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Der Treiber-Boss

2021 192 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Der Treiber-Boss

Copyright

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

15.

Der Treiber-Boss

Western von Larry Lash

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 192 Taschenbuchseiten.

 

Als Ward Hall in Sam Lindsays Crew aufgenommen wird, da weiß er, was ihn erwartet. Gleich zu Anfang hat er sich den Sohn des Treiberbosses zum Feinde gemacht. Er hat ihn im Faustkampf geschlagen. Skov, der junge Ranchersohn, leidet unter der Härte seines Vaters, der mit Tausenden von Rindern unterwegs ist, um sich eine neue Heimat zu suchen. Der grimmige Alte will keinen schwächlichen Sohn. Ward soll seinem Erben ein Vorbild sein. Doch Skov sieht in ihm nur den Rivalen.

Nicht nur dieser interne Streit in der Texas-Crew, sondern auch Feinde von außen — vor allem der Banditenboss Father Curry — machen das Unternehmen, Tausende von Rindern nach Norden zu treiben, von Tag zu Tag schwieriger. Hinzu kommt noch die feindliche Einstellung von Big Dineen, der mit dem Rest seines fast untergegangenen Trecks bei der Texas-Crew Aufnahme fand. Schatten der Vergangenheit tauchen auf, als sich das Schicksal dreier harter, unnachgiebiger Männer im Inferno einer wilden Auseinandersetzung erfüllt.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

Cover: Steve Mayer, nach einem Motiv von M. Dixon, 2021

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1.

Der Mann, der sich mit einem gezückten Bowiemesser über das einjährige Rind beugte, um es aufzubrechen, erstarrte mitten in der Bewegung. Aufgestört vom trommelnden Hufschlag schnell heranjagender Pferde, sah es so aus, als wollte er im ersten Impuls die soeben geschossene Färse liegen lassen und zu seinem Pferd stürzen, um die Flucht zu ergreifen.

Doch es sah nur so aus.

In Wirklichkeit verzog sich Ward Halls Gesicht schmerzlich, als ob Zahnweh ihn bedrücke. Seine dunkelgrauen Augen blitzten. Die Rechte ließ das Bowiemesser ins Futteral zurückgleiten, um sich dann fest auf den schmucklosen abgegriffenen Kolben seines 45er Colts zu legen.

Ward Hall wusste, dass es keinen Sinn hatte zu fliehen. Sein graues Pferd war zu müde, zu ausgepumpt. Es war auch schon zu alt und klapprig, um noch ein großes Rennen durchhalten zu können. Es hatte gerade noch so viel Kraft, dass es seinen Reiter einige Meilen im gemächlichen Schritt tragen konnte. Es war mit einem Wort ein elender Klepper.

Ward machte sich nichts vor. Er wusste, dass es keinen Sinn hatte, den grauen Großvater aller Pferde in schnelle Bewegung bringen zu wollen. Weder Sporen noch Hiebe hätten in diesem Falle etwas genützt. Es kam hinzu, dass Ward einen Widerwillen gegen den Einsatz von Sporen und brutaler Gewalt hatte. Ein wenig geduckt stand er neben dem von ihm geschossenen Rind. Seine Grauaugen tasteten über den unansehlichen Wallach hinweg, der mit hängenden Zügeln Disteln abgraste und so vertieft in die Futteraufnahme war, dass er weder den trommelnden Hufschlag der Artgenossen hörte noch einen Blick für seinen Herrn hatte. Der graue Wallach ließ sich nicht einmal stören, als zehn Reiter über den Hügelrücken herangebraust kamen, als hätte ein Sturmwind sie herangetrieben. Ward Hall sah zehn schwerbewaffnete Männer auf sich zukommen, die sattelfest auf den Pferden saßen, als wären sie darauf geboren. Sie machten den Eindruck, als wollten sie ihn mit den Hufen ihrer Pferde zu Boden stampfen. Wards Hand löste sich vom Kolben seiner Waffe, denn er sah ein, dass ein Kampf gegen zehn Gegner aussichtslos war.

Es waren zehn hart geschulte Männer, Texasreiter, wie man unschwer an ihren Stetsons, ihrer Kleidung und der Art, wie sie ritten, erkennen konnte. Es waren Cowboys von der besonders harten Sorte.

Bis auf wenige Yards kamen sie herangestürmt, um dann, sozusagen im letzten Augenblick, ihre Pferde mitten im Jagen herumzureißen und Ward in die Zange zu nehmen. Die Hufe ihrer Pferde wirbelten Dreck auf. Die Tiere steilten auf und schnaubten unter dem Zügeldruck der Reiter. Zehn Augenpaare waren auf Ward gerichtet, zehn staubüberkrustete Männer, hager, gleich Wüstenwölfen, hatten ihn umringt.

Sicherlich war es Ward wie einem gestellten Wild zumute. Er fühlte sein Herz schneller schlagen und spürte, wie sich ihm die Kehle eng zog. Das Schweigen der Meute ringsum war ein drohendes Zeichen. Die böse verkniffenen Augen der Männer, ihre Blicke, ihre Haltung, alles das verriet Ward, dass er sich in einer argen Klemme befand. Einer der Reiter, ein Mann mit einem eisgrauen, an den Mundwinkeln herunterhängenden Schnurrbart, brach das nervenaufpeitschende Schweigen. Er trieb seinen drahtigen, stark geäderten Wallach eine Pferdelänge vor, beugte sich ein wenig im Sattel nach vorn und schaute mit großen Augen auf das Brandmal des einjährigen Rindes, dann sagte er scharf: „Es will sich jemand an unserem Fleisch laben!“

Seine Worte lösten ein raues Lachen aus. Dieses Lachen klang Ward dröhnend in den Ohren. Als es abbrach, bemerkte er die Wut in den Augen der Reiter. Nackter, unverhüllter Zorn war es, der ihm feindlich entgegenschlug. Die eingetretene Stille wurde von den Worten eines der Reiter unterbrochen.

„Hull, wir haben unsere Rinder nicht Hunderte von Meilen von Texas heraufgetrieben, damit sie in den Suppentöpfen verschwinden. Es gab bereits zu viele Verluste, und für Rustler haben wir nichts übrig. Machen wir es kurz!“

Das drohende Gemurmel ringsum erinnerte Ward an eine Sturmflut, die jeden Augenblick mit tödlicher Gewalt über ihn hinwegbrausen konnte. Der Reiter mit dem eisgrauen Schnurrbart, den man mit Hull angeredet hatte, fragte spöttisch: „Wäre es nicht an der Zeit, mein Junge, dass du den Mund aufmachst? Für welchen Verein arbeitest du?“

Obwohl die Frage spöttisch war, war sie doch so gestellt, dass Ward die Ungeduld heraushörte und spürte, dass er antworten musste. Die Geduld der Männer, die ihn gestellt hatten, war nicht sonderlich groß. Jeder dieser Reiter schien mit Dynamit geladen zu sein. Ward Hall wusste nun, dass er das Pech hatte, eine Färse im Siouxgebiet geschossen zu haben, die zu einer texanischen Treibherde gehörte. Er wusste jetzt, dass er Treibherdencowboys vor sich hatte, die zu den härtesten Cowboys zählten, die es im Westen gab. Jeder dieser Reiter hatte besonderes Format und war ein Kämpfer durch und durch, denn das mussten sie auch sein auf dem Trail durch unwegsame Gegenden, durch Durststrecken, über Flüsse und Gebirge hinweg. Sie waren jederzeit bedroht von wilden Horden, die sich ihnen entgegenwerfen konnten. Andererseits, was bedeutete schon ein einzelnes Rind? Sicherlich hatten sie auf dem Trail Dutzende durch Stampeden, trügerische Sandbänke und bei Flussdurchquerungen verloren. Warum zum Teufel spielten sie sich hier so groß auf?

„Ich habe nichts mit Rustlern gemein“, antwortete Ward. „Ich schoss diese Färse, weil ich Hunger hatte. Seit vier Tagen habe ich mit Ausnahme von einigen Beeren kaum etwas zu essen gehabt. Von Tag zu Tag wurde mir elender. Das wenige Wild, das ich zu sehen bekam, war zu weit entfernt, als dass ich einen Schuss anbringen konnte. Mit meiner Munition ist es nicht gut bestellt. Drei Schuss habe ich noch in der Waffe. Eine Kugel bekam die Färse, eine zweite wollte ich mir aufheben, um sie einem Gegner zu schicken und die dritte für den Fall aufheben, dass es nicht mehr weitergeht. Jetzt hat sich alles geändert, ihr nehmt mir vieles ab, Gents“, sagte er mit brennenden Augen, die auf Hull gerichtet waren. Die Männer hatten ruhig und ohne ihn zu unterbrechen zugehört.

Hull antwortete nicht gleich. Er schaute von Ward fort zu dem grauen Wallach hin und schien zu begreifen. Yeah, er schien zu erkennen, dass mit einem solchen Pferd selbst der mutigste Mann in diesem Lande mit dem Tod Bügel an Bügel ritt, dass er sich in einer Klemme befand, die durch einen Pfeil, eine Kugel oder durch ein Messer beendet werden konnte. Mit einem solchen Pferd war ein Mann so gut wie verloren. dass dieser Mensch noch lebte, dass er noch nicht von einer der streifenden Horden der noch nicht in der Reservation untergebrachten Sioux längst erledigt war und den Weg in die ewigen Jagdgründe angetreten hatte, ließ Hull Mortson sehr nachdenklich werden. Er betrachtete den jungen, schwarzhaarigen Mann, der selbst wie ein Sioux aussah, jetzt mit ganz anderen Augen. Vielerlei Fragen drängten sich Mortson auf, doch stellte er sie nicht. In diesem Lande stellte man keine Fragen nach dem Woher und Wohin. Man brauchte dem Fremden nur in die brennenden, tief in den Höhlen gebetteten Augen zu sehen, um die trotzige Haltung richtig beurteilen zu können. Man musste zu dem Ergebnis kommen, dass er die Wahrheit sprach. Nur der Himmel allein wusste, was dieser junge Mann hinter sich gebracht hatte, denn der Hunger stand in seinem lodernden Blick.

„Ich hätte die Haut nicht genommen“, erklärte Ward, als er keine Antwort bekam. „Ich hätte sie liegenlassen, so wie es üblich ist. Ich kann nur noch einmal versichern, dass ich kein Rustler bin.“

„Ein Glück für dich“, erwiderte Mortson. „Wenn es dir nur um gutes Essen geht, unser Koch wird es dir geben.“

Ward traute seinen Ohren nicht. Eine solche Einladung war mehr, als er nach Lage der Dinge erwarten konnte. Er sah das Erstaunen der anderen. Einer der Männer äußerte sich zu Hull Mortson gewandt: „Mortson, nur keinen Fehler! Wir wissen doch alle, dass Father Curry in der Nähe ist. Curry hat uns wieder eingeholt. Ich bin sicher, dass er zu Currys Leuten zählt. Öffnen wir ihm doch den Mund ein wenig. Currys Verschlagenheit sollten wir nicht unterschätzen. Curry glaubt, dass wir auf einen Ziegenbock von Pferd und auf ein Milchgesicht hereinfallen. Er lügt, Mortson! Wie sollte man seine Anwesenheit in dieser wilden Gegend sonst erklären?“

Der Sprecher, ein rothaariger, mit Sommersprossen übersäter Reiter schwang sich mit grollendem Lachen vom Pferd und war mit wenigen Schritten an Ward heran. Seine flammenden Augen schienen Ward durchbohren zu wollen.

„Ich will dir mal etwas sagen, mein Junge“, sagte er mit unheilverkündender Stimme. „Auf dich fallen wir nicht herein. Du willst genau das erreichen, was Mortson dir vorschlug. Doch daraus wird nichts! Bei uns findest du keine Aufnahme. Curry hat sich das wunderbar ausgedacht, uns kurz vor Erreichen des Zieles einen Spion in die Mannschaft zu schicken. Du wirst mir jetzt sagen, wie viele Meilen von hier entfernt sich Father Currys Bande aufhält.“

„Skov, lass ihn in Ruhe!“, meldete sich Mortson. In seiner Stimme war ein metallisch schwingender Klang. „Wenn du auch der Sohn des Treibherdenbosses bist — ich bin der Vormann!“

„Dann lass dir sagen, Vormann, dass schon genug Fehler gemacht wurden. Der größte war die Aufnahme des Trecks. Das hat uns noch langsamer werden lassen. Warum zum Teufel belasten wir uns gerade jetzt, wo Fallher Curry uns die Hölle bereiten kann und die Sioux auftauchen können? Hölle und Teufel, eine weitere Verzögerung kommt nicht in Frage! Diesen Fremden kaufe ich mir, und wenn ich mit ihm fertig bin, kannst du die Fittiche über ihm ausstrecken, Vormann.“

Kaum hatte er den Satz beendet, als er, sich vorwerfend, auch schon zuschlug. Dieser Schwinger hätte Ward glatt von den Beinen gefegt, wenn er getroffen hätte. Ward jedoch handelte instinktiv. Es zeigte sich, dass er nicht ganz so entkräftet war, wie es den Anschein hatte. Vielleicht war von Anfang an seine Abneigung gegen den rothaarigen, herrisch auftretenden Skov Lindsay — so hieß er mit seinem vollen Namen — eine reine Gefühlssache, die ihn beim Näherkommen des Gegners gewarnt hatte. Jedenfalls handelte Ward sofort. Er wich zur Seite und ließ die Faust des Gegners an sich vorbei ins Leere fliegen.

Jetzt konnte Ward nur hoffen, dass der Vormann die Meute in Schach hielt, dass sie nicht in den Kampf mit eingriffen, der Ward voll und ganz ausfüllte. Der Gegner war groß, breitschultrig und schätzungsweise über zwanzig Pfund schwerer als er. Die eigene Schwungkraft riss Skov Lindsay so nahe an Ward heran, dass dieser aus dem Zurückpendeln einen kurz angesetzten Schwinger abfeuern konnte. Seine Faust schien unter Skov Lindsays Kinn zu zerbrechen. Ein lähmender Schmerz raste von der Faust zur Schulter. Der zweite Schlag erwischte Lindsay an der Schulter. Zusammen mit seinem Gegner fiel er über die am Boden liegende Färse. Ward war schneller hoch als sein Gegner. Ehe Skov Lindsay noch recht zur Besinnung kam, konnte Ward noch weitere Schläge anbringen. Er wusste, dass er diesen Gegner nicht zum Zuge kommen lassen durfte. Er musste dessen Angriffe im Keime ersticken, bevor dieser feststellte, wie wenig Kraftreserven Ward wirklich hatte. Ward legte seine ganze Kraft in die Fäuste. Er spürte wohl die Fäuste des Gegners, doch was tat das schon! Er schlug erbarmungslos zu und spürte, wie sein Gegner von ihm fort wegsackte und neben der Färse mit weit geöffneten Augen liegenblieb.

Vor Wards Augen waren kreisende, rote Nebel.

„Steh auf!“, hörte er seine Stimme eigenartig fremd und heiser, wie aus weiter Ferne. „Steh auf und mache weiter! Wir fangen jetzt erst richtig an!“ Diese Aufforderung war gewiss übertrieben. Niemand konnte das besser wissen als er selbst. Der Hunger und die hinter ihm liegenden Strapazen hatten ihn körperlich so sehr geschwächt, dass er sich nur mit Mühe auf den Beinen halten konnte. Trotzdem verstand er es, seine Luftnot zu verbergen, verstand es, die eigene Schwäche dem Gegner nicht sichtbar werden zu lassen. Die Reiter ringsum erblickte er wie im Nebel. Er sah in erstaunte und betroffene Gesichter. Hull Mortson stieg vom Pferd, kam heran und hob Skov Lindsay auf. Lindsay stand wankend auf den Beinen und schüttelte sich wie ein großer Hund, den man ins Wasser geworfen hatte. Seine fahlblauen Augen bekamen jetzt wieder ein wenig Glanz. Wortlos machte er kehrt und ging zu seinem Pferd zurück. Er hob sich schwerfällig in den Sattel, wandte das Tier und ritt davon.

„Ein schlechtes Zeichen“, sagte Mortson heiser und mit erregter Stimme. „Wenn du jetzt noch meiner Einladung folgen willst, wird es bitter für dich. Skov schluckt diese Abfuhr nicht herunter. Er hatte es sich leicht vorgestellt, Mister ...?“

„Ward Hall heiße ich, Vormann“, sagte Ward, froh darüber, die Schwäche überwunden zu haben. „Ich kann es mir nicht leisten, die Einladung abzuschlagen, ich habe weder Proviant noch eine Ausrüstung mehr. Ich kann dem Himmel danken, dass es so kam. Ich reite mit, Vormann.“

„Du bist dir doch darüber im Klaren, dass Skov dir viel in den Weg legen wird? Er ist der Sohn des Treiberbosses, der einzige Sohn, der später einmal die Rinderherden, die Remuda und alles Hab und Gut erben soll.“

„Vormann, dieser Skov muss noch viel lernen!“

Überrascht schob Mortson sein Kinn vor. In seinen Augen leuchtete es auf. Seine Rechte legte sich Ward fest auf die Schulter.

„Der Meinung ist auch unser Treiberboss, mein Junge. Es liegt ihm viel daran, aus Skov einen großen und starken Mann zu machen, der so stark sein muss, dass er das große Erbe einmal antreten kann. Weil der Boss es so wünscht, musste Skov mit seinen eigenen Schwierigkeiten fertig werden. Er hat es wirklich nicht leicht, doch ist er zu überheblich und fühlt sich schon zu groß. Er hat sich zu große Stiefel angezogen. Der kleine Dämpfer kann ihm wirklich nicht schaden. Er wird das jedoch mit ganz anderen Augen sehen. Nimm dich in Acht, Ward Hall! Sei froh, wenn du eine Ausrüstung, Proviant und ein besseres Pferd bekommen kannst. Dann setze deinen Ritt wieder fort. Ein Leben mit Skov wäre die Hölle. Für die Dinge, die du brauchst, wirst du eine Zeitlang als Gastcowboy arbeiten müssen. Unser Boss hat nichts zu verschenken.“

„Ich komme nicht mit, um Geschenke anzunehmen“, antwortete Ward ruhig.

 

 

2.

Über zehntausend Rinder waren auf dem Marsch. Seitlich von der großen Treibherde bewegte sich eine gewaltige Staubwolke, aufgewirbelt von der tausendköpfigen Pferderemuda. Dreiundzwanzig Prärieschoner schwankten, von Vierergespannen gezogen, durch die Weite des Landes. Die neun Begleiter, die Hull Mortson bei sich hatte, gehörten einer fünfundsechzig Mann starken Treibermannschaft an.

Doch nicht nur das hatte Ward inzwischen erfahren. Er wusste nun, dass die gewaltige Herde vor Monaten in Texas aufgebrochen war und sich auf dem Weg nach Wyoming befand. Das große Territorium war angeblich von den Sioux geräumt worden und frei für jeden Rancher, Farmer und Siedler, der ein Stück davon haben wollte. Jedermann wusste jedoch, dass Bandengruppen der aus der Reservation ausgebrochenen Sioux raubend und mordend im Lande umherzogen. Jeder wusste, dass das herrliche Lind nur durch Kampf zu erobern war und dass es viele Schwierigkeiten geben würde. Niemals gab es gefürchtetere Raub- und Mordbanden als die aus der Reservation ausgebrochenen Sioux sie bildeten. Sie machten ihrem Groll gegen die Vergewaltigung ihrer Freiheit durch Plünderungen und andere Untaten Luft.

Sicherlich hatte Sam Lindsay, der Boss dieser Herde, das alles bei seinem Aufbruch aus Texas gewusst. Man sagte, dass er darüber nur gelacht hatte und geäußert hatte: ,Das kann mich nicht aufhalten. Ich kann mir nichts Besseres wünschen, um meinen Sohn hart zu machen. Für meine Mannschaft und mich beginnt wieder ein Leiben so nach unserem Geschmack. Wem das nicht passt, der möge sich aus der Mannschaft streichen lassen.‘

Sam Lindsay hatte sich nicht von seinem Vorsatz abbringen lassen. Er hatte fünfundsechzig Kämpfer bei sich, achtzehn Wagen, die Proviant, Hausrat und vieles andere transportierten. Einige der sich im Treck befindenden Prärieschoner gehörten nicht Sam Lindsay, sondern einem Treck von Aussiedlern, die sich in den letzten Tagen dem Schutz der Cowboys anvertraut hatten. Jeder dieser Prärieschoner war voll belegt. Man hatte in ihnen auch die Menschen aufgenommen, die beim letzten Siouxüberfall mit dem nackten Leben davongekommen waren. Feindliche Banden hatten erst mit der Verfolgung der vom Leid geprüften Menschen abgelassen, als sie sich im Schutze des Lindsay-Trecks befanden.

Das und noch mehr hatte Ward Hall erfahren. Jetzt jedoch, beim Anblick der gewaltigen Herde, stockte ihm schier der Atem. Ein Hörnerwald blitzte und blinkte in der Sonne. Die Erde erbebte unter dem Hufschlag der vielen Tiere. Gewaltige Staubwolken wurden von den ungezählten Hufen emporgewirbelt und lagerten sich wie feiner Goldstaub über der Herde, in deren Dunst sich die Tiere in weiter Ferne verloren. Hin und wieder tauchten schnelle Reiter auf und verschwanden ebenso schnell wieder.

Ward schluckte schwer. Das eindrucksvolle Bild der auf dem Trail sich befindenden Herde wühlte ihn auf. Es erinnerte ihn an eine Streitmacht, die alles, was sich ihr entgegenstellte, mit ungezählten Hörnern und Hufen niederwalzen konnte. Jetzt erst wurde ihm klar, Was für ein großer und starker Mann Sam Lindsay sein musste. Beim Näherreiten kamen zwei Reiter, die mit einem auf Packpferden zerlegten Büffel von der Jagd zurückkamen, schnell näher und wollten sie bereits überholen, als man Ward entdeckte. Einer der Reiter höhnte, als sie auf der gleichen Höhe waren:

„Ich wunderte mich schon darüber, dass ihr so langsam daherreitet. Der graue Ziegenbock ist wohl euer Schrittmacher, wie?“ Der Reiter lachte und schaute Ward mit eng gezogenen Augenlidern prüfend an, ritt aber dann mit seinem Partner und seinen Packpferden schnell an dem Reitertrupp vorbei. Für Ward Hall stand es fest, diese Männer waren gewiss nicht neugierig. Sie hatten nicht einmal gefragt, warum man ein einjähriges Rind geschossen hatte. Wards Begleiter hatten das von ihm erlegte Tier mitgenommen.

„Jetzt gibt es wieder Rind- und Büffelfleisch“, hatte einer der Cowboys missbilligend gesagt. „Schon seit Monaten Rind- und Büffelfleisch, dazu Bohnen und Biskuits. Pfui Spinne, mir wenden noch Büffelhörner wachsen.“

„Einen Büffelbart hast du bereits“, wurde dem Sprecher erwidert. „Warte, bis du darauf treten kannst, dann sind wir wohl am Ziel. Für dich wird es dann jedoch zu spät sein, du wirst dich dann schon in einen Büffel verwandelt haben, Jim.“

Nun, Ward bereitete die Vorstellung, dass er sich an Rind- und Büffelfleisch würde laben können, bereits jetzt Genuss. Er würde nicht darüber klagen. Der Hunger in ihm wühlte mächtig. Dieser Hunger vertrieb die Sorgen vor der Zukunft. Was immer Skov bereits gegen ihn unternommen haben mochte, gleich, ob er den Boss aufhetzte oder nicht, Hauptsache war es, dass es bald etwas zu essen gab. Nach der Mahlzeit konnte, was immer auch wollte, auf Ward zukommen, er würde schon damit zurechtkommen.

Dass Ward unwillkürlich nach Skov Lindsay Ausschau hielt, konnte man ihm nicht verdenken. So sehr er seine Augen auch anstrengte, Skov war nicht zu erblicken. Im Augenblick näherte sich ein Rappreiter, der sich von einem Wagen löste und auf die Gruppe zuhielt.

„Der Boss“, hörte Ward den neben sich reitenden Vormann Mortson sagen.

Ward spürte die prüfenden Augen des Vormannes auf sich gerichtet. Die Kehle wurde ihm ein wenig eng. Sollte es etwa doch kein Essen für ihn geben? Seine Augenlider zogen sich zu schmalen Schlitzen zusammen. Er blickte dem sich langsam nähernden Rappreiter entgegen.

Der Mann, der auf dem Rappen saß, war von ungewöhnlicher Breite, dazu gedrungen gebaut. Die Ähnlichkeit von Vater und Sohn war nicht zu bestreiten, obwohl alles an ihm gewaltiger war. Er unterschied sich von seinem Sohn nur durch die Ruhe und die eisige Kälte, die in seinen Augen wohnte. Dieser Mann, das fühlte Ward bei seinem Anblick, musste sehr einsam sein, aber auch sehr hart gegen sich und andere. Seine Ruhe mochte nur Schein sein, die die ungeheuere Glut, die in ihm brannte, verdecken sollte. Ein unheimlicher Wille schien diesen Mann zu beseelen, der so stark war, dass Ward ihn auf die Entfernung spürte. Noch nie hatte Ward einer solchen Persönlichkeit gegenüber gestanden. Nicht etwa, dass Sam Lindsay sich sehr von den anderen Männern unterschied. Er hatte körperlich nichts Ungewöhnliches an sich. Nur in seinen Augen lag das gewisse Etwas, was Ward sehr beeindruckte. Auch die Begleiter Wards fühlten sich veranlasst, ohne ein Kommando anzuhalten. Sie drängten stumm ihre Pferde zur Seite, so dass sich Ward jetzt mit seinem lächerlichen, grauen Wallach wie auf einem Präsentierteller befand. Für Ward war das verteufelt unangenehm. Ein heißes Gefühl von Unwillen und Zorn durchflutete ihn. Er hielt seinen Grauen ein paar Schritte vor dem zum Halt gekommenen Rappen des großen Mannes an. Beide Männer betrachteten sich eindringlich.

Sam Lindsays Miene verriet nichts. Sein Gesicht wirkte eisig verschlossen und ausdruckslos. Was immer er denken mochte, er hielt es tief in sich verborgen. Zum ersten Mal in seinem Leben spürte Ward das Fluidum einer echten Persönlichkeit, eines Mannes, der ein wirklicher Herrscher war, dessen Augen durch ihn hindurchzublicken schienen, als wäre Ward nicht aus Fleisch und Blut, sondern aus Glas.

Die stumme Begegnung wurde durch kein Wort unterbrochen. Ward spürte, wie die Unruhe in ihm wuchs, wie sich sein Innerstes gegen diesen Boss aufstemmte. Seine Kehle war wie zugezogen, seine Augen brannten. Er versuchte dem Blick des großen Mannes zu begegnen, doch war das ein vergebliches Unterfangen. Sam Lindsay starrte durch ihn hindurch. Plötzlich, ohne eine Miene zu verziehen, wandte sich der große Boss an seinen geduldig wartenden Vormann.

„Gib ihm ein Pferd, eine neue Ausrüstung und vermerke seinen Namen in der Lohnliste!“

„Boss, das bedeutet also, dass er als Stammcowboy in die Mannschaft eingereiht werden soll?“, entgegnete der Vormann mit so erregt klingender Stimme, dass seine Überraschung deutlich herauszuhören war. Aber nicht nur der Vormann war sichtlich überrascht, alle anderen Reiter waren es ebenfalls. Der Entscheid des Treibherdenbosses war etwas, was niemand erwartet hatte. Sam Lindsay war nicht der Mann, der einen Fremden ohne weiteres in die Stammcrew einstellte. Viele Gastcowboys hatte er kommen und gehen sehen, viele Männer hatten sich eifrig darum bemüht, als Stammcowboy eingestellt zu werden, doch ohne Erfolg. Noch nie war es vorgekommen, dass jemand sozusagen vom Fleck weg die Ehre hatte, in die Stammcrew einzutreten. Dieses Beispiel war etwas, was nach einer Sensation roch.

„Ich habe mich deutlich genug ausgedrückt“, erwiderte der Boss seinem Vormann. „Jim, nimm dich des neuen Reiters an! Erledige meine Anordnungen! Er tritt seinen Dienst gleich als Flankenreiter bei der Nachhut an, doch vorher soll er etwas zu essen bekommen.“

Der Cowboy Jim nickte und winkte Ward, ihm zu folgen. Beide ritten davon und mit ihm die anderen Cowboys. Vormann Mortson und Treiberboss Lindsay blieben zurück. Heiser sagte Lindsay zu seinem Vormann: „Ich habe Skov zurückkommen sehen und ihn mir genau betrachtet. Ich nehme an, dass der Neue ihm hart zu schaffen machte?“

„So war es, Boss“, erwidert Mortson ruhig.

„Es ist kaum zu fassen, dass ein so ... “ Der Boss sprach nicht weiter und hielt mitten im Satz inne. Sicherlich wollte er sagen, „dass ein so körperlich schwacher Gegner meinen Sohn schlagen konnte!“ In Sam Lindsays Augen leuchtete es auf. Ein harter Glanz stand darin, ein Glanz, den Mortson gut kannte. Wenn die Augen des großen Mannes, der ausgezogen war, eine Welt für sich zu erobern, so leuchteten, dann beschäftigte er sich mit Problemen besonderer Art.

Mit schmalgezogenen Augenlidern blickte Mortson seinen Boss an. Er versuchte die Gedanken des anderen zu lesen, doch es gelang ihm nicht. Nie war es ihm bisher gelungen, seinen Boss zu durchschauen, obwohl Mortson schon über zehn Jahre für das Lindsay-Brand-Zeichen ritt. Der Abstand, der ihn von dem Manne trennte, war immer der gleiche geblieben.

„Skov ist nicht hart genug“, hörte er den Boss sagen, „aber er muss hart werden. Er muss mir ein würdiger Nachfolger und Erbe sein, stark und groß genug, um das, was ich eroberte, zu halten. Dieser Neue ist gerade der richtige Mann, um Skov zu schulen.“

„Boss, das kann nicht dein Ernst sein!“

„Doch, ich frage nicht danach, ob sie Freunde werden oder sich hassen, ob sich eine Freundschaft entwickeln wird, oder ob sie tödliche Rivalen werden. Sie sind beide im gleichen Alter, beide scheinen besonders ehrgeizig. Wenn Skov sich den Neuen untertan macht, wird er eines Tages einen ihm treu ergebenen Vormann haben, oder aber einen Gegner, der das Weite sucht. Was immer auch kommt, es ist gut, dass Skov einen Gegenspieler hat.“

„Einen jungen Mann, dem keine väterliche Macht helfen kann“, erwiderte Mortson mit nachdenklich verzogenem Gesicht. „Die Sache ist nicht ganz fair, Boss!“

„Keine Sorge, ich schalte mich nicht ein“, versprach Lindsay. „Ich hatte auch keinen Rückhalt, als ich jung war. Ich weiß, wie wichtig es war, aus eigener Macht groß zu werden. Ich weiß, dass man nur das schätzt und hält, was man durch Mühe gewann und sich durch Strapazen und harte Arbeit erkämpfte. Dieser Neue kam im richtigen Augenblick. Er scheint wenig Furcht vor körperlich überlegenen Gegnern zu haben. Er gleicht einem streunenden, jungen Wolf, ist voller Tatendrang und kann Gott danken, dass er Aufnahme fand. Wer weiß, was sonst aus ihm geworden wäre. Bei mir hat er eine Zukunft.“

„Ich bin nicht so sicher, Boss.“

„Mortson, das weiß ich besser“, erwiderte Lindsay. „Diesem jungen Mann fehlt ein geregeltes Leben, gutes Essen und eine befriedigende Beschäftigung. Nur der Himmel weiß, was ihn durch die Welt treibt und was sonst aus ihm geworden wäre. Bei uns braucht er kein Lasso über Rinder mit fremden Brandzeichen zu werfen, um satt zu werden. Keine Not wird ihn in schlechte Gesellschaft bringen. Skov wird wachsen und größer werden, und dieser Neue wird an seiner Seite sein.“

„Boss, diesem jungen Manne stand das Wasser sozusagen bis zum Halse. Er griff nach dem rettenden Strohhalm. Welcher Ertrinkende würde das nicht tun! Es wäre gut, wenn man nicht zu sehr mit ihm rechnen würde.“

„Soll das heißen, dass er nicht hart genug ist?“

„Er ist härter, als du glaubst, Boss! Drei Kugeln hatte er noch. Eine schickte er der Färse, eine sollte seiner Verteidigung dienen und die letzte wollte er anwenden, um sich selbst aus der Weilt zu schaffen. Er muss im seinem Leben bereits viel durchgemacht haben. Skov hasst ihn bereits. Dein Sohn wird alles tun, um ihm das Leben in der Crew zur Hölle zu machen, Boss.“

„Ich kenne meinen Sohn sehr gut“, erwiderte Sam Lindsay erregt, „ich kenne seinen brennenden Ehrgeiz und weiß auch, dass er einem Teil der Mannschaft bewiesen hat, dass er schon ein richtiger Mann ist. Ich denke an den letzten Flussübergang, wo er zwölf Rinder vor dem sicheren Ertrinken im Treibsand bewahrte, und ich denke auch an seine letzten Kämpfe mit den Cowboys, um sich durchzusetzen. Ich weiß, dass man ihn bereits anerkennt. Aber er soll mehr, er soll das Ansehen der ganzen Crew besitzen, er soll über ihnen stehen und mich vertreten können.“ Wieder brach er ab. Seine Blicke wanderten über die gewaltige Staubfahne der Herde in unbekannte Fernen, so als könnte man dort irgendwo in die Zukunft sehen. Als er fortfuhr, klang seine Stimme heiser und rau: „Auch ich glich einem streunenden Wolf in meiner Jugend. Ich habe mich durchbeißen müssen, mir wurde nichts erspart und nichts geschenkt. Mein Sohn soll durch sich selbst wachsen und groß werden.“

„Und wenn nun dieser Fremde dabei größer wird als dein Sohn, Boss, was dann?“, fragte der Vormann überrascht.

Der in die Ferne schweifende Blick des Treibherdenbosses kehrte augenblicklich zurück und richtete sich auf den Vormann. Es war ein Blick, der Vormann Mortson eiskalt berührte.

„Ich habe nur einen Sohn, Mortson, in ihm will ich mich wiederfinden. In all den Jahren habe ich vorwärts gestrebt und aufgebaut. Ich habe noch genug Kraft in mir, um ein noch größeres Ziel zu erreichen. Mein Sohn soll noch mächtiger werden, das werde ich durchsetzen!“

Vormann Mortson fühlte sich nicht sehr wohl in seiner Haut. Der leidenschaftliche Ausbruch Lindsays zeigte ihm deutlich, welche eigenartige Rolle Ward Hall bei der Mannschaft spielen sollte. Er schluckte schwer und sagte zu Sam Lindsay: „Ward Hall ist in deinen Augen somit nichts anders als ein Mittel, deinen Sohn anzuspornen und groß zu machen. Ob das aber gut gehen wird, Boss? Ich würde das an deiner Stelle nicht wagen.“

„Das ist meine Sache, und ich glaube, dass ich richtig liege. Dieser Ward Hall gewinnt dabei ebenso wie mein Sohn, und wenn er unterliegt, nun, die Welt ist groß, und ein Mann kann viele Meilen reiten. Nur wer hart genug ist, kann sich durchsetzen.“

„Die ganze Mannschaft wird sehr hart sein müssen, Boss! Wir haben Spuren von Father Currys Raureiterbande gefunden. Die Kerle sind wieder in unserer Nähe. Wir werden sehr achtgeben müssen.“

„Nicht auf Ward Hall, Mortson. Es ist nicht anzunehmen, dass er zu Currys Leuten gehört. Sollte es dennoch der Fall sein, nun gut, dann brauche ich ihm gegenüber keine Gewissensbisse zu haben. Das macht alles nur noch leichter.“

 

 

3.

Gegen Abend ruhte die gewaltige Herde. Sie rastete in einer großen Senke vor der Kupfercreekhügelkette. Die Wagen waren am Ufer des Kupfercreeks aufgefahren. Lagerfeuer brannten, Reiter bewegten ihre Pferde durch die Herde, die sich bereits niedergelegt hatte. Reiter umkreisten die Pferderemuda. Die schweren Prärieschoner der Treibherde standen ein wenig abseits von den Conestogawagen der Gäste. Bei den Wagen der Gäste herrschte besonders lebhafter Betrieb. Die Kinder, Frauen und Greise waren aus den Wagen herausgekommen, froh darüber, sich die Beine vertreten zu können. Am Creek waren Menschen, die Wasser holten und ihre Angeln auswarfen. Fische würden eine willkommene Abwechslung im eintönigen Allerlei der Mahlzeiten sein. Obwohl die Ausbeute kläglich war, freute man sich über jeden Lachs und jede Forelle, die den Küchenzettel bereicherte.

Ward beobachtete das alles. Er war über und über mit Staub bedeckt. Er saß auf einem drahtigen Rinderpferd, das er sich selbst mit dem Lasso aus der Remuda hatte herausfangen müssen. Ohne Trauer hatte er seinen Grauen in der Remuda zurückgelassen. Irgendwo am Trailweg war seine Kleidung zurückgeblieben. Man hatte ihn neu eingekleidet, hatte ihm Munition gegeben, so viel er verlangte, dazu Decken und vieles andere mehr, was ein Cowboy brauchte.

Seinen ersten Dienst hatte er hinter sich. Wenn er als Nachreiter auch viel Staub geschluckt hatte, so hatte er doch den mit ihm reitenden Cowboys zeigen können, dass er kein Greenhorn war und die ihm zugewiesene Arbeit zur Zufriedenheit erledigen konnte. Kein störrischer Stier hatte ausbrechen, keine widerspenstige Kuli zurückbleiben können. Lasso und Treiberpeitsche hatte er geschickt zu handhaben gewusst. Wie die anderen Kameraden der Crew war er Meile um Meile in der flimmernden Staubglocke geritten. Er hatte hart gearbeitet und war nass geschwitzt. Der Staub ätzte seine Kehle und brannte in seinen Augen. Was tat das schon! Er war dabei, das abzuarbeiten, was er bekommen hatte. Er fühlte sich keineswegs müde, sondern wirklich ausgefüllt. Lange hatte er dieses gute Gefühl, eine befriedigende Arbeit zu verrichten, nicht mehr gehabt. Er war dankbar, dass die Einsamkeit des Einzelgängers von ihm genommen war, dass die Erlebnisse, die er hinter sich gebracht hatte, zur Vergangenheit zählten. Oh ja, er würde niemals die Durststrecke vergessen, die er mit dem Grauen zurücklegen musste, die dramatische Verfolgung von schießwütigen Kerlen, die ihn beinahe noch erwischt und von dieser Welt gebracht hätten. Es war gut, bei dieser großen Crew zu sein. Die Feindschaft des Ranchersohnes zählte im Augenblick nicht, wenn sie auch wie ein bitterer Wermutstropfen in dem Gefühl war, wieder richtig zu leben. Alles das konnte die Freude am Dasein nicht dämpfen. Ward war jung. Er besaß ein heißes Herz. Er fühlte es in diesem Augenblick besonders schnell schlagen.

Plötzlich hielt er sein Pferd an. Über die niederen Erlendickichte, die hier am Creekufer standen, konnte er bis in die dahinterliegenden Schilfdickichte blicken. Der Bach machte hier einen Bogen, so dass das dunkle Band des Wassers nicht mehr vom Lager gesehen werden konnte. Eine bessere Übersicht hatte Ward von seinem Standort aus, denn ein Teil der Moordickichte war niedergebrochen und ließ so den Blick frei auf das schwarz schimmernde Wasser. Es waren weder Wildgänse noch sonst Vögel, die Wards Aufmerksamkeit erregten. Sicherlich war das gefiederte Volk beim Herannahen der Herde bereits aus dem Dickicht verschwunden und hatte das Weile gesucht.

Was sich dort, keine zwanzig Schritte entfernt bewegte, ließ Wards Augen größer werden. Es war kein Fisch, der den weißen Gischt aufspritzen ließ, dass es wie eine Flut von Schaumperlen niederrann. Es war ein menschliches Wesen, das dort in den sanften Wellen badete. Schwarzes Haar, so dunkel wie der Wasserspiegel, ging mit den blauen Reflexen des verlöschenden Tageslichtes auf. Es fiel wie ein Schleier über Schultern und Rücken der Badenden.

Ward war versucht, sogleich davonzureiten, sie allein in ihrer Unbekümmertheit zu lassen, in ihrem Glauben, unbeobachtet von allem, sich dem Spiel mit dem Wasser hingeben zu können, doch er blieb und war wie gebannt, war voll von einer unbegreiflichen, ehrfürchtigen Scheu, als wäre er gelähmt.

Sie schien mit der Witterung eines wilden Tieres auf einmal die Gefahr zu spüren und tauchte so tief, dass nur noch ihr Kopf aus dem dunklen Wasserspiegel herausragte. Sie sah in seine Richtung und blickte ihn an. Ihre Blicke trafen sich. Ward sah ein oval geschnittenes, schönes Gesicht, in dem dunkle, ein wenig schräg gestellte Augen von langen Wimpern eingefasst waren. Ihr roter Mund öffnete sich zu einem Schrei, doch kam kein Wort über ihre Lippen.

„Es tut mir leid, Madam“, hörte er sich mit belegter Stimme sagen. „Sie hätten weiter unten im Bach ungestörter sein können.“

„Gehen Sie!“, erwiderte sie. Ihre Stimme klang ein wenig schrill vor Aufregung. „Es ist keine Art, einer Lady zuzusehen. Kein echter Reiter der Weide hätte das getan. Ich werde mich bei Sam Lindsay beschweren.“

„Daran kann ich Sie nicht hindern, Madam, doch wäre es besser, wenn Sie es nicht tun würden. Von mir erfährt niemand etwas. Es ist Ihre Sache, wenn Sie alles an die große Glocke bringen. Nur der Zufall ...“

„Das wird Ihnen Big Dineen sehr deutlich machen, Cowboy.“

„Wer ist Big Dineen?“, fragte er und zuckte mit den Schultern.

„Sie kennen Big Dineen nicht?“ Jetzt war sie es, die ihr Erstaunen nicht verbergen konnte. „Cowboy, wenn Sie die Absicht haben, mich für dumm zu verkaufen, dann geben Sie sich weiter keine Mühe. Und jetzt verschwinden Sie vom Ufer, es wird mir kalt im Wasser!“

„Bevor ich reite, Madam, ich kenne Big Dineen wirklich nicht. Wenn es Ihr Verlobter oder Ihr Gatte sein sollte, nun ich werde ihn erwarten, gleich, was er von mir fordert. Ich werde aber niemandem Rede und Antwort stehen, Madam. Doch es war mir eine Ehre, Ihre Bekanntschaft ...“

Ihre funkelnden Augen ließen ihn abbrechen.

„Verschwinden Sie, bevor Sie noch weitere Unverschämtheiten sagen. Mein Vater, Big Dineen, wird Sie zur Rechenschaft ziehen. Wenn er sich auch mit dem Treck unter den Schutz Sam Lindsays stellte, so ist das kein Grund, dass einer von Lindsays Leuten frech wird. Wenn Skov Sie hinter mir herschickte, um zu spionieren, dann sagen Sie ihm, dass ich ihn hasse, dass ich ...“

„Madam, in diesem Falle teilen Sie meine Gefühle“, unterbrach er sie. „Skov Lindsay bekam meine Faust zu spüren.“

„Sie waren es, der ihn so hart zeichnete?“, kam es ungläubig von ihren Lippen. „Ich kann das nicht glauben. Skov sah aus, als wäre er unter eine Stampede gekommen. Er verkroch sich im Küchenwagen. Der Koch musste ihn mit Brandy einreiben und ein Lager für ihn im Küchenwagen zurechtmachen. Skov muss von einem starken und mächtigen Manne besiegt worden sein, nicht von einem, der aussieht wie Sie!“

„Danke für das Kompliment, Madam“, erwiderte er. „Ich bin nicht Skovs Spion, und mir ist gleichgültig, was Sie von mir halten. Ich bitte um Verzeihung, dass ich Sie ungewollt störte, Madam. So long!“

Ward trieb sein Pferd an und ritt auf das Camp zu. Es war dunkler geworden. Die große Senke war ringsum von den Wachtfeuern der Herden-Wächter umgeben. In den beiden getrennten Camps wurde gekocht. Der Gong des Mannschaftskochs der Lindsay-Ranch rief die Cowboys zum Essen. Als der Gong verstummt war, rief der Koch: „Kommt, holt euch euer Essen, bevor ich es selbst esse, ihr Sattelstrolche.“

Ward war jetzt so nahe an das Mannschaftscamp herangeritten, dass er sein Pferd im Seilcorral abstellen konnte. Wenig später hatte er seinen Blechteller in der Hand und stand in der Schlange der hungrigen Cowboys, die Essen fassen wollten. Der glatzköpfige, dickleibige Koch schwang die Kelle. Während er einem nach dem anderen die Kelle füllte, sagte er, sich selbst lobpreisend: „Meine Kochkunst wurde im Astoria zu Paris bereits gerühmt. Die Größten der Erde verbeugten sich, wenn sie meine Gerichte gegessen hatten. Meine Menüs machten andere Köche vor Neid blass und schlaflos.“

„Dick, du hättest im Astoria bleiben sollen“, sagte einer der Cowboys, der sich gerade den Teller füllen ließ, mit todernstem Gesicht. „Dick, du hättest dich als Koch bei Father Curry anwerben lassen sollen.“

„Heh, warum bei Father Curry, wo doch jedermann weiß, dass meine Frau mir den Aufenthalt in Paris verleidete, indem sie bei einem großen Festessen die besten Gerichte mit Rizinusöl würzte? Warum bei dem Banditenhäuptling und Rustlerboss Curry?“

„Weil wir dann weniger Kummer mit dem Burschen hätten. Sicherlich hättest du sie dann alle ausgeschaltet, wie du damals die Großen in Paris ausgeschaltet hast. Es war zwar vielmehr deine Frau, denn das große Treffen konnte nicht stattfinden, da die hohen Gents auf einem gewissen Ort festgenagelt waren. Du hättest Father Currys Raureiter sicher ohne große Mühe in Texas halten können, und wir alle wären dir zu Dank verpflichtet.“

Das Gelächter, das ringsum aufbrandete, ließ den Koch rot anlaufen. Mit vor Wut heiserer Stimme sagte er: „Gebt nur acht, dass ihr nicht eines Tages Gift in eurem Kaffee habt anstatt harmloses Rizinusöl. Ich werde es euch schon noch ankreiden.“

Das war eine Drohung, die Dick schon oft ausgesprochen hatte. Immer wieder stieß er mit seiner Prahlerei gegen die Mannschaft, und obgleich er schon fünf Jahre zur Lindsay-Mannschaft gehörte, war er ein Fremder geblieben, ein Mann, der sich nicht recht einfügen konnte und in der Vergangenheit lebte. Niemanden störte diese Tatsache. Die treffenden Bemerkungen der Cowboys holten Dick schnell aus den Wolken auf die nüchterne Erde zurück. Dann sprach Dick tagelang mit niemandem mehr. Nur einem war er wirklich treu ergeben, nämlich Skov Lindsay. Er tat das, was sonst niemand machte. Er stufte Skov in eine höhere Rangordnung ein. Er vergötterte Skov, obwohl es ihm vom Boss streng verboten worden war. Skov ließ es sich gefallen. Es schmeichelte ihm, von Dick verwöhnt zu werden.

Das alles wusste Ward nicht. Er hatte sich seinen Teller füllen lassen und saß wie die anderen auf den Hacken und ließ es sich munden. Er schaute gleich den anderen Männern der Mannschaft auf, als Sam Lindsay ein wenig breitbeinig zum Küchenwagen kam, um wie gewohnt als Letzter sein Essen in Empfang zu nehmen. Bevor der Koch die Schöpfkelle in den großen Topf eintauchte, sagte der Boss rau: „Dick, Skov hat sich bei dir verkrochen. Er hat seinen Posten nicht ausgefüllt. Ich kann nicht dulden, dass einer meiner Reiter, nur weil er sich ein bisschen die Haut schrammte, sich vor der Arbeit drückt und sich pflegen lässt. Die anderen müssen die Arbeit für ihn mittun. Mach Platz, Dick!“

Sam Lindsay schob den Koch zur Seite, stellte seinen Teller auf den Sims und verschwand im Inneren des Wagens. Niemand dachte daran, weiter zu essen. Die Stille, die sich über das Camp senkte, wirkte drückend. Wenige Augenblicke später taumelte Skov ins Freie. Jeder sah deutlich, wie sehr Wards Fäuste ihn gezeichnet hatten. Mit blutunterlaufenen Augen blieb Skov an der Deichsel des Küchenwagens stehen. In seinem Blick lagen Aufruhr und Trotz. Sam Lindsay achtete nicht darauf. Seine grimmige Miene verriet deutlich, in welcher Verfassung er sich befand.

„Du hast dein Essen nicht verdient, Skov“, hörte man ihn sagen. „Hol dein Pferd und schwing dich in den Sattel! Du übernimmst bis zwei Stunden nach Mitternacht die Herdenwache. Verschwinde jetzt!“

Skov zuckte zusammen, als hätte eine Peitschenschnur ihn berührt. Er schluckte schwer und schien sich aufzubäumen, doch kam kein Wort von seinen Lippen. Sein Blick lag nur auf Ward. Die Augen verrieten deutlich die Feindschaft, die er gegen Ward empfand.

Nach diesem Blick war Wards Appetit wie weggeblasen. Er stellte seinen Teller beiseite. Seine Augenlider verengten sich zu schmalen Schlitzen. Skovs Blick löste sich aus seinem. Langsam machte Skov kehrt und ging in Richtung des Seilcorrals davon. Der Boss holte sich seinen Teller und ließ ihn sich füllen. Er tat so, als wäre nichts geschehen. Jeder fühlte jedoch, wie sehr er Skov gedemütigt hatte.

Vormann Mortson, der neben Ward hockte, sagte zu diesem: „Es gefällt dir wohl nicht mehr? Ich habe dich noch nicht in die Mannschaftsliste aufgenommen. In der Nacht kann ein Mann unbemerkt davonreiten. Du hast dir ein gutes Pferd ausgesucht. Nun, Sam Lindsay ist reich genug, um Pferd und Ausrüstung zu verschmerzen. Wie wäre es, mein Junge?“ Er hatte so leise gesprochen, dass nur Ward ihn verstehen konnte. Etwas war in Ward, das ihn zum Nachgeben veranlassen wollte und ihm sagte, den Vorschlag anzunehmen. Vielleicht spürte er die drohende Gefahr, die von Skov Lindsay ausging. Er fühlte auch, dass der Vormann ihm wohlgesinnt war und ihm eine ehrliche Chance bot, aus den kommenden Schwierigkeiten herauszukommen.

„Ich mag Skov nicht“, sagte Mortson mit eigenartig schwingender Stimme. „Seit er die Kinderschuhe ablegte, hat er sich zu große Stiefel angezogen. Seine Aufsässigkeit geht mir auf die Nerven. Er prahlt zu viel mit seinen körperlichen Kräften, und seine heißblütige Art wird noch manches Unglück heraufbeschwören. Du kannst diesen Dingen entgehen, Ward. Es ist keine Feigheit, wenn man einer Gefahr ausweicht.“

Seltsam, dass Ward gerade jetzt an das Mädchen, das er hatte im Bach baden sehen, denken musste. Der Hufschlag von Skovs sich rasch entfernendem Pferd hämmerte in seine Gedanken um das Mädchen hinein. War es nicht, als klinge dieser Hufschlag wie fernes Donnergrollen, das nicht nur ihn selbst, sondern auch das Mädchen und die anderen Menschen bedrohte? Sicherlich bildete er sich das nur ein, doch war seine Vision so stark, dass seine Stimme dunkel klang, als er erwiderte: „Mortson, ich möchte meinen Namen in der Mannschaftsliste sehen, so wie es der Boss anordnete.“

Mortsons schmales, kantiges Gesicht verzog sich vor Überraschung.

„Es kann sein, dass es nur ein einmaliges Angebot ist, mein Freund“, erwiderte er nach einer Weile schwer atmend. „Es kann sein, dass dir dann niemand mehr wird helfen können!“

„Ich bin es gewohnt, auf mich gestellt zu sein, Vormann“, erwiderte Ward nach einer Weile ruhig. „Der Boss hat es wohl so haben wollen, dass sein Sohn in meiner Gegenwart eine Lektion bekommt.“

Vormann Mortson pfiff leise durch die Zahne. Eine Antwort gab er nicht.

 

 

4.

Ward hatte sein Essgeschirr wie alle anderen Crewmitglieder ausgespült, abgetrocknet und auf den Sims des Küchenwagens in einem der dafür bestimmten Regale untergebracht. Dann hatte er sich seine Decken geholt und sich einen Platz unter einem der Wagen, die zu einem Viereck zusammengefahren worden waren, zum Schlafen ausgesucht.

Die Nacht spannte ein schwarzes Tuch über die Welt. Sterne waren daran befestigt, die ihr Licht aus unbegriffenen Weiten herniedersandten. Der Odem der grenzenlosen Weite wehte über das Camp, in dem die hellen Campfeuer brannten. Das Camp war von Stimmen erfüllt, die besonders kräftig vom Auswanderercamp herüberdrangen. Jeden Augenblick konnten rittfertige Männer gebraucht werden. Mit einem Schlag konnte der Frieden der Herde durch wilde Tiere, durch Insekten oder durch eine Stampede gestört werden. Father Curry konnte einen Angriff versuchen. Die Freiwache durfte zwar ruhen, doch musste sie bei Alarm in wenigen Sekunden einsatzbereit sein.

Es störte Ward nicht sonderlich, angezogen unter freiem Himmel schlafen zu müssen. Tiefen Schlaf fand er nicht, denn zu viel stürmte auf ihn ein. Das Bild des Mädchens verwirrte und beunruhigte ihn. Es drängte sich ihm auf, und es schien, dass es umso stärker wurde, je mehr Mühe er sich gab, es zu verbannen. Mitten in seinen Gedanken hörte er einen Cowboy sagen: „Wenn Sie Ward Hall sprechen wollen, Mister Dineen, müssen Sie ihn wecken. Sie haben Glück, dass er bei der Freiwache ist. Der Boss hat es jedoch nicht gerne, wenn seine Reiter der Freiwache belästigt weiden.“

Das war hart. Dem Cowboy wurde jedoch keine Antwort zuteil. Schritte näherten sich, und Ward, der sich im ersten Schreck aufgerichtet hatte, sah einen breitschultrigen, großen Mann mit den beinah geräuschlosen Schritten eines alten Berg- und Waldläufers auf sich zukommen. Unwillkürlich tastete Ward nach seinem Colt, umklammerte fest den Kolben und hob die Waffe ein wenig aus dem Futteral. Er hatte weder Gurt noch Halfter und Colt abgelegt. Der Griff um den glatten Kolben der Waffe schien ihn ein wenig zu beruhigen. Er nahm die Hand von der Waffe, als er bemerkte, dass der Besucher keine Anstalten machte, seine Waffe zu lüften, sondern zu ihm unter den Wagenkasten kam und sich neben ihm auf die Hacken hockte, ihn dann mit verkniffenen Augen ansah, so dass Ward in das granitharte Gesicht seines Besuchers blickten musste.

„Schlechtes Gewissen, Hall?“, fragte der Besucher, ohne zu grüßen. Seine Stimme klang rau und ein wenig heiser, so als wäre sie tief in der Kehle eingerostet. Ein heißer Schreck durchfuhr Ward. Das Mädchen hatte also doch gesprochen. Sie hatte den Vorfall ihrem Vater erzählt, und nun war er hier, um Rechenschaft zu fordern. Rechenschaft? Wofür eigentlich? Nur der Himmel mochte wissen, wie sie die Begegnung hingestellt hatte. Er hatte sie weder belästigen noch erschrecken wollen. Er hätte sich entfernt, wenn nicht das Schicksal selbst seine Hand im Spiel gehabt und sie ihn erblickt hatte. Teufel auch, niemand konnte von ihm verlangen, dass er blind durch die Gegend ritt!

„Was wünschen Sie, Mister Dineen?“, fragte er mit kehlig klingender Stimme.

Das dunkelfarbige Gesicht seines Gegenübers verzog sich zu einem seltsamen Lächeln. Es wurde rasch wieder ernst und kantig, und ausgelöscht war der Anflug einer, wie es Ward schien, höhnischen Heiterkeit. Dieser Dineen war hart und rau, ein Mann, der sich keine Illusionen im Leben machte. Man sah ihm an, dass er ein Kämpfer war. Sein vorgeschobenes Kinn, seine hohe Stirn und die Augen, die tief in den Höhlen lagen, verrieten es.

„Das Gimp hat viele Augen und Ohren“, sagte Dineen. „Du hast Skov in der Zange gehabt?“

„Das ist nicht zu leugnen, Mister Dineen!“

„Und trotzdem bist du in die Mannschaft eingestellt worden? Findest du das nicht seltsam?“

„Es war doch nicht Ihre Absicht, mit mir darüber zu sprechen, Dineen?“

„Nein“, erwiderte der andere rau. „Ich verliere niemals Zeit mit unnützem Geplänkel, bei dem nichts herauskommt. Es muss schon ein besonderer Grund sein, dass dich Sam Lindsay in seine Lohnliste eintragen ließ. Ich kenne Sam Lindsay, und ich hasse ihn. Auch du wirst ihn noch kennenlernen und anders über ihn denken.“

„Dineen, trotzdem haben Sie sich mit Ihrem Treck der Treibherde angeschlossen?“

„Mein Junge, die Wagen dort drüben sind die Reste einer großen Karawane. Am Trailweg blieben Gräber und ausgebrannte Wagen zurück. Das Blut tränkte die Erde, und es ist wie ein Wunder, dass einige Wagen durchkamen. Wenn ich auch Lindsay hasse, in einer Beziehung sind wir uns einig: Wir hassen beide Curry. Dieser Banditenführer kam mit seiner Horde über die Karawane. Sie waren schlimmer als Sioux. Bereits in Texas war er mit den Seinen eine Geisel für das Land. Niemals gab es eine wüstere Horde, niemals eine solche Höllenbande wie jene, die Curry hinter sich hat. Er gibt keine Gnade, keine Chance, nichts.“ Dineen schwieg. Seine grauen Augen ließen nicht von Ward. Es war, als versuchte er die Wirkung seiner Worte von Wards Gesichtszügen abzulesen, doch Ward hatte sich in der Gewalt. Er verzog keine Miene. Er konnte sich nicht vorstellen, dass Dineen nur hergekommen war, um den schrecklichen Father Curry zu schildern. Nach seinen eigenen Worten liebte Dineen kein unnützes Wortgeplänkel. Was wollte er also wirklich? „Es gab eine Zeit, da waren Lindsay, Curry und ich Freunde“, sagte er aus tiefen Gedanken heraus. „Wir waren alle drei gleich arm, gleich jung und gleich stark. Jeder versuchte den anderen zu überbieten, größer und mächtiger zu werden. Es war eine gesunde Rivalität, die für jeden nur anfeuernd und fruchtbringend sein konnte. Es gab keine Feindschaft bis zu dem Tag, als Karin in unser Leben trat. Alle drei verliebten wir uns, wie wir noch nie verliebt waren. Karin bedeutete für jeden von uns das höchste Glück, die Erfüllung aller Wunschträume, mehr noch, es schien uns, als könnte sie uns über den Alltag erheben und in eine große, leuchtende Welt hinein. By Jove, sie war schön! Man findet keine Worte, um ihre Schönheit zu beschreiben. Allein der Versuch wäre nutzlos, denn Worte, so lebendig wir auch zu schildern vermögen, sind tot gegen die wirkliche Lebendigkeit, die sie ausstrahlte.“ Dineens Augen glitten von Ward fort in die Nacht hinein, als suchten sie in ungewissen Fernen die Vergangenheit nochmals lebendig werden zu lassen. Dineens Augen waren dunkel, und seine dünnen Lippen pressten sich bei der Atempause fest zusammen. Fröstelnd zog er den Jackenkragen hoch. Kälte schien aus der Vergangenheit zu kommen, Kälte, die ihn bis ins Innerste frösteln machte. Ward war so gebannt, dass er abwartete und nicht fragte, warum Dineen nicht endlich das Thema wechselte. Yeah, Ward fragte sich, was diese Worte für ihn bedeuten sollten. Noch erkannte er keine Zusammenhänge. „Curry hielt um ihre Hand an, doch blitzte er ab. Von der Stunde an änderte er sich. Er trank und wurde haltlos, sank immer tiefer. Seine Ranch kam unter den Hammer. Curry verschwand schließlich aus der Brazosgegend und wurde vorerst nicht mehr gesehen. Lindsay versuchte anschließend Karins Herz zu gewinnen, aber auch er hatte keinen Erfolg. Er verlor die Nerven nicht. Er wurde hochmütig, und es schien, dass durch die verlorene Liebe eine besondere Kraft in ihm wuchs. Was er anfasste, glückte ihm. Er wurde immer größer und mächtiger.“

„Und wer war nun der Glückliche?“, fragte Ward überrascht.

„Ich“, erwiderte Dineen, der die Unterbrechung durch den Jüngeren nicht übelnahm. „Sie erwählte mich. Das Glück war nur von kurzer Dauer. Sie starb, als Betty geboren wurde. Sie blieb am Brazos zurück. Mich hielt es nicht mehr dort, wo mich täglich alles an sie erinnerte.“

„Und ausgerechnet hier, weit von Texas entfernt, treffen die alten Rivalen wieder zusammen? Ist das ein Zufall?''

„Nein, Ward Hall“, unterbrach Dineen ihn heiser. „Curry glaubt von mir hintergangen worden zu sein. Er kam über die Karawane und brachte vielen den Tod. Er glaubte, sich auch an Lindsay rächen zu müssen. Er wütet gegen uns, von denen er glaubt, dass sie ihn betrogen und verraten haben. Sein Hass gegen Lindsay und mich ist so gewaltig, dass es einen schaudern macht.“

„Dineen, dieser Hass mag ähnlichen Motiven entspringen, aus denen auch Ihr Hass gegen Lindsay gespeist wird“, erwiderte Ward. „Die Frau, die zu besitzen der Himmel für euch bedeutete, hat eine Hölle in euch ausgelöst. Wenn man Sie anhört, Dineen, möchte man glauben, dass Hass eine so mächtige Quelle ist, dass sie euch alle drei zu überfluten droht.“

„Genau so ist es, und nur wer Karin gekannt hat, kann das begreifen, mein Junge.“

„Dineen, ich kann es nicht begreifen, doch was hat das alles mit Ihrem plötzlichen Auftauchen hier zu tun?“

„Ich möchte dich warnen, Ward Hall! Lindsay wird dich vernichten, wie er beinahe mich vernichtet hat. Für ihn bist du weiter nichts als ein Werkzeug für seinen Sohn.“

„Dineen, was kümmert Sie das?“

„Eigentlich nichts. Meine Tochter wollte, dass ich Sie warne, und meiner Tochter Betty kann ich schlecht einen Wunsch abschlagen. Sie gleicht zu sehr meiner Frau.“ Er verstummte. In seinem Gesicht zuckte es. Man spürte, wie sehr es ihn bewegte, seine Schwäche eingestehen zu müssen. „Ward Hall, du solltest dich absetzen“, sagte er dann.

„Der Vormann der Treibherde hat mir den gleichen Vorschlag gemacht, Dineen“, antwortete Ward. „Ich denke nicht daran zu kneifen. Auch Sie denken nicht daran, sich von Lindsay zu lösen. Sie fühlen sich sicher bei Lindsay. Warum sollte auch mir diese Sicherheit nicht behagen?“

„Weil sie trügerisch ist, mein Freund“, gab Dineen zur Antwort. „Du hast zwar Skov besiegen können, vielleicht wird es dir noch einmal gelingen ... Nun, denke darüber nach und handele! Am Ziel dürfte es zu spät sein.“

„Und Sie, Dineen, werden Sie bis zum Ziel mit Lindsay trailen?“

„Ja, es ist wohl so vorbestimmt, dass unsere Wege sich immer wieder kreuzen. Am Ziel werde ich siedeln. Farmer und Schafzüchter sind bei mir. Wyoming ist ein großes, herrliches Land, voll von Möglichkeiten für Männer, die es erobern wollen. Alle finden Raum: Rancher, Farmer, Siedler und Schafzüchter. Städte werden entstehen, und die Zivilisation wird sich ausbreiten. Das Recht wird mit dem Gesetz kommen, und auch für Betty wird es dort eine Zukunft geben.“

„Und Curry?“

Das Gesicht des Mannes verzog sich zur Grimasse, so sehr hatte ihn Wards Einwurf getroffen. Seine Augen öffneten sich groß und weit.

„Was weiß ich, Ward Hall“, entgegnete er. „Mit Curry und Lindsay muss auch ich rechnen. Curry wird nicht erst ruhen, bis er Lindsay und mich unter die Erde gebracht hat — oder aber wir ihn. So ist das, mein Junge, und du stehst mitten in diesem bösen Spiel. Versuche von hier fortzukommen, solange es noch Zeit ist! Wenn Skov nicht wäre, dann wäre alles in Ordnung. Wenn Sam Lindsay seinen Sohn auch furchtbar hart angeht, lass dich nicht täuschen. Niemand kann dir Hilfe geben.“ Er blickte Ward noch einmal an und kroch ins Freie. Dann ging er lautlos davon.

Ward wurde sehr nachdenklich. Lindsay und Dineen waren sicherlich einmal große und unerschrockene Kämpfer gewesen. Die Kampfkraft und der Kampfgeist waren in beiden noch sehr lebendig. Beide waren sie auf ihre Art besondere Männer. Man konnte daraus schließen, dass der ehemalige Dritte im Bunde ihnen nicht nachstehen würde. Dass der Hass dieser drei sie über Grenzen hinwegtrieb, anspornte und in den Krallen hielt, das konnte Ward natürlich nicht begreifen, aber er fühlte, dass der Hass eine besondere Macht des Bösen sein musste. Wie tief saß der Hass in diesen Männern? Saß er etwa so tief, dass er die Urteilskraft lähmte?

Ward dachte nicht weiter darüber nach. Er spürte einen ekligen Geschmack im Hals. Er war froh, dass Betty Dineen ihrem Vater nichts von der Begegnung erzählt hatte. Das machte sie zur Komplizin eines nur ihnen beiden gehörenden Geheimnisses. Dieses Geheimnis stand plötzlich für Ward in einem strahlenden Licht. Jetzt durfte er es ganz allein für sich behalten. Er teilte es mit ihr. Oh, ja, es lohnte sich schon zu leben. Man hatte vielen Menschen etwas voraus. Es war wie ein Geschenk.

Jetzt kam der Schlaf wie eine dunkle Wolke über ihn, die alles Nachsinnen auslöschte. Den Gesang der Herdenwächter nahm er mit in den erquickenden Schlaf. Gegen Mitternacht erwachte er, ohne sonderlichen Grund. Es brannten nur noch wenige Feuer. Der starke Geruch der Herde trieb mit dem Wind heran. Über Ward flatterte ein Planenzipfel im Winde. Ein Mann schrie etwas, was Ward nicht verstehen konnte. Hufschlag polterte auf. Ein Reiter hielt sein Pferd vor einem Wachtfeuer so scharf an, dass das Tier tief auf die Hinterhand ging und die Vorderhufe sich von der Erde lösten und durch die Luft schwangen. Der Schläfer neben Ward, der sich gleich ihm einen Platz unter dem Wagenkästen zum Schlafen ausgesucht hatte, schnarchte weiter. Sie alle waren mehr oder minder müde von dem langen Trail, der Tag für Tag und auch in der Nacht große Anforderungen stellte. Ihnen drang die Störung nicht ins Bewusstsein.

Die Wächter waren aufgesprungen, der Reiter glitt aus dem Sattel. Er stürmte zum Wagen, den der Trailboss belegt hatte, und verschwand über die am hinteren Ende des Wagens aufgestellte Brettertreppe. Nur Augenblicke später kam der Boss heraus. Er kam auf den Wagen zu, unter dem Ward lag.

Ward stellte sich schlafend. Die Schritte des Ranchers verhielten neben seinem Lager, starke Hände rüttelten ihn. Ward tat so, als würde er mit Gewalt aus dem Schlaf geschüttelt. Scheinbar schlaftrunken fragte er:

„Was gibt es, heh zum Teufel, was ist los?“

Der Trailboss hatte ihn bei den Schultern gepackt, so dass Ward das Gefühl hatte, in einem Schraubstock eingespannt zu sein. Die funkelnden Augen Sam Lindsays waren dicht vor ihm. Der heiße Atem des Bosses streifte seine Gesichtshaut.

„Skov ist verschwunden“, hörte er die erregt klingende Stimme. „Der ihn ablösende Wachtreiber fand ihn nicht. Skov ist von Sinnen. Er versucht mir Angst zu machen. Du wirst ihn holen. Steh auf und reite!“

Dass der Boss ausgerechnet ihn holte, gefiel Ward ganz und gar nicht. Er wusste aber, dass er diesen Befehl ausführen musste. Er stellte sich jetzt hellwach.

„Ich werde ihn holen, Boss“, sagte er entschlossen. „Ich werde nicht eher zurückkommen!“

„Dann nur zu!“, erwiderte Sam Lindsay. „Ich wählte dich, Junge, weil du der Grund bist, dass Skov ausriss. Sprich dich mit Skov aus!“

„Wenn er es wünscht, gern — ansonsten ...“

„Und wenn du ihn niederschlagen musst, bringe ihn, gleich, ob ohnmächtig oder gefesselt“, unterbrach ihn Lindsay. „Er kann nicht weit sein, doch er kann Pech haben und Currys Banditen in die Finger fallen. Der verteufelte Narr treibt es zu arg. Hole ihn mir zurück, Ward Hall! Es ist sicher, dass einige kleinere Raureitergruppen Currys in der Nähe sind. Gib acht, Ward!“

„Ich werde schon auf mich aufpassen“, antwortete Ward, wobei er auch schon sein Lager abbrach und die Decken zusammenrollte. Die Schnelligkeit seiner Hände paarte sich mit der Geschicklichkeit, jeden Handgriff nur einmal tun zu müssen. Der Trailboss sah es und war zufrieden. Er war zurückgetreten und begleitete ihn jetzt zum Seilcorral. Er ging erst, als Ward sich ein Pferd mit dem Lasso herausgeholt hatte. Das Satteln, Zäumen und Sich-in-den-Sattel-Schwingen ging schnell vonstatten. Dann brauste er in die Nacht davon.

Der Vormann Mortson, der dem Boss begegnete, sagte heiser: „Sam, Skov zu suchen, wäre meine Sache gewesen.“

„Nein, dich respektiert Skov nicht mehr. Er ist über dich hinausgewachsen. Allein dieser Neue bringt das noch fertig. Ich bin nur neugierig, wie lange noch?“

 

5.

Es war schon lange nach Mitternacht, als Ward sich der Stelle näherte, an der durch Cowboys das Verschwinden Skov Lindsays entdeckt wurde. Der dort verbliebene Herdenwächter kam auf Ward zugeritten und hielt zusammen mit Ward sein Pferd an.

„Wann kommen die Streifenreiter?“, fragte er vom Sattel her Ward Hall.

„Ich habe nichts davon gehört, Partner“, erwiderte Ward wahrheitsgemäß.

„Soll das heißen, dass der Boss keine Leute hinter Skov herschickt?“

„Genau das, Partner“, entgegnete Ward. „Ich bin dafür bestimmt worden.“

Sein Gegenüber beugte sich überrascht vor. Die Nasenflügel des Mannes weiteten sich. Ein leises, abgehacktes Lachen kam von seinen Lippen.

„Versuch mich nicht zu belügen, Buddy! Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Verschwinden Skovs dem Boss so gleichgültig ist, dass er nur dich reiten lässt. Deine Aufgabe ist verteufelt gefährlich, Buddy!“

„Mag sein“, entgegnete Ward. „Das Leder brennt mir bereits unter der Hose. So long!“

Ohne eine Erwiderung abzuwarten, trieb Wand sein Pferd von der Herde fort in die Nacht hinein, den kaum sichtbaren Pferdetrittsiegeln nach. Hinter ihm blieb der Herdenwächter, von dessen Lippen sich ein Fluch löste, zurück. Ward atmete auf, als die Nacht ihn aufgenommen hatte und er allein war. Die Hufspur vor ihm wurde bald durch Rindertrittsiegel völlig zerstört. Ward musste kreuz -und quer reiten, um aus den vielen Trittsiegelspuren dann noch die Fährte von Skovs Pferd zu finden, der er entschlossen folgte. Es waren nicht nur die Trittsiegel eines Pferdes, denen er nachritt, sondern es mischten sich auch Abdrücke von Rinderhufen darunter. Die Trittsiegelspuren von fünf Pferden und zwei Dutzend Rindern führten von der Herde fort.

Bald änderte sich das Gelände. Hügel hoben sich empor, die waldbestanden und von mannshohen Büschen überzogen waren. Der Nachtwind rauschte monoton durch Geäst, Laubwerk und Wipfel. Die gespenstigen Laute der Nacht drangen zu Ward hin, doch sie beunruhigten ihn nicht. Es war, als ritte er wieder in seinem Element, als wäre ein Einsamer zu seiner Lebensgewohnheit zurückgekehrt. Ja, das war Wards Welt, die Gefahr ausstrahlte und mit unsichtbaren Fingern nach ihm tastete. In ihr hatte er sich jahrelang aufgehalten, als Gehetzter, Gejagter, als ein Mann, der vergessen hatte, dass es eine Zukunft gab. Im Busch und auf der Prärie war er zu Hause gewesen, ganz allein auf sich gestellt, mit Unrast und Unwillen im Herzen, gegen Menschen, die ihn ausgestoßen, die ihm die Heimat genommen hatten.

Ein Mächtiger hatte sich im heimatlichen Distrikt ausgeweitet und die Kleinen und Schwachen vertrieben. Zu diesen Kleinen und Schwachen hatte Wards Vater gehört, der furchtlos gekämpft und furchtlos in den Tod gegangen war. Seine Mutter und seine älteren Brüder hatten vergeblich gegen die Übermacht angekämpft, bis zur letzten Patrone. Ward entsann sich noch genau daran. Er würde den letzten Kampf niemals, solange er lebte, vergessen. Der Tod hatte gnadenlos zugeschlagen und hatte sich noch den Bruder geholt, der ihn aus dem brennenden Ranchhaus getragen und zu retten versucht hatte. Zwei Kugeln trafen den Älteren bei der Flucht und löschten sein Leben aus. Ward hatte die feindliche Feuerlinie durchbrechen können und war in die Wildnis geflüchtet.

Was dann kam? — Nun, eine auf Jagd befindliche die Hidatsa-Sioux-Gruppe hatte ihn eingefangen und mitgenommen. Zwei Jahre lang hatte er mit den Sioux gelebt, doch hatte er sich nicht an das Nomadenleben gewöhnen können. Er brach aus, und seine ruhelose Wanderung begann. Sie wurde unterbrochen, als er eines Tages völlig verwahrlost, erschöpft und dem Verhungern nahe von einem Waldläufer gefunden wurde. Dieser Mann nahm sich seiner an und wurde ihm ein guter Lehrmeister. Er half Fallen fertigmachen und aufstellen, er lernte viel und wurde dem Waldläufer ein unentbehrlicher Helfer. Bald häuften sich die Felle von Biber, Chinchilla, Elch, Wolf, Bär und Puma. Als der Frühling kam, fand Ward eines Tages seinen Freund von einem Grizzlybären zerfleischt bei einer Falle. Nun war er wieder allein. Er war ein Mensch, der keine Ruhe fand und immer weiter musste. Eine Flamme trieb ihn an, die ihn nach einem unbekannten Ziel suchen ließ. Irgendwo würde er dieses Ziel finden und zur Ruhe kommen. Hatte er es etwa hier, bei der Treibherdenmannschaft gefunden? Ward stellte sich diese Frage bei seinem nächtlichen, einsamen Ritt. Er musste sie verneinen. Trieb es ihn etwa, den Mann wiederzufinden, der vor Jahren seine Angehörigen aus der Welt brachte? Es mochte wohl so sein. Das Gesicht des Mannes hatte sich tief in ihm eingefressen und würde bis an sein Lebensende in ihm sein.

Den Namen des Übeltäters hatte er vergessen. Was tat's! Ward glaubte fest daran, eines Tages dem Mann zu begegnen. Würde er dann sein Ziel erreicht haben? So jung er war, so zweifelte er doch daran, dass er dann Beruhigung gefunden haben würde. Seltsam, dass in diesem Augenblick das Bild des herrlich gewachsenen Mädchens vor seinen Augen stand. Dieses wie in Feuer getauchte Bild ließ sein Herz ruhiger schlagen. War sie etwa das Ziel, die Erlösung aus Unrast und Hetze?

Verwirrung packte ihn. Er ritt weiter in die Nacht hinein, die ihm so vertraut war wie die Einsamkeit und das Alleinsein. Er war ein Außenseiter, gewiss, er war anders als die Treibherdencowboys. So jung er auch war, er war schon durch eine besonders harte Schule gegangen. So war er jetzt besonders wachsam, besonders hellhörig. Kein Wunder, dass er das Herannahen einer Gefahr wie ein Tier der Wildnis spürte. Er hielt sein Pferd an, noch bevor das Schnauben eines zweiten Pferdes dicht vor ihm, aus dem Hohlweg mit dem Wind herangetragen, sein Ohr traf. Er glitt aus dem Sattel und ließ sein Pferd mit hängenden Zügeln zurück. Im Schutze der Sträucher bewegte er sich lautlos wie ein gleitender Schatten weiter. Mit indianischer Geschicklichkeit schien er eins zu werden mit Gesträuch und Erde. Als er die Zweige zur Sicht in den Hohlweg zurückschlug, war es, als prallte er von einem unsichtbaren Faustschlag getroffen zurück. Weit öffneten sich seine Augen, denn er glaubte zu träumen. Mitten im Hohlweg stand ein Pferd, auf dem mit schussbereiter Winchester Skov Lindsay hockte. Skov war nicht zu übersehen. Er wartete mit einer grimmigen, sturen Entschlossenheit. Für ihn musste sich derjenige, der sich am Hohlwegrand zeigte, gegen den hellen Nachthimmel gut abheben und eine klar umrissene Zielscheibe sein.

„Wartest du auf mich, Skov?“, fragte Ward.

Seine seitlich von Skov aufklingende Stimme ließ den Wartenden erschreckt zusammenzucken, doch nicht herumfahren und feuern. Er schien so viel begriffen zu haben, dass durch das Herumfahren zu viel Zeit verlorengehen würde. Noch bevor er die Kugel aus dem Lauf geschickt haben würde, konnte er selbst heißes Blei empfangen. Er bewegte sich nicht. Sicherlich hielt er ein ruhiges Sitzenbleiben in seiner misslichen Lage für angebracht. Er brauchte einige Sekunden, bevor er sich von seinem Schreck erholt hatte und antworten konnte.

„Du bist es!“ An dem Klang der Stimme mochte er Ward Hall erkannt haben.

„Skov, du hast es dir zu einfach ausgedacht“, sagte Ward. „Ich kann mir vorstellen, wie es dir zumute ist, wie es in dir brennen muss, wie Hass in dir lodert. Es wäre verteufelt gewesen, wenn dir dein beabsichtigter Anschlag geglückt wäre. Dein Lebtag wärest du davon nicht losgekommen, und eines Tages hättest du eingesehen, dass es eine schuftige Art war, einen Mann aus der Welt zu schaffen, nur weil du ihm einmal unterlegen warst. Du verträgst keine Niederlage?“

„Nicht von dir!“, klang es rau und abgehackt zurück. „Was hat mein Vater nur an dir für einen Narren gefressen, dass er dich mir vorzieht, mich in deiner Gegenwart erniedrigt. Kannst du mir das sagen?“

„Er will, dass wir uns gegenseitig auf die Finger schauen, Skov.“

„Ich habe es mir gedacht und hier auf dich gewartet, um dir eine Kugel zu schicken. Nun, du warst besser. Also los, fang an! Worauf wartest du noch? Freiwillig gehe ich nicht mit dir ins Camp. So will es doch mein Vater, nicht wahr? Du sollst mich doch zurückbringen?“ Wieder lachte er ein hässliches Lachen, das Ward schrill in den Ohren klang. „Stets hat er einen Aufpasser für mich gefunden, stets hat er mir einen vor die Nase gesetzt, den ich überwinden musste. By Jove, ich hasse meinen Vater, hasse ihn, weil er mir keine Ruhe lässt und darauf lauert, dass ich stärker bin als die, die er mir vorsetzt. Nichts kann ich selbständig tun. Nun los, komm und stell dich! Vielleicht gibst du mir eine Chance, und es wird ein letzter, fairer Kampf.“

„Tut mir leid, Skov.“

Skov lächelte.

„So sprachen sie alle“, sagte er rau, „alle, die mir mein Vater aussuchte, damit sie mich demütigen sollten. Es waren Kämpfer darunter, die Spott-, Spitz- und Kampfnamen trugen, Cowboys, Revolvermänner und Faustkämpfer. Er suchte sie so aus, dass sie immer einige Klassen besser waren als ich. Ich musste mich anstrengen, um endlich zu siegen. Ich weiß sehr gut, dass er mich zu einem besonderen Mann machen will. Doch wozu? Um ein Erbe anzutreten, um größer zu sein als die anderen? Warum lässt er mich nicht so sein, wie ich sein will? Warum lässt er mich nicht meine eigenen Wege gehen? Es begann schon, als ich noch ein Junge war. Ich war dabei, einige Rustler, die zwei Dutzend Rinder in der Nacht abtrieben, zu stellen. Doch dann kamst du, sicherlich um mich zurückzubringen. Meinen Vater interessiert der Kampf zwischen uns beiden und nicht die zwei Dutzend Rinder, die von Currys Leuten abgetrieben wurden. Er will erleben, dass ich dich ausschalte. Er will seinen Triumph. Doch wozu noch lange reden? Machen wir es kurz!“

„Nein, Skov, dazu haben wir immer noch Zeit. Holen wir erst die Rinder zurück!“

Einen Augenblick lang blieb es sehr still, dann sagte Skov: „Du hast es herausgefunden?“

Details

Seiten
192
Jahr
2021
ISBN (eBook)
9783738951400
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v1003733
Schlagworte
treiber-boss

Autor

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Titel: Der Treiber-Boss