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Offene Halfter

2021 197 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Offene Halfter

Copyright

1

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3

4

5

6

7

8

9

10

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12

13

Offene Halfter

Western von Larry Lash

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 197 Taschenbuchseiten.

 

Zehn Jahre lang wurde Cammie Bond als Geächteter gejagt, doch ein Hilferuf seines Vaters bringt ihn zurück nach Avonzara. Jemand versucht, das gesamte Tal um den Sesam-Creek an sich zu bringen, und dabei geht er über Leichen, so wie schon vor zehn Jahren. Cammies Vermutung, dass es sich um seinen Halbbruder handeln könnte, zerfällt, denn Duff Bond ist tot.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

Cover: Nach einem Motiv von Remmington - Steve Mayer, 2021

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Als er sie das erste Mal sah, wich er ein wenig beiseite – scheu, mit einem starren Blick. Er sah ihr nach und kaute an der Unterlippe.

By Gosh, sie war schöner als das Terrassenland, das sich gleich hinter den letzten Blockhütten zeigte. Ihr Haar leuchtete betörender als die Landschaft, die in unerhörter Pracht von den Lichtfingern der untergehenden Sonne angeleuchtet wurde.

Yeah, in ihrem Haar flammte der Purpurhimmel wider, zeigte sich ein Wechselspiel der wunderbaren Farbsymphonie, die das goldene Laub der Espen, die karminroten Buchenkronen und das saftige Grün der Harzwälder zeigte. Der fahle Silberglanz mächtiger Sagefelder verdämmerte in der Ferne.

Doch Cammie Bond sah nichts von der Natur des Hintergrundes, nein, er sah nur sie, sah ihren königlichen Gang, das dunkelrote, prächtige Gelock ihres Haares. Im selben Moment wusste er, dass seine innerliche Ruhe dahin war. Er lehnte sich an den Holm an, schaute ihr aus schmalen Augen nach.

Sie spürte seinen Blick, ging langsamer, fast zögernd, dann blieb sie auf dem Bohlensteig stehen, begrüßte eine ältere Lady mit viel Wärme und Herzlichkeit. Sie stellte sich dabei so, dass sie, über die Schulter der anderen hinweg, ihm einen raschen Blick zuwerfen konnte.

Ihre Augen brannten ihn an.

Augen waren das! Heihoh, Cammie schluckte, fühlte einen Kloß in seiner Kehle. Mechanisch lüftete er den Stetson, lächelte krampfhaft und wusste nicht, dass es ein klägliches, unglückliches Lächeln war, ein Lächeln, das ein Mädchen nicht erfreuen, sondern erschrecken konnte.

Der Mann, der jählings aus einer Türnische heraus auf ihn zutrat, erschrak jedoch nicht, sondern flüsterte: „Fremd hier?“ Seine Lippen bewegten sich kaum dabei.

„Ich bin überall fremd“, gab Cammie schlagfertig zurück. Die Antwort war nicht nur mit beißendem Spott, sondern auch mit Hohn durchtränkt.

„Pech gehabt?“ Der Bärtige ließ sich nicht so leicht abschütteln, grinste verhalten vor sich hin. Er wirkte hager, scharfäugig, hatte ein lederfarbiges, faltiges Gesicht, buschige Augenbrauen und einen kurzen Knebelbart. Ein blanker Stern blitzte am Westenaufschlag. Männer dieser Art waren schwer einzuschätzen. Er trug seinen Colt tief geschnallt, hielt die Rechte so, dass sie mit einem tödlichen Husch auf die Waffe fallen konnte.

„Sie werden es nicht glauben, Mister, aber es ist nur ein Dornenriss“, gab Cammie rau zu verstehen. Er sah den anderen kaum an, blickte von ihm weg, zu dem Mädchen hin, hörte das erstickte Lachen des Sheriffs.

„Vielleicht kann ich einen Dornenriss von der Spur einer Kugel unterscheiden – außerdem habe ich Sie vor einer Stunde in die Stadt kommen sehen. Es kommt nicht oft vor, dass Männer ihren Sattel schleppen. Man kann sich dann meistens einiges zusammenreimen, Stranger. Sie haben einen Kampf gehabt und dabei hat eine Kugel Ihre Wange gestreift, eine andere Ihr Reittier getroffen.“

„Ich wusste nicht, dass es einen Sheriff interessiert, wenn sich ein Gaul die Vorderhand bricht. Das kommt bei einem scharfen Ritt öfter vor“, lächelte Cammie Bond milde. „Ich habe das Tier er schießen müssen und wahrscheinlich ist die erste Kugel am Kopfgeschirr abgeprallt.“

„Goddam, hören Sie auf, Stranger“, unterbrach der Sheriff heftig. „Mir können Sie keinen Sand in die Augen streuen, mir nicht. Ich schaue mir jeden Mann genau an, und Sie kommen mir irgendwie bekannt vor. Ich werde es bald heraushaben – und dann werden wir uns nochmal unterhalten. Sage Ihnen offen, für Männer mit offenem Halfter habe ich einen besonderen Blick. Es gibt Männer in dieser Stadt, die nur auf Einzelgänger lauern, vielleicht haben Sie bereits mit diesen Burschen Bekanntschaft gemacht.“

Cammie gab keine Antwort. Er war keinem Rechenschaft schuldig und by Jove, hier in Avonzara traute er niemanden.

Der Riss an seiner linken Wange deutete auf unliebsame Ereignisse hin, die hinter ihm lagen. Was aber mochte noch vor ihm liegen?

Unwillkürlich fasste er nach seiner Westentasche. Beruhigt nahm er die Hand fort, stieß heftig den Atem aus, schaute unsicher zum Sheriff hin, der sich lässig eine Zigarette rollte, und dabei interessiert zu den Frauen hinübersah.

Cammie hatte keine Zeit, über sein Missgeschick nachzudenken. Man trieb ihn von einer Hölle in die andere. Jahre ritt er nun schon durch sämtliche Feuer; Jahre, die ihn hart, wachsam und vorsichtig wie einen Lofer werden ließen. Jahre, die aus ihm einen Geächteten gemacht hatten, und in denen man ihn trieb wie Freiwild. Doch jetzt, beim Anblick dieses bezaubernden Mädchens, schwand aller Grimm und der Zorn legte sich.

Sie ist wie das Land, schoss es durch seine Gedanken. Ihr Haar gleicht der verlöschenden Sonne. Wer es berührt, verbrennt sich das Herz, und ihre Augen, großer Gott, sie sind tief, wechseln vom hellen Blau des anbrechenden Tages zu der violetten Dunkelheit mitternächtlicher Gebirgsseen über.

Er war wie trunken von ihrem Anblick, setzte sich den Stetson wieder auf den Kopf. In seine Gedanken hinein erklang die Bassstimme des Sheriffs: „Sie hat schlechte Erfahrungen mit Männern gemacht.“

Er kaute die Worte, dehnte sie, bewies, dass er die Gedanken Cammies zu lesen versuchte, fuhr ungerührt fort: „Immer wieder kommen Männer ins Land, allein oder in Rudeln. Viele sind bereit, für Clarissa Monson zu reiten. Aber so schnell sie auch für die Kegel-Horn-Rancherin in die Sättel steigen, so schnell fallen sie wieder herunter. Fallen entweder in die Grube oder werden schwer angeschlagen außer Landes gejagt.“

Er fügte ein leises, meckerndes Gelächter hinterher, trat rasch näher, legte Cammie die schwere Rechte auf die Schulter, und plötzlich schwand das Lachen aus seinem Gesicht. Es wurde bleich, angespannt.

„Stranger, in diesem Land hat sich schon mancher die Stiefelsohlen verbrannt, so long.“ Wieder kicherte er, drehte sich schwerfällig um, schritt hastig mit rasselnden Sporen davon.

Cammie reckte sich in den Schultern. Kerben gruben sich in seine Mundwinkel, vertieften sich.

By Gosh, er gab sich keinen Illusionen hin. Er wusste, dass die Gefahr um ihn mit zunehmender Dunkelheit immer größer wurde.

Die größte Gefahr lag jedoch darin, erkannt zu werden, denn er war nicht fremd hier. Nein, das weite Terrassenland mit den prächtigen Weiden und Schluchten, den wild zerklüfteten Canyons, war seine Heimat.

Nur wenige Meilen von Avonzara entfernt lag die Gitter-Ranch, dorthin rief ihn der Brief seines Vaters, den er bei sich trug und dessen Inhalt er auswendig kannte.

„Komm zurück, Cammie!“

Nichts weiter, keine Erklärung, kein Hinweis, nichts. Yeah, er kannte seinen Vater, kannte die verschlossene, wetterharte Natur, die Art des allen Mannes, der in jedem Falle zum Colt oder zur Winchester, aber nur in äußersten Fällen der Not zur Feder griff. Und sein „Komm zurück, Cammie“, konnte demnach nichts Gutes bedeuten, zeigte, dass John Bond alle Bedenken beiseite stellte, dass er nach dem letzten Strohhalm griff: Cammie.

Doch by Jove, was konnte er ihm schon für eine Hilfe sein? Cammie, der als Geächteter über die Kämme ritt.

Im Westen ging die Sonne unter, Schatten der Nacht senkten sich weich auf die kleine Rinderstadt. Schatten standen auch zwischen den Häusern, wogten hin und her, verhüllten die beiden Frauengestalten, die gerade in der nächsten Querstraße verschwanden. Jetzt erst fiel die Verzauberung von ihm ab. Kalte Ruhe senkte sich in sein Herz. Er löste sich von dem Holm, trat auf die Fahrbahn hinaus, überquerte sie.

Aus der geöffneten Schwingtür der Gentleman Bar flatterten die rauen Worte eines Songs.

„Es klirren Trense und Sporen – mein Pony trabt durch die Nacht.

Meine Crew ging in Texas verloren – als Letzter halt‘ ich die Wacht!

Es klirren Trense und Sporen – ich habe niemand mehr auf der Welt.

Hab auch mein Mädchen verloren – nichts blieb mir, nicht mal das Geld.

Drum klirren Trense und Sporen – auf die Nacht folgt das Morgenrot.

Ein neuer Tag wird geboren – doch vielleicht, bin ich dann schon tot.

Dann schweigen Trense und Sporen – man legt sie sacht zu mir ins Grab.

Stört nicht die Stille, öffnet die Ohren – lauscht meinem Song,

von der großen Fahrt.“

Plötzlich gellte ein Schrei durch das Dunkel der Nacht, ein Schrei, der Cammie auf der Stelle herumwirbeln ließ, und ihn mit langen Schritten dorthin trieb, wo die Nebengasse lag,

Er handelte ohne zu denken. Impulsiv, so, wie es ihn die ständige Gefahr gelehrt hatte. In seinen Schläfen hämmerte das Blut. Heftig schlug sein Herz gegen die Rippenwandungen. Polternd hieb die scharfe Detonation eines Schusses durch die Dunkelheit, und wieder erklang der unheimliche, helle Schrei, dann Stille. Stille? Nein, Cammies Stiefelsohlen knirschten über den Sand, und die Schattengestalt, die seltsam gekrümmt in einer Toreinfahrt stand, zuckte mit der Rechten vor. Doch Cammie war schneller, ließ sich fallen, bevor das Mündungsfeuer aufflammte.

Die Kugel surrte über ihn hinweg, schlug klatschend in die gegenüberliegende Hauswand. Im gleichen Moment flammte es aus seinem Colt. Orangefarbene Blitze jagten zu der Schattengestalt hin, und während Cammie nochmals durchzog, rollte er zur Seite, Dort, wo er gerade noch gelegen, schlugen zwei Kugeln die Erde auf, gruben sich mit einem bösen Zischen in den Sand.

By Gosh, der Fremde schoss gut und schnell, außerordentlich schnell und hätte ihn glatt erwischt, wenn ihn seine Geistesgegenwart einen Moment verlassen hätte. Nun richtete er sich auf und schaute aus seiner Deckung zu den vor Schreck und Grauen unbeweglich am Store-Eingang stehenden Ladys hinüber.

Die Schattengestalt in der Toreinfahrt, die ihn mit Blei überschüttet hatte, war wie ein böser Spuk verschwunden. Sicher stand sie ebenfalls irgendwo gedeckt und wartete auf eine Blöße seinerseits, wartete, dass er vielleicht seine Deckung verlassen und eine unbedachte Handlung begehen würde.

„Kommen Sie zu mir herüber, Ladys.“

Weiter brauchte er nichts zu sagen. Sie begriffen sofort, lösten sich aus ihrer Erstarrung und kamen eilig heran. Hohngelächter flatterte hinter ihnen her, brach ab, und die harte Stimme eines Mannes rollte zu Cammie hin: „Du wirst sie kaum beschützen können, Buddy. Lass die Hände aus dieser Sache und troll dich!“

Cammie antwortete nicht, sah zu den Frauen hin, sah in ihre verzerrten Gesichter. Die ältere weinte leise vor sich hin. Doch das Mädchen musste Nerven wie Stahl haben, sie kam dicht an Cammie heran, raunte:

„Wir müssen fort von hier, fort!“

Zwingend sah sie ihn an. Himmel und Hölle, alles hätte er erwartet, nur nicht, dass er so bald schon dem Mädchen gegenüberstehen würde. Sie zerrte, ohne seine Erwiderung abzuwarten, an seinem Handgelenk.

„Schnell“, wisperte sie. „Fragen Sie nicht, später werde ich Ihnen alles erklären, später!“

Das gab den Ausschlag. Der Himmel mochte wissen, was das alles bedeutete. Cammie fragte nicht, folgte. Seine Rechte blieb auf dem Kolben ruhen. Geduckt hintereinander zwängten sie sich durch eine Gasse. Nur einmal wandte sich Cammie um, zuckte zusammen. Die Silhouetten mehrerer Männer tauchten hinter ihnen auf, verschwanden wieder, vermischten sich mit den Schatten der Nacht.

„Was soll das alles bedeuten?“

Er stellte die Frage laut genug, um gehört zu werden.

„Später“, klang es leise. „Um Gottes willen, kommen Siel“

Nun gab er es endgültig auf, etwas zu erfahren. Gewiss, die Situation war seltsam genug, doch es würde sich ja hoffentlich bald klären.

Zwei Frauen wurden überfallen, by Jove, und das in einer offenen Rinderstadt, in einem Land, in dem selbst jeder Desperado vor einer Dame den Hut zog. Sicherlich konnte er durch sein Eingreifen etwas Schreckliches verhindern. Aber zum Teufel, irgendwie gefiel ihm die ganze Sache nicht. Sie sah zu gestellt aus, sollte es etwa eine Falle sein, eine Falle, die man extra für ihn gestellt hatte?

Merkwürdig war das alles, sehr merkwürdig. Nun, bald würde er dahinter kommen. Seine Lippen pressten sich fest aufeinander, und ausgerechnet in diesem Augenblick fielen ihm die eigenartigen Worte des Sheriffs ein. Zum Teufel, es wurde ihm ganz wirr im Kopf. Vor zehn Jahren, als er Avonzara verlassen musste, gab es keine Kegel-Horn-Ranch, zehn Jahre waren eine verdammt lange Zeit. Wer war das Mädchen in Wirklichkeit? Was trieb sie für ein Spiel? Warum warb sie Männer an? Und, warum mussten diese Männer alle so ein schlimmes Ende finden?

Alles Fragen, auf die es im Moment keine Antwort gab. Er hörte den keuchenden Atem seiner Begleiterin. Ab und zu wandte sie sich ihm zu und dann sah er in ihr bleiches, wunderschönes Gesicht, das ihn gleich zu Beginn so seltsam gefesselt hatte.

Dunkel lag die Nacht auf der Erde. Der Dämmerungsübergang schuf tiefe Finsternis, die erst dann Weichen würde, wenn der Mond auf ging.

„Haben Sie besser getroffen, als er?“, forschte das Mädchen. Ihre Stimme verriet Erregung. Sie stand dicht neben ihm, so dicht, dass er sie mit den Händen hätte greifen können; doch schien sie ihm so fern, so fern und weit, wie die blassen Sterne, die sich mühsam durch den Dunst der schwarzen Finsternis kämpften.

Viele Fragen brannten ihm auf der Zunge, doch er stellte nur eine Gegenfrage: „Madam, man ließ uns ziehen …“

„Sie verstehen das nicht? Nun, auf Frauen schießt man hier zu Lande nicht, Mister. Aber wenn Sie nicht eingegriffen hätten, hätte man uns bestimmt entführt. Ach, ich hätte niemals ohne meine Crew nach Avonzara kommen sollen. Aber ich hätte nicht geglaubt, dass man es so weit treiben würde. Ich kam hierher, um Madam Hallet auf meine Ranch zu holen. Irgendwie müssen Linol Peck und Big Barrymore davon erfahren haben. Doch, Sie sind fremd hier, Sie …“

„Ich habe von beiden gehört“, unterbrach Cammie leise.

Betroffen schwieg sie, beugte sich zu ihm hin, so, als ob sie ihn ganz aus der Nähe betrachten wolle. Doch die Dunkelheit hinderte sie daran.

„Sie kennen beide?“, forschte sie mit schwingender Stimme.

„Yeah“, gab er kurz zu, biss sich dann auf die Lippen und schwieg.

Unheilvoll stand das Schweigen zwischen ihnen, angefüllt mit unausgesprochenen Fragen. Und nun brach die ältere Lady das Schweigen.

„Clarissa, es ist lieb von dir, dass du mich aus der Enge Avonzaras herausholen wolltest, aber seitdem Irving tot ist …“

„Bitte, Vivian. Irving ist nun zehn Jahre tot. Du musst endlich vergessen, Oh, was ist Ihnen, Mister?“

„Nichts“, murmelte Cammie Bond. Es klang nicht echt, konnte nicht echt wirken, denn der Name Irving bedeutete viel in seinem Leben.

„Kannten Sie Irving Hallet?“, klang es gespannt.

„Yeah, Sie werden ihn sicher kennen, denn wer Linol Peck und Big Barrymore kennt, kennt auch ihn, man nannte sie das unzertrennliche Dreigespann.“

Clarissa unterbrach sich, horchte. Nein, niemand kam und störte sie; leise fuhr sie fort.

„Linol Peck und Big Barrymore sind Schufte, heute weiß es Vivian, wissen es alle Leute in Avonzara, heute, nach zehn Jahren, sieht man manches in einem anderen Licht, was damals geschah. Irving Hallet war der Nachbar der Gitter-Ranch; kennen Sie die Gitter-Ranch? Nein, nun, sie hatte die beste Pferdezucht in Arizona. Hatte, sage ich, heute ist das anders. Aber das will ich Ihnen nicht erzählen, sondern ich will ja sagen, wie Vivian ihren Mann verlor.“

„Warum erzählen Sie gerade mir das“, gurgelte Cammie hervor. „Warum?“

Abwehr lag in seinen Worten.

Sie ließ sich jedoch nicht aufhalten, fuhr fort: „Weil es ein gewisser Cammie Bond gewesen sein soll, der Irving Hallet niederschoss, aus dem Hinterhalt.“

Cammie versteifte sich, spürte, wie sich plötzlich warme, weiche Hände auf sein rechtes Handgelenk legten, ihr Atem streifte seine Wange.

„Und Sie, Sie sind Cammie Bond, Vivian hat Sie sofort erkannt. Sie können nicht leugnen!“

Kalt rann es seinen Rücken herunter. Die Kälte dehnte sich in seinem Inneren aus, krallte sich fest. Rote Funken tanzten vor seinen Augen und unter der Hirnschale dröhnte es, pochte es immerzu: „Gestellt.“

„Yeah, ich bin Cammie Bond“, hackte es von seinen Lippen. „Ich bin es, ich, der Geächtete, und nun, schreien Sie es doch heraus.“

„Wer spricht davon? Hören Sie, Cammie, Sie geben sich falschen Vorstellungen hin.“

„Madam, was wollen Sie von mir? Hm? Niemand wird mir glauben, dass ich …“

„Dass Sie Irving Hallet nicht niedergeschossen haben. Nun, keiner weiß es besser als Vivian selbst, sie selbst hat den Sheriff von den wahren Tatsachen unterrichtet und auf Begnadigung bestanden.“

„Begnadigung?“, fauchte Cammie und dann erst begriff er die Tragweite dieser Worte, begriff, dass er Jahre hindurch durch sämtliche Höllen gehen musste, weil ein kleiner Sheriff nicht daran dachte, seine Rehabilitierung weiterzuleiten. Jahre war er über die Kämme geritten und nun?

Er schluckte, würgte, konnte kein Wort herausbringen. Seine Wangenmuskeln zuckten. Zehn Jahre die Hölle, großer Gott, was hatte er alles schlucken und verdauen müssen.

„Nun, wer tat es?“, knirschte er endlich.

„Linol Peck“, hauchte Vivian Hallet. „Er sagte es mir gleich nach der Tat, prahlte damit, dass er so glänzend den Verdacht auf Cammie Bond gelenkt hätte. Sagte, dass er so zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen, und dass nun der Weg zu mir und zur Gitter-Ranch frei sei.“

„Gitter-Ranch, mein Gott?“, stöhnte Cammie.

„Aber er irrte sich, ich hasste ihn, und die Gitter-Ranch war zäh. Er konnte ihr wohl nach und nach einigen Schaden zufügen, aber jetzt …“

Sie schwieg betroffen, schaute mit aufgerissenen Augen auf Cammie.

„Weiter“, klang es beinahe schrill aus seinem Mund.

„Was soll ich Ihnen noch berichten? Ich … ich habe alles dem Sheriff gemeldet. Zuerst glaubte ich, es sei alles weitergeleitet worden und in Ordnung. Dann aber, als ich nach Phoenix fahren wollte, um mich über den Verlauf zu erkundigen, zwang man mich zur Umkehr. Jahrelang bewachte man mich, ich durfte mich nur innerhalb der Towngrenzen bewegen, doch heute …“

„Wollte man Sie beiseite schaffen, Madam“, murmelte Cammie benommen.

„Yeah, und wieder hätte Linol Peck zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen, Cammie“, warf Clarissa Monson ein. „Peck will die Kegel-Horn-Ranch, will ein großartiges Rinderreich aufbauen. Die Kegel-Horn-und die Gitter-Ranchweiden stechen ihm in die Augen, er wird nicht eher Ruhe geben, bis er sie sich genommen hat, und um das ausführen zu können, hat er Big Barrymore unter seine Fittiche genommen, und Big Barrymore führt eine harte Mannschaft wilder Revolverschwinger, die er außerhalb des Landes angeworben hat. Avonzara gehört ihnen, und der Sheriff tanzt, wie sie es wollen. Noch konnte sich die Kegel-Horn- und die Gitter-Ranch behaupten, aber von Tag zu Tag werden die Herden kleiner, Tag und Nacht müssen die Cowboys in den Sätteln bleiben, um das Schlimmste zu verhüten. Big Barrymores Reiter zeigen sich sogar am hellen Tag, um Rinder zu stehlen. Immer wieder kommt es zum Kampf, immer wieder werden Cowboys getötet. Es ist ein offener Weidekrieg, Rinderleute gegen Rustler, und der Sheriff steht auf der anderen Seite.“ Sie brach ab, schwieg erschöpft. „Wir müssen nun weiter.“

„Yeah, Madam“, gab er zu. „Solange wir uns in diesem Versteck, aufhalten, kann uns nichts geschehen. By Gosh, yeah, hören Sie, Madam, ich werde Sie aus der Stadt zur Kegel-Horn-Ranch bringen.

„Das wäre zweifellos die beste Lösung. Doch wie wollen Sie zu Pferden kommen?“

„Bleiben Sie beide hier“, gab er leise zurück, wollte gehen, indem er sanft ihre Hand von seinem Handgelenk löste. Doch sie raunte ihm zu: „Es ist gefährlich, Cammie Bond.“

„Alles ist gefährlich, Madam, die Stadt, und Ihre Nähe.“ Er senkte die Stimme, so dass nur sie die letzten Worte hören konnte. „Achten Sie auf die Lady, sie ist in Lebensgefahr. Sie weiß den Schurken zu viel und sie könnten daher leicht vergessen, dass sie eine Frau ist.“

Er schluckte wiederum, spürte den Druck ihrer Hand. Yeah, sie verstand ihn ohne viele Worte.

„Cheerio, Cammie Bond“, flüsterte sie ihm mit weichen Kehllauten zu. „Geben Sie Acht auf sich.“

„Yeah, ich werde auf mich achten, Madam“, raunte er heiser, schluckte verzweifelt an dem Kloß, der in seiner Kehle saß und nicht hinunter wollte. „Sie haben mir auf viele Fragen Antwort gegeben, nun sehe ich klar.“

„Und ich bin froh, dass es zu einer Begegnung kam, Cammie Bond“, lächelte sie ihm zu. „Sie müssen es auch von einer anderen Seite aus betrachten. Yeah, es gibt nur wenige Männer, die auf die besondere Art die Eisen tragen, die die Halfter offen haben. Man kann sie zählen, Sie kommen im rechten Moment, Cammie Bond. Es geht nicht mehr so weiter. Wir haben viel Vieh verloren. Maverick und Kühe. Wenn das so weitergeht, fällt das Round-up aus, und die Gitter-Ranch kann nicht allein von der Pferdezucht leben, denn das beste Material ist gestohlen.“

Cammie beherrschte sich mühsam. Er kochte innerlich, riss sich mit Gewalt zusammen. Yeah, er hatte allerlei erwartet, aber dass es so schlimm mit der Ranch seines Vaters stand, das hatte er wahrhaftig nicht erwartet.

In seinem scharf geschnittenen Gesicht machte sich ein verteufeltes Lächeln breit, übel, sehr übel war es, und es deutete an, dass eine glimmende Lunte bereits gelegt und die Dynamitladung in seinem Innern bald sprengen würde.

In die Dunkelheit fiel nun das blasse, geisterhafte Mondlicht. Zwei Frauen sahen ihn aus großen, aufgerissenen Augen an, krallten ihre Blicke in ihn hinein. Zwei Frauen, die ihm bedingungslos vertrauten.

„Ich wünsche Ihnen viel Glück, Cammie Bond“, murmelte Vivian Hallet seltsam verkrampft. Feucht schimmerten ihre Augen. Tränenspuren zeichneten sich auf ihren abgehärmten Wangen ab. Noch hielt sie sich tapfer, war von Hoffnung erfüllt.

Hoffnung?

Gab es die überhaupt noch in dieser Stadt, in der sogar das Gesetz auf der falschen Seite stand?

Bitterkeit quoll in Cammie auf, ließ seine Augen brennen. Für Sekunden stand er wie angewurzelt, war nicht fähig sich zu rühren, hörte durch das Rauschen seines Blutes die Stimme des Mädchens.

„Sie tragen offene Halfter, Cammie Bond.“ Yeah, zum zweiten Male wies sie darauf hin. By Gosh, yeah, zehn Jahre lang war er über die Kämme geritten, zehn verlorene Jahre, die ihn hart gemacht hatten, die das Letzte von ihm verlangten und ihn zu einem gehetzten Dasein gezwungen hatten.

Er ballte die Fäuste, lächelte seltsam verhalten, murmelte: „So long“, wandte sich rasch um, tauchte in der Dunkelheit unter.

Für diese beiden Frauen wollte er erneut durch die Hölle gehen.

 

 

2

Yeah, es sollte eine Hölle werden. Eine Hölle, wie er sie in den zehn langen Jahren nicht erlebt hatte. Doch das wusste er nicht, und hätte er es auch geahnt, er wäre trotzdem zu seinem Wort gestanden, hätte auch dann nicht gezögert, es auf sich zu nehmen.

Vorsichtig tastete er sich an einer Hecke entlang, blieb oftmals stehen, bohrte seine Augen in die Dunkelheit, richtete sie auf die verschwommenen Konturen der Häuser, Schuppen und Corralzäune.

Tierdunst lag in der Luft, vermischte sich mit der kalten Nachtluft, die von fern her den herben Sagegeruch herantrug. Dort, wo die Hauptstraße lag, blitzten die Lichtkreise der ausgehängten Laternen. Hufschlag und andere Geräusche drangen an seine Ohren, und mit jedem Schritt, der ihn vorwärtstrug, spannten sich seine Nerven. Yeah, die Spannung erzeugte einen fühlbaren Schmerz in der Herzgegend.

Er nutzte jeden Schatten, huschte pantherhaft leicht über freies Gelände, um sofort wieder in Deckung zu gehen.

So gelangte er in eine schmale Gasse, die einen Einblick in die Straße gewährte. Er presste sich dicht an eine Hauswand, zog nacheinander die Eisen, prüfte sie, indem er die Trommeln bewegte, dann gab er Acht, dass beim Zurückstoßen der Eisen die drohenden Läufe aus den offenen Halftern ragten, dass die giftigen Mündungen wie geöffnete, unheilbringende Mäuler frei lagen. By Jove, Höllenmäuler waren es, die glühendes Blei spuckten, den Tod herausjagten, sobald sein Wille den Befehl dazu gab.

Yeah, offene Halfter, wer sie trug, brauchte nicht zu ziehen, musste jedoch mit zauberhafter Schnelligkeit die Waffen bedienen können; Waffen, die ohne Kimme und Korn, ohne Abzugbügel in den Futteralen steckten.

Die Schnelligkeit allein entschied.

Cammies Zähne knirschten leise aufeinander. Im fahlen Lichtwinkel der Gasse tauchte ein Reiter auf, verschwand wie ein Schemen. Der Hufschlag seines Pferdes verhallte, dann trat Stille ein. Stille, yeah, man konnte es nicht anders bezeichnen. Avonzara, die kleine Rinderstadt, schien auf der Lauer zu liegen. Nur so konnte man es deuten.

Und die Stille wurde noch unheimlicher, als Cammie sich auf leisen Sohlen der Straße näherte. Er lugte um die Hausecke, stand starr, unbeweglich, mit Händen, die wie Todesboten über den nach außen ragenden Coltkolben schwebten.

Drei Namen hatten sich in seinem Hirn festgefressen, drei Namen, die er nie vergessen würde: Linol Peck, Big Barrymore, und Samuel Cooper. Peck machte mich zum Geächteten, und Sheriff Cooper … Er schluckte, lauschte seiner ätzenden Stimme, verstummte. Und dann jagte ein Gedanke durch sein Hirn, krallte sich fest.

„Vor zehn Jahren begann dieses verteufelte Spiel. Mit meiner Waffe wurde damals Irving Hallet ermordet, meine Waffe fand man nur wenige Yards von dem Toten entfernt. Schon vor zehn Jahren wusste Cooper, dass sein Partner Linol Peck, der Rancher von der Hackmesser der Täter war, Peck stellte Vivian Hallet nach, hatte außerdem auf die Ranch Appetit. By Gosh, das mag alles stimmen, aber weder Clarissa Monson noch Vivian Hallet sprachen von dem Fünften im Bunde. Sie erwähnten nur drei, Linol, Big, Irving. Von Samuel Cooper sprachen sie nicht, und auch von seinem Halbbruder Duff wurde nicht gesprochen. Yeah, die beiden hatten die Ladys nicht erwähnt, und doch hingen alle fünf zusammen, waren einst Freunde gewesen.“

Das bittere Lächeln auf Cammies kantigem Gesicht verstärkte sich, blieb haften, als er mit einem schnellen Sprung aus der Gasse heraus auf den Bohlensteig in den Schatten einer überdachten Veranda trat.

Wie ausgestorben lag die Fahrbahn da. Pferde dösten an den Holmen, standen an den Futterkisten vor der Gentleman Bar, aus deren Schwingtür ein dünner Lichtstreifen fiel.

Und dort, wo sich der Mietstall befand, leuchteten die winzigen Glühpunkte glimmender Zigaretten, wie geheimnisvolle Signale, schwangen hin und her, erloschen.

Yeah, man wusste, dass er ohne Reittier gekommen war, und dass er ein Pferd haben musste, und man hatte sich nicht nur am Mietstall postiert, sondern auch vor dem Round-up-Hotel, wo er seinen Sattel abgelegt und ein Zimmer gemietet hatte.

By Gosh, zwei Frauen warteten darauf, dass er Pferde beschaffte, dass er sie aus der Stadt brachte. Ah, an der Gentleman Bar standen genug Tiere an den Holmen, gesattelt und gezäumt. Wenn er sie nahm, verging er sich an fremden Brandzeichen, man nannte so was Diebstahl. Mit Rinderdieben ging man glimpflich um, jedoch mit Pferdedieben machte man keine Umstände, der nächste Ast, ein Hanf-Strick – aus. Die Raben würden sich später um das Menü streiten.

Cammies Hände streckten und ballten sich, zum Teufel mit allen Überlegungen. Er musste Pferde haben, well, ausleihen wollte er sie sich, zwar ohne Erlaubnis des Besitzers, doch später würde er unliebsame Fragen beantworten können, später …

Ein ersticktes, kehliges Lachen quoll über seine Lippen. Dunkel wurden seine Grauaugen, die nach allen Seiten Ausschau hielten, sich mit unheimlicher Schärfe in die weichen Schatten bohrten, die das silberne Mondlicht schuf.

Nur einmal blickte er über die Dächer zum Himmel hinauf, dorthin, wo ungezählte Sterne ihr kaltes Licht ausstrahlten, wo des Mondes Silberbarke von zart gefiederten Wolken umrahmt stand. Sein Blut sang, rauschte, als er sich eilig weiter bewegte. Ein leises Dröhnen lag vor seinen Trommelfellen. So war es immer, er kannte die Vorzeichen, aber sie würden schlagartig fallen, sobald der Tod in der Nähe war. Die Kälte drang dann in ihn ein, wischte die Nervosität fort.

Er hielt an, als er sich in der Nähe der Pferde befand, duckte sich unter der Haltestange hinweg, näherte sich den Tieren, immer darauf bedacht, nicht in den Lichtstreifen der Schwingtür zu kommen, beruhigte das ihm mit angelegten Ohren zugewandte Tier mit leisen, kehligen Lauten, legte ihm liebkosend die Hand auf den sanft geschwungenen Hals, und erstarrte, stand wie angewurzelt. Denn jählings vergrößerte sich der Lichtstreifen der Schwingtür, wurde breit, ausladend, enthüllte gnadenlos, was vorher im Dunkeln lag, blendete ihn, und die Stichflamme, die grell aus der hochgerissenen Hand eines Mannes fuhr, riss ihm den Stetson vom Kopf.

Cammie duckte sich. Seine Rechte sauste herunter, klatschte auf den Kolben, riss ihn herab, und während der Daumen den Hammer auf die Kammern schnellen ließ, sauste Cammie wie ein Katapult in das Pferderudel hinein.

Himmel und Hölle. Drei, vier Schüsse jagte er bei diesem Sprung in das Lichtviereck der Schwingtür hinein, aber er wusste, dass keine Kugel ein Ziel fand, wusste es, als die Körper der unruhig aufsteigenden, an den Kandaren zerrenden Tiere ihn deckten.

„Bond, gib auf, du bist gestellt!“

Rau, heiser wirkte diese Stimme. Schon einmal hatte Cammie sie in dieser Nacht gehört, schon einmal musste er die Schnelligkeit des Burschen, der tief von der Hüfte aus feuerte, wider Willen bewundern.

Hölle, der Unbekannte hatte einen verteufelten Zug, glatt, gekonnt, und es war bestimmt kein Zufall, dass er zweimal daneben geschossen, Nein, Kerle von der Sorte schossen ins Zentrum.

„Gib auf“, fauchte es lauter, ungeduldiger.

„Ich denk nicht daran“, ächzte Cammie verbissen. „Lass dich sehen, wir tragen es aus.“

Statt einer Antwort erklang ein launisches Gelächter.

„Du hältst dich wohl für groß genug, um gegen mich antreten zu können, wie?“, rasselte es von der Veranda her.

„Zweimal hätte ich dich zu den Stiefelhügeln schicken können, Cammie Bond, bedenke das. Ich ließ dir eine Chance, nutze sie!“

Das war deutlich. Cammie versuchte vergeblich, über den Rücken eines Broncos hinweg, die Position des Gegners auszumachen, doch der Kerl war klug genug, seine Stimme zu verstellen, die Akustik auszunutzen.

„Bond, es ist kein Zufall, dass ich dich hier erwarte. Die Fallen am Hotel und am Mietstall waren zu offensichtlich, ich wusste, dass du hier die Pferde holen würdest, um die Frauen aus der Stadt zu bringen. Heiliger Maverick, du bist ein Geächteter, man sollte dich wie einen tollen Hund niederschießen. Nun, ich tat es nicht, tue es auch jetzt nicht, da du beinahe zum Pferdedieb geworden bist. Solltest du dich jedoch aufschwingen, wird dich ein Kugelhagel aus dem Sattel holen.“

Ein heiseres Gelächter folgte, riss ab, als Cammie herausstieß: „Höre mich an, du kennst mich?“

„Sicher, Cammie Bond, mehr als dir lieb ist. Verdammt gut kenne ich dich, aber das hat jetzt wenig zu besagen“, bleckte es böse zurück. „Wir haben allerdings den Vorteil, wir kennen dich, doch du tappst im Dunkeln.“

Eine Pause folgte. Eine quälende Pause, die an den Nerven riss. Schlimme, furchtbare Gedanken kreuzten Cammies Hirn. Das Schweigen des anderen erdrückte ihn bald, riss und zerrte an ihm mit marternden Qualen.

„Linol Peck?“, hetzte Cammie heraus. Er konnte das tödliche Schweigen nicht mehr ertragen. Schwarz leuchteten seine Augen, waren wie grausige Klüfte anzusehen, und seine Hände umklammerten die Kolben, saugten sich förmlich daran fest.

„Lächerlich, rate weiter“, gurgelte es von der Veranda her.

„Big Barrymore?“, presste es sich voller Hass über Cammies Lippen. Er wagte kaum zu atmen, hielt die Luft an. By Gosh, wer auch der andere sein mochte, er würde sich nicht verleugnen.

„Du hast deinen Sattel auf einen falschen Gaul gelegt, Buddy“, krächzte es zurück. „Gib dir keine Mühe, du wirst es nicht erraten. Leg nun deinen Gurt ab, geh zum Hotel, und morgen wirst du die erste Postkutsche benutzen, die nach Phoenix geht.“

„Und wenn ich das nicht tue?“, schleppte Cammie böse. Er spürte, wie ihm das Blut aus dem Gesicht wich, in den Adern erstarrte, spürte, wie eine Eisenklammer sich um sein Herz legte, wie sich der Druck ums Herz jeden Sekundenschlag verstärkte. By Gosh, er musste den Bann sprengen, ehe es zu spät würde.

„Nun, es gab Gentlemen, die sich wie du für Clarissa Monson einsetzten, sie leben jedoch alle nicht mehr, genügt‘s?“

„Yeah, ich habe dich richtig verstanden, du bist es also, der das Land und die Weiden haben will und dazu auch noch das Mädchen kassieren möchte, der dafür gesorgt hat, dass ich zum Geächteten wurde, du.“

„Du hast so ziemlich recht“, höhnte es aus der Dunkelheit. „Vielleicht ist es dir ein Trost für spätere Jahre, Buddy. Doch nun leg deinen Gurt ab und geh. Es geschieht dir nichts, bis morgen geb‘ ich dir eine Chance, dann aber …“, die Stimme schwoll an, wurde drohend, „dann gibt es keine Gnade.“

„Ich habe sie auch nicht verlangt“, explodierte Cammie. „Weder von dir noch von einem deiner Freunde möchte ich irgendwie begnadigt werden!“

Er brach ab, ließ seine Blicke kreisen, sah die verschwommenen Silhouetten von Männern rechts und links der Fahrbahn. Eine Meute war auf dem Marsch, um den Worten ihres Bosses Nachdruck zu verleihen.

Holly Gee, die Falle schloss sich, eine verteufelte Situation, aber noch schützten ihn die Pferdeleiber, noch konnte er sich entscheiden, konnte das unwahrscheinliche Angebot des Unbekannten annehmen. Doch, zwei Frauen warteten. Er durfte sie nicht enttäuschen. Bis jetzt hatte man mit ihm Katz und Maus gespielt.

Seine Gedanken wirbelten durcheinander, eilten zehn Jahre zurück, suchten, forschten fast verzweifelt. Ah, zehn Jahre sind eine lange Zeit, in zehn Jahren verwischen sich die Eindrücke, die man aus der Heimat mitgenommen hat, er fand keinen Namen, keinen Anhaltspunkt, nichts, was auf die Person des Unbekannten hindeutete, oder?

Heiß durchfuhr es ihn, ließ ihn erbeben. Seine Linke fuhr über die schweißbedeckte Stirn; Duff, sollte es tatsächlich sein Halbbruder sein? Yeah, er gehörte ja auch zu den Fünfen, die jetzt die Stadt und das ganze Land beherrschten.

Yeah, Duff war nur ein Jahr jünger als er, war wild, stolz, hatte ein ungezügeltes Temperament. Hm, sie hatten sich nie sonderlich leiden mögen.

„Cammie Bond, meine Coltmündung zeigt auf deine Brust, schnall ab!“, wurde er von einer eisigen Stimme in seinen Gedanken gestört, und mit einem Schlag stand wieder die grausige Wirklichkeit vor ihm. Yeah, es gab keinen Zweifel, der Kerl hatte eine Position erwischt, die ihm nur Vorteile gab.

Cammie zweifelte nicht daran, denn als er die Probe aufs Exempel machen wollte und sich nur wenige Zentimeter vorneigte, fauchte die tödliche Stimme: „Stopp, verlass dich nicht zu sehr auf dein Glück, Buddy.“

Der Tod schwang in dieser Stimme mit, by Gosh, aus der Stimme eines Mannes war jeder Entschluss herauszuhören, und der Entschluss des Fremden war grausig, unabänderlich. Er würde sich auf keinen Fall täuschen lassen.

Cammie versteifte sich, fühlte, wie seine Kehle eng wurde. Jetzt nützte ihm die Deckung der Pferde nichts mehr. Langsam, im Schneckentempo krochen seine Hände zur Gurtschnalle hin.

Leise kam es von seinen Lippen: „Du warst es, der mir in der vergangenen Nacht meinen Gaul abschoss, der mir den Streifschuss …“

Gelächter klang auf, laut, scharf, höllisch und dann wieder die Stimme.

„Yeah, zum Teufel, warum sollte ich es dir nicht sagen. Ich wusste sogar, dass du kommen würdest. Ich habe dir den Gaul abgeschossen, habe deine Wange geritzt, damit du wach wirst und umkehren würdest. Doch du hast einen harten Schädel, Cammie Bond, aber er ist nicht hart genug, um eine Kugel abprallen zu lassen. By Jove, dein Kommen war für Clarissa Monson neue Nahrung und für Vivian Hallet mehr als das. Beide Frauen trugen sich mit dem Gedanken, dich für ihre Pläne zu gewinnen. Die eine, um ihre Ranch zu halten und die andere, damit der Mord an Irving Hallet gerächt wird. Sie hielten dich für einen unüberwindlichen Revolvermann, Teufel, sie setzten auf das falsche Pferd. Offene Halfter bedeuten nicht immer, dass der Träger über besondere Qualitäten verfügt. Dreimal habe ich dir bewiesen, Buddy, dass ich dir überlegen bin, schluck es nur, schluck es, auch wenn es dir im Halse stecken bleibt und du dir die Kehle verbrennst.“

„Und was bedeutet mein Kommen für die Gitter-Ranch?“, schleppte Cammie fast tonlos. „Was bedeutet es, Duff?“ Er gellte die Worte laut hörbar heraus. Beim letzten Wort warf er sich vor, ungeachtet der tödlichen Gefahr, ungeachtet der Tatsache, dass ihn der andere im Visier hatte. Seine vorschießenden Hände krallten sich in das weiche Mähnenhaar eines Broncos, und kaum stieß seine rechte Stiefelspitze in den Sattelschuh des fremden Tieres, als es auch schon heiß über ihn hinwegzuckte.

Cammies feststehendes Messer kappte das Zügelende von der Haltestange, gleichzeitig stieg der Gaul hoch, als wolle er sich in den Himmel heben, warf die Vorderhand in die Luft, prasselte die Hufe auf die Haltestange, so dass sie zerbarst. Die aufgescheuchten Tiere ringsumher wieherten schrill, schnaubten in das wütende Belfern der Schüsse hinein. Schatten hetzten über die Fahrbahn, schwangen die Eisen, ließen die Melodie des Todes aufwimmern und das Grollen der scharfen Detonationen rollte durch das Geprassel der Hufe.

Und inmitten der stampfenden, entfesselten Lawine hing Cammie an der linken Seite des Broncos, schoss wie rasend über den Hals des Tieres hinweg, schoss, bis es in den Magazinen klickte und der Hammer leer aufschlug.

Schreie wischten zu ihm hin, gellten an seine Ohren, Schreie, die von Männern ausgestoßen wurden, die nicht schnell genug dem Pferderudel ausweichen konnten, Schreie, die Wut und Schmerz, aber auch Not bedeuteten. In rasender Schnelligkeit, fast unwirklich, entwickelte sich die Situation, die Cammie mitriss, die ihn in einen teuflischen Wirbel hineintauchte, ihm eine verzerrte Maske aufsetzte.

By Gosh, was er hier in Bruchteilen von Minuten erlebte und zu schlucken hatte, wirkte wie ein Narkotikum. Man musste tatsächlich Nerven wie Stahlbänder haben, um von der Tatsache, vor dem eigenen Bruder zu stehen, nicht umgeworfen zu werden.

Bruder, welch ein Wort, welch ein Klang!

Yeah, Brüder standen sich gegenüber, Brüder, die für einander da sein sollten, die dasselbe Blut in den Adern hatten.

Ob er es wirklich war?

Cammie hatte keine Gewissheit, denn von dem Augenblick an, da er sich in den Sattel geschwungen hatte, die Zügel kappte, den Bronco auf die Hinterhand setzte, bis zu dem Moment, da das heiße Blei von einer Flammenzunge getragen in den Körper seines Broncos einschlug, vergingen nur Sekunden.

Er flog fast aus den Steigbügeln, als der Gaul aus dem Rudel heraus zur anderen Straßenseite stob, dorthin, wo sich gerade zwei Männer auf dem Bohlensteig vor den Haufen in Sicherheit brachten.

Und wieder stieg der Gaul auf die Hinterhand, um dann mit einem qualvollen Stöhnen in sich zusammenzusinken. Er schleuderte dabei seinen Reiter über den Rücken hinweg auf den Boden. Seltsam, Cammie bekam rechtzeitig seine Stiefel aus den Steigbügeln.

War es sein Instinkt, war es die Vorsehung, das Schicksal selbst, das ihn vor den Kugeln und vor einem Genickbruch bewahrte? Himmel und Hölle, wer konnte das schon beantworten,

In beiden Fäusten hielt er die abgeschossenen Eisen, hielt sie, als ob seine Hände Stahlklammern wären, die sich niemals von den Waffen lösen würden. Er hätte schneller handeln sollen, denn nun streifte ihn die geballte Faust eines bulligen Kerls am Hals, und er konnte seinen Oberkörper gerade noch rechtzeitig seitwärts biegen, um dem zweiten Schlag die Härte zu nehmen. Konnte jedoch nicht verhindern, dass er umgerissen wurde und abermals gegen die Bretter des Bohlensteigs krachte. Dem für ihn gedachten Stiefeltritt entging er nur durch eine schnelle Rolle. Doch by Jove, der Sturz und der Faustschlag hatten ihn arg mitgenommen, erfüllten ihn mit rasendem Zorn und wahnsinnigen Schmerzen.

Durch die blutroten, sich jagenden Nebelfetzen vor seinen Augen sah er die undeutlichen Silhouetten der beiden Männer, die zu allem entschlossen waren. Gemein und niederträchtig standen sie vor ihm. Er bäumte sich blitzschnell auf, schlug gnadenlos mit dem Coltlauf zu, traf mit schmetternder Wucht die obere Körperpartie eines Kerls. Er hörte nicht den fast jaulenden, wölfischen Aufschrei, hörte nicht den Zornlaut, den der zweite anstürmende Gegner ausstieß. Die Wucht des Aufbäumens riss ihn aus der Hocke hoch und jetzt erst sausten seine leer geschossenen Colts in die Futterale zurück, und er zwang seinen Gegner, die hochgerissene Waffe zurückgleiten zu lassen, mit den Fäusten zu kämpfen. By Gosh, yeah, dieser Gegner achtete das Gebot der Fairness, vielleicht fühlte er sich auch nur überlegen.

Sein Schlag verfehlte Cammies Kinn, riss ihn halb um die eigene Achse, schleuderte ihn gegen seinen Kumpan. Für wenige Augenblicke behinderten sich die beiden gegenseitig, fauchten, schnauben sich ihren heißen Atem ins Gesicht. Cammie nützte diese kurze Spanne, pumpte seine Lungen voll Luft, riss sich selbst aus der Benommenheit seiner Sinne heraus, stürmte mit einem wilden Stöhnen vor. Hart sausten seine Fäuste durch die Luft, flogen wie Schmiedehämmer von unten herauf, explodierten.

Holly Gee, Cammie holte die furchtbaren Schläge sozusagen aus den Zehenspitzen. Sein Körper, von der Faust angefangen bis zum letzten Nerv arbeitete mit, seine ganze Kraft, sein angesammelter Zorn und sein wilder Grimm saßen dahinter, suchten nach einem Ventil.

Drei, vier Treffer hieben dem Gegner den Kopf in den Nacken, ließen ihn die Arme hochreißen und über die Haltestangen hinweg stürzte er auf die Fahrbahn.

Jetzt wurde es ringsherum lebendig.

In Zick-Zack-Sprüngen hetzte Cammie über den Bohlensteig. Goddam, von überall her jagten sie heran, zwangen ihn, in Nordrichtung zu laufen, dorthin, wo das milde, weiche Licht des Sheriff-Offices auf den Bohlensteig fiel. Man hätte ihn ohne Weiteres niederschießen können, warum zögerten sie? Hah, man wollte ihn anscheinend lebend fangen. Heisere Zurufe flogen hin und her, noch Sekunden, dann?

Cammie erreichte das Office, schnellte sich hinter einen Stapel Brennholz, blieb mit keuchenden Lungen stehen. Seine Augen kreisten nach allen Seiten, suchten nach einer Durchbruchmöglichkeit, nach einem Ausweg. Ach, es gab keinen, oder? Yeah, die Tür des Sheriff-Offices stand einen Spalt breit offen. Warum sollte er nicht in die Höhle des Löwen gehen, warum nicht? Dort würde ihn so schnell keiner suchen.

Er hatte dem Sheriff sowieso noch einige Fragen zu stellen, Fragen, die jener beantworten oder zur Hölle fahren sollte.

 

 

3

Cammie Bond wartete nicht länger. Er löste sich eilig von dem Holzstapel, huschte lautlos durch die Lücke, die sich zwischen der Veranda und dem aufgestapelten Holz auftat, achtete dabei auf die Schatten, die näherrückten, sah blitzschnell über die dunklen, finster wirkenden Häuserfronten hinweg zum Nachthimmel.

So kalt und eisig wie die Sterne am nächtlichen Dom, so kalt war auch ihm ums Herz.

Ein Mann in seiner Lage musste kalt, eisig sein, musste die Nerven zusammen haben. Noch hatten sie ihn nicht, noch öffnete sich eine Chance, wenn es auch eine verdammt geringe war. Er wollte sie um jeden Preis nutzen, um zwei Frauen zu helfen, die im Gebüsch der Gärten auf ihn warteten und sich gewiss vor Angst verzehrten. Er straffte sich beim Vorwärtsgleiten, und seine schmalen nervigen Hände wichen in angespannter Erwartung einige Zoll vom Körper fort, schwebten in der Luft.

By Gosh, yeah, zu den Kolben würden sie flitzen, aber nicht, um heißes Blei zu versenden, sondern um den nackten Stahl im Nahkampf zu gebrauchen.

Well, Sheriff Samuel Cooper war nicht zu unterschätzen. Burschen seines Schlages trugen das zähe Leben von Katzen in sich.

„Ich passe nicht“, murmelte Cammie böse, „jetzt erst recht nicht!“ Fast lautlos kamen diese Worte über seine Lippen. Sein Kinn sprang vor und in seinen Augen, die dunkel und tintig an grausige Klüfte einer ausgebrannten Kraterlandschaft erinnerten, schwelte es seltsam. Tief in der Iris brach es auf, nahm an Kraft zu, wurde mit jedem raschen Schritt leuchtender.

Ein verteufelt kaltes Leuchten war es. Himmel und Hölle, das Blut in den Adern konnte einem dabei gerinnen.

Cammie erreichte die Tür, duckte sich, fühlte, wie die Kälte in seinem Innern sich mit scharfer Deutlichkeit ausbreitete, bis in die Endnerven hinein hieb. Er duckte sich tief herab, nur so konnte er vermeiden, dass die Häscher seine Silhouette vor dem Lichtspalt entdeckten.

Und hinter ihm, nur wenige Yards entfernt, jagte bereits eine Gruppe Verfolger auf den Holzstapel zu. Das gab den Ausschlag. Er schwang sich vor, sauste langgestreckt in den Raum hinein, federte weich mit Händen und Füßen auf. – Große Raubkatzen springen solcherart auf ihre Opfer, um die Pranken einzuschlagen und mit scharfen Reißern zu würgen. Mit drei, vier Sätzen wollte er den Raum durchqueren, um die Petroleumlampe zu löschen, doch es kam anders.

Als er aus der Hocke heraus sich vorschnellen wollte, klang eine spöttische, unerbittliche Stimme hinter ihm auf: „Willkommen, Cammie Bond!“

Ein verdammt bitterer Willkommensgruß, so bitter, dass Cammie sich mitten in der Bewegung versteifte und angespannt verharrte. Der Tod stand nun hinter ihm, er brauchte sich nicht einmal umzusehen, in welcher Gestalt der bleiche Geselle ihn überrascht und gestellt hatte.

„Ich hätte es mir denken können“, gab er leise zurück, und kaum hatte er das gesagt, als die Tür einschnappte, der Riegel vorgelegt wurde.

„Nun wir sind unter uns, Cammie Bond“, klang es eisig. „Ich sagte dir doch bereits bei unserer ersten Begegnung, dass du etwas versäumt hast. Deine Pflicht war es, sofort zu mir zu kommen. Du holst es etwas eigenartig nach und willst mir gewiss erzählen, was sich im Terrassenland abgespielt hat, als du deinen Gaul verloren und dir selbst den Kratzer geholt hast.“

Die Ironie dieser leise hingeworfenen Worte wurde beißend. „Cammie Bond, wir haben viel gemeinsames, nur mit dem Unterschied, dass du auf der falschen Seite stehst. Bewege dich nicht, Sonny. Ich weiß, dass du deine Eisen leergeschossen hast, dass du fertig bist. Ich brauch mir also nicht einmal die Mühe zu machen, sie aus den Futteralen zu nehmen.“

Ein ätzendes, unterdrücktes Lachen folgte. Cammies Augen sogen sich in dem Raum fest. Blitzschnell nahmen sie alles in sich auf, die Gitterzellen, den kleinen Tisch davor, die Regale und den morschen Aktenschrank.

Ein Fenster zeigte zum Hof, das andere zur Straße. Im selben Moment wurde an das zur Straße gelegene Fenster geklopft und die laute Stimme eines Mannes ließ sich vernehmen: „He, Samuel, alles okay?“

„Yeah, in Ordnung“, krächzte der Sheriff und dann zu Cammie gewandt: „Du wirst dir die schönste Zelle aussuchen können. Eine harte Pritsche, Wasser und Brot werden deinen Kopf klarfegen, so klar …“

„… dass ich mit der Postkutsche morgen nach Phoenix aufbrechen kann“, ergänzte Cammie leise.

Samuel Coopers schnaufende Atemzüge brachen ab. Deutlich hörte Cammie, wie er nach Luft schnappte, krächzte: „Well, du hast schnell begriffen, Sonny.“

„Duff Bond hat es mir bereits mitgeteilt, Sheriff“, erklärte Cammie mit ungemeiner Ruhe.

Statt aller Antwort klang ein kreischendes Gelächter und dann: „Eigentlich solltest du, ehe du nach Phoenix aufbrichst, der Gitter-Ranch einen Besuch abstatten. Yeah, tu es, es wird dich abkühlen!“

By Jove, Cooper war wirklich ein eiskalter Bursche. Entweder war er auf Cammies Frage vorbereitet, oder … Zum Teufel, er hatte sich nicht überrumpeln lassen. Er war verdammt gefährlich, vielleicht der Gefährlichste von allen Schurken die Avonzara unsicher machten, nicht nur, weil er einen verteufelt glatten Zug mit der Kanone hatte oder weil er schnell und scharf dachte, nein, weil er das Gesetz verkörperte, sich hinter einen Orden stellte.

„Mein Gönner hat an alles gedacht“, murmelte Cammie grimmig, und jetzt erst sah er aus den Augenwinkeln heraus die Gestalt des Sheriffs, der mit angeschlagenem Colt an der Tür lehnte, wie verbissen auf seinen Schnurrbart kaute und ihn sichtlich belustigt betrachtete.

„Sei froh, dass es so ist“, knurrte Cooper.

„Yeah, er hat keine Mühe gescheut, uni mein Leben zu erhellen und mir den Aufenthalt in Avonzara zu versüßen. Er und viele andere waren von meinem Kommen erstaunlich gut unterrichtet“, höhnte Cammie.

Wieder erklang das unterdrückte, ätzende Gelächter.

„Du bist ein Geächteter, ein Mann, dem man eine Hanfkrawatte schenken sollte. Kein Sheriff hat es gern, wenn einer deiner Sorte in seinen Distrikt kommt. Ich könnte dich dem Gesetz übergeben, Sonny, noch heute gilt das, was vor zehn Jahren von der Jury beschlossen wurde: Tod durch den Strang.

„Du weißt genau, dass ich Irving Hallet nicht ermordet habe. Verdammt genau weißt du das, Cooper“, brach es aus Cammie heraus. Es war wie ein Aufschrei. Er schluckte, würgte, Schweiß trat ihm aus den Poren. An den Schläfen klebte sein schwarzes Haar. „Du hast sehr schnell meinen richtigen Namen herausgefunden, zu schnell, Cooper.“

„Sonny, spar dir deinen Song“, grinste Cooper, beugte sich dabei leicht vor, so dass das weiche Licht der Lampe auf seine Geiernase fiel. Seltsame, tiefe Schatten flackerten über sein gespannt wirkendes Gesicht, verhüllten die tief in den Höhlen sitzenden Augen. Er wirkte wie ein auf der Lauer nach Aas liegender Geier.

Cammie hasste Geier aus der Tiefe seines Wesens heraus, hasste den menschlichen Geier noch mehr, musste an sich halten, all seinen Willen zusammennehmen, tun dem anderen nicht an die Kehle zu fliegen.

Und der spürte es. Sein Grinsen wurde stärker, gemeiner. „Du möchtest mich am liebsten zerreißen, wie? Ah, glaube nicht, dass ich … zum Teufel“, unterbrach er sich selbst, „ich würde mit dir kein Aufhebens machen, eine Kugel, oder den Strick, aus. Beides würde dich unangenehm kitzeln. By Gosh, yeah, du bist eine reitende Kanone, hast dir in zehn Jahren einen Namen gemacht; nun, das mag stimmen, aber hier bist du nur dritte Klasse, Sonny. Der Chef will nun einmal, dass du mit deinem Fell davonkommst, das ist ein verdammter Fehler!“

„Kann sein“, zischte Cammie. „Doch, du bist verdammt offen, Cooper.“

„Dir gegenüber kann ich es ja sein, du wirst vom Gesetz gesucht. Dein Steckbrief hängt immer noch in allen Städten des Landes. Du kannst unser Spiel nimmermehr zerschlagen, das ist es!“, schloss der Bursche mit böser Genugtuung.

„Du irrst, ich habe einen Zeugen“, hetzte Cammie hervor, versteifte sich unmerklich dabei.

„Madam Hallet etwa? Ah, eine arme Irre, weiter nichts. Sie muss geträumt haben.“

„Sie hat so geträumt, dass ihre Aussage in Phoenix genügen wird, um dieses Nest mit State Troopern auszufüllen!“, dehnte Cammie, und jetzt klang sein abgehacktes Lachen auf, kam tief aus seinem Innern, erfüllte den ganzen Raum.

Cooper schwieg verkniffen, ein schnappender Laut fegte von seinen Lippen, und er stieß heiser heraus: „Du wirst sie nie dazu bewegen können, nach Phoenix zu gehen, nie, hörst du!“

„Cooper, daran wirst weder du noch dein Boss mich hindern können“, schleppte Cammie. „Ah, es ist eine verdammt üble Bande, die sich hier festgesetzt hat, Vielleicht ist Duff Bond sogar der Boss, vielleicht auch Linol Peck, der Schürzenjäger, oder Big Barrymore. Ich sage euch aber, ihr steckt alle in viel zu großen Stiefeln, und das ist für jeden einzelnen gefährlich, Cooper. Du solltest an deinen Orden denken und daran, dass er dir in späteren Jahren eine gute Pension sichert. Du hast Madam Hallets Antrag und damit meine Begnadigung zurückgewiesen, Nun, das war vorauszusehen, aber dass du mir damit zehn Jahre der Flucht aufgehalst hast, Jahre, die wie ein Fluch auf mir lasteten, die sich weder aus dem Gedächtnis, noch aus der Seele wischen lassen, die immer wieder wie ein Höllenfeuer brennen, daran habt ihr nicht gedacht. Nun, ich habe zehn

Jahre an euch zurückzuzahlen, Buddy, und du weißt, was das bedeutet.“

„By Gosh, für diesen Song müsste ich dir eine geballte Ladung in den Rücken knallen“, knurrte Cooper aufgebracht. „Du Höllenhund stehst sozusagen mit beiden Stiefeln in der Grube und bellst noch? He, deine Position ist nicht so gut, Sonny, verlass dich nicht zu sehr auf den Chef, der dir eine Chance einräumte, wofür ich ihn jetzt verfluche, verlass dich nicht zu sehr darauf!“

Kreischend wurde seine Stimme, endete in hohen Fisteltönen. Teufel, Cooper war weich geworden. Noch einiges, und er würde aus der Haut fahren.

„Um ganz ehrlich zu sein, Cooper, ich habe noch nie einen derart großspurigen Coyoten hinter mir gehabt. Rot und gelb gestreifte Coyoten mag ich nicht, schluck es nur.“

Cammie beobachtete den anderen scharf, ließ ihn nicht aus den Augen. Er sah, wie Cooper erblasste, wie seine gebräunte Haut sich mit einem grauen, fahlen Schimmer bedeckte, sah, wie die Augen aus den Höhlen kamen und dann hörte er den stöhnenden Urlaut, das wilde Pfeifen des anderen.

„Bond, du willst mich verrückt machen, du willst …“ Er verstummte, stieß heftig den Atem aus,

fuchtelte mit der Linken herum, und die Rechte zuckte vor, stieß den Colt näher zu Cammie hin.

„Ich weiß nicht, was mit dir ist, Bond. Aber der Teufel muss dich reiten, dass du solche Töne spuckst. Vielleicht willst du schnell zur Hölle fahren, weil du so etwas wie Ehre im Leib hast, hahaha, Ehre? Wozu ist sie gut? Zu nichts, nur Idioten geben sich damit ab. Ich pfeif darauf, yeah, eine verteufelte Ehre muss es sein, als Geächteter über die Weiden zu reiten, das Land zu durchstreifen, eine verflucht seltsame Ehre, Sonny. Du kannst mir keinen Sand in die Augen streuen, ich habe dich beobachtet, habe deinen Blick gesehen, den du der hübschen Kegel-Horn-Rancherin nachgeworfen hast. Will dir etwas sagen, Sonny, du bist in sie vernarrt und du hast sofort darüber nachgedacht, dass ein Geächteter keinen Anspruch auf eine Liebe hat, dass ein Geächteter niemals mit einer Rancherin rechnen kann, und diese Tatsache ist es, die dich zwingt, mich herauszufordern. Ah, dir ist alles gleichgültig. Dir ist es auch egal, wenn ich den Hahn ziehe, und du würdest vielleicht noch grinsen, wenn deine Augen brechen. Aber den Gefallen tu ich dir nicht, jetzt noch nicht. Später, das heißt, wenn du den Mut hast, aus der Postkutsche zu steigen und zurückzukommen, dann werde ich es sein, der dir vor die Stiefel springt, dann wirst du verdammt schnell sein müssen, Sonny “

Wieder stöhnte er rasselnd auf, kam langsam aus dem Hintergrund hervor. Seine Sporen schepperten über den Boden. Seitlich schwang er die Rechte aus, so dass der Colt auch jetzt noch auf Cammie zeigte.

„Du weißt entschieden zu viel, Bond. Was nützt es dir? Nichts. Niemand wird einem Geächteten Glauben schenken, niemand. Selbst, wenn du weißt, dass es Peck war, der sein heißes Blei aus deinem Colt auf Irving Hallet feuerte. Du bist ausgeschaltet, Sonny, wirst wieder auf den langen Trail geschickt. Doch vorerst wirst du dich in eine Zelle begeben, los denn. Ich habe mich schon viel zu lange mit dir aufgehalten.“

Er wedelte mit dem Colt, bohrte ihn in Cammies Rücken hinein. Das war ein Fehler. Männer, die über die Kämme ritten, verstanden von diesen Dingen mehr. By Gosh, zehn lange Jahre schulten einen Mann, der gezwungen war, sein Leben mit der Waffe in der Hand zu verteidigen. Das hätte Cooper unbedingt wissen müssen.

Er bekam seine Lehre. Bekam sie schneller, explosiver als ein Blitz. Cammie kreiselte herum. Seine geballte Faust traf das Handgelenk des anderen, schmetterte die Waffe zu Boden. Gleichzeitig flog sein linker Stiefel vor, riss dem verblüfft zurückweichenden Sheriff den Halt weg. Über Cammies vorgestelltes Bein sauste Cooper zu Boden, schlug mit dem Kopf auf einem Schemel auf. Holly Gee, Cammie brauchte seinen Gegner nicht mehr zu betäuben, mit verglasten Augen stierte Cooper zur Decke.

„Er ist zäh“, murmelte Cammie grimmig.„Es wäre nicht schade um ihn, wenn er sich das Genick gebrochen hätte.“

Rasch entschlossen entkleidete er den Ohnmächtigen, wechselte mit ihm die Kleider, stülpte sich den Stetson des Sheriffs auf, fuhr liebkosend mit der Hand über den Stern auf der Weste. „Wir haben beide die gleiche Figur“, murmelte er leise vor sich hin. „By Jolly, er wird nun für mich in eine Zelle wandern.“

Er wuchtete ihn sich auf die Schulter, schleppte ihn in eine Zelle, warf ihn unsanft auf eine Pritsche.

Jeder andere hätte sich nun eilig aus dem Staub gemacht, hätte keine Minute gezögert, nicht aber Cammie. Mit lässiger Ruhe zog er seine Eisen, lud sie neben der Pritsche stehend sorgfältig auf, ließ die Trommeln durch die Hände gleiten, murmelte: „Jetzt bin ich nicht mehr nackt“, lächelte verbissen, beugte sich vor, denn der Sheriff erwachte aus der Ohnmacht, wollte hochfahren, doch Cammies stählerne Fäuste warfen ihn auf das Lager zurück.

„Cooper, wir haben die Rollen getauscht, und ich glaube, mir steht der Stern besonders gut. Zehn Jahre habe ich nicht nach den Sternen zu greifen gewagt, doch heute tu ich es. Später kannst du dir deinen Orden abholen, später.“

„Sei verflucht“, knirschte Cooper. „Du wirst nicht weit kommen, das Haus ist umstellt. Oder hast du geglaubt, dass …“

„Eben das“, lächelte Cammie milde. Es war eine gefährliche Sanftheit in seiner Stimme, die Cooper genau zu deuten wusste, die ihn warnte, ihm zu denken gab. Das Petroleumlicht warf nur einen matten Schein in die Zelle, die Schatten krochen aus den Winkeln hervor, so stark, dass sie Coopers Gesicht zu einer hässlichen Grimasse machten. Lange sah Cammie auf ihn nieder, spürte das Zucken in den Schultern des Liegenden, spürte, wie der Hass und die Wut des Besiegten ihn umloderten.

„Es tut mir leid, Cooper, bevor ich dich narkotisiere, muss ich dir noch sagen, dass ich mir alle der Reihe nach holen werde, alle, keiner kommt davon. Du kannst allen einen Gruß von mir ausrichten, Cooper. Übrigens, meinen Sattel überlasse ich dir als Ausgleich für den Orden, später hole ich ihn mir wieder.“ Bei diesen Worten schlug er zu, traf die Schläfe, Cooper setzte seinen Schlaf fort.

„Schlafe sanft“, raunte Cammie befriedigt. Er schloss die Zellentür hinter sich, zog den Schlüssel ab und steckte ihn in seine Tasche, sah sich um. Nach einigem Suchen fand er im Schreibfach einige Päckchen Munition, die zu seinen Eisen passte. Nun tat er noch ein Letztes, löschte die Petroleumlampe und machte sich auf den Weg.

Cammie fühlte sich nicht wohl in seiner neuen Ausrüstung. Ein hartes Lächeln kerbte sich in seinen Mundwinkeln ein, als er das linke Futteral mitsamt dem Colt unter der Achsel befestigte,

Hm, Cooper trug nur einen Colt, ein scharfer Beobachter hätte … nun ja, Cammie wollte nichts außer Acht lassen, wollte heil aus dem Haus kommen.

Seine Spannung wuchs, als er die Tür erreichte, den Riegel zurückschob. Für einen Augenblick war er versucht, den weit sichereren Weg durch das Fenster zu nehmen, um auf den Hof zu gelangen.

Aber nur einen Moment dachte er nach. Nein, das ganze Haus war umstellt. Sicherlich ein Befehl des Chefs, der Cooper den Auftrag gegeben hatte, auf ihn einzureden, ihn weich zu machen. Cooper gehörte zu den Vertrauten, der Chef hatte allen Grund, seine anderen Leute aus dieser Sache herauszuhalten.

Ein bitterer Geschmack legte sich auf Cammies Zunge. Speiübel war ihm zumute, eine verdammt heiße Sache hatte er sich da vorgenommen, und draußen pfiff der Wind. Er sprang Cammie an, als er aus der Tür auf den Bohlensteig trat.

 

 

4

Frei!

Ah, die scharfe Nachtluft stach in die Lungen, verschlug ihm fast den Atem. Von Nordwest fegte der Wind den Staub durch die Mainstreet. In Böen legten sich die Staubwolken über Avonzara.

Der Staub war es, der die Männer, die rings um das Office postiert waren, wie Gespenster erscheinen ließ. Gespenster, die auftauchten, um gleich wieder im Staub zu versinken.

„Wohin, Sheriff?“, knurrte es von links.

„Zum Chef“, krächzte Cammie mit verstellter Stimme zurück und blieb dabei wie abwartend stehen.

Der Sprecher ließ ein dunkles Lachen hören, flüsterte: „Dann können wir uns wohl den Kerl ansehen, wie? Ist doch seltsam, dass der Boss mit diesem Burschen so viel hermacht. Ist wohl ein besonderer Tiger?“

„Yeah, einer, der weder die Krallen, noch das Maul aufreißen kann, ich habe ihm ein gutes

Schlafmittel verabfolgt. Er hat es ohne Widerrede genommen, obwohl ihm das Schlucken verteufelt schwerfiel. Es könnte nicht schaden, wenn er das Fell auf besondere Art massiert bekommt.“

„Oho, das lässt sich hören. Er hat Nordy das Kniegelenk bearbeitet und Ten die Kinnlade ausgerenkt“, keuchte es zurück, und sogleich löste sich der Sprecher aus der Nische, kam gebeugt heran. Aber auch jetzt erkannte er Cammie nicht, hielt ihn für Cooper.

Cammie ritt der Teufel, als er hervorstieß: „Yeah, hole die Boys, die von ihm lädiert sind und dann gebt es ihm weidlich, aber lasst ihn am Leben, damit für mich etwas übrig bleibt, ich habe mit ihm eine besondere Rechnung abzumachen, die ich ihm gerne noch servieren will.“

„Sheriff, das ist der beste Befehl meines Lebens“, kam es freudig zurück. „Well, nach dieser Sache werde ich besonders leicht in den Sattel klettern.“ Er schwieg, deutlich sah Cammie, wie er sich verlegen den Kopf kratzte.

„Was gibt es noch?“, forschte er sogleich.

„Eh, Sheriff, mir fällt ein, dass wir den Tiger wohl kaum richtig zähmen können. Jeden Augenblick kann das Signal kommen, dass sie die Frauen aufgestöbert haben, und dann geht‘s in den Sattel, haben diese Nacht noch allerlei vor, diese Nacht holen wir doch den Zuchthengst Silverblade von der Gitter-Ranch.“

Cammie überwand den Schreck und den Zorn, konnte sich gerade noch so weit zusammenreißen, dass er nicht mit einem Wutschrei dem Kerl an die Kehle flog.

„Ihr werdet ihn bekommen, Boys“, flüsterte er kehlig zurück, duckte sich unter der Holmstange und trat auf die Fahrbahn. Die Staubwolken stoben ihm entgegen.

Staub drang in seine Augen, in Nase und Rachen, knirschte zwischen den Zähnen. Mitten auf der Fahrbahn wandte er sich um, blickte zum Office zurück, lächelte befriedigt.

Die Tür stand weit offen, Männer drängten sich hinein, verschwanden.

„By Gosh, sie werden sich zu den Gittern hintasten und mit ihren Fäusten durch die Stäbe langen. Cooper, ich möchte nicht in deiner Haut stecken, du wirst diesen Tag auch so schnell nicht vergessen!“

Nein, er fühlte keine Reue, Grimm, nagender Grimm wuchs mit jedem Yard. Was er gehört hatte, legte sich wie ein Alptraum auf ihn, ließ ihn eilig vorwärtshasten, Goddam, hoffentlich kam er nicht zu spät, zu spät, um den Frauen zu helfen, zu spät, um seinem Vater beizustehen. Ah, Silverblade konnte nur ein Nachkomme Silberkönigs sein, der Hengst, mit dem sein Vater die Zucht aufgebaut hatte.

Cammies Blut geriet in Wallung. Er spürte den Staub nicht mehr, hörte auch nicht den aufjaulenden Schrei, der die Nacht zerriss, sich verstärkte, zum heulenden Song wurde. Ah, sollten sie sich gegenseitig das Fell so über die Ohren ziehen, dass sie für alle Zeiten ihre Schuftigkeiten aufgeben mussten, ihm sollte es nur recht sein.

Keiner hielt ihn auf, niemand trat ihm in den Weg. Unbehelligt erreichte er den Mietstall.

Eine einsame Laterne schaukelte wie erregt vor der Einfahrt im Winde hin und her, warf volle Lichtkreise, die auf und nieder gaukelten, hin und her schwangen.

Cammie zögerte, blieb im Schatten stehen, schaute in die Runde, nichts, was ihn stören konnte. Keine Wächter, die ihre Glimmstängel schwangen.

Er straffte sich, sah noch schnell die Straße entlang, nein, nirgendwo ein Pferd, die Holme waren leer, wie ausgefegt und in den Staubböen erschienen dann und wann die roh zusammengezimmerten Futtertröge, auch sie waren verlassen. Pferde gab es nur im Mietstall. Aber es war gefährlich, durch den Lichtkegel zu gehen.

Er musste hindurch, fühlte, wie es bei jedem Yard kälter über den Rücken rann. Betont sachlich hielt er die Rechte vom Kolben fort. By Gosh, man sollte nicht denken, dass …

Weit offen stand die Stalltür. Drei Laternen brannten im Stall, erzeugten eine Helligkeit, die Cammie innerlich verfluchte. Der warme Tierdunst schlug ihm entgegen. Es roch nach Dung, nach Leder, Heu und Mais. Links und rechts öffneten sich die Boxen. Einzelboxen und Gemeinschaftsboxen. Pferde schnaubten, stampften unwillig mit den Hufen, warfen die Köpfe auf, als sie seine Witterung wahrnahmen.

By Gosh, yeah, seine Augen mussten sich an die Helligkeit im Stall gewöhnen. Er blinzelte, hörte das Geräusch zur linken Hand, spürte gleichzeitig, dass sein Colt aus dem Futteral herausgerissen wurde.

„Ein kleiner Trick, Sheriff. Man wirft einen Stein und schon ist es passiert, rühr dich nicht, keine Bewegung.“ Ein heiseres Lachen folgte. „Dreh dich langsam herum, Cammie Bond. Ich dachte mir gleich, dass Cooper für dich zu schwach ist. Ah, schau mich nur richtig an, das hast du nicht erwartet, wie?“

„Nein!“, schleppte Cammie und verschränkte die Arme quer über der Brust, schob die Rechte so, dass sie den Kolben unter der Weste zu fassen bekam.

„Du hast das sehr geschickt gemacht, Big Barrymore. Ich selbst habe dir diesen Trick vor Jahren beigebracht, als wir noch gemeinsam über die Weiden ritten und du zu der Crew meines Vaters gehörtest, aber das ist ja schon so lauge her!“

„Sehr lange“, bestätigte Big Barrymore mit einem zornigen Knurren. „Inzwischen hat sich manches geändert, aber das wirst du gewiss schon erfahren haben. Was hast du mit Cooper gemacht?“

Cammie antwortete nicht sogleich, betrachtete kühl sein Gegenüber. Big hatte sich kaum verändert. Schwer, massig wirkte er wie ein Fels. Auf seinem Stiernacken saß ein fast kleiner Kopf, der verblüffende Ähnlichkeit mit einer Bulldogge hatte.

Heiliger Maverick, Big konnte nicht der Anführer des Vereins sein. Er war nicht geschickt genug, um alle Fäden in den Händen zu halten, obgleich er zweifelsohne der stärkste Mann war, was seine Handgelenke und die Muskeln unter dem knappsitzenden Hemd verrieten.

„Nun, was ist mit Cooper?“ Bei diesen Worten ruckte Big Barrymore Cammies Waffe höher, lächelte eigentümlich. Teuflisch konnte man das Lächeln nennen.

„Er hat bekommen, was er verdient“, dehnte Cammie. „Und auch du bekommst, was du verdient hast, alle, ohne Ausnahme, auch Duff!“

„Duff?“, grinste Big, lehnte sich gegen eine Box, schlug die Beine übereinander, bleckte die Zähne. „Höre, Sonny, dir geht es wohl nicht gut. Cooper hat dich wohl zu heftig auf den Kopf geschlagen. Well, kann dich verstehen, aber du irrst,und jetzt hast du Eile, aber gedulde dich, vor zehn Jahren habe ich dich oft zurechtgestutzt, jetzt werde ich es wieder tun, ganz langsam, verstehst du. Ich werde dich regelrecht auseinandernehmen, werde dich einbrechen und dann hinter meinem Gaul aus der Stadt schleifen. Du hast schon vor zehn Jahren versucht, unsere Gesellschaft zu sprengen, und es ist dir auch gelungen, Irving Hallet auf deine Seite zu ziehen. Du hast damit Linol nur einen Gefallen erwiesen, Nun, Linol hatte schon immer eine Schwäche für Frauen und für Vivian Hallet ganz besonders. Nun hat er eine Schwäche für Clarissa Monson, nanu, du wirst verdammt blass, Boy, du gönnst sie ihm wohl nicht, wie? Nun, das wird ihn wenig kümmern, er nimmt sich alles, was er haben will und jetzt braucht er dich nicht einmal mehr zu fragen.“

Sein glucksendes Gelächter brach ab. Er legte den Colt hinter sich auf eine kantige Querstange, wölbte den Brustkorb heraus, spreizte die Arme. Yeah, wer in diese Arme geriet, konnte alle Hoffnung begraben. Es waren Greifer, waren Pranken eines Gorillas. Seine kleinen, tückischen Augen funkelten vor Kampfgier, und die Flügel seiner platten, knorpeligen Nase weiteten sich.

Er stieß sich mit dem Rücken langsam ab. Himmel und Hölle, Cammie kannte das, aus der Ruhe heraus würde ein berstender Angriff folgen.

„Sonny, du kannst alle Hoffnung fahren lassen, alle, sage ich dir.“ Der Doppelsinn wirkte wie Gift, drang in Cammie ein, er riss mit einem zornigen Auflachen den Colt unter der Weste hervor. Big sah diese Bewegung, deutete sie richtig, handelte explosiv, mit einer Schnelligkeit, die man seinem unförmigen Körper niemals zugetraut hätte.

Seine Linke schoss vor, traf Cammie vor die Brust, raubte ihm den Atem, warf ihn zwei Yards zurück. Er konnte sich fangen, als Big die hinter ihm auf der Querstange liegende Waffe mit einem fauchenden Laut an sich riss, herumschwang. Zwei Feuerzungen kreuzten sich. Pulverrauch quoll durch den Stall, schrill wieherten die Pferde, stiegen hoch, keilten aus.

Schlaff sank Big Barrymores blutendes Handgelenk herunter. Aber das störte ihn nicht, auch nicht, dass die Waffe kraftlos aus seiner Hand fiel, zu Boden polterte. Zorn und Wut erstickten ihn, rissen seinen mächtigen Körper aus dem Stand heraus, auf Cammie zu. Seine Linke holte aus, und ein mächtiger Hammerschlag sauste nieder, der gewiss die Schädeldecke eines Menschen zertrümmert hätte, wenn …

Yeah, Cammie sah die Gefahr, wich aus, schoss, traf die Lampe über sich, und sie verlöschte in dem Augenblick, als Big Barrymore mit seiner ganzen Fülle gegen die Boxwand krachte. Bretter knirschten, übertönten den Lärm der weiteren Schüsse, mit denen Cammie sämtliche Laternen zum Verlöschen brachte. Meisterschüsse waren es, gekonnt, sicher. Sie löschten aus, ohne eine Lampe zur Explosion zu bringen. By Gosh, nur Bruchteile von Zentimetern entschieden darüber, ob der Docht oder das Gefäß getroffen würde. Eine Explosion würde bedeuten, dass das brennende Petroleum den Stall binnen Minuten zur Höllenfackel machte.

Jetzt lag er in Finsternis gehüllt, eine Finsternis, die erschreckend, unheimlich war, die sich lähmend auf die Nerven legte. Cammie fand trotzdem seinen zweiten Colt, fand auch den sich benommen aufrichtenden Big und schlug zu, unbarmherzig, präzise, bis Big ohnmächtig zusammensackte. Er riss sich das Sheriff-Abzeichen von der Weste und heftete es an des Ohnmächtigen Brust. So würde man ihn finden, so!

Aber Cammie konnte nicht darüber grinsen. Nein, by Gosh, es war die zweite Lehre, die er in dieser Nacht erteilt hatte. Jetzt musste er verschwinden. Der Boden war verdammt heiß und gefährlich. Er fand drei Sättel, fand auch im Dunkeln die Pferde, wählte nicht lange, sattelte, verband die Tiere mit einer Longe, schwang sich auf, setzte die Sporen ein, duckte sich unter den Stirnbalken des Stalles hinweg. Hufe prasselten, hieben ihr wildes, pochendes Stakkato in die Nacht hinein. Kalt fauchte ihn der Wind an, eisig kalt.

Konnte es noch größere Kälte geben, als die, die in seinem Herzen saß?

Ein wildes Lachen flatterte von seinen Lippen. Yeah, ein Lachen, das die Tiere schneller werden ließ, sie zum brausenden Galopp anspornte.

Die Silhouetten mehrerer Männer sausten beiseite, bleiche, verstörte Gesichter, weiter, immer weiter. Schüsse, und dann nur noch das Trommeln der Hufe und Staub, viel Staub.

Er jagte mit der Remuda die Mainstreet entlang, zwang die Tiere, in eine Seitengasse einzubiegen, beugte sich weit im Sattel vor. Der Wind jaulte in Mähnen und Schweifhaaren, blies Cammie ins Gesicht, bog die Stetsonkrempe auf und nieder.

Gärten, Feldwege, die Kulissen der Stadt blieben zurück, verschwanden hinter ihm und wurden von der Nacht und dem Staub verhüllt.

Und dann schlug er einen Bogen, saß steif im Sattel, lauschte in die Nacht hinein, bremste das Tempo, ritt schließlich im Schritt. Stille ringsherum. Außer dem leisen Pochen der Pferdehufe, dem Stöhnen des Windes war nichts zu vernehmen, nichts, was beunruhigen könnte.

Er hielt die Tiere an, band sie an den Ästen eines Baumes fest, tastete die Felle ab, nein, sie waren noch fit, waren ohne Schweiß.

Steifbeinig schritt er vorwärts, blieb oft stehen, konzentrierte sich, suchte trotz des sichtnehmenden Staubs und der Dunkelheit nach Anhaltspunkten, die er sich eingeprägt hatte. Atmete beglückt auf, als er den ersten Blickfang entdeckte, eine verkrüppelte Kiefer. Dahinter musste das Gestrüpp sein, das die Ladys als Zufluchtsort gewählt hatten.

Laut pochte sein Herz. By Gosh, yeah.

„Welch ein Land“, kam es von seinen Lippen. „Es ist die Heimat, und doch ist sie‘s nicht. Duff, du hast sie zerstört.“ Abgehackt, heiser fauchte er den Namen des Halbbruders vor sich hin.

Flammender Trotz trieb ihn weiter. Empörung, Auflehnung gegen den Bruder, gegen die Männer, die das Land terrorisierten, die nicht einmal vor Frauen haltmachten. Sein Herz krampfte sich wie ein schmerzender Muskel zusammen. „Yeah, ein Rinderreich willst du aufbauen, Bruder, und du machtest den Anfang vor zehn Jahren, gönntest mir das Erbe nicht. Ah, damals habe ich das alles nicht verstanden, aber jetzt sind mir die Augen aufgegangen.“

Er brach ab, hatte das Gebüsch erreicht, drang ein, blieb plötzlich wie angewurzelt stehen.

Nein, er brauchte nicht weiter zu suchen, jetzt nicht mehr. Er beugte sich hinab, bog die Zweige auseinander, damit das bleiche Mondlicht auf die stille Gestalt fallen konnte, die bewegungslos auf der feuchten Erde lag.

„Vivian Hallet“, brach es wie ein Schrei von seinen Lippen. Dann schlugen seine Zähne wie im Frost aufeinander. Rote Feuerräder jagten, kreiselten wie irr vor seinen Augen. Schwäche kam in ihm auf, eine üble, krankhafte Schwäche, die aus einer unheimlichen Erkenntnis geboren, seinen Atem erstickte.

Details

Seiten
197
Jahr
2021
ISBN (eBook)
9783738951417
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v1003734
Schlagworte
offene halfter

Autor

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Titel: Offene Halfter