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Texas Wolf #48: Gold für Mexiko

2021 125 Seiten

Zusammenfassung


Jules Strode, ein kleiner Bandit, raubt in Alice die Bank aus, nachdem er sich dort als ein ruhiger, freundlicher Mann eingeschmeichelt hat. Als er von dort flieht, weiß er noch nicht, dass ihm ein hartnäckiger Verfolger auf den Fersen ist.
Tom Cadburn, der Texas Ranger, ist ebenfalls in Alice. Doch er hat den Auftrag, einen Goldtransport zu begleiten, um für dessen Sicherheit zu sorgen, und kann sich aus diesem Grund nicht um den Bankräuber kümmern. Andere Banditen haben sich vorgenommen, dieses Gold für sich zu beanspruchen ...

Leseprobe

Table of Contents

Gold für Mexiko

Copyright

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Gold für Mexiko

Texas Wolf

Band 48

von Wolf G. Rahn

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 125 Taschenbuchseiten.

 

Jules Strode, ein kleiner Bandit, raubt in Alice die Bank aus, nachdem er sich dort als ein ruhiger, freundlicher Mann eingeschmeichelt hat. Als er von dort flieht, weiß er noch nicht, dass ihm ein hartnäckiger Verfolger auf den Fersen ist.

Tom Cadburn, der Texas Ranger, ist ebenfalls in Alice. Doch er hat den Auftrag, einen Goldtransport zu begleiten, um für dessen Sicherheit zu sorgen, und kann sich aus diesem Grund nicht um den Bankräuber kümmern. Andere Banditen haben sich vorgenommen, dieses Gold für sich zu beanspruchen ...

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

Cover: Tony Masero

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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1

Jules Strode zahlte seine Rechnung im Hotel, kniff der Tochter des Besitzers ins dralle Hinterteil und holte sein Pferd aus dem Mietstall. Auch hier entledigte er sich seiner Schulden, wie es sich für einen anständigen Menschen gehörte. Danach wandte er sich dem Store zu, um sich noch mit etwas Proviant, Munition und einem frischen Hemd zu versorgen.

Es gab Leute in Alice, die bedauerten, dass der ruhige, freundliche Mann die Stadt wieder verließ. Besonders unter den Frauen fanden sich einige, die nichts dagegen einzuwenden gehabt hätten, wenn ihr eigenes Leben und das des Fremden in den nächsten Jahren nebeneinander verlaufen wäre.

Doch Jules Strode trug sich offensichtlich mit anderen Plänen. Die kleine Stadt mit den fleißigen, aber aufdringlichen Bürgern hatte darin keinen Platz. Trotzdem wollte er dafür sorgen, dass die Leute ihn eine Weile in Erinnerung behielten.

In unangenehmer Erinnerung!

Genau zehn Tage hatte er sich hier aufgehalten. Der Marshal, der ihm anfangs - wie jedem Fremden - mit einer gehörigen Portion Misstrauen begegnet war, hatte nicht den leisesten Grund gefunden, das Jail mit ihm zu bevölkern. Sogar im Saloon war er nur angenehm aufgefallen.

Jules Strode verstaute seine Einkäufe in den Satteltaschen und machte einen zufriedenen Eindruck. Seine Miene wurde beinahe fröhlich, als er den Mann die Mainstreet heraufstiefeln sah, auf den er gewartet hatte.

Es handelte sich um Cameron Robinson, einen Siedler, der nicht daran dachte, auch nur einen einzigen seiner schwer erschufteten Dollars in den Saloon zu tragen. Wozu gab es die Bank? Irgendwann würde er sein Geld wieder abholen, um sich dafür mehr Land und Vieh zu kaufen. Nicht jetzt. Er konnte warten,, bis jemand verkaufen musste. Dann bekam er alles für den halben Preis.

Ja, Cameron Robinson war ein gewitzter Mann. Er machte nur einen Fehler. Er übersah, dass es einen gab, der noch gewitzter war als er: Jules Strode.

Strode konnte nur mühsam ein Grinsen verkneifen, als er den knorrigen Kerl im Bankgebäude verschwinden sah. Ein Umstand kam ihm dabei zu Hilfe. Der ließ sein Grinsen unter der Haut gefrieren.

„Verdammt!“, murmelte er. „Der Halunke gefällt mir ganz und gar nicht. Der hat etwas im Blick, das ich ihm am liebsten herausschießen würde.“

Wohlweislich tat er es nicht. Er griff nicht zum Colt, als der schwarz gekleidete Fremde auf seinem Blauschimmelhengst vorbeiritt und ihn nur flüchtig musterte. Er behielt sich in der Gewalt. Wozu sollte er ausgerechnet jetzt die Nerven verlieren?

Der andere glitt vor dem Mietstall aus dem Sattel und verhandelte mit einem krummbeinigen Burschen. Minuten später kehrte er zurück. Ohne sein Pferd. Das hatte er in der Obhut des Krummbeinigen gelassen.

Er hielt auf das Marshal’s Office zu und verschwand darin.

Jules Strode nickte zufrieden. Alles war in Ordnung. Obwohl ihn sein Gefühl offensichtlich nicht getäuscht hatte und der Kerl ein Gesetzeshüter war, so brauchte er ihn nun nicht mehr zu fürchten. Marshal Bouchey gehörte zu den Schwätzern. Der würde den Fremden einige Zeit aufhalten.

Cameron Robinson blieb nur kurze Zeit in der Bank. Anschließend lenkte er seine Schritte zum Friedhof am Ende der Stadt. Dort ruhten jene, die dieses raue Land von ihm gefordert hatte: Jane, seine Frau und sein ältester Sohn Benjamin.

Jules Strode wartete noch einige Sekunden. Dann stieß er sich vom Hitchrack ab, überquerte schräg die Mainstreet und öffnete die Tür zur Bank.

Der kleine Schalterraum war leer. Ganz klar! Niemand außer Cameron Robinson war hineingegangen, und der heulte jetzt oben bei den Gräbern.

Punk Hodler hob den Kopf und rückte seine Brille gerade. Ein Lächeln stahl sich zwischen seine unzähligen Falten,

„Hallo, Mister Strode!“, grüßte er. „Bringen Sie uns wieder etwas Goldstaub?“

Jules Strode trat näher an den Schalter und schüttelte bedauernd den Kopf.

„Tut mir leid. Diesmal ist meine Tasche leer.“ Er zog einen schlaffen Lederbeutel aus der Jacke und hielt ihn hoch. „Deshalb erwarte ich, dass du ihn mir füllst. Und zwar randvoll, wenn ich bitten darf. Und keine Tricks, Punk! Ich habe dich und diesen Laden hier genau studiert. Sobald du woanders hingreifst als in die Kasse, lege ich dich um und hole mir die Scheinchen selbst.“

Bei diesen Worten zauberte er seinen Sechsschüsser in die freie Faust und zog mit dem Daumen den Hammer zurück.

Punk Hodler konnte sich an einen Bankraub erinnern, den er vor vielen Jahren erlebt hatte. Damals hatte er noch zwei gesunde Beine besessen. Und sehr viel Courage. Ein bisschen zu viel. Er hatte sich eingebildet, die Banditen austricksen zu können. Diesen Irrtum musste er mit einem zerschossenen Knie bezahlen. Daran erinnerte er sich gut, und er entschied sich dafür, sein verbliebenes gesundes Knie zu behalten.

Gehorsam zog er den Beutel zu sich herüber und stopfte den gesamten Inhalt der Kasse hinein. Dabei wandte er keinen Blick von dem Banditen. Der würde ohnehin nicht weit kommen. Zwei Häuser weiter befand sich das Marshal’s Office. Es war geradezu idiotisch, ganz allein die Bank ausrauben zu wollen.

„Das ist alles, Mister Strode“, behauptete er sanft.

Der Bandit lächelte tückisch.

„Und was steckt in dem Schrank dort drüben?“, wollte er wissen.

Punk Hodler wurde blass. In dem Safe befand sich Gold im Werte von dreißigtausend Dollar. Es sollte nach Mexico hinübergebracht werden. Er wusste nicht, was die texanische Regierung dafür gekauft hatte. Das war ihm auch egal. Er wusste nur eins. Das Gold durfte Strode keinesfalls in die Hände geraten.

„Zu dem Schrank besitzt nur Mister Harper die Schlüssel“, erklärte er wahrheitsgemäß. „Meines Wissens enthält er lediglich Papiere, Besitzurkunden und solche Sachen.“

Das war gelogen, aber schließlich konnte Strode ihm unmöglich das Gegenteil beweisen.

Das hatte der Bandit auch gar nicht vor. Er ärgerte sich, weil er einsah, dass es für ihn unmöglich war, diesem Schrank zu Leibe zu rücken. Er ärgerte sich so sehr, dass er vor Wut die Beherrschung verlor und schoss.

„Ich werde dich lehren, mir zu gehorchen“, fauchte er und riss den Ledersack an sich.

Punk Hodler starrte ihn entgeistert an. Er war noch nicht ganz tot. Ein paar Minuten würden ihm wohl noch bleiben. Während dieser Zeit würde er Antwort auf die Frage suchen, was er falsch gemacht hatte.

Seinen eigenen Fehler erkannte Jules Strode augenblicklich. Doch es war zu spät, den unnötigen Schuss rückgängig zu machen. Die Stadt war alarmiert. Jetzt musste er schleunigst abhauen.

 

 

2

Tom Cadburn, der Texas Ranger, gehörte nicht zu den übermäßig gesprächigen Leuten. Er hielt es mehr mit dem Handeln, Doch hin und wieder war auch er gezwungen, sich durch ein paar Sätze zu äußern. Zum Beispiel dann, wenn er in eine fremde Stadt kam und sich bei dem zuständigen Gesetzeshüter meldete, um Kompetenzstreitigkeiten auszuschließen. Mancher Sheriff reagierte ausgesprochen unfreundlich, wenn ein Ranger auftauchte. Er bildete sich dann ein, seine Fähigkeiten würden in Frage gestellt.

Bei Marshal Bouchey verhielt sich das völlig anders. Er sah Tom als willkommenen Gesprächspartner, dem er von seinen Heldentaten berichten konnte. Dabei verlief die Unterhaltung jedoch ausgesprochen einseitig. Tom hatte gerade Gelegenheit sich vorzustellen und den Grund seines Hierseins zu erwähnen. Seitdem schwatzte Bouchey ununterbrochen, wobei er es für Zeitverschwendung hielt, zwischendurch einmal Luft zu holen.

Tom hörte mit halbem Ohr zu und nickte hin und wieder zustimmend. Er langweilte sich. Er befand sich überhaupt nicht in der besten Stimmung. Die Warterei auf die Kollegen taugte ihm nicht. Außerdem war er ein Mann, der sich lieber auf sich selbst verließ. Auf sich und seine wirklichen Freunde. Im großen Aufgebot zu reiten, war nicht seine Sache.

Aber den Befehlen Captain McNellys widersetzte er sich nicht. Disziplin gehörte zu den Rangertugenden. Der Goldtransport zählte zu den kritischen Transaktionen. Die beiden Nachbarstaaten verband nicht gerade eine innige Liebe. Wenn das Gold nicht ordnungsgemäß den Empfänger jenseits der Grenze erreichte, konnte das wieder einmal politische Komplikationen auslösen. Genügend Leute warteten nur auf einen solchen Vorwand.

Marshal Bouchey schien seine Gedanken zu erraten. Er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und zeigte ein selbstbewusstes Gesicht.

„Machen Sie sich keine Sorgen, Ranger!“, sagte er. „In meiner Stadt herrscht Ordnung. Da gibt es keine Elemente, die ihre Hand nach fremdem Gold ausstrecken. Ich bin hier schon seit drei Jahren Marshal. Den wenigen Eisenschädeln habe ich das Aufmucken abgewöhnt.“

Tom versicherte ihm, dass er sich durchaus keine Sorgen mache, wurde aber durch einen Tumult abgelenkt, der gedämpft ins Office drang.

Marshal Bouchey stieg steil in die Höhe. Seine schläfrigen Augen wurden kreisrund und flatterten. Er wusste offensichtlich nicht, was er tun sollte. Von einem Helden war er in diesem Moment weit entfernt.

„War das nicht ein Schuss, Ranger?“

Tom Cadburn blieb eine Antwort schuldig. Längst schleuderte er seinen Stuhl zurück, eilte zur Tür und stieß sie auf. Er sah gerade noch, wie ein Mann über die staubige Mainstreet jagte und sich auf ein Pferd schwang, das vor dem Store angeleint war. Der Bursche hielt noch seinen rauchenden Revolver in der Faust und blickte sich gehetzt nach etwaigen Verfolgern um.

Wenn ein Mann floh, hieß das nicht zwangsläufig, dass er ein Schurke war. Schließlich konnte er sich auch vor verbrecherischen Elementen in Sicherheit bringen. Tom schoss nicht auf einen Menschen, ohne genau zu wissen, dass dieser eine Kugel verdient hatte. Ein Loch im Herzen ließ sich nicht wieder reparieren. Nachträgliche Fragen brachten dann nichts mehr ein.

„Bleiben Sie stehen, Mann!“, schrie er und riss seinen eigenen Colt aus der Halfter.

Die Antwort des Flüchtenden war eindeutig. Er schoss auf den Ranger. Das Blei hieb dicht neben Toms Kopf ins Holz der Officetür.

Das Pferd wieherte auf und schoss mit wildem Satz davon. Der Reiter zwang es über eine Hecke und jagte mit ihm quer durch einen Gemüsegarten. Im nächsten Augenblick war er hinter der Sattlerei verschwunden.

Tom nahm sich nicht die Zeit, ins Office zurückzukehren, um seinen Karabiner zu holen. Er rannte hinter dem Halunken her, war sich aber im Klaren, dass er ihn zu Fuß niemals einholen würde. Sein Blauschimmelhengst Thunder stand im Mietstall. Den konnte er nicht holen, sonst war der Schuft auf und davon. Aber es gab ja noch mehr Pferde in Alice. Eins davon wollte er sich ausleihen. Nur für ein paar Minuten.

Er bog um die Ecke.

Da kamen ihm aufgebrachte Männer entgegen. Sie waren zu viert.

Als sie ihn mit dem schussbereiten Colt in der Faust sahen, warfen sie sich ihm wütend entgegen. Offensichtlich verkannten sie die Situation.

Tom hütete sich, von der Waffe Gebrauch zu machen.. Das einzige Verbrechen, das diese Leute begingen, war, dass sie sich irrten. Er wehrte den ersten mit einem Fußtritt ab und ließ den nächsten den Griff seines Sechsschüssers kosten. Die beiden anderen rissen ihm die Beine weg. Er stürzte nieder. Alle vier warfen sich mit Gebrüll auf ihn. Jemand drosch ihm den Colt aus der Hand.

Tom hatte es nicht mit Schwächlingen zu tun. Hinterher stellte sich heraus, dass er ausgerechnet an den Schmied mit seinen drei Söhnen geraten war.

Er stieß einen durchdringenden Pfiff aus. Er durfte nicht noch mehr Zeit verlieren, sonst war der Halunke über alle Berge.

Gemächlich trottete Marshal Bouchey auf seinem Gaul daher. Er trug einen blank geputzten Stern auf der Brust und hielt, mit der Hand über die Augen, wie ein Späher nach seinem Gegner Ausschau. Als er das Menschenknäuel gewahrte, stieg er umständlich aus dem Sattel, zog seinen Peacemaker und donnerte mit furchterregender Stimme: „Lasst ihn los, Männer! Er dient dem Gesetz!“

Der Schmied und seine Jungs gehorchten erst nach der dritten Aufforderung und auch da nur widerstrebend.

„Wir haben ihn geschnappt, Marshal“, erklärte der Schmied strahlend, während Tom sich erhob und schleunigst die Verfolgung fortsetzen wollte. Acht Fäuste hielten ihn zurück.

„Das ist der Falsche“, fauchte Bouchey unwillig. „Tut mir leid, Ranger. Die Goldyns haben es mehr in den Armen als im Kopf. Aber sonst sind es brave Leute.“

„Ranger?“, wiederholten die vier betroffen.

„Ich brauche Ihr Pferd, Marshal“, erklärte Tom Cadburn.

Doch Marshal Bouchey erinnerte sich daran, dass dies seine Stadt war, in der er für Ordnung zu sorgen hatte. Also musste auch er die Verfolgung aufnehmen. Er tat das mit einem solchen Tempo, dass die Sonne keine Mühe hatte, ihn zu überholen. Schon jetzt stand fest, dass dem Banditen die Flucht gelingen würde, wenn nicht noch ein Wunder geschah.

Auf ein Wunder baute Tom nicht. Dafür auf einen Freund, den er mit seinem Pfiff bereits alarmiert hatte. Zu sehen war er nirgends, doch Tom war sicher, dass Sam den Befehl richtig verstanden hatte. Der Halbwolf hatte sich in der Nähe der Häuser aufgehalten. Ihm war der Flüchtende kaum entgangen. Er würde ihm nachsetzen.

„Nehmen Sie’s uns nicht übel, Ranger“, murmelte Goldyn, der Schmied, verlegen. „Sie können eins meiner Pferde haben. Kommen Sie! Aber hinter wem sind Sie eigentlich her?“

Tom beschrieb ihm den Mann, der mit einem Ledersack offenbar die Bank verlassen hatte, nachdem ein Schuss gefallen war.

„Ich fürchte, er hat die Bank überfallen. Hoffentlich hat es keinen Toten gegeben.“

Goldyn lachte ungläubig.

„Der Mann mit dem Ledersack war Mister Strode“, verriet er. „Den haben wir auch gesehen, aber der überfällt keine Bank. Das ist ein sehr umgänglicher Mann. Irren ist menschlich, Ranger. Das haben Sie ja am eigenen Leibe erfahren.“

Tom knirschte mit den Zähnen. Der Schmied hatte das Tempo auch nicht erfunden. Man konnte meinen, er steckte mit diesem Strode unter einer Decke.

Dem Ranger wurde es zu bunt. Er ließ die vier einfach stehen und rannte los. Falls Sam den Halunken gestellt hatte, wartete er jetzt auf seine Hilfe.

Als Tom die Häuser hinter sich ließ, sah er nichts außer Marshal Bouchey, der gemächlich nach Süden ritt. Dorthin, woher jetzt ein durchdringender Pfiff ertönte. Am Bahnhof setzte sich der Güterzug in Bewegung. Die Lokomotive stieß schwarzen Qualm in die Luft, der vom leichten Wind zerrissen und zu Tom herübergetragen wurde.

Tom war zu Fuß fast schneller als der Marshal mit seinem Pferd. Zur gleichen Zeit überwanden sie den flachen Hügel und entdeckten den zuckenden Leib, der sich in Schmerzen wand.

 

 

3

Sam, der Schwarztimber, hielt sich nach Möglichkeit von den menschlichen Behausungen fern. Dort gab es in der Regel wenig zu fressen, dafür aber eine Menge Ärger.

Seltsamerweise hatten die Menschen auch dann vor ihm Angst, wenn er sie nicht angriff. So waren sie nun mal. Für einen Wolf war es nicht leicht, sie immer zu begreifen. Selbst dann nicht, wenn man den Vorteil hatte, der Sohn eines Schäferhundes zu sein.

Der Halbwolf wartete auf Tom Cadburn, seinen Freund. Ihn verstand er. Sie glichen sich. Wild und unerbittlich waren sie beide. Reizen, durfte man sie nicht und angreifen schon gar nicht. Dann schlugen sie zurück.

Aber wenn man sie in Ruhe ließ, konnten sie auch friedfertig sein.

Im Moment war Sam ungewöhnlich friedfertig. Er hatte eine schöne Zeit hinter sich. Mehrere Tage und Nächte, die er mit seinem Freund verbracht hatte, ohne dass sie gezwungen waren, wild zu sein. Sam hoffte, dass dieser Zustand noch recht lange anhielt.

An ihm sollte es nicht liegen. Er hielt sich versteckt, damit ihn die Menschen nicht entdeckten. Mit dieser Taktik fuhr er für gewöhnlich gut. Wenn sein Freund ihn brauchte, würde er sich schon melden.

Sam schlich durch das hohe, harte Gras. Ein aufmerksamer Beobachter konnte erkennen, wie sich die Spitzen bewegten. Sam selbst blieb unsichtbar. Er streunte durch die Gegend und nahm eine köstliche Witterung auf. Das roch nach einem Hasen. Auf so einen fetten Leckerbissen verspürte er gerade Appetit, obwohl er eigentlich satt war.

Es war auch mehr der Jagdtrieb, der bei ihm durchbrach. Es war ein herrliches Vergnügen, die Beute aufzuspüren und bis zur Erschöpfung zu jagen. Den Lohn hatte er sich dann ehrlich verdient.

Über die Art des Vergnügens, die seine Beute bei dieser Jagd empfand, machte sich Sam keine Gedanken. Zu seinem Glück trug er weder den Stern eines Marshals, noch das Abzeichen eines Rangers. Er lebte nach den Gesetzen des Wolfes.

Geschmeidig bewegte er sich durch das Gras und stellte zufrieden fest, dass die Witterung stärker wurde. Er war auf der richtigen Spur.

Und dann sah er sein Opfer. Es kauerte ahnungslos am Fuße einer Akazie und nagte an einer Wurzel. Der Schwarztimber duckte sich. Sein Bauch berührte den warmen Boden. Gleich würde er springen.

Doch der Hase kam ihm zuvor. Er ließ die Wurzel fallen und machte einen hektischen Satz in das hohe Gras hinein.

Sam raste hinterher. Die Beute wollte er sich nicht entgehen lassen. Auf keinen Fall. Mochte kommen, was da wollte.

Die Verfolgungsjagd führte immer weiter von den Häusern weg. Der Hase war erstaunlich schnell und vor allem gewitzt. Immer wieder änderte er plötzlich die Richtung und ließ Sam übers Ziel hinausschießen.

Der Timberwolf stemmte dann jedes Mal seine Hinterläufe gegen den Boden, schrammte ein paar Grasnarben heraus, bevor auch er die neue Richtung verfolgte. Den erlittenen Zeitverlust versuchte er danach durch noch größere Schnelligkeit wettzumachen. Doch kaum hatte er seinen Rückstand aufgeholt, schlug das kleine Luder schon den nächsten Haken, und das Spiel begann von Neuem.

Sam hatte in seinem Leben bereits unzählige Hasen gejagt und eine erkleckliche Anzahl davon auch tatsächlich zur Strecke gebracht. Trotzdem war es ihm nicht möglich, sich in die Psyche dieses merkwürdigen Lebewesens hineinzuversetzen. Immer, wenn er fest überzeugt war, dass der Hase nach links ausbrechen würde, flitzte das Biest nach rechts. Stellte er sich auf rechts ein, entschied sich das Fellknäuel prompt für die entgegengesetzte Richtung.

Trotzdem holte Sam beständig auf. Eine seiner großen Stärken war die Ausdauer. Damit hatte er schon manche Jagd für sich entschieden. Nur noch zwei Wolfslängen, dann hatte er den Hasen. Schon der nächste gewaltige Satz konnte das Ende bedeuten.

Sam’ Rücken spannte sich. Er glich nun einem Bogen, dessen Sehne im nächsten Moment springen musste. Er verlagerte seine ganze Kraft in die Hinterläufe, um sich mit ihrer Hilfe wie ein Geschoss nach vorne zu katapultieren.

Jetzt stieß er sich ab, während die vorderen Krallen bereit wären, sich in den Nacken seines Opfers zu graben. Mitten im Sprung erschlaffte Sam und plumpste kraftlos auf den Boden. Der Hase entwischte ihm und raste davon. Der Timberwolf ließ ihn sausen. Er hatte das Interesse an dem kleinen Wicht verloren.

An seine scharfen Ohren war ein leiser Laut gedrungen. Ein Pfiff. Diesen Klang erkannte Sam unter Hunderten ähnlicher Töne. Seine Freund hatte ihn ausgestoßen.

Sam warf sich herum und trottete los. Schon bald erhöhte er sein Tempo und wurde immer schneller. Er wusste zu unterscheiden. Nicht jeder Pfiff seines Freundes war gleich. Manchmal hörte man Bedrohung heraus. Dann müsste sich Sam beeilen, um mit seinen Zähnen Hilfe zu bringen.

Hin und wieder handelte es sich lediglich um einen Lockruf. Dann wollte sein Freund wissen, wo sich Sam eigentlich herumtrieb.

Diesmal aber hatte der Schwarztimber mit dem Pfiff einen Befehl empfangen. Er sollte wachsam sein. Da kam etwas auf ihn zu, mit dem sein Freund nicht einverstanden war. Etwas Feindliches.

Sam knurrte grollend. Obwohl er noch nicht wusste, womit er es zu tun bekommen würde, stellte er sich schon instinktiv dagegen. Wenn er Glück hatte, handelte es sich um den frechen Hasen. Aber so viel Glück gab es wohl für einen Wolf nicht. Jedenfalls konnte sich Sam an keinen Fall erinnern, bei dem ihn sein Freund auf einen Hasen gehetzt hatte.

Seine Befürchtungen bestätigten sich. Da galoppierte ein Mann auf ihn zu. Er war in großer Eile, aber er nahm sich trotzdem Zeit, sich hin und wieder umzudrehen, um sich zu vergewissern, ob ihm jemand folgte.

Nein, es tauchte niemand auf. Nur ganz hinten bei den Häusern erschien nun ein weiterer Reiter, der Schlapp im Sattel hing. Sein menschlicher Freund war das auf keinen Fall.

Sam war sicher, dass der Pfiff diesem Mann in seiner Nähe gegolten hatte. Es würde nicht schwer sein, ihn zu stoppen.

Der Halbwolf warf sich Mann und Ross entgegen. Er brauchte nicht lange zu überlegen, wie er sich verhalten sollte. Das Beste war immer, den Mann von der Seite anzuspringen und aus dem Sattel zu werfen. Dann hielt man ihn mit den Fangzähnen an der Kehle so lange gepackt, bis der Freund kam, um die Sache in die Hand zu nehmen.

Meistens tötete er den Mann nicht. Es fiel Sam immer wieder schwer, das zu begreifen. Wozu jagte man erst ein Wild, wenn man es dann doch verschonte? Aber die Menschen waren ja in vielem unverständlich. Er brauchte nur an diese seltsamen Eisen zu denken, mit denen sie aufeinander heiße Brocken schleuderten.

Sam konnte ein Lied mit einigen Strophen davon heulen. Auch ihn hatte schon so manche Kugel erwischt. Zum Glück nie so schwer, dass er sich nicht mehr hätte retten können. Oft war auch sein Freund in der Nähe gewesen, der sich anschließend um seine Wunde gekümmert hatte.

Jetzt blieb sein Freund merkwürdigerweise unsichtbar. Aber der Kerl auf dem Pferd hielt so ein Ding in der Faust, mit dem Sam so unliebsame Bekanntschaft gemacht hatte.

Trotzdem zögerte Sam keine Sekunde. Unbeirrt hielt er auf den Mann zu, der ihn offenbar noch nicht entdeckt hatte.

Das Pferd reagierte schneller. Ihm kamen seine Nüstern zu Hilfe und der Wind, der ihm den Wolfsgeruch zutrug. Es wieherte vor Entsetzen und stellte sich so unerwartet auf die Hinterhand, dass der Mann dadurch völlig überrascht wurde. Er ruderte mit den Armen durch die Luft und bemühte sich, sich an der wehenden Mähne des verängstigten Hengstes festzukrallen. Das bereitete Schwierigkeiten, denn in beiden Fäusten hielt er schon etwas, das er nicht loslassen wollte. Das eine war ein Sack, das andere ein Schießeisen.

Sam setzte zum Sprung an. Er flog auf das Pferd zu.

Dessen Entsetzen wuchs nur noch mehr, zumal sein Reiter sich entschlossen hatte, ihm den Revolvergriff wütend zwischen die Augen zu knallen, um es wieder zur Vernunft zu bringen. Ganz klar, dass er mit dieser Misshandlung das Gegenteil erreichte.

Das Pferd fiel zwar auf die Vorderhufe, schlug dafür aber nach hinten aus. Sein Peiniger löste sich schreiend und fluchend, aus dem Sattel und stürzte über den Kopf des Tieres hinweg ins Gras.

Sam konnte im Sprung seine Richtung nicht mehr ändern. Er flog ins Leere und landete auf der anderen Seite des Pferdes, das inzwischen zusammengebrochen war.

Der Mann kümmerte sich nicht um das verletzte Tier. Sein Interesse galt nur dem Sack und dem Schießeisen. Beides hatte er während des Sturzes verloren. Der Colt war in Reichweite neben ihm gelandet. Den Sack hatte das Pferd unter sich begraben.

Sam wollte verhindern, dass der Mann den Colt aufnahm, doch er kam zu spät. Schon richtete sich der Lauf mit der tödlichen Mündung auf ihn.

Und dann krachte der Schuss.

 

 

4

Ein Pferd schnaubte leise. Andere antworteten. Eine wütende Stimme plärrte los: „Verdammte Satansbrut! Wollt ihr wohl das Maul halten? Soll man euch schon meilenweit hören?“

„Du bist auch nicht gerade leise, Wayde“, fand ein anderer. „Den Pferden kannst du nicht das Maul verbieten. Dir aber kann man es stopfen, wenn’s nötig ist.“

Wayde wirbelte herum. Seine Faust zuckte zur Halfter. Dorthin zuckte sie bei jedem noch so geringen Anlass.

Wayde war ein übler Bursche, dem nichts heilig war. Kein Pferd, aber auch nicht das Leben, eines Menschen. Er kannte nur eine einzige Ausnahme: sein eigenes Leben.

An dem hing er. Seit man ihm vor einigen Monaten den Strick um den Hals gelegt und sogar schon daran gezogen hatte, wusste er es besonders zu schätzen, dass er noch nicht tot war.

Damals hatte er schon sein letztes Stündchen schlagen hören. Doch dann wären Reed und die anderen wie ein Blizzard herangefegt gekommen und hatten die Lynchmeute auseinandergetrieben. Seitdem ritt er mit den Jungs, und er war überzeugt, dass es nun keiner mehr wagen würde, ihn noch einmal an seinem Hals aufzuhängen.

Okay! Das gab aber Louis, diesem bleichgesichtigen Stinker, noch lange nicht das Recht, ihm über den Mund zu fahren. Louis war nicht der Boss. Das sollte er besser nicht vergessen. Der Boss war Reed, ein eiskalter Typ, der nicht viel sprach. Bei ihm redeten die Augen. Und oft genug seine Schießeisen. Mit denen verstand Reed umzugehen, wie Wayde es noch bei keinem anderen erlebt hatte. Junge, Junge! Reed sich zum Gegner zu machen, war wohl das Törichtste, was man sich vorstellen konnte.

Ein hagerer Bursche mit struppigem Bart, den er ständig kratzte, schälte sich aus einer Decke.

„Wie lange wird es noch dauern, Boss?“, wollte er wissen.

Reed blickte nicht auf. Er widmete seine ganze Aufmerksamkeit dem Schloss seiner Winchester. Seine Waffen pflegte er noch gründlicher als sein Pferd. Reiten kann man zur Not mit jedem Ackergaul, war seine ständige Redensart. Zum Schießen genügte jeder verrostete Prügel. Aber wenn man treffen will, nicht nur zweimal bei fünf Schuss, sondern absolut immer, dann muss man sich auf seine Waffe verlassen können. Man muss sie besser kennen als sich selbst.

„Wenn du noch zwei Stunden schläfst, versäumst du nichts, Budd“, antwortete er monoton. Es klang, als zerrte der Wind an dürren Ästen.

„Und bist du auch ganz sicher, dass wir nicht umsonst hier herumhängen?“

Ein frostiger Blick traf ihn.

„Er kommt, Budd. Du wirst noch Augen machen.“

„Hoffentlich! Ich bin nämlich total abgewetzt. Wenn Elliot nicht zu dämlich zum Pokern wäre, könnte ich mir nicht mal mehr ’nen Schnaps leisten.“

Wayde, Louis und.Ryan lachten. Elliot fand die Behauptung nicht lustig. Er stampfte mit dem Fuß auf und schielte nach dem Messer an seinem Gürtel.

„Lass stecken, Elliot!“, warnte Budd. „Ich habe nichts dagegen, dir den letzten Dollar abzugewinnen. Aber ich lege keinen Wert darauf, dich zu beerben. Der Kerl, der mir mit seinem Messer ein Loch in den Bauch pikt, muss erst noch geboren werden. Du bist es bestimmt nicht.“ Reed unterband einen Protest

„Habt ihr nichts Besseres zu tun, als euch anzuöden? Haut euch aufs Ohr! Kann sein, dass ihr heute noch gehörig ran müsst, falls die Idioten die Helden spielen wollen. Ihr kennt meine Parole?“ Er sah einen nach dem anderen fragend an.

„Wir schießen nur, wenn’s nötig ist“, antworteten die Banditen im Chor, „aber wenn’s nötig ist, schießen wir.“

„Genauso ist es“, bestätigte der Boss. „Ich will jetzt keinen Ton mehr hören. Der Plan ist klar. Es wird nichts schiefgehen. Meine Informationen haben noch immer gestimmt. Es kann gar kein anderer sein. Natürlich werden sie ihn tarnen, damit niemand auf dumme Gedanken kommt.“

„Du bist aber auf dumme Gedanken gekommen, wie?“, meldete sich Ryan und feixte in sich hinein.

Reed lachte zufrieden.

„Und ob, du Schafskopf! Ich schätze aber, sogar dir werden diese dummen Gedanken in ein paar Stunden gefallen. Fünftausend für jeden. Das soll uns erst mal jemand nachmachen.“

„Oder, noch besser, er soll uns den Tipp geben, dann nehmen wir ihm diese lästige Arbeit ab“, schlug Louis vor.

Alle lachten, aber jeder wusste, dass sich ihnen eine solche Chance in absehbarer Zeit kein zweites Mal bieten würde. Deshalb waren sie entschlossen, diesmal ordentlich zuzuschlagen.

 

 

5

Sam hatte Glück. Der Bandit hatte den Schuss überhastet abgefeuert. Die Kugel zischte zwar durch das zerzauste Fell, hinterließ dort aber nur eine stinkende Brandspur. Die Haut kratzte sie nicht an. Der Mann warf sich zur Seite und entging seinerseits den Fängen des Wolfes. Er entdeckte den schwarzen Ledersack, der unter dem Leib des wimmernden Pferdes hervorschaute.

Wie von Sinnen sprang er auf und zerrte an dem Sack. Den Halbwolf hielt er sich mit einem Schuss auf Distanz. Sam musste sogar zurückweichen, aber er wusste, dass der Mann nicht ewig auf ihn schießen konnte. Danach wollte er ihn packen.

Jules Strode nahm den Sechsschüsser in die Linke und richtete ihn drohend auf den Schwarztimber. Mit der Rechten packte er den Sack, während er sich mit dem Stiefel gegen den Sattel stemmte. So schaffte er es, den Ledersack an sich zu bringen.

Er setzte Sam eine weitere Kugel genau vor die Schnauze. Dann hielt er es für geraten, seine Flucht fortzusetzen. Seinem Pferd, dessen Vorderbeine gebrochen waren, den Gnadenschuss zu geben, hielt er für eine verhängnisvolle Verschwendung seiner Munition. Die konnte er sich nicht erlauben, solange dieser verrückte Wolf ihn belauerte. Der Teufel mochte wissen, woher dieses Biest plötzlich gekommen war. Bei helllichtem Tage. Und ausgehungert sah die Bestie auch nicht aus. Jedenfalls hatte sie seine Pläne bedenklich durcheinandergeworfen. Ohne Pferd war er aufgeschmissen. Das einzige, was ihm blieb, war, sich zunächst irgendwo zu verstecken, bis er sich im Schutze der Nacht ein anderes Pferd besorgen und damit fliehen konnte.

Jules Strode besaß noch eine einzige Patrone in der Trommel. Wenn er den Wolf damit nicht tötete, würde er kaum zum Nachladen kommen. Dreimal hatte er ihn bereits verfehlt. Das Luder schien direkt aus der Hölle geschickt worden zu sein.

Warum beschäftigte es sich nicht lieber mit dem Pferd? Das war ohnehin nicht mehr zu retten. Da hatte es genug zu fressen.

Aber Sam interessierte sich nicht für das schnaufende Tier. Platt ins Gras gedrückt, belauerte er den Mann. Er wusste nicht, wie oft dieser noch schießen konnte. Doch sobald sich eine Möglichkeit bot, würde er springen.

Jules Strode wurde allmählich ruhiger. Er begriff, dass er anscheinend gar nicht verfolgt wurde. Den blonden Burschen, der ihn auf der Mainstreet hatte stoppen wollen, hatte wohl die Courage verlassen. Was ging es den auch an, was in der Bank von Alice geschehen war? Er war nur ein Fremder. Vor Marshal Bouchey brauchte er sich nicht zu fürchten. Bevor der seinen phlegmatischen Hintern in den Sattel verfrachtete, hatte er sich über die Grenze abgesetzt, falls das überhaupt nötig war.

Er brauchte sich also nur vor dem Wolf in Acht zu nehmen, und der hielt sich jetzt auch merklich zurück. Die Kugeln hatten ihn wohl eingeschüchtert.

Jules Strode ließ keinen Blick von dem Schwarztimber. Er wich rückwärts zurück. Erst langsam. Dann immer entschlossener. Den Sack ließ er nicht los. Seinetwegen hatte er eine Menge riskiert. Den gab er nicht wieder her. Jedenfalls nicht seinen Inhalt.

Noch ein Schuss.

Jules Strode ließ den Arm sinken, aber er richtete den Lauf neben seinem Oberschenkel auf das zottige Tier mit den gefährlich funkelnden Lichtern. Er musste treffen. Das Blei musste diesen verfluchten Wolfsschädel zum Explodieren bringen. Früher oder später würden hier ein paar Neugierige auftauchen. Bis dahin musste er sich versteckt haben.

Der Bandit hielt sekundenlang den Atem an. Er sah nur die beiden glimmenden Punkte in einer Entfernung von höchstens fünf Yards vor sich. Auf sie zielte er, bevor er abdrückte.

Er sah noch, wie sich die Bestie aufbäumte und überschlug. Triumphierend stieß er seinen Colt in die Halfter zurück und rannte los. Dabei presste er den Ledersack gegen seine Brust. Er hetzte davon, bis ihm die Zunge aus dem Hals hing.

Er hatte eine Idee. Unten an der Bahnstrecke gab es die besten Gelegenheiten, sich zu verbergen. Dort standen massenweise Kisten und Tonnen herum. Holz war aufgestapelt. In unaufgeräumten Schuppen konnten sie lange nach ihm suchen. Außerdem standen auf dem Abstellgleis meistens ein paar Waggons, die irgendwann beladen wurden oder darauf warteten, dass fleißige Hände sie von ihrer Last befreiten.

Die Sorge wich von ihm. Er drehte sich nicht mehr um. Er war sicher, den Wolf endlich erledigt zu haben. Da täuschte er sich, und dieser Irrtum sollte ihn noch teuer zu stehen kommen. Was er für ein Aufbäumen im Todeskampf gehalten hatte, war in Wirklichkeit nur eine Ausweichbewegung von Sam gewesen, der sich rechtzeitig zur Seite geworfen hatte.

Allerdings war der Schwarztimber nun noch vorsichtiger. Er hatte das heiße Blei gerochen. Ein ekelhafter Geruch. Noch ekelhafter aber war es, wenn das Metall durch den Körper stieß. Das wollte er vermeiden. Der Mann entging ihm ohnehin nicht, solange er kein Pferd besaß. Sam schlich also geduldig hinterher. Er war seiner Sache ganz sicher. Auch dann noch, als Jules Strode den kleinen Bahnhof erreichte und sich in einem unbeobachteten Augenblick in einen der Waggons schwang, der mit staubigen Säcken beladen war.

Sam beeilte sich. Diese riesigen Kästen kannte er. Er wusste, dass sie meistens nicht nur an einer Seite eine Öffnung besaßen. Man konnte sie auf der anderen Seite heimlich wieder verlassen.

Was aber noch besorgniserregender war, war der Umstand, dass die Kästen unversehens zu rollen anfangen konnten. Sie entwickelten dann ein enormes Tempo und hörten überhaupt nicht mehr damit auf. Darin waren sie noch ausdauernder als ein Wolf. Das musste er verhindern.

Jules Strode hatte nicht die Absicht, mit seinem Waggon auf Reisen zu gehen. Er dachte auch nicht daran, auf der anderen Seite wieder hinauszuspringen. Das wäre auch gar nicht möglich gewesen, denn die zweite Schiebetür war geschlossen und von außen verriegelt. Er war froh, ein so ideales Versteck gefunden zu haben. In den Säcken befand sich vermutlich Saatgut. Dahinter könnte man sogar seelenruhig schlafen, bis es dunkel wurde.

Doch plötzlich durchfuhr ihn ein eisiger Schreck. Seine Zuversicht schrumpfte zusammen.

Für einen flüchtigen Augenblick hatte ein dunkler Schatten die Waggonöffnung verdunkelt. Dann schlitterte etwas über den hölzernen Boden und schrammte mit schärfen Krallen darauf entlang. Ein dumpfer Laut zeigte an, dass der Schatten gegen einen der Säcke geprallt war.

Der Wolf! Er war nicht tot. Im Gegenteil!

Nach seinen kraftvollen Bewegungen zu urteilen, fehlte ihm nicht das Geringste.

Jules Strode duckte sich hinter seinem Sack. Ihm war aber klar, dass ein Wolf nicht auf seine Augen angewiesen war. Diese Scheusale verfügten über einen enormen Geruchssinn, den nichts täuschen konnte.

Er musste hier raus.

Aber wie?

Der Bandit verschwendete keinen Gedanken an den Mann im Bankgebäude, den er getötet hatte. Er dachte nur an sich.

Obwohl der Geruch des Getreides den Waggon füllte, glaubte er sich mit einem Rudel reißender Wölfe zusammengepfercht. Er bekam diesen strengen Dunst nicht mehr aus der Nase. Er drohte, ihn zu lähmen.

Er musste den Revolver laden. Wieso hatte er das nicht schon längst getan?

Er zog den Sechsschüsser aus der Halfter und tastete nach der ersten Patrone. Als er die Tremmel herausschwenkte, konnte er das metallische Klicken nicht vermeiden. Die Antwort war drohendes Knurren. Vor Schreck ließ er die Waffe fallen. Seine Hände zitterten, dabei brachte ihn sonst nicht so leicht etwas aus der Ruhe. Er versuchte es erneut. Doch da schlich Sam um die Säcke herum. Grüne Augen funkelten im Halbdunkel. Das Tier duckte sich. Gleich würde es springen.

Jules Strode konnte an dem Schwarztimber nicht vorbei. Aber er sah eine andere Möglichkeit. Wenn er über die Säcke kletterte, würde er den Ausgang erreichen. Wenn er das schnell genug tat, gelang es ihm, den Wolf in den Waggon einzusperren. Wenn dann die Arbeiter kamen, um das Saatgut herauszuholen, würde sie das gereizte Tier natürlich anfallend. Aber das sollte ihm egal sein.

Diese Idee fand der Bandit großartig. Deshalb beeilte er sich, sie schleunigst in die Tat umzusetzen. Eine Hand wenigstens brauchte er zum Klettern. Da er den Sack mit dem Geld keinesfalls zurückließ, schob er den Colt in das Halfter. Dass er ihn danebengestoßen hatte, merkte er erst, als die schwere Waffe auf den Boden polterte.

Details

Seiten
125
Jahr
2021
ISBN (eBook)
9783738950618
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (Februar)
Schlagworte
texas wolf gold mexiko

Autor

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Titel: Texas Wolf #48: Gold für Mexiko