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Ein Jack Braden Thriller #31: Mord auf Umwegen

2021 122 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Mord auf Umwegen

Copyright

Die Hauptpersonen des Romans:

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Mord auf Umwegen

Ein Jack Braden Thriller #31

von Cedric Balmore

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 122 Taschenbuchseiten.

 

Rodger Runleys Hinrichtungstermin ist in vier Tagen. Er beteuert seine Unschuld an einem Raubüberfall mit drei Toten, obwohl alle Beweise gegen ihn sprechen. Seine Verlobte und sein Anwalt engagieren den Privatdetektiv Jack Braden, der sich beeilen muss, denn ein Aufschub wurde abgelehnt. Aber nicht einmal der gewiefte Detektiv hat eine Ahnung, wo er ansetzen soll.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© by Author

© COVER STEVE MAYER

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Die Hauptpersonen des Romans:

Rodger Runley – verliert fast den Glauben an die Gerechtigkeit

Captain Woop – glaubt nicht an Jack Braden

Henry Erstan, Sam Barlog – Barbesitzer mit dunkler Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft

Alan Ninclair – wird bald in seinem eigenen Panoptikum stehen

Duck Webster – Schönling mit faulem Kern

Jerry Bowler – Beatle-Kopf mit faulem Kern

Jack Braden und sein Team – sparen dem Staat Strom

 

 

1

Damit begann es am 15. April 1963, morgens S.35 Uhr:

Die als Geldtransportwagen eingesetzte Chrysler Limousine der Western Financial Corporation stoppte angesichts der Rotlichtampel beim Fußgängerübergang der 75. Straße in der Höhe des Miami Palace.

Laut Aussagen von Augenzeugen hielt zur selben Zeit hinter dem Geldtransportwagen der Bank ein viertüriger, dunkelblauer Lincoln. Aus diesem Wagen sprangen in Sekundenschnelle vier ungefähr je 1,80 Meter große Männer, die Sonnenbrillen vor den Augen trugen.

Die Männer waren bewaffnet. Drei mit schussbereit vorgehaltenen Pistolen, der vierte mit einer Maschinenpistole. Der Gangster mit der MP eröffnete im Laufen sofort Schnellfeuer auf den Geldtransportwagen. Nach vier Feuerstößen stolperte er, ließ dabei die MP fallen und verlor die

Sonnenbrille. Ohne sich um Waffe und Sonnenbrille weiter zu kümmern, stürmten er und seine drei Komplizen den Bankwagen und erbeuteten zwei der üblichen Geldtransporttaschen, die insgesamt 180 000 Dollar in 50-Dollar-Noten enthielten.

Darauf stürzte die Bande zu ihrem Wagen, bestieg ihn und fuhr in rasendem Tempo über den Fußgängerübergang hinweg die 75. Straße aufwärts. Hinter dem Washington Denkmal bog der Lincoln in das verästelte Straßengewirr von Four Points ein, wo sich seine Spur verlor.

Im Bankauto blieben von der drei Mann starken Besatzung erschossen zurück: Fahrer Clement Ferguson und Polizeibegleiter Sergeant Tom Hope. Lebensgefährlich verwundet wurde ins Spital gebracht der Bankbeamte Robert Russly, der dort um 10.15 Uhr seinen schweren Schussverletzungen erlag.

Die Mordkommission barg am Tatort die zurückgelassene Maschinenpistole Fabrikat Škoda 39 und die von dem MP-Schützen verlorene Sonnenbrille Marke Hanson Blue.

Um 10.20 Uhr meldete sich auf Polizeistation 17 der 29-jährige, unverheiratete Versicherungsclerk Rodger Runley. Er gab an, kurz vor 8 Uhr früh beim Betreten seiner Garage hinterrücks überfallen und mittels Ätherbausch betäubt worden zu sein. Als er gegen 10 Uhr aus der Betäubung wieder erwacht sei, hätte er das Fehlen seines Lincolns, Nummer 126 - 8 W festgestellt, mit dem er, wie jeden Morgen, in sein Office fahren wollte.

Um 12.15 Uhr stieß der Streifenwagen 08 während seiner Runde vor dem Lichtspieltheater World-Star, Fifth Avenue, auf den über Funk als gestohlen gemeldeten Lincoln und stellte das Fahrzeug sicher.

Um 18 Uhr brachte ein Eilpostbote dem Morddezernat im Polizeihauptquartier einen Expressbrief. Der Umschlag enthielt neben Fotos ein mit Maschine getipptes Schreiben folgenden Wortlautes:

„Ich bin Amateurfotograf. Als der Überfall auf den Bankwagen erfolgte, stand ich in unmittelbarer Nähe des Gangsterautos. Es gelang mir, vier Schnappschüsse zu machen. Nummer eins von ihnen zeigt den Gangster, der gerade mit der MP auf den Bankwagen schießt, Nummer zwei, wie der Gangster stolpert und im Stolpern MP und Sonnenbrille verliert und Nummer drei zeigt den gleichen Gangster mit einer der geraubten Geldtaschen. Das vierte Foto zeigt den Lincoln, in dem die Bande nach dem Überfall davonraste.

Ich nenne meinen Namen nicht, um der Gefahr zu entgehen, der Rache jener Gang zu verfallen. Der Polizei wird es anhand der Fotos auch so gelingen, diese furchtbare Bluttat aufzuklären und die Verbrecher der verdienten Strafe zuzuführen.“

Aufgrund des Autofotos wurde festgestellt, dass es sich bei dem Gangsterwagen um den Lincoln des Versicherungsclerks Rodger Runley handelte. Die anderen drei Fotos zeigten unverkennbar Rodger Runley als MP-Schützen.

Um 19.10 Uhr wurde Rodger Runley in seiner Wohnung verhaftet und dem Morddezernat zugeführt.

Die Konfrontierung mit den en face und en profile Fotos ergab, dass der MP-Schütze ohne jeden Zweifel mit Runley identisch war.

Die daktyloskopische Abteilung des Polizeihauptquartiers ermittelte aus den auf Lauf und Kolben der MP zurückgelassenen Fingerabdrücken, dass auch diese mit denen des Rodger Runley identisch waren. Die am Tatort gefundene Sonnenbrille erwies sich als Eigentum Runleys, was jener auch nicht in Abrede stellte, allerdings mit dem Hinweis, dass der oder die Täter, die ihn in der Garage betäubten, die Brille an sich genommen hätten.

Trotz aller schwerwiegenden und so gut wie einwandfrei gegen ihn aussagenden Tatsachen bestritt Runley ganz entschieden, an dem Raubüberfall beteiligt gewesen zu sein. Er habe ja in der Zeit, erklärte er immer wieder erneut, da die dreifache Mordtat begangen wurde, betäubt in der Garage gelegen und könne somit zu diesem Zeitpunkt niemals am Tatort gewesen sein.

Diese Behauptung wurde klar und eindeutig ebenso widerlegt wie alle vorangegangenen Runleys.

Drei Zeugen – unabhängig voneinander – sagten aus und beschworen später, Rodger Runley gegen 8 Uhr seinen Wagen aus der Garage lenken gesehen zu haben, von wo aus er in Richtung City weitergefahren sei. Ein weiterer Zeuge – der Milchausträger Jim Mopock – sah den Beschuldigten um 8.15 Uhr mit dem Lincoln in die 75. Straße einbiegen.

Gegen Rodger Runley wurde Anklage erhoben wegen dreifachen Mordes und Raubüberfalles. Seine Verteidigung übernahm der mit dem bekannten Privatdetektiv Jack Braden befreundete und in vielen Prozessen erfolgreich gewesene Rechtsanwalt Richard Bookman.

Die Verhandlung gegen Rodger Runley wurde am 10. Mai 1963 vor dem Schwurgericht eröffnet.

Der Angeklagte bekannte sich als „nicht schuldig“ und beteuerte immer wieder leidenschaftlich, an dem ihm zur Last gelegten Verbrechen in keiner, wie auch immer gearteten, Form teilgenommen zu haben. Nach wie vor behauptete er, und dies zuweilen in einer Art verzweifelten Schreikrampfes, an jenem Mordmorgen in seiner Garage hinterrücks überfallen und dann betäubt worden zu sein. Aus dieser Betäubung sei er erst gegen 10 Uhr wieder erwacht, woraus erhelle, dass er zur Zeit des Raubüberfalles gar nicht am Tatort gewesen sein könne.

Staatsanwalt Earlinton und Rechtsanwalt Richard Bookman gerieten scharf aneinander. Bookman verfocht energisch die These, dass man in jenem MP-Schützen einen Doppelgänger Rodger Runleys zu sehen habe. Die Gang hätte diese Ähnlichkeit raffiniert dazu benutzt, erstens Runley dadurch mit ins Spiel zu bringen, dass man ihn betäubte und seinen Wagen für die Tat stahl. Zweitens und drittens, um aufgrund der Ähnlichkeit eines ihrer Komplizen mit Runley die Ermittlungen in dem geplanten Bankwagenüberfall gleich von vornherein bewusst in eine Richtung zu lenken, in der die tatsächlich Schuldigen kaum gefunden werden konnten.

Die Zeugen marschierten auf. Alle beschworen, Rodger Runley kurz vor der Verübung der drei Morde und der Beraubung des Bankautos in seinem Lincoln gesehen zu haben. Nein, es sei keinesfalls möglich, dass es sich bei dem Fahrer etwa um einen Doppelgänger Runleys gehandelt haben könne. Keinesfalls, dafür kenne man Runley von Ansehen viel zu genau.

Zwei der Zeugen beschworen ferner, dass Runley sogar lächelnd gewinkt habe, als er an ihnen vorbeigefahren sei und sie gegrüßt hätten.

Der Milchausträger Jim Mopock beschwor: „Ich kenne Mr. Runley seit vielen Jahren. Als er am Morgen der Tat, es war acht Uhr und fünfzehn Minuten, mit seinem Lincoln langsam in die fünfundsiebzigste Straße einbog, stand ich dicht am Kantstein des Bürgersteiges. Mr. Runley hatte beide Fenster der Türen zu den Vordersitzen geöffnet. Ich rief in den Wagen hinein: Guten Morgen, Mr. Runley! Mr. Runley lächelte und rief zurück: Guten Morgen, Jim! Schöner Tag heute! Dann fuhr er weiter, die fünfundsiebzigste Straße hinauf.“

Die Fotos, die der unbekannte Fotoamateur dem Morddezernat eingeschickt hatte, waren vor der Verhandlung einer Menge Leute gezeigt worden, die alle Runley genau kannten. Jeder von ihnen bestätigte sofort, dass der Mann auf den Fotos kein anderer als Rodger Runley sei. Die Zeugen im Gerichtssaal sagten dasselbe aus.

Die Identität der Fingerabdrücke auf der Maschinenpistole mit denen Runleys kam zur Sprache. Rechtsanwalt Bookman erwog die Version, dass man die Hände des betäubten Runley auf Lauf und Kolben der Waffe gedrückt habe, um so gewollte Prints hervorzurufen, die auf eine falsche Spur führen mussten.

Distriktanwalt Earlinton äußerte darauf heftig, diese Vermutung sei nun denn doch zu phantastisch. Erstens hätte Runley zur Zeit der Tat niemals betäubt in der Garage gelegen, sondern sei in seinem Lincoln unterwegs gewesen. Die Doppelgängergeschichte sei ebenfalls in keiner Weise akzeptabel. Die Mär, überfallen und betäubt worden zu sein, sei allzu durchsichtig. Sie diene doch nur dazu, um Runley ein Alibi für die Tatzeit zu konstruieren. Und schließlich die Tatsache, dass die Sonnenbrille Runleys am Tatort gefunden wurde, sei trotz aller Einwände ein weiteres, durch nichts zu erschütterndes Indiz, das mit an Wahrscheinlichkeit grenzender Sicherheit Runleys Teilnahme als Hauptakteur an diesem dreifachen Raubmord beweise.

Während der nächsten beiden Verhandlungstage im Prozess gegen Rodger Runley kam es zu äußerst stürmischen Kontroversen zwischen Verteidiger und Distriktanwalt, so dass der Vorsitzende sich wiederholt einschalten musste.

Bei den Kreuzverhören der Zeugen und des Angeklagten hagelte es Einsprüche über Einsprüche seitens der Anklage und der Verteidigung. Der dritte Verhandlungstag endete mit den Plädoyers des Distriktanwalts und des Verteidigers. Earlinton plädierte leidenschaftlich auf „schuldig“ und Bookman leidenschaftlich auf „nicht schuldig“.

Am 15. Mai erfolgte die Schlussverhandlung mit dem Spruch der Geschworenen.

Wegen dreifachen Mordes aus niedrigen Beweggründen und wegen Beraubung eines Geldtransportwagens wurde der Versicherungsclerk Rodger Runley unter dauerndem Verlust aller Ehrenrechte zum Tode auf dem Elektrischen Stuhl verurteilt.

Rechtsanwalt Bookman legte sofort Revision ein. Die Revision wurde verworfen. Ein Gnadengesuch beschied der Gouverneur abschlägig. Damit war das Todesurteil endgültig rechtskräftig geworden, und seine Vollstreckung wurde für den Morgen des 10. Juni 1963, 7.30 Uhr anberaumt.

Jack Braden, der in seinem Büro 241 East 74. Straße vor dem Schreibtisch saß, schob die Unterlagen über den Prozess Rodger Runley, die er fast zwei Stunden lang aufmerksam studiert hatte, seufzend zur Seite. Der Blick des Detektivs streifte den Wandkalender. Er zeigte den 6. Juni an. Jack Braden seufzte erneut.

Dann rief er durch die nur angelehnte Tür ins Vorzimmer, wo seine Sekretärin Dawn Barris, von ihren Freunden zärtlich Sunny genannt, residierte: „Sunny, seien Sie ein Engel und stellen Sie eine Verbindung mit Rechtsanwalt Bookman her.“

Die blonde und außerordentlich hübsche junge Dame im Vorzimmer rief zurück: „Okay, Chef, eine Verbindung mit Rechtsanwalt Bookman. Zuvor aber erst eine Frage, Jack, denn ich bin wirklich neugierig: Haben Sie sich entschlossen, in diese Runley-Sache einzusteigen?“

„Ich bin mir wirklich noch nicht schlüssig, Sunny. Wirklich nicht. Alle Indizien, die Zeugenaussagen, Fingerabdrücke, Dokumentarfotos und so weiter – alles das beweist die Schuld Rodger Runleys geradezu bedrückend eindeutig. Seine Verurteilung erfolgte nach Recht und Gesetz. Runleys Gegenargumente vor und während des Prozesses wirkten in Bausch und Bogen unglaubhaft. Staatsanwalt, Richter und Geschworene nahmen sie ihm ja auch nicht in einem einzigen Punkt ab.“

„Aber Rechtsanwalt Bookman hegt doch nach wie vor starke Zweifel an der Schuld Runleys, so phantastisch Runleys Beteuerungen auch geklungen haben mögen.“

„Das ist es ja! Der gute Richard, der für mich wirklich einer der klügsten Anwälte und einer der besten Menschenkenner ist, die mir in den Jahren meiner Laufbahn unter kamen, hat mich mit seiner Meinung über den Fall irgendwie nachdenklich gemacht. Ja, nachdenklich, denn sonst hätte ich diesen Berg von Unterlagen wohl kaum durchgewühlt. Trotzdem bin ich mir auch jetzt noch nicht schlüssig, mich in die Sache hineinzuknien.“

„Entweder Sie tun‘s – oder Sie tun‘s nicht, Jack“, rief Sunny. „Sie müssen sich nun entscheiden. Bis zur Vollstreckung des Urteils verbleiben ja nur noch vier knappe Tage. Wenn Sie den Fall aufgreifen, dann müssten Sie unverzüglich an die Arbeit gehen.“

„Gewiss müsste ich das, Sunny, da ja jede Stunde zählen würde. Aber wo soll ich einhaken? Ich sehe nur eine Wüste vor mir, leer, trostlos und nichtssagend. Es waren vier Gangster, die den Überfall verübten. Einer von ihnen – so die Zeugen, das Morddezernat, Staatsanwalt, Richter und Geschworene – war aufgrund aller Fakten Rodger Runley. Gelänge es mir also – der Himmel allein weiß, wie! – die drei Mittäter ausfindig zu machen, dann wäre Rodger Runley damit auch nicht geholfen, und er müsste trotz allem den Stuhl besteigen. Glaubte ich aber Runleys Unschuldsbeteuerungen, dann wäre es meine Aufgabe, vier Gangster, die sich noch der Freiheit erfreuen, aufzuspüren. Aber wo ist der Weg, der mich zu jenen vier gewissermaßen imaginären Banditen führt?“

„Jack, Sie erzählten mir, dass Runley, kaum einundzwanzigjährig, einmal in eine Rauschgiftschmuggleraffäre verwickelt wurde. Runley war vor Gericht sehr reumütig, sehr geständig und gab die Namen aller jener Hintermänner preis, die den jungen Burschen zu ihrem üblen Geschäft missbrauchten. Man diktierte Runley nur drei Monate Gefängnis mit Bewährung zu, weil er als Kronzeuge ausgesagt hatte. Diese damalige Affäre war Runleys erste und wahrscheinlich, wie er im jetzigen Prozess beteuerte, auch letzte Bekanntschaft mit der Unterwelt. Vielleicht sollten Sie, um zunächst einmal einen Weg zu finden, bei dieser ersten Unterweltsbekanntschaft einhaken, Jack.“

„Sie sind ein kluges Kind, Sunny!“, sagte der Detektiv. „Nun, an jene Geschichte habe ich auch schon gedacht. Die Haupttäter in dieser Rauschgiftsache waren ein gewisser Sam Barlog und ein gewisser Henry Erstan. Sie wurden damals zu fünf Jahren verknackt. Seit ihrer Entlassung aus dem Gefängnis betreiben sie, ohne je wieder mit dem Gesetz in Konflikt gekommen zu sein, gemeinsam eine Bar drüben in Bronx und besitzen ein weiteres, gleiches Unternehmen auf Coney Island. Über sie und ihre Betriebe ist nichts Nachteiliges bekannt, wie ich bereits eruierte.“

„Nun, es war nur so eine Idee von mir, Jack. Gedulden Sie sich bitte eine Sekunde, ich werde jetzt versuchen, Rechtsanwalt Bookman zu erreichen “

„Tun Sie das, mein Herz!“, sagte Jack Braden Er brachte seine hochgewachsene Gestalt auf die Füße, trat an den Wandkalender heran und starrte voll grüblerischen Nachdenkens auf das Datumsblatt.

 

 

2

Rechtsanwalt Richard Bookman, 50 Jahre alt, mittelgroß und rundlich von Gestalt, ähnelte im Aussehen mehr einem gemütlichen Kneipenwirt als einem der erfolgreichsten Staranwälte von New York.

Während er telefonierte, betrachtete er nachdenklich Evelyne Rimgton, die mit versteinertem Gesicht im Besuchersessel vor dem Schreibtisch des Anwaltes saß. Sie war eine zierlich gewachsene, recht hübsche junge Frau von 25 Jahren mit braunen Rehaugen und aschblondem, lockigem Haar. Zur Stunde zeigte ihr Gesicht den Ausdruck grenzenlosen Kummers und tiefster Trostlosigkeit.

„Gut, Jack“, rief Rechtsanwalt Bookman in die Muschel, „das ist verdammt nett von Ihnen. Bezüglich der Fotos sehe ich keine Schwierigkeiten. Setzen Sie sich mit Detectiv-Sergeant Creel in Verbindung. Er amtiert zur Zeit als Archivofficer im Polizei Hauptquartier. Sie und Creel kennen sich, ja, und er wird Ihnen bestimmt je eine Kopie der Originalfotos aushändigen. Gut, wir hören schnellstens wieder voneinander. So long, Jack!“

Bookman legte auf, kritzelte einige kurze Notizen auf seinen Block und wandte sich dann wieder der Besucherin zu. Behutsam fragte er: „Wie lange sind Sie mit Rodger Runley verlobt, Miss Rimgton?“

Unter trockenem Aufschluchzen antwortete Evelyne Rimgton: „In diesem Monat werden es zwei Jahre, Mr. Bookman. Im Juli wollten wir heiraten. Rodger hat Ersparnisse, zu denen dreißigtausend Dollar kommen, die ich im Februar des Jahres von einem Onkel erbte. Wir haben bereits ein kleines, nettes Haus drüben in Richmond angezahlt … O mein Gott, man darf Rodger nicht hinrichten! Man darf nicht! Man beginge ja einen Justizmord! Mr. Bookman, bitte, helfen Sie Rodger!“

„Bitte, beruhigen Sie sich, Miss Rimgton. Jetzt, da wir wissen, dass der Gouverneur das Gnadengesuch abschlägig beschied, bleibt uns allerdings nur noch wenig Zeit. Aber sie soll aufs Äußerste genützt werden. Sie waren eben Zeuge des Telefonats. Der Anrufer war Jack Braden, der bekannte Privatdetektiv. Zu meiner und zweifellos auch Ihrer Erleichterung ist er endlich bereit, sich nun doch des Falles Rodger Runley anzunehmen, und er wird das Menschenmögliche tun.“

„Jack Braden, er will wirklich?“ Hoffnung zeigte sich in den rehbraunen Augen der verzweifelten jungen Frau. „Mein Gott, glauben Sie, Mr. Bookman, dass es Mr. Braden gelingt, die schrecklichen Dinge noch zum Guten zu wenden?“

„Wir müssen stark in der Hoffnung sein, Miss Rimgton. Jack Braden zählt zu den außerordentlichen Phänomen unter den Privatdetektiven. Wie oft nun schon befasste er sich mit Fällen, die zu klären zunächst völlig aussichtslos erschienen. Am Ende aber schaffte er es dennoch. Braden hat den sogenannten sechsten Sinn. Und wenn Braden sich jetzt dazu entschlossen hat, Ihrem Verlobten zu helfen, so zeugt das davon, dass er irgendwie und irgendwo ein Fünkchen Hoffnung auf Erfolg seiner Arbeit glimmen sieht.“

„Oh, Mr. Bookman, Ihre Worte lassen mich wieder ein wenig Mut fassen“, schluchzte Evelyne Rimgton.

„Nun, erwarten Sie aber bitte nicht, dass Mr. Braden Wunder vollbringen kann. Dies ist auch einem Jack Braden nicht möglich. Immerhin sollte es Sie beruhigen, die Sache Ihres Verlobten jetzt in den berufensten Händen zu wissen. Halten Sie sich bitte ab sofort zur Verfügung Mr. Bradens. Er wird bestimmt Fragen an Sie zu richten haben. Sofern Sie zu dieser oder jener Stunde aus Ihrer Wohnung gehen, so hinterlassen Sie dem Fernsprechauftragsdienst, wo Sie anzutreffen sind. Sie wissen, wie wenig Zeit uns noch verbleibt. Jede Stunde ist von unschätzbarem Wert.“

„Ich werde meine Wohnung überhaupt nicht verlassen, ich werde zu jeder Tages- und Nachtzeit dort zu erreichen sein. Ich werde für den Erfolg Jack Bradens beten. Rodger auf dem Elektrischen Stuhl? Nein! Nein! Nein!“, schrie sie auf. „Das darf nicht geschehen! Das darf nicht geschehen!“

„Sie haben jetzt die Hoffnung und das Gebet, Miss Rimgton. Zwei mächtige Faktoren, die Sie über die Schwere der nächsten Tage und Stunden hinwegbringen werden.“

 

 

3

Nach einem Besuch des Archivofficer im Polizeihauptquartier war Jack Braden unverzüglich hinüber nach 473 West 21. Straße gefahren, wo George Patterson in einem kleinen Laden Handel mit modernen und antiken Waffen betrieb.

George Patterson, ehemaliger Sergeant der Stadtpolizei, war ein 1,70 Meter großer, bullig wirkender Mann, Anfang der Fünfzig. Als Sammler altertümlicher Feuerwaffen hatte Jack Braden den jetzigen Waffenhändler bei einem Einkauf in dessen Geschäft kennengelernt. Aus diesem Kennenlernen hatte sich im Laufe der Zeit eine Art Freundschaft zwischen den beiden Männern entwickelt.

Der Ex-Polizeisergeant, der seiner früheren Tätigkeit noch ein bisschen nachtrauerte, war immer hocherfreut darüber, wenn ihn der bekannte Privatdetektiv dann und wann als Spüragent für die Detektei Braden einsetzte.

Jack Braden und Patterson saßen im Hinterzimmer des kleinen Ladens. Patterson, vor sich ein großes Glas Bier, zwischen den Zähnen eine dicke Zigarre, und im Genick den unvermeidlichen, ziemlich zerknautscht aussehenden Filzhut, von dem Sunny Barris behauptete, dass Patterson ihn wahrscheinlich auch während des Schlafes nicht absetzte, war ein aufmerksamer Zuhörer.

„Also, Chef“, nuschelte er in eine kurze Atempause Jacks hinein, wobei er die Zigarre mit der Zunge von einem Mundwinkel zum anderen rollte, „wenn ich Sie richtig verstanden habe, sehen Sie eine letzte Chance für Rodger Runley?“

„Nein, George, von einer Chance für Runley, in letzter Minute dem Elektrischen Stuhl zu entgehen, kann noch gar nicht die Rede sein. Aber ich habe so etwas Undefinierbares im Gespür, was mich irgendwie bewegt und das am Ende ein vielleicht völlig neues Bild der Runley-Affäre ergeben könnte. Es ist nichts Konkretes, sondern mehr ein gedanklicher Schemen, der in mein Unterbewusstsein hinein irrlichtert, ohne feste Gestalt annehmen zu wollen.“

„Das ist ein bisschen zu hoch für mich, Jack. Sie erzählen da von gewissen kriminalpsychologisch zu wertenden Vorgängen im Innern eines Privatdetektivs, mit denen mein einfacher Grips nichts anzufangen weiß. Aber mir scheint, Sie haben wieder mal einen Auftrag für mich, Jack.“

„Erraten, George! Zunächst schauen Sie sich aber erst einmal aufmerksam diese vor Ihnen liegenden Fotos an.“

Patterson nahm einen kräftigen Schluck aus seinem Bierglas, wischte sich den Mund ab und begann, die Fotos zu betrachten.

„Dieses Privatfoto da“, dozierte Jack Braden, „zeigt Rodger Runley mit seiner Verlobten. Hübsches Mädchen übrigens. Auf dem nächsten sehen Sie Runley mit Sonnenbrille und Maschinenpistole. Das jetzt zeigt Runley, wie ihm gerade die MP aus den Händen fällt, nachdem er die Sonnenbrille von den Augen verloren hatte. Und auf dem Foto da sehen Sie Runley, eine der geraubten Geldtransporttaschen in der Hand, zum Gangsterauto zurückhasten. Vergleichen Sie jetzt die letzten drei Aufnahmen mit dem Privatfoto und sagen Sie mir, ob Sie auf allen Fotos Rodger Runley erkennen.“

„Auf dem Foto hier nicht so sehr. Aber die anderen zeigen Runley. Er ist es, daran gibt es keinen Zweifel.“

„Gut! Fällt Ihnen etwas auf? Ich meine im Gesicht Runleys?“

„Hm, eigentlich ja, Chef! Entweder ist der Bursche total abgebrüht, oder er hat überhaupt keine Nerven. Auf diesen beiden Fotos hier zeigt der Kerl ja ein geradezu liebenswürdiges Lächeln, und dabei hat er eben Menschen erschossen und sie beraubt.“

„Richtig, er lächelt liebenswürdig. Unvorstellbar, dass das Gesicht eines Menschen in einer derartigen Situation nicht mörderische Entschlossenheit, Nervenanspannung und Hast ausdrückt. Nein, es zeigt ein liebenswürdiges Lächeln, genau jenes, das Runley aufwies, als er sich mit seiner Verlobten fotografieren ließ. Aber weiter, George! Was fällt Ihnen noch auf?“ Patterson nahm die Zigarre aus dem Mund, starrte die Fotos an und hob die Schultern.

„In welcher Hinsicht sollte mir noch etwas auffallen, Chef?“

„Nehmen Sie die Lupe, George!“

Patterson tat es, beäugte kritisch durch das Glas die Fotos und schüttelte darauf ratlos den Kopf.

Jack sagte eindringlich: „Sehen Sie sich die Hände Runleys an, George! Die Finger an den Händen Runleys weisen keine Nägel auf!“

„Teufel, ja, Chef!“

„Folglich?“

„Der Kerl trägt fleischfarbene Gummihandschuhe!“

„Richtig! Gummihandschuhe aber hinterlassen keine Fingerabdrücke. Doch was fand man auf Lauf und Schaft der Maschinenpistole? Die Prints von Rodger Runley. Ist das nicht merkwürdig, wie?“

„Gewissermaßen doch, Jack. Immerhin, er könnte die Waffe mit bloßen Händen gehalten haben, bevor er sich die Gummihandschuhe überzog.“

„Möglich. Nun weiter, George. Wir wissen, dass Runley in seinem Leben nur einmal mit der Unterwelt zu tun gehabt hat. Damals als blutjunger Bursche in einer Rauschgiftsache. Das liegt rund acht Jahre zurück. Seit dieser Zeit, so behauptet er, hat er keinen wie auch immer gearteten Kontakt mehr mit Verbrecherkreisen gehabt. Nun, die Mord-Gang, die den Raubüberfall verübte, war mit Runley vier Mann stark. Und Runley, der MP-Träger und Mordschütze, offenbar ihr Anführer. Wie kam Runley also zu seinen Komplizen?“

„Dann hatte er eben wieder Kontakt zu Gangsterkreisen aufgenommen. Ist doch klar.“

„Ja, natürlich. Und diese Gangsterkreise könnten die gewesen sein, in denen er sich damals während seiner Rauschgiftvergehen bewegte. Eine vage Vermutung zunächst, aber man muss ihr nachgehen. Ich habe hier Namen und Adressen zweier erheblich vorbestrafter Herren, die seinerzeit mit Runley zusammenarbeiteten. George, ich möchte, dass Sie sich aufmachen und draußen in Bronx in der Rialto Bar und drüben auf Coney Island in der Juno Bar ein wenig herumschnüffeln. Ich muss wissen, ob es zwischen den Herren Barbesitzern Sam Barlog und Henry Erstan vor dem Überfall auf den Geldtransport zu einem Zusammentreffen mit Rodger Runley gekommen ist. Ihre Ermittlungen müssen sehr rasch vor sich gehen, denn es steht uns verdammt wenig Zeit zur Verfügung. Rodger Runleys Hinrichtung ist für den 10. Juni, 7.30 Uhr, anberaumt. Ich möchte mein Gewissen damit beruhigen, alles versucht zu haben, was eventuell eine Wende in der Runley-Sache hätte herbeiführen können.“

„Okay, Chef! Heraus mit Ihren Direktiven. Ich bin ganz Ohr.“

Jack blickte den bulligen George Patterson ernst an.

„Hören Sie jetzt genau zu, George, damit keine Pannen unterlaufen. Und vergessen Sie zu keiner Stunde, dass wir uns in der Runley-Sache in rasender Zeitnot befinden.“

„Das ist mir klar, Chef. Bitte, ich höre!“

Rodger Runley war nach seiner Verurteilung dem Zuchthaus Sing-Sing überstellt worden und harrte hier in der sogenannten Todeszelle seiner letzten und wohl furchtbarsten Stunde.

Jack Braden hatte sich Sprecherlaubnis erwirkt und die Genehmigung, in der Kleiderkammer und im Signalements-Office des Zuchthauses gewisse Recherchen anstellen zu dürfen.

Der Beamte in der Kleiderkammer legte ihm zwei Anzüge Runleys vor. Den einen, eine Kombination, bestehend aus einem kleinkarierten Jackett und heller Hose, hatte den Feststellungen nach Runley während der Tatzeit getragen, und in ihm war er auch verhaftet worden. Mit dem anderen, einem dunkelblauen Anzug, war Runley im Verlaufe des Prozesses bekleidet gewesen.

Jack Braden interessierte nur die Kombination. Ganz aufmerksam nahm er von ihr das kleinkarierte Jackett in Augenschein. Anhand des eingenähten Firmenstreifens erfuhr er, dass das Kleidungsstück von der Firma Brown & Company, einem bekannten Herrenkonfektionshaus in der Bowery, gekauft worden war. Anschließend ließ er sich das Schuhwerk Runleys zeigen. Es handelte sich dabei um zwei Paare gleicher Machart von schwarzer Farbe. Braden maß die Schuhe und dann ihre Absätze. Jeder Absatz ergab genau die gleiche Höhe, nämlich zweieinhalb Zentimeter.

Dann erbat er sich von dem Beamten das Jackett für die Dauer der Sprechzeit aus und verfügte sich in das Signalements-Office. Hier ließ er sich die genaue Körpergröße des Sträflings nennen, und wenig später betrat er mit dem Jackett im Beisein eines Wärters Rodger Runleys Zelle.

Rodger Runley, in gestreifte Zuchthauskleidung gehüllt, starrte den Besucher aus tief in den Höhlen liegenden, schwarz umrandeten Augen fragend an.

Jack erklärte: „Ich bin der Privatdetektiv Jack Braden, Mr. Runley. Ihre Verlobte, Miss Rimgton, hat mich über Rechtsanwalt Richard Bookman beauftragt, Ihren Fall mit den mir zur Verfügung stehenden Mitteln und Unterlagen noch einmal zu überprüfen.“

„Ich bin unschuldig!“, schrie Rodger Runley in maßloser Verbitterung auf. „Die Justiz begeht einen Mord an mir, wenn das Urteil vollstreckt wird. Man hat …“

„Bitte, Mr. Runley“, unterbrach Jack sanft, „lassen Sie jetzt alle Beteuerungen und Vorwürfe. Konzentrieren Sie sich bitte nur auf meine Fragen, denn sie bedeuten das Vordringlichste in Ihrer Angelegenheit.“ Braden wies auf das Jackett, das er über dem Arm trug. „Hier in der Brustaußentasche steckt ein mit Clip versehener Kugelschreiber. Befand sich dieser Schreiber auch

an jenem Tag in der Außentasche, als der Raubmordüberfall auf den Geldtransportwagen erfolgte?“

„Natürlich befand er sich dort!“, stieß Runley heftig hervor. „Es handelt sich um einen Vierfarbenstift, den ich bei meiner Arbeit als Versicherungsclerk ständig benötigte. Rot, grün, blau und schwarz sind die Farben, mit denen unsere vier Hauptversicherungsarten im Entwurf handschriftlich kommentiert werden. Der Stift hat von jeher seinen Platz in der Außentasche meines Arbeitsjacketts. Und da steckt er auch jetzt noch, wie Sie sehen.“

„Gut! Bitte, ziehen Sie das Jackett einmal über.“

„Wozu denn das?“, grollte der Sträfling finster.

„Tun Sie, was ich Ihnen sage. Es geschieht in Ihrem eigenen Interesse.“

„Na schön!“ Runley warf unlustig den gestreiften Oberkittel ab und zog das Jackett an.

„Knöpfen Sie es zu!“

Stirnrunzelnd tat es Rodger Runley.

„So, nun nehmen Sie den rechten Arm etwas zurück, den linken halten Sie etwa zehn Zentimeter vor die rechte Hand. Nein, so. Bitte, lassen Sie mich die Haltung korrigieren. Sie müssen sich nämlich vorstellen, Sie hielten eine Maschinenpistole in den Händen.“

„Noch nie im Leben habe ich ein derartiges Ding auch nur einmal in Händen gehabt“, knurrte Runley, ließ es aber zu, dass der Detektiv seine Arme so bewegte, wie er das angeordnet hatte.

„Bleiben Sie so stehen!“, befahl Jack. Er maß mit den Fingern den Abstand zwischen Ärmelrand und Gelenk der Hände Runleys. Dann trat er einen Schritt zurück und musterte die Haltung Runleys, der immer noch in der Art eines feuernden MP-Schützen dastand.

„Mr. Runley“, sagte er, „die Ärmel dieses Jacketts sind für Ihre Größe um eine Kleinigkeit zu kurz, wie ich sehe.“

„Ja, das stimmt“, erwiderte Runley unwillig. „Beim Kauf des Sakkos war mir das nicht aufgefallen, und hinterher ärgerte ich mich immer darüber, dass die Hemdmanschetten übermäßig weit aus den Ärmelöffnungen hervorguckten.“

„Nun gut, das wäre zunächst einmal das. Eine weitere Frage! Wann sahen Sie – es handelt sich jetzt um die Rauschgiftschmuggelaffäre vor rund acht Jahren – die Hauptschuldigen, nämlich Sam Barlog und Henry Erstan, zum letzten Male?“

„Zum letzten Male sah ich diese beiden verdammten Schurken während der Urteilsverkündung im Gerichtssaal.“

„Später nie wieder? Sie versuchten auch nicht, erneut Kontakt mit ihnen aufzunehmen?“

„Ich habe mich gehütet, Mr. Braden! Die zwei verfluchten Gangster hatten mir nämlich damals gedroht, als wir gemeinsam in Untersuchungshaft saßen, mir zu gegebener Zeit sämtliche Knochen im Leibe zu zerschlagen, sofern ich während des Prozesses gegen sie aussagte. Und ich sagte gegen sie aus, gewissermaßen als Kronzeuge. Unter Hinzuziehung einer Strafe für ein früheres Delikt erhielten die beiden Ganoven eine Gesamtstrafe von je sieben Jahren, die sie im vorigen Frühjahr etwa verbüßt haben müssen. Und ich war schließlich nicht lebensmüde und so idiotisch, ein erneutes Zusammentreffen mit diesen beiden brutalen Schlägern herbeizuführen.“

„Nun gut, Mr. Runley, das wär‘s für heute.“

„Mr. Braden“, fragte Rodger Runley, während er aus dem karierten Jackett schlüpfte, „was können Sie mir für Hoffnungen machen?“ Seine Stimme klang jetzt flehentlich.

„Im Moment kann ich noch gar nichts sagen. Immerhin, Runley, behalten Sie den Kopf oben. Ich werde mir für morgen beziehungsweise für übermorgen eine weitere Sprecherlaubnis besorgen. Vielleicht kann ich Ihnen dann etwas sagen, was für Ihren Fall in dieser oder jener Richtung positiv zu werten ist.“

„Tun Sie alles, tun Sie Ihr Menschenmögliches!“, begann Runley verzweifelt zu brüllen. „Ich bin unschuldig, glauben Sie mir doch, ich bin unschuldig! Es kann nur ein Doppelgänger von mir gewesen sein, der diese scheußliche Tat vollbrachte. Ich bin unschuldig, Mr. Braden, unschuldig!“

„Beruhigen Sie sich, und warten Sie ab, Runley, mehr kann ich Ihnen im Augenblick wirklich nicht sagen.“

„Sir“, meldete sich der Wärter nach einem Blick auf die Uhr, „die Sprechzeit ist abgelaufen.“

„Ja, ja, ich weiß, Sergeant“, antwortete Jack Braden. Stumm reichte er Runley die Hand zum Abschied und verließ mit dem Wärter die Zelle.

Die vergitterte Eisentür schlug zu, der Schlüssel knirschte im Schloss, und aus dem Zelleninnern klang neuerliches Verzweiflungsgebrüll des zum Tode Verurteilten heraus.

 

 

4

Die beiden sehr elegant gekleideten Herren, die in dem chromblitzenden Jaguar-Sportwagen saßen, der unweit des Waldorf Astoria parkte, sahen sich an. Der eine von ihnen faltete die Zeitung zusammen, aus der er vorgelesen hatte, und warf sie hinter sich auf den Notsitz des Wagens.

Dann sagte er: „Gnadengesuch also abschlägig beschieden. Das heißt mit anderen Worten, dass die Angelegenheit am zehnten Juni, kurz nach halb acht Uhr früh, erledigt ist.“

„Hm, aber bis dahin sind noch über vier Tage Zeit. Ich fürchte, dass seine Verlobte, diese Evelyne Rimgton, für die genannte Zeit Himmel und Hölle in Bewegung setzt, um ihren Rodger noch in letzter Minute vor dem Stuhl zu retten.“

„Dafür hat sie keine Möglichkeit mehr. Der Entscheid des Gouverneurs ist unwiderruflich.“

„Na, na, sei nicht so voreilig. Es gibt doch noch Möglichkeiten, einen Aufschub der Hinrichtung zu erlangen, sofern mit neuen Tatsachen aufgewartet werden kann, die, und sei dies auch nur in ganz geringem Masse, zugunsten des Verurteilten sprechen.“

„Neue Tatsachen? Wo sollen neue Tatsachen herkommen, die zugunsten Rodger Runleys sprechen könnten? Völlig absurd. Der Prozess ist abgeschlossen, und für Runley heißt es Feierabend.“

„So sicher bin ich mir darüber wirklich nicht. Aber ich hab‘ ‘ne Idee. Da drüben ist ‘ne Fernsprechzelle. Ich werde die kleine Rimgton anrufen, mit ‘nem plausiblen Trick arbeiten und aus ihr herausholen, ob sie noch irgend etwas veranlasst hat, das eventuell zur Rettung Runleys dienen könnte.“

„Von mir aus, zum Teufel, tue es!“

„Das werde ich auch!“ Der so unwirsch Angesprochene verließ den Wagen und verfügte sich gemessenen Schrittes hinüber zu der Telefonzelle.

 

 

5

Blass und verhärmt aussehend, lief Evelyne Rimgton in dem Wohnraum ihres im 10. Stockwerk des Columbia-Hochhauses gelegenen Zweizimmerappartements auf und ab, als das Telefon läutete. Mechanisch nahm die zierlich gewachsene, hübsche junge Frau den Hörer ab und meldete sich.

Eine aufgeregt klingende, tiefe Männerstimme schlug mit den Worten an ihr Ohr: „Hier spricht Geoffrey Allister, Miss Rimgton. Ich bin ein Schulfreund Rodger Runleys und war die letzten fünf Jahre drüben in Europa in Schweden als Bergwerksingenieur einer dort ansässigen amerikanischen Gesellschaft tätig. Ich habe von dieser schrecklichen Geschichte um Rodger in den Zeitungen gelesen, die mir nach Schweden überstellt wurden. Ich bin eben hier in New York zwischengelandet und will gleich weiter nach San Francisco. Da fällt mir die heutige Tribune in die Hand. Mein Gott, wie furchtbar, der Gouverneur hat Rodgers Gnadengesuch abschlägig beschieden!“

Zusammenfassung

Rodger Runleys Hinrichtungstermin ist in vier Tagen. Er beteuert seine Unschuld an einem Raubüberfall mit drei Toten, obwohl alle Beweise gegen ihn sprechen. Seine Verlobte und sein Anwalt engagieren den Privatdetektiv Jack Braden, der sich beeilen muss, denn ein Aufschub wurde abgelehnt. Aber nicht einmal der gewiefte Detektiv hat eine Ahnung, wo er ansetzen soll.

Details

Seiten
122
Jahr
2021
ISBN (eBook)
9783738951172
ISBN (Buch)
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (März)
Schlagworte
jack braden thriller mord umwegen

Autor

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Titel: Ein Jack Braden Thriller #31: Mord auf Umwegen