen den vierten Whisky getrunken, und inzwischen war ihm egal, was mit ihm geschah. „Macht doch eine schöne Schau daraus, damit die Leute in der Stadt was zu klatschen haben“, fügte er noch bitter hinzu, dann verließ er die Bibliothek.

Die Tür fiel mit einem lauten Knall hinter ihm ins Schloss.

 

 

5

Und wirklich wurde die Verlobung der schönen Vera Rohlinger mit dem Erben der Neuberger-Werke ein glanzvolles Ereignis, zu dem all jene geladen worden waren, die in der Stadt Rang und Namen hatten. Tagelang war Frau Elise Rohlinger wie ein aufgescheuchtes Huhn durch die Räume ihrer prunkvollen Villa geflattert und hatte die Bediensteten hin und her gescheucht, so dass schließlich der Butler mit Kündigung gedroht hatte. Dies jedoch wollte Frau Elise unter allen Umständen vermeiden, denn James war ein echter englischer Butler, auf den sie äußerst stolz war, weil niemand sonst aus ihrem Bekanntenkreis so etwas aufweisen konnte. So hielt sie sich dann am letzten Tag zurück und beschränkte sich darauf, ihrer Schneiderin den letzten Nerv zu töten, weil sie plötzlich behauptete, dass ihr ein Apfelgrün besser gestanden hätte als der zarte Orangeton, in dem ihr Abendkleid aus Seide gehalten war.

Die Leiterin des Ateliers „Constanze“ war heilfroh, als sie die Villa Rohlinger endlich verlassen konnte. Das hätte noch gefehlt, dass diese anspruchsvolle, aber sehr gute Kundin plötzlich den Wunsch geäußert hätte, noch ein anderes Kleid zur Ansicht geliefert zu bekommen. Wer hätte von ihren Angestellten in wenigen Stunden die gewiss notwendigen Änderungen vorgenommen?

Im Stillen dankte sie Vera Rohlinger, der es schließlich gelungen war, ihre Mutter davon zu überzeugen, dass Orange jugendlicher wirkte als Apfelgrün.

Die Braut selbst trug an ihrem Verlobungstag ein Abendkleid aus gelbem Chiffon, das zu ihren schwarzen Haaren und den glutvollen dunklen Augen sehr apart aussah.

Der Herr des Hauses trug selbstverständlich einen Smoking.

Gegen sieben Uhr ging der Butler in Begleitung der Hausherrin noch einmal durch alle Räume, um zu kontrollieren, ob auch alle Anweisungen befolgt worden waren.

Gerade wollte Frau Elise, die schon ihre Abendrobe trug, noch einige Änderungswünsche vorschlagen, als es an der Haustür läutete.

„Ich werde öffnen“, erklärte James und ging gemessenen Schrittes aus dem Raum.

Schon kurze Zeit später kehrte er zurück und meldete: „Familie Neuberger!“

„Ich komme.“ Frau Elise Rohlinger vergaß augenblicklich, dass sie eigentlich noch an der Tischdekoration einige Änderungen hatte vornehmen wollen. Sie eilte mit strahlendem Lächeln ihrem zukünftigen Schwiegersohn und seinen Eltern entgegen, die selbstverständlich schon vor den übrigen Gästen erschienen.

„Meine Lieben, wie schön, dass ihr da seid!“ Mit ausgestreckten Händen eilte Frau Elise auf die Neubergers zu und begrüßte sie überschwänglich. Dabei schaffte sie es jedoch, die drei Personen mit einem kurzen Blick zu taxieren. Ein Glück, Frau Neubergers Kleid war keineswegs eleganter wie das ihre, wenn sie auch mindestens einen Dreikaräter an einer dünnen Platinkette um den Hals trug — ein Schmuckstück, das Frau Elise noch nicht besaß.

Der alte Neuberger war in einen dezenten schwarzen Smoking gekleidet, Herbert hingegen in einen schicken mitternachtsblauen. Gut sah er aus, ihr Schwiegersohn in spe, konnte Frau Rohlinger zufrieden feststellen. Ihre Tochter und Herbert würden ein Paar abgeben, das auffiel.

Nachdem sie ihre Gäste begrüßt hatte, wandte sie sich an den Butler, der schon abwartend im Hintergrund gestanden hatte.

„James, bitten Sie Fräulein Vera herunter“, befahl sie. „Sagen Sie ihr, ihr Bräutigam sei da“, setzte sie noch hinzu, was Herbert ein unglückliches Lächeln entlockte.

Überhaupt fühlte er sich gar nicht recht wohl in seiner Haut. Er kam sich vor wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt werden sollte. Und war er denn anderes? Er wurde den Millionen seines zukünftigen Schwiegervaters geopfert. Dennoch konnte er nicht verhehlen, dass ihn Veras Erscheinung begeisterte, als sie jetzt die geschwungene Marmortreppe herunterkam. Bildhübsch sah sie aus mit ihrem hochgesteckten Haar in dem gelben Kleid, das so wundervoll zu ihrer braunen Haut kontrastierte.

Nur der Ausdruck ihrer Augen wollte nicht so recht zu dem Bild des reizenden jungen Mädchens passen, das sie ansonsten bot: Ihr Blick war kalt, ohne jede Wärme.

Und kühl und distanziert wirkte sie auch, als sie jetzt ihren Bräutigam und ihre zukünftigen Schwiegereltern begrüßte. Sie reichte auch Herbert nur die Hand und wünschte ihnen einen guten Tag. Wahrlich — wie eine Braut wirkte sie nicht.

Dafür spielte sie kurze Zeit später, als alle Gäste versammelt waren, das glückliche Bräutchen. Strahlend blickte sie in die Runde, und nur, wer sie genau kannte und ihr tief in die Augen sah, entdeckte, dass ihr Strahlen nicht echt war.

Doch niemand der geladenen Gäste gab sich die Mühe, hinter die Kulissen zu schauen. Man war ganz damit beschäftigt, sich an dem köstlichen kalten Büfett zu vermachen, über den Schmuck der anderen Damen zu klatschen, zu beteuern, wie reizend das Brautpaar doch sei und wie gut es zusammenpasse — und Geschäfte abzuschließen.

Dieser Beschäftigung gingen jedoch vornehmlich die Herren nach, während sich die Damen dem Klatsch hingaben.

Als sich das Fest seinem Höhepunkt näherte — es war fast zwölf Uhr, und Herr Rohlinger machte sich schon fertig, die Verlobung offiziell zu verkünden —, durchzuckte Herbert plötzlich ein grässlicher Schmerz. Er konnte einen Schmerzenslaut kaum unterdrücken, und der junge Baron von Gellingen, der neben ihm stand, blickte ihn besorgt an.

Details

Seiten
120
Jahr
2021
ISBN (eBook)
9783738951431
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v1003753
Schlagworte
kind

Autor

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Titel: Seh ich mein Kind nie wieder?