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Ein Jack Braden Thriller #30: Der Vampir von Avery Castle

2021 125 Seiten

Zusammenfassung


Ausgerechnet ein amerikanischer Ganove beauftragt den Privatdetektiv Jack Braden bei einer Reise nach England damit, einen mysteriösen Fall aufzuklären. Mudd Oates behauptet, von einem Vampir gebissen worden zu sein. Obwohl Braden nicht daran glaubt, scheint sich die Echtheit des Vampirs zu bestätigen. Aber es gibt noch offene Fragen.

Leseprobe

Table of Contents

Der Vampir von Avery Castle

Copyright

Die Hauptpersonen des Romans:

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Der Vampir von Avery Castle

Ein Jack Braden Thriller #30

von Cedric Balmore

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 125 Taschenbuchseiten.

 

Ausgerechnet ein amerikanischer Ganove beauftragt den Privatdetektiv Jack Braden bei einer Reise nach England damit, einen mysteriösen Fall aufzuklären. Mudd Oates behauptet, von einem Vampir gebissen worden zu sein. Obwohl Braden nicht daran glaubt, scheint sich die Echtheit des Vampirs zu bestätigen. Aber es gibt noch offene Fragen.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

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© COVER STEVE MAYER

© dieser Ausgabe 202 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Die Hauptpersonen des Romans:

Mudd Oates – lernt das Gruseln

Dr. McIntosh – wird knieweich

Lord Avery – bricht zusammen

Archibald Henstone – existiert doppelt

Clive Ford, David McLeod und andere – „dienstbare Geister“

Cynthia Goldwyn – hat einen Buckel

Ein Girl – das es „gar nicht gibt“

George Patterson – dreht durch

Jack Braden – bewahrt die Ruhe

 

 

1

Mudd Oates hatte die Schnauze voll. Das versicherte er sich selbst zum zehnten oder zwölften Mal.

„Ich hab die Schnauze voll! Verdammter Mist!“

Es war niemand da, dem er es hätte mitteilen können, also sprach Mudd mit sich selber.

Das tat er oft. Er hatte es sich so angewöhnt während der langen Jahre, die er im Wesentlichen einsam verbracht hatte.

In mehr oder weniger tristen Einzelzellen.

Anderthalb Jahre zum Beispiel im New Yorker Staatsgefängnis Sing-Sing.

Fast zwei Jahre im Joliet Prison bei Chicago.

Sieben Monate in St. Quentin, Kalifornien.

Ebenfalls sieben im Stadtgefängnis von Vancouver, Kanada.

Zehn Monate in der Strafanstalt von Honolulu auf Hawaii.

Und so weiter.

Man sieht: Mr. Mudd Oates war ein weitgereister Mann – und es hatte sich einiges zusammengeläppert. Alles in allem rund sieben Jahre.

Es hätte schlimmer kommen können. Denn Mr. Oates war inzwischen immerhin fast fünfzig geworden, und außer in den diversen Strafanstalten hatte er niemals irgendwelche produktive Arbeit geleistet.

Und wenn man‘s versteht, braucht man sich im Zuchthaus nicht zu überanstrengen.

Jedenfalls nicht in den Zuchthäusern, die Mr. Mudd Oates mit seiner Anwesenheit beglückt hatte. (Und er war in dieser Hinsicht sehr eigen: Er zog regelmäßig Erkundigungen über die Verhältnisse in den örtlich zuständigen Strafanstalten ein, ehe er einen neuen Coup zu landen versuchte. Waren die Auskünfte ungünstig, zog er weiter, ohne aktiv geworden zu sein.)

Wirklich – es hätte schlimmer kommen können. Fand Mr. Oates.

In den drei Jahrzehnten seiner – hm – Tätigkeit waren alles in allem rund 600 000 US-Dollar, 80 000 Kanada-Dollar und 9500 Sterling in seine Taschen geflossen, umgerechnet ein steuerfreies Jahreseinkommen von rund 24 000 Dollar. Nicht üppig, aber auskömmlich. Denn Mr. Mudd Oates war eine genügsame Natur.

Und als Gegenleistung „nur“ sieben Jahre Zwangsaufenthalt in Staatspensionen: einfache, aber gesunde Kost bei leichter manueller Tätigkeit wie Bürstenbinden (Sing-Sing), Pappe zu Kartons falten (Joliet) oder aus den getrockneten Blattrippen der Piasava Palme Straßen und Hofbesen herstellen (Honolulu).

Andere mögen darüber anders denken, aber Mudd Oates fand ernstlich, er sei im Großen und Ganzen mittelprächtig über die Runden gekommen.

Er war eben ein genügsamer Mensch, und nach seiner Ansicht ein Philosoph und Lebenskünstler.

Was er hasste und verabscheute, waren Gemeinschaftszellen. Als ihm das erste Missgeschick widerfahren war, da hatten sie ihn zum Beispiel mit einem Zuhälter zusammengesperrt. Und mit einem Strolch, der seiner minderjährigen Stieftochter Gewalt angetan hatte. Und mit einem ehrvergessenen Lump, der für die Japaner spioniert hatte.

Ekelhaftes Gesocks.

Und nicht genug damit: Der Zuhälter war ein nervtötender Schwätzer gewesen, der Spion ein überspannter Weltverbesserer, und der dritte Mann hatte eher in eine Heilanstalt als in ein Zuchthaus gehört.

Ekelhaft!

Nachdem die Anstaltsleitung Mudd Oates‘ Gesuch um Verlegung in eine Einzelzelle abschlägig beschieden hatte, war Mudd zur Selbsthilfe geschritten. Er hatte dem Zuhälter zwei Schneidezähne ausgeschlagen, später einem Brandstifter die Oberlippe gespalten und noch später einem Defraudanten das Nasenbein gebrochen.

Denn damals war er noch jung und fit gewesen.

Seither stand in seinem Dossier der Vermerk: „Vorsicht! Neigt in Gemeinschaftszellen zu Gewalttätigkeiten! – Siehe Anlage 17!“

Die „Anlage 17“ war ein drei Maschinenseiten umfassendes Gutachten des Gerichtspsychiaters – eines gewissen Rudolf R. Brandes, M. D. Tiefschürfend, weitschweifig und aufgeblasen.

Darin war von Reizschwellen die Rede, „unterschwellig“ und „hochschwellig“. Von Libido. Von progressiv und aggressiv. Von extemporär und protemporär.

Es las sich stellenweise wie ein Quiz und streckenweise wie ein Rösselsprung. Verstehen und erfassen konnte es niemand, außer – vielleicht ein anderer Psychiater.

Jedenfalls wurde Mr. Mudd Oates seither nur noch in Einzelzellen untergebracht.

Das und nichts anderes war schließlich Mr. Oates Absicht gewesen. Denn im Grunde seines Wesens war er ein ausgesucht friedfertiger Charakter, jeder Gewalttat abhold.

Es ist etwas Schönes um die heilige Ordnung der Bürokratie. Wann und wo Mr. Oates künftig auch abgeurteilt und eingeliefert wurde: Die Akte mit der Anlage 17 lief ihm – abschriftlich! – nach wie ein treuer Hund.

Es dauerte manchmal eine Weile. Aber er durfte sich darauf verlassen.

Die letzten 14 Monate hatte er beispielsweise in einer kleinen, aber netten Einzelzelle im altehrwürdigen Wandsworth Prison verbracht.

Klein, aber mein!

Innentoilette. Radio (täglich drei Stunden). Als Sondervergünstigung jeden Sonnabend frische Blumen aus der Anstaltsgärtnerei. Mr. Oates war ein großer Blumenfreund, und der Direktor, gleichfalls passionierter Blumenliebhaber, hatte Verständnis gezeigt.

Wandsworth ist ein Stadtteil von London, südlich der Themse gelegen. Wenn Mr. Oates auf den Hocker stieg, konnte er die gepflegten Anlagen des Wandsworth Friedhofs sehen.

Er hatte auch eine Schwäche für Friedhöfe. Sie stimmten ihn sentimental, aber nicht traurig. Er verlustierte sich gern auf gepflegten Friedhöfen. Das hing unter anderem mit seinem „Beruf“ zusammen.

Vor genau 14 Monaten und drei Tagen hatte Lordrichter Sir Archibald Mombers sich voller Würde geräuspert:

„Im Namen der Krone: Der Angeklagte John Lincoln Mudd Oates wurde vom erkennenden Gericht in allen Punkten der Anklage für schuldig befunden. Er wird verurteilt wegen vollendeten Betrugs im Fall Sir Spencer Duncan zu einer Gefängnisstrafe von neun Monaten, wegen vollendeten Betrugs im Fall Lady Lilian Thierey zu gleichfalls neun Monaten, wegen versuchten Betrugs im Fall Mr. Lewis Astor zu sechs Monaten Gefängnis. Diese Einzelstrafen werden zusammengefasst zu einer Gesamtstrafe von einundzwanzig Monaten.“

Hier hatte Mr. Mudd Oates zufrieden genickt und seinem Verteidiger warm die Hand gedrückt.

Sir Archibald: „Die Strafe ist zu verbüßen im Gefängnis Ihrer Majestät (genau das sagte der Lordrichter: Mr. Oates grinste ein bisschen) Wandsworth Prison. Nach verabfolgter Verbüßung (so geschwollen drückte Sir Archibald es tatsächlich aus) hat der Angeklagte das Staatsgebiet von Großbritannien und Nordirland unverzüglich zu verlassen. Eine Neueinreise wird ihm für alle Zukunft untersagt. – Ich bitte, Platz zu nehmen!“

In der Urteilsbegründung hatte Sir Archibald unter anderem ausgeführt: „Wiewohl der Angeklagte mehrfach einschlägig vorbestraft ist, hat das Gericht strafmildernd berücksichtigt:

Erstens: dass er in vollem Umfang geständig war.

Zweitens: dass er Reue bezeigt und glaubwürdig Besserung gelobt hat.“

(Hier grinste Mr. Mudd Oates abermals, aber nur innerlich: Er war ein routinierter Reuebezeiger und überzeugender Besserungsgelober.)

Und drittens: dass er sich in gewisser Weise maßvoll verhalten hat.“

Über den letzten Punkt hatte Sir Archibald Mombers sich ausführlich verbreitet – und zum Schluss den Zeigefinger erhoben: „Der Angeklagte ist US-Staatsbürger. Es sei hier ausdrücklich festgestellt, dass er es nur diesem Umstand verdankt, wenn das Gericht davon abgesehen hat, auf Sicherheitsverwahrung nach vollendeter Verbüßung zu erkennen. Bei der Vielzahl seiner einschlägigen Vorstrafen wäre das an sich nicht nur rechtlich möglich, sondern auch geboten und angemessen gewesen.“

Hier hatten Mr. Mudd Oates wiederum innerlich gegrinst.

Weniger geschwollen, aber sachlich richtig ausgedrückt, hieß das schließlich nichts anderes als: Wie kommen wir, die Steuerzahler des Vereinigten Königreiches von Großbritannien und Nordirland, dazu, einen Yankee länger, als es unbedingt sein muss, zu betreuen und zu verpflegen? Sollen sich doch die Yankees mit ihm herumärgern. Schieben wir ihn ab! Das kommt billiger!

Sir Archibald: „Mr. Oates! Sie haben das Recht, gegen dieses Urteil Berufung einzulegen, und zwar binnen sieben Tagen, schriftlich oder mündlich. Ich nehme an, dass Sie sich darüber mit Ihrem Verteidiger beraten wollen.“

Mr. Mudd Oates – viel erfahren und wohl wissend, dass er mit einem kaum angebläuten Auge davongekommen war, hatte sich steil aufgereckt.

„Ich nehme das Urteil an, Euer Lordschaft!“

Sir Archibald Mombers mit Blick auf den ihm bestens bekannten Verteidiger, The right honorable Sir Bannister Brockton: „Wenn mein gelehrter Freund, Sir Bannister …“ Er zögerte.

„Mein gelehrter Freund“, ist die unter britischen Juristen übliche, offiziöse Anrede.

The right honorable, Sir Bannister Brockton, hatte ebenso stelzbeinig-würdevoll geantwortet:

„Wenn Euer Lordship belieben …“

„Damit ist das Urteil rechtskräftig!“

Einundzwanzig Monate. Nach britischen Recht bedeutet das, dass der Sträfling bei untadeliger Führung nach Verbüßung von 14 Monaten auf dem Gnadenweg entlassen wird.

Und genau das war geschehen.

Ein Justiz-Oberwachtmeister hatte Mr. Mudd Oates zum Flughafen Croydon gebracht und ihn in einen Düsenclipper der BOA – der British Oversea Airlines – gesetzt.

Touristenklasse – versteht sich.

Der Flugschein ging zu Lasten des Innenministeriums im Allgemeinen und des High Court of Justice im Speziellen.

Der Clipper war 17.30 – New York Zeit – auf dem International Airport of New York – nämlich in Idlewild – gelandet.

Zwei Stunden und zehn Minuten später war ein Clipper der PAA – der Pan American Airways – in umgekehrter Richtung gestartet: New York – Shannon – London.

An Bord dieser Maschine befand sich – als Erster-Klasse-Passagier, mit von ihm selbst bezahlten Flugschein – ein Mann, der einen britischen Reisepass auf den Namen Albert Edward Doubleday besaß.

Außer durch diesen Pass und den um das Doppelte teureren Flugschein unterschied er sich in nichts von dem nunmehr schon sattsam bekannten Mr. John Lincoln Mudd Oates.

Ein boshafter Zufall wollte es, dass diese Maschine auch von einem hochgewachsenen Mann Namens Braden benutzt wurde.

Mr. Jack Braden. Inhaber von Bradens Detective Agency, City of New York, privat und geschäftlich zu erreichen unter der 24 Ost 74. Straße.

Mr. Braden wurde von einem breiten und kantigen Mann um die Fünfzig begleitet: Mr. George Patterson.

Auch Braden und Patterson flogen erster Güte.

Die Boeing hatte – wie jede Maschine dieser Bauart – zwei Erster-Klasse-Kabinen: eine vorn und eine hinten.

Die Transatlantik-Fliegerei ist ein Zusatzgeschäft: für jede der rund fünfzehn beteiligten Gesellschaften. Grund: Es fliegen mehr Maschinen, als eigentlich benötigt werden.

Tieferer Grund: verstaubter Nationalstolz.

Die USA und Kanada, Großbritannien, Frankreich, die Bundesrepublik, Italien, Holland, Belgien, und etliche andere Staaten befliegen die Nordatlantikroute – und alle buttern aus Prestigegründen zu.

Nur in der Reisesaison – Juni bis September – sind die Maschinen wenigstens bis zur Hälfte ihrer Kapazität ausgebucht.

Man schrieb den 7. Oktober. Die hintere Erste-Klasse-Kabine der fraglichen Boeing beherbergte ganze drei Fluggäste.

Eben Mr. Jack Braden, Mr. George Patterson und Mr. Albert Doubleday alias Mudd Oates.

Mr. Braden und Mr. Oates kannten einander. Denn Mr. Braden hatte Mr. Oates zu den anderthalb Jahren in Sing-Sing verholfen. Das lag rund fünf Jahre zurück, und weder der eine noch der andere war Nachtragend.

„Hello, Mudd“ sagte Mr. Braden munter. „So also sieht man sich wieder! Wie geht‘s, wie steht‘s? Was machen die Geschäfte?

„Mein Name ist Doubleday“, entgegnete Mr. Oates kühl und nicht ohne Würde. „Ich glaube nicht, dass wir bereits einmal das Vergnügen miteinander hatten.“

„T-t-t!“, machte Mr. Braden. „Wie kann man nur so vergesslich sein, Muddy!“

Mr. Oates schlug verschämt die sanften Rehaugen zu Boden.

„Sie verwechseln mich, Sir! Mein Name ist Doubleday.“ Er hatte eine warme und wohllautende Stimme.

„Wie Sie meinen“, sagte Mr. Braden, der andere Sorgen hatte.

Er setzte sich neben Patterson.

„Was ist‘n das für ‘n Kunde?“, wollte Patterson wissen. „Er sieht fast aus wie‘n Landpfarrer.“

„Fast!“, räumte Braden ein. „Und von dieser Tatsache lebt er.“

„Inwiefern?“

Braden erklärte Mudd Oates‘„Arbeitsweise“.

„Wenn er in eine fremde Stadt kommt, besucht er zunächst die Friedhöfe …“

„Friedhöfe?“, echote Patterson.

„Friedhöfe! Er hält Ausschau nach ungewöhnlich kostspieligen und hervorragend gepflegten Familiengräbern, wobei er sich sagt, dass die noch lebenden Familienmitglieder wohlhabend sind und Sinn für Pietät haben. Dann mietet er ein Büro und errichtet ein Bankkonto, lässt sich Briefbogen und Geschäftskarten drucken, macht sich an einige einflussreiche Leute heran, versteht es, deren Vertrauen, wenn nicht gar Freundschaft zu gewinnen. Alles das dauert einige Wochen oder auch Monate. Nach einer angemessenen Frist verschickt er dann Bettelbriefe: an die Leute mit den teuren und gepflegten Familiengräbern. Als geschäftsführender Vorsitzender der Gesellschaft für Grabpflege.

„Er behauptet, die Gesellschaft habe es sich zur Aufgabe gemacht, jene Gräber zu pflegen, um die sich sonst niemand kümmert, weil es keine Hinterbliebenen gibt. Er kündigt den Besuch unseres Mr. Oates an, und gibt Referenzen: die Namen der Honoratioren, die er vorher eingewickelt hat …“

„Und das lohnt sich?“

„Wenn man‘s kann. Und er kann es. Manche spendieren nur ein paar Dollar. Aber er hat schon fünfstellige Summen losgeeist. – Sobald alles auf dem Konto eingegangen ist, löst er es auf und verschwindet.“

Patterson schüttelte den Kopf.

„Es gibt doch nichts, was es nicht gibt!“

Alle drei – nämlich Braden, Patterson und „Doubleday“ – hatten bis London Airport gebucht.

Als es durch die Passkontrolle ging, stand Braden unmittelbar hinter Mudd Oates, was diesen einigermaßen nervös machte.

Aber es passierte nichts. Der Mann von der Emigrations-Polizei blätterte „Mr. Doubledays“ Pass nur flüchtig durch, warf einen vergleichenden Blick auf das Passbild, drückte den Einreisestempel hinein und gab den Pass zurück.

„Vielen Dank, Sir!“

Oates wollte entwetzen, aber Braden ihn am Rockschoß fest.

„Muddy“, sagte Braden. „Wie wär‘s, wenn Sie‘s zur Abwechslung mit Arbeit versuchten?“

„Hab‘ ich schon!“, sagte Mr. Oates. „Als ich – mit kaum zwanzig – Vollwaise geworden war. Da habe ich‘s versucht. Vier Wochen lang. Es war schauderhaft. – Im Übrigen ist mein Name Doubleday!“

Später hörte Mr. Oates, dass Mr. Braden einem Taxifahrer: „Zum Savoy!“ zurief.

Mr. Oates aber ließ sich zum nächsten Gebrauchtwagenhändler fahren. Dort erstand er einen in keiner Weise mehr jungfräulichen Rover. Die Straßenkarte, die er außerdem brauchte, bekam er als Zugabe kostenlos.

In einem nahegelegenen Hotel schlief Mr. Oates sich aus.

Am nächsten Tag fuhr er über die Fernverkehrsstraße A 6 nach Norden: Bedford, Leicester, Derby, Manchester, Preston.

Hier aß er mit gutem Appetit zu Mittag und freute sich im Übrigen auf das wahrscheinlich beste Geschäft seines Lebens.

Immer weiter der A 6 folgend, kam er über Preston und Lancaster nach Carlisle, wo die A 6 endet.

Über die A 74 erreichte er Glasgow, über die A 9 Perth und schließlich Pitlochey, wo er das Abendessen einnahm.

Es war gegen 8 Uhr, als er weiterfuhr. Er fand die Abzweigung nach Tummel Bridge und zog von nun an eine primitive, handgezeichnete Karte zu Rate. Der Mond ging auf, und Mr. Oates nickte zufrieden, als die silbrig glitzernde, weite Fläche des Lake Rannoch zur linken Hand auftauchte.

„Immer am Nordufer des Sees entlang!“, hatte ihm ein gewisser Hopkins gesagt. „Am Westende des Sees über den Fluss. – Und dann auf den Wegweiser achten! Etwa eine Meile hinter der Brücke.“

Der Fluss entpuppte sich als halbstarkes Flüsschen. Der Wegweiser war ein einfaches Brett, das an einen Baum genagelt war.

„Hinter dem Forsthaus links herunter.“

Obwohl es erst kurz nach halb neun war, brannte kein Licht in dem Forsthaus. Ein Hund bellte, als Oates langsam vorüberfuhr.

Nach der handgezeichneten Karte und Hopkins Anweisungen musste er nach rund einer weiteren Meile links abbiegen. Aber der Waldweg, den er dann sah, war derart schmal, dass er bezweifelte, dass Hopkins diesen besseren Saumpfad gemeint haben könne.

Er fuhr weiter, stieß nach schon zweihundert Yards auf eine weitere Abzweigung, wesentlich breiter als die erste.

Er nahm an, dass dieser – immerhin leidlich befahrbare – Weg der gemeinte sei.

Der Weg gabelte sich bald, gabelte sich dann noch einmal und noch einmal. Oates folgte jedes Mal den breiteren „Gabelzinken“ – und musste nach einiger Zeit einsehen, dass er sich verfranzt hatte.

Der Weg stieß gegen eine hölzerne Barriere. Auf einem schwarzen Schild warnten ein primitiv gemalter Totenkopf und knallige Buchstaben:

DANGER!

STOPP!

Die Scheinwerfer und der Totenkopf grinsten einander sozusagen an.

Oates stieg aus, um die Lage zu peilen. Unmittelbar hinter der massiven Barriere gähnte ein Abgrund. Die Scheinwerfer schälten das Schild aus der Dunkelheit und stießen dann ins Nichts.

Oates leuchtete mit seiner Stablampe nach unten. Die Gleise einer Feldbahn blinkten matt in der Tiefe.

Vorwärts ging es also wirklich nicht mehr. Und ein Wendemanöver war auf der schmalen Schneise nicht möglich. Oates musste zur letzten Gabelung zurücksetzen.

Er stieg wieder ein – und merkte erst jetzt, dass der Himmel sich inzwischen bezogen hatte.

Es war nicht nur dunkel, sondern stockfinster unter den Bäumen. Nach vorn strahlten die Scheinwerfer, aber was nutzte das schon! Hinten war der Rover blind.

Nur wenn Mr. Oates nach rückwärts aufwärts blickte, konnte er an dem schmalen Himmelsstreifen zwischen den Wipfeln den Verlauf des Weges wenigstens ahnen.

Vor die Wahl gestellt, die Nacht hier im Wald zu verbringen oder sein Glück wenigstens zu versuchen, entschied er sich für die zweite Möglichkeit.

Er schaltete die Scheinwerfer aus, drehte das Fenster herunter, knipste die Stablampe an und hielt sie – nach hinten gerichtet – zum Fenster hinaus.

So sah er wenigstens die rechte Begrenzung des Weges. (Der Wagen hatte, wie alle Rover-Fabrikate, Rechtssteuerung.)

Er legte den Rückwärtsgang ein, ließ die Kupplung kommen und gab vorsichtig Gas.

Es ging besser, als er gefürchtet hatte. Ab und zu nach oben schielend und im Übrigen über die Schulter nach rückwärts blickend, kam er etwa vierhundert Yards weit.

Dann ging es doch noch schief. Und „schief“ ist wörtlich zu verstehen.

Der Wagen neigte sich plötzlich nach links hinten. Oates nahm sofort das Gas weg und stieg auf die Bremse.

Die Räder blockierten. Aber der Rover rutschte dennoch weiter weg. Es gab einen harten Ruck. Und der Rover blieb in Schieflage – sozusagen mit schwerer Schlagseite – liegen.

Mr. Oates stieg aus, stellte fest, dass die Hinterräder über einer Bodenwanne in der Luft hingen, während der Wagen nur noch zum Teil auf den Vorderrädern und im Übrigen auf dem Chassis lag.

Mr. Oates hatte sich zeitlebens für einen intelligenten Menschen gehalten, aber hinsichtlich seiner bescheidenen Körperkräfte war er stets ohne Illusionen gewesen.

Da war gar nichts zu machen.

Auch mit einem Hebebaum war er allein niemals imstande, den Wagen wieder auf den Weg zu wuchten.

Mr. Mudd Oates – wir sagten es schon – war Philosoph. Er huldigte dem Grundsatz, dass es sinnlos ist, sich über etwas zu ärgern, was man nicht ändern kann.

Also kroch er in seinen Trenchcoat, schloss den Wagen ab und stiefelte los.

Nach vorn. Nicht nach rückwärts.

Denn er sagte sich sehr richtig, dass die Feldbahngleise schließlich irgend wohin führen mussten, wo es Menschen gab.

Er befand sich in einem der größten Waldgebiete des an sich waldarmen Schottland, nämlich in Rannoch Forest, südlich des Ben Alder, mit seinen 3750 Fuß der zweithöchste Berg des Crampian Gebirges, und er wusste von jenem Mr. Hopkins, dass er in einem der am dünnsten besiedelten Landstriche Europas war.

Bis zur nächsten größten Ortschaft – nach seiner Karte Bridge of Gour – waren es mindestens zehn Meilen. Bis zur A 9 zurück mindestens fünfzehn.

Er ging also nach vorn.

Mit Hilfe der Stablampe fand er einen bequemen Abstieg zur Schlucht hinunter, stellte fest, dass die Feldbahngleise zu einem Steinbruch gehörten, und ging zwischen den Gleisen entlang.

Die Trasse wand sich durch ein enges Tal und endete schon nach wenigen hundert Yards als eine Art Rampe über einer ungepflasterten, aber doch leidlich guten Straße.

Vier leere Loren standen auf dem Gleis, die dazugehörige Lok war wohl in dem Schuppen, der am Berg klebte. Die Gleisanlage war etwa zwei Yards über dem Straßenniveau in den Fels geschlagen. Es gab zahlreiche Lkw-Spuren. Die gebrochenen Steine wurden offensichtlich durch ein genial einfaches Rutschverfahren von den Loren auf die Lkws umgeladen.

Die Räderspuren führten aber sowohl nach rechts als auch nach links.

Frage: In welcher Richtung kam Mr. Oates schneller zu irgendeiner Unterkunft?

Er ging auf gut Glück nach links.

Das Leuchtzifferblatt seiner Uhr zeigte auf 9 Uhr 17.

Plötzlich – ohne jede Vorwarnung – fegte eine wilde Windböe durch die Wipfel. Und im selben Augenblick öffnete der Himmel alle Schleusen.

Obwohl Oates an der windabgewandten Seite einer mehr als mannsdicken Eiche Schutz suchte, hatte er binnen weniger Minuten keinen trockenen Faden am Leib.

Der Wolkenbruch versiegte so abrupt, wie er begonnen hatte. Die „Straße“ war grundlos geworden: eine Musterkollektion von Pfützen und Schlammlöchern. Mr. Oates glitt einer Pfütze aus und geriet in drei andere.

Auch ein Fatalist wie er bekam es unter diesen Umständen satt.

Er fror wie ein überzüchteter Windhund. Und er fluchte wie ein Landstreicher.

Und die Straße nahm und nahm kein Ende.

Zehn Uhr. Zehn Uhr dreißig.

Mr. Oates, des Marschierens ungewohnt, hatte schon etliche Wasserblasen an den Füßen, als er endlich wieder am See ankam.

Was ihn wunderte.

Nach seiner Ansicht musste er sich mindestens fünf Meilen nördlich des Lake Rannoch befinden. Aber dann erinnerte er sich, schon des Öfteren gelesen zu haben, dass jeder Verirrte dazu neigt, im Kreis zu marschieren.

Es war 10 Uhr 57, als Mr. Oates den Uferweg – die, wohlwollend gesagt, Uferstraße – erreichte. Und genau elf Uhr, als er den Wagen erblickte.

Einen mindestens dreißig Jahre alten Rolls-Royce

Der Rolls stand leer und verlassen am Strand. Mr. Oates leuchtete hinein, stellte fest, dass der Zündschlüssel steckte.

Aber zu sehen war niemand.

Mr. Oates rief laut in die Landschaft: „Hallo! Ist da jemand?“

Die Wellen schlugen glucksend gegen das Steilufer.

Sonst keine Antwort.

Mr. Oates war, wie gesagt, völlig durchnässt, hatte Blasen an den Zehen und Hacken.

Mr Oates hatte die Schnauze voller als voll.

Er rief noch etliche Mal. Und als keine Antwort kam, stieg er ein.

Er wollte den Royce nicht stehlen. Nichts lag ihm ferner.

Aber man schrieb Anfang Oktober. Es war lausig kalt, und er fürchtete eine Lungenentzündung.

Was er dringend nötig hatte, war ein warmes Bett.

Und er betrachtete den Rolls lediglich als Transportmittel zu diesem Bett.

Also stieg er ein.

Er war kaum drin, als ein zweiter Regenschauer niederprasselte.

Oates suchte und fand den Knopf für die Scheinwerfer. Lichtfinger bohrten sich in die Nacht, aber ganze Sturzfluten ergossen sich über die Windschutzscheibe – er sah fast nichts.

Auch die Scheibenwischer schafften es nicht.

Erst als der Regen etwas dünner fiel, konnte er anfahren.

Und da war plötzlich ein Mensch!

Der Mensch stand nicht, lag nicht und saß nicht. Er schwebte.

Er schwebte fünf oder sechs Yards über der Erde. Das Streulicht der Scheinwerfer schälte für Sekundenbruchteile nackte Füße aus der Finsternis, eigentlich nur die Füße, alles andere blieb undeutlich.

Oates starrte nach oben. Der Mensch schien die Arme wie Flügel zu spreizen und sich wie mit Schwingenschlägen in der Luft zu halten.

Da war Oates schon unter der Gestalt hindurch.

Er saß da wie betäubt. Seine Kopfhaut zog sich zusammen und ließ seine Haare – buchstäblich – zu Berge stehen. Er spürte seinen Herzschlag bis in die Fingerspitzen.

Er trat mechanisch auf den Gashebel – von der unsinnigen Vorstellung besessen, das unheimliche Flügelwesen könne dem Rolls folgen und werde sich, wie ein Raubvogel, von oben auf ihn stürzen.

Erst nach vierzig oder fünfzig Yards nahm er sich zusammen, kuppelte aus und stieg hart auf das Bremspedal.

Der Boden war glitschig – und der Wagen schlug hinten aus.

Oates reagierte geschickt, indem er die Bremse freigab, gleichzeitig gegen steuerte und wieder leicht auf den Gashebel trat.

Der Wagen hörte zu schlingern auf, Oates bremste ihn weich ab. Er stand.

Mudd Oates spürte, wie er am ganzen Körper zitterte. Erst nach zerdehnten Sekunden fand er den Mut, nach rückwärts zu blicken.

Aber der Wagen war alt, das Heckfenster demzufolge nur klein.

Doch auch durch ein noch so großes Heckfenster wäre nichts zu sehen gewesen – die Regenschnüre fielen dicht bei dicht.

Damned! Was war das gewesen?

Ein Mensch hatte in der Luft geschwebt. Ein Mensch mit Armen, so breit wie Vogelschwingen!

So etwas gab es doch nicht!

Mr. Mudd Oates hatte nicht die Kraft, auszusteigen und dem gespenstischen Phänomen auf den Grund zu gehen. Er redete sich ein, seine überreizten Nerven hätten ihm einen Streich gespielt. Was er gesehen hatte, mochte in Wahrheit nichts als das Laubwerk eines überhängenden Astes gewesen sein.

Oates fuhr wieder an.

Er wollte aus dem verdammten Wald heraus. Alles andere war unwichtig.

Wieder hörte der Regen ganz plötzlich auf. Fast gleichzeitig öffnete sich die Wolkendecke. Bald darauf sah Oates wieder die fahle Scheibe des fast vollen Mondes.

Es war ein überhängender Ast gewesen, ein im Wind bewegter, überhängender Ast! Das sagte sich Oates immer wieder.

Er redete es sich ein, weil eben nicht sein kann, was unmöglich ist.

Aber im Grunde wusste er es besser.

Die nackten Füße hatten scharf umrissen ganz nahe vor seinen Augen geschwebt, plastisch und deutlich. Fast greifbar nahe.

Die Straße – sofern der unbefestigte Fahrweg den Namen Straße verdiente – schlängelte sich noch drei oder vier Meilen am Seeufer entlang, bog dann landeinwärts, wandte sich in Serpentinen einen Berg hinauf, um dann steil bergab zu führen.

Wieder empor und wieder hinab. Und noch einmal und noch einmal.

Dann eine Lichtung. Links der Straße zog sich eine Wiese bergwärts, rechts schien es ziemlich steil abwärts zu gehen.

Oates fuhr mit voll aufgeblendeten Scheinwerfern, demzufolge sah er den dunklen Klumpen schon aus einiger Entfernung. Den dunklen, unförmigen Klumpen am rechten Straßenrand.

Einen großen Stein. Oder was immer.

Als Oates auf etwa hundertfünfzig Yards heran war, löste sich der Klumpen plötzlich vom Boden – und entschwebte nach rechts – mit langsamen, ruhigen Flügelschlägen.

Ein Vogel?

Gab es so riesige, flugfähige Vögel?

Wenn es sie gab, so hatte Oates nie etwas von ihnen gehört.

Er widerstand der Versuchung, anzuhalten, auszusteigen und einfach davonzulaufen – blindlings. Irgendwohin. Nur heraus aus diesem verhexten Geisterwald.

Wenden konnte er auch hier nicht. Die Straße war zu schmal, wurde nach der Bergseite von einem Graben begrenzt und gegen die Talseite von einer kniehohen Mauer aus unbehauenen Steinen.

Oates fuhr also weiter.

Und dann sah er die Frau.

Sie lag quer zur Straße, Schultern und Kopf gegen die Mauer gelehnt. Vor ihren Füßen lag ein Fahrrad, dessen Vorderrad sich langsam drehte.

Durch den Körper der Frau und das Fahrrad waren gut zwei Drittel der Breite der Straße blockiert.

Oates musste anhalten.

Und er hielt nicht einmal ungern an. Ein Fahrrad war ein realer Gegenstand, und die Frau hatte nichts Gespenstisches oder Irreales.

Ein Unfall!

Mr. Oates stieg also aus. Es war keine Frau. Es war ein Mädchen. Ein junges Ding, höchstens zwanzig.

Und sie war tot.

Oates sah es an den eigenartig verdrehten Armen, an den weit geöffneten, gebrochenen Augen.

Sein Schatten fiel auf sie. Er trat einen Schritt beiseite. Nun lag sie im vollen Scheinwerferlicht, den Kopf weit im Nacken.

An ihrem gestreckten Hals waren zwei Wundmale. Das eine rechts und das andere links der Halsschlagader. Kleine, aber offenbar tiefe Wunden.

Mr. Oates zitterte wieder.

Sein Herzschlag stockte, als der schrille Schrei die nächtliche Stille zerriss. Ein Laut, wie er ihn niemals zuvor gehört hatte.

 

 

2

Der Schrei schien von rechts zu kommen.

Oates warf den Kopf in diese Richtung. Und nun lernte er eine Empfindung kennen, die ihm bis dahin nur vom Hörensagen bekannt gewesen war: namenloses Grauen.

Alles bisherige war nur ein Vorspiel gewesen. Jetzt erst packte panisches Grauen nach ihm, ließ ihn das Blut in den Adern gefrieren.

Über das Tal kehrte der Vogel zurück. Das riesige Flügelwesen! Schwarz in schwarz hob es sich gegen den Himmel ab: groß wie ein Mensch oder noch größer, bewegte sich mit langsamen, unheimlich lautlosen Schwingenschlägen.

Oates riss die Arme vor das Gesicht. Zu irgendeiner anderen Reaktion war er nicht fähig.

Dann war das Flügelwesen über ihm, stürzte sich auf ihn.

Er brach in die Knie. Fiel, stürzte ins Bodenlose.

 

 

3

Eine Krähe krächzte in rhythmischen Abständen. Sie hockte auf einem kahlen Ast und strich ab, als Oates die Augen aufschlug.

Er fror jämmerlich. Das war das erste, was ihm zum Bewusstsein kam.

Er lag neben der Mauer auf dem Bauch, das zur Seite gewendete Gesicht auf den linken Unterarm gebettet. Es war nicht mehr dunkel und noch nicht hell. Nebelschwaden hingen bizarr in der Luft und trieben langsam vor dem Wind, der ihre Form ständig veränderte.

Es war widerlich kalt.

Benommen blieb Oates noch eine Weile liegen. Endlich hob er wenigstens den Kopf.

Auf der Mauerkante – unmittelbar neben seinem Kopf – klebte verkrustetes Blut. Nicht sehr viel.

Oates stemmte sich empor und setzte sich auf die niedrige Mauer.

Wie kam er hierher? Was war geschehen?

Allmählich kehrten Erinnerungsfetzen zurück.

Das tote Mädchen. Das Fahrrad. Das Flügelwesen …

Nichts von alledem war noch da.

Er hockte in durchnässten Kleidern auf einer Lichtung, die von einer unbefestigten Straße durchquert wurde. Der Wind fiepte dünn. Eine Krähe schrie. Das war alles.

Mr. Oates kam zu der Überzeugung, dass ihn wüste Alpträume gequält hatten.

Er wollte sich eine Zigarette nehmen – aber die Packung war völlig durchnässt.

Er rieb sich die Stirn.

Verdammt, was war los?

Er hatte sich verfahren, hatte den Rover wenden wollen und ihn dabei festgefahren. War dann einen Abhang hinabgestiegen, hatte später einen alten Rolls-Royce gefunden, und …

Stopp!

Wo war der Rolls? Von ihm war so wenig zu sehen wie von dem Mädchen, von dem Rad und von …

Ich muss gestürzt sein!, dachte Oates. Ich bin gestürzt, habe das Bewusstsein verloren – und alles andere nur geträumt.

Sein Hut lag neben ihm. Er hob ihn auf und stülpte ihn auf. Dabei spürte er einen dumpfen Schmerz im Nacken.

Er führte die Finger dorthin – und zuckte zusammen.

Er fühlte eine Art Beule – vermutlich ein Bluterguss.

Er fingerte seinen Taschenspiegel hervor, blickte hinein und erstarrte abermals.

Sein Hals trug zwei Wundmale. Eines rechts und eines links der Halsschlagader – ganz so, wie er es während der Nacht bei dem toten Mädchen gesehen hatte.

Er hatte alles geträumt?

Er hatte gar nichts geträumt! Die Wundmale bewiesen es.

Wo aber waren dann das tote Mädchen, wo das Fahrrad, wo der Rolls-Royce geblieben?

Mr. Oates kippte sich auf die Füße. Es ging ganz gut. Er fror derart, dass ihm die Zähne klapperten. Aber er war, zumindest körperlich, wieder leidlich fit.

Er suchte nach den Spuren des Rolls. Aber es gab keine, obwohl sie unfehlbar hätten da sein müssen.

Es gab keine.

Mr. Oates warf lauschend den Kopf auf, als er einen Motor hörte.

Das Geräusch kam rasch näher. Und bald sah er den Wagen: einen Kleinbus, der aus der Richtung kam, in die Oates während der Nacht gefahren war.

Wenn er gefahren und nicht doch alles ein Alptraum gewesen war.

Oates klappte den Sakkokragen empor, um die Wundmale zu verdecken.

Er hob beide Arme, und der Busfahrer stoppte. Er öffnete die Tür.

„Good morning, Sir! Kann ich etwas für Sie tun?“

Außer dem Fahrer saßen fünf Männer in dem Kleinbus, Arbeiter offenbar, zu ihrer Arbeitsstelle unterwegs.

Oates gab eine etwas wirre Erklärung. Er habe sich verfahren. Sein Wagen stünde oberhalb eines Steinbruchs, allein könne er ihn nicht flott machen.

Das war der Sinn dessen, was er – reichlich durcheinander – hervorbrachte.

„Wir sind die Steinbrucharbeiter, Sir! Steigen Sie nur ein. Lieber Himmel, Sie sind ja völlig durchnässt! Sie werden sich ‘ne Grippe holen, wenn Sie nicht … Hat jemand ‘n Schluck Whisky da, Kumpels?“

Oates rutschte neben den Fahrer. Es waren sogar mehrere Taschenflaschen Whisky vorhanden – man war schließlich in Schottland.

Oates nahm ein paar herzhafte Schlucke, fühlte sich vorübergehend besser und dann doppelt elend. Es war der erste Alkohol seit 14 Monaten und einigen Tagen – und der Whisky hatte es in sich.

Ich kann nicht nur geträumt haben!, dachte er, als die Straße auf das Seeufer stieß. Ich bin in der vergangenen Nacht hier gefahren!

Die Arbeiter waren unausgeschlafen und entsprechend schweigsam. Er war dankbar dafür.

Hier muss es gewesen sein!, durchzuckte es ihn dann. Hier hab ich das merkwürdige Flügelwesen zum ersten Mal gesehen.

Aber diese Überzeugung hielt er nicht bei, denn es kamen noch drei andere Stellen, wo er den gleichen Eindruck hatte.

Die Straße – der Weg – schwenkte in den Wald zurück und lief an der Rampe vorüber.

„Endstation! Alles aussteigen! Frauen und Kinder zuerst!“

Vermutlich machte er den Witz an jedem Werktag, niemand lachte.

Über eine Balkentreppe stieg der Fahrer zur Rampe hinauf und senkte einen riesigen Schlüssel in das Schloss des Schuppens, der am Hang klebte.

Wie Oates bereits vermutet hatte, stand die Feldbahnlok darin.

Alle saßen auf. Und die Lok schob die vier Loren zum Steinbruch.

Völlig durcheinander, wie Oates immer noch war, hätte er sich gar nicht gewundert, wenn auch der Rover verschwunden gewesen wäre.

Aber der war noch da.

Kräftige Hände hoben das abgesackte Heck auf den Weg zurück. Oates bedankte sich, indem er Halb-Kronen-Stücke verteilte. Er setzte bis zur nächsten Gabelung zurück, wendete dann, und war eine knappe halbe Stunde später wieder in Tummel Bridge, stoppte vor dem nächstbesten Gasthof, ließ sich ein Zimmer geben und kroch ins Bett.

Irgendwann schlief er ein. Als er wieder erwachte, schmerzten ihn die Atemwege, Hustenanfälle quälten ihn.

Er blieb vier Tage in dem Gasthof, wusste vom zweiten Tag an, dass er sich eine ausgewachsene Grippe zugelegt hatte, und beschloss dennoch oder gerade deshalb, sich am Morgen des fünften Tages abzusetzen.

Aber es kam anders.

Am Morgen des fünften Tages fühlt er sich zu schwach, überhaupt aufzustehen.

Am Abend dieses Tages kam – nicht von Mr. Oates, sondern vom Wirt herbeizitiert – ein Arzt, konstatierte eine linksseitige Lungenentzündung und spritzte Penicillin.

Die erwartete Wirkung blieb aus, denn Mr. Oates hatte erst unlängst mehrere Penicillinspritzen verpasst bekommen. Im Zuchthaus Wandsworth. Als er an einer sogenannter Magen- und Darmgrippe erkrankt war.

Details

Seiten
125
Jahr
2021
ISBN (eBook)
9783738951394
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (März)
Schlagworte
jack braden thriller vampir avery castle

Autor

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Titel: Ein Jack Braden Thriller #30: Der Vampir von Avery Castle